Die Knochenkirche von Kutna Hora

Kategorien Europa, Tschechien

Um sechs klingelt mein Wecker und damit gehe ich meinen Mitmenschen, diesmal jedoch gerechtfertigt, wieder einmal auf den Geist. Geduscht habe ich schon am Vorabend und am Frühstücksbuffet, das regulär erst ab acht geöffnet hat, kann ich noch ein wenig Kornflakes und etwas gestriger Milch abgreifen. 

Die Zugfahrt dauert circa eine Stunde. Und weit gefehlt, wer glaubt, zu dieser frühen Uhrzeit anderen Touristen entgehen zu können; die drei lächelnden Asiatinnen in meinem Abteils belehren mich eines Besseren.

Die Züge in Prag sehen wie die in Warschau aus und auch die Landschaft, die Häuser, die kleinen Orte, stellen für mich nichts unbekanntes dar. So mache ich während der Fahrt kurz die Augen zu.

Als wir in Kutna Hora aussteigen, habe ich ein ziemlich starkes Deja vu, denn auch der kleine Bahnhof und die Gegend erinnern mich stark an meine Heimatstadt Blonie. Die asiatischen Touristen sehen dies natürlich anders; alles ist fremd und wird fotografiert. Vermutlich würde ich in China und Japan ebenso die Züge und die Bahnanlagen knispen, insofern wundere ich mich nicht.

Die Knochenkirche befindet sich circa zwei Kilometer von der Bahnhofsstation entfernt, lässt sich also sehr gut zu Fuß erreichen. Da muss ich wieder an eine Online-Bewertung denken, in der sich eine Dame beschwerte, wie problematisch es doch sei, hier mit den Busfahrplänen zurecht zu kommen. Nun, wer für die kurze Strecke tatsächlich einen Bus braucht…

An der Panny Mari Kirche sind Verkaufsstände aufgebaut, die ich zunächst für einen kleinen Markt halte. Doch hierbei handelt es sich um eine größere Kirmes, wie mich die Fahrgeschäfte ein Stück weiter belehren. Die Händler sind gerade dabei, alles aufzubauen und ihre Ware auszulegen, und hier bekomme ich endlich die Oster-Weidenrute für meine Freundin. Und sie hatte Recht: jeder zweite Stand verkauft nun so ein Ding, es gibt sie in verschiedenen Größen und Farben. Vielleicht war es gestern tatsächlich noch zu früh dafür gewesen.

„Polnisch oder ukrainisch?“ – Fragt mich der Verkäufer, als er merkt, dass ich mit seinen Smalltalk-Versuchen nicht wirklich etwas anfangen kann.

Dass sich in Tschechien, wie so oft gehört, die Menschen über ein paar Brocken ihrer Landessprache freuen, kann ich im Übrigen so nicht bestätigen. Im Gegenteil: meine Versuche, auf tschechisch zu grüßen, führen oft zu Irritationen, wenn die Leute merken, dass zum weiteren Verlauf der Konversation nicht mehr viel beitragen kann. Sobald der Händler also merkt, dass ich seiner Sprache nicht mächtig bin, verliert er sofort das Interesse.

Jedoch ist Prag auch ein sehr multikulturelles Pflaster und die Tschechen machen es einem einfach, sich zu verständigen. Ich habe bisher keinen einzigen Tschechen in Prag getroffen, der in den Touristenbezirken arbeitet und nicht mindestens drei oder vier Sprachen spricht. Meistens kann man zwischen englisch, deutsch oder polnisch frei wählen; wenn sie wollen, dann haben sie auch noch russisch auf Lager. „Englisch? Deutsch? Polski?“ Fragt mich neulich eine Verkäuferin. „Ich muss nur wissen, wie ich sprechen soll…“

 

Die Knochenkirche

Die Knochenkirche, eigentlich ein Beinhaus, ist von einem kleinen Friedhof umgeben. Der Eintritt beträgt umgerechnet etwa drei Euro und in dem Souvenirshop am Eingang kann der Zahlungswillige Postkarten, Schlüsselanhänger und für Interessierte zum Preis von siebenhundert Kronen sogar echte Menschenschädel erstehen.

Im Inneren der Kirche habe ich diesmal nicht dieses verstörende Gefühl wie damals im Beinhaus von Oppenheim. Nicht, dass es hier weniger Knochen gegeben hätte, ganz im Gegenteil; rund vierzig Tausend menschliche Skelette lagern hier insgesamt, doch diese wurden nicht einfach zu einem großen Haufen gestapelt. Zehntausend davon wurden zur sakralen Kunst: zu Kelchen, Kronleuchtern und Wappen arrangiert. Begonnen hat alles im 15 Jahrhundert, als der Friedhof in Sedletz, in dem über Jahrhunderte in Folge von Kriegen und Pest-Epidemien aus weitem Umkreis Menschen bestattet wurden, schließlich eine Ausdehnung von 3,5 Hektar erreichte. Als auf dem Gelände das Kirchengebäude errichtet wurde, begann man damit, den Friedhof zu verkleinern und die Gebeine in den Kirchenkeller einzulagern. Ein Mönch kam schließlich auf die Idee, die Gebeine zur kunstvollen Innenausstattung zu verarbeiten.

Ich bin am Schwanken, ob ich es gut oder nicht gut finden soll und versuche mir vorzustellen, dass es meine Knochen sind, die hier so freundlich von der Decke grinsen. Ich denke, ich hätte nichts dagegen, so toll arrangiert zu werden.

An den Gesichtern anderer Besucher sehe ich, dass sie sich eventuell zu viel zugemutet haben. Eine junge asiatische Touristin hat diesen verstörten Blick aus weit aufgerissenen Mandelaugen. Immer mal wieder ertönt Alarm: immer dann, wenn Menschen mit den Händen statt mit den Augen schauen wollen.

Anschließend besuche ich die Kirche der Maria Panna – und platze mitten in eine Messe hinein. Eine freundliche Kirchenangestellte bietet mir an, drinnen zu warten – doch herumlaufen während der Messe ist nicht. So stehe ich da und beobachte den Ablauf des Gottesdienstes, der sich, abgesehen von der Sprache , so in gar nichts von all den katholischen Gottesdiensten unterscheidet, an denen ich in meiner Kindheit in Polen so oft teilgenommen habe. Der gleiche Tenor, der gleiche Sprechgesang.

„Friede sei mit euch.“
„Und mit deinem Geiste.“
„Überbringt euch das Zeichen des Friedens.“

Das ist der Moment, in dem alle aufstehen und sich gegenseitig die Hände schütteln. Anschließend kommt Bewegung in die Menge. Die Gläubigen stehen auf und postieren sich in zwei Reihen vor dem Altar. Das ist das allerheiligste Sakrament der Heiligen Kommunion. Der Priester übergibt den Menschen die Kommunion, den Leib Christi, auf das alle Sünden vergeben und vergessen und sie ins Himmelreich kommen mögen. In der Praxis bekommt jeder eine runde Oblate auf die Zunge gelegt, die mit einem Schluck Wein hinunter gespült wird. Zumindest ist es der Idee nach so; bei uns in Polen hat der Pfarrer den Wein jedes Mal alleine ausgesoffen.

Es ist ein kalter und windiger Tag. Während ich auf den sich verspätenden Zug warte, bin ich so durchgefroren, dass ich mich auch im Zugabteil nicht aufwärmen kann.

In Prag angekommen habe ich große Lust, zurück ins Hostel zu laufen und mich ins warme Bett zu legen. Doch das tue ich nicht – statt dessen schlendere ich in der Altstadt umher, um endlich mal das Sex Machines Museum zu besuchen. Welches zum Glück vormittags um elf (ja, es ging alles relativ schnell in Kutna Hora) noch nicht überfüllt ist.

Die Unterführung am Bahnhof von Kutna Hora

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