Die al-Qarawiyyin Universität
September 2025

In der Medina von Fes befindet sich die älteste Universität der Welt, die University of al-Qarawiyyin. Mit nicht wenigem Stolz erzählt uns Mohammed, dass diese 857 von einer Frau, Fatima al-Fihri, gegründet. Sie war eines der wichtigsten Bildungseinrichtungen des Landes und ist heute noch in Betrieb. Gelehrt werden Religions- und Rechtswissenschaften; auch Kurse für nichtislamische Fächer werden angeboten. Die Studierenden kommen aus Marokko und vorwiegend dem nordafrikanischen Ausland. Seit 1940 sind auch Frauen zum Studium zugelassen. Die Universität beinhaltet eine Moschee. Sie ist UNESCO-Welterbe und steht im Guinnessbuch der Rekorde als die am längsten durchgehend betriebene Uni der Welt. Hier dürfen wir nicht hinein, lediglich ein Blick durch die geöffnete, massive Holztür am Wächter vorbei in den mit Stuckarbeiten besetzten Innenhof ist möglich.
Medersa Bou Inania

Hierbei handelt es sich um eine theologische Hochschule, die als Teil der Altstadt von Fes zum UNESCO Welterbe gehört. Sie wurde Mitte des 14 Jahrhundert erbaut und dient als Hochschule wie auch als Moschee. Das Innere ist begehbar und gegen eine Eintrittsgebühr dürfen wir uns die Räume der oberen Etage ansehen, die den Schülern als Unterrichtsräume dienen. Über eine hölzerne, knarrende Treppe geht es nach oben. Entlang des Innenhofs erstreckt sich zu drei Seiten die zweistöckige Galerie. Das Ganze ist mit glasierten Mosaikkacheln verziert, mit Stuckflächen und Holzschnitzereien. Hölzerne Gitter bilden einen Sichtschutz zum Innenhof hin. Hier oben befinden sich auch Studentenzimmer, in denen die Schüler für die Zeit des Studiums wohnten. Die Unterkünfte der Schüler muten im Vergleich zum auffälligen Dekor des Innenhofes bescheiden an, was damit zu tun hatte, dass die Schule und somit der Innenhof auch öffentlichen und zeremoniellen Zwecken diente.
Wir drücken unserem Guide mein Smartphone in die Hand. Hier gehört ein Foto von uns beiden, selbstverständlich mit der Kogge auf blauweißem Grund. Wenn Narren Narrheiten treiben. Unsere Narrheit beschenkt uns einmal mehr mit wohlwollenden Lachern und neugierigen Lächeln der umstehenden Besucher. Das verschossene Pärchen mit der Hansa-Fahne.
Auch hier ist alles voller Mosaiken. Die Mosaiken, deren Herstellung wir heute morgen bestaunen durften, zieht sich durch die ganze Stadt. Durch die ganze Medina. Verleiht ihr besonderen Flair. Eigentlich ist die gesamte Altstadt von Fes ein Kunstwerk für sich. Und im Rückblick betrachtet wird es die Stadt bleiben, die mich am meisten beeindruckt haben wird. Schwere, holzgeschnitzte Türen. Verzierte Wände. Oh man, ich weiß nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Es gibt so viel, die Augen machen Spagat.

Eine spannende Vorrichtung zeigt uns Mohammed noch, bevor es in die Mittagspause geht. Es ist ein kleiner, aus Holz bestehender Anbau, der einfach an die Mauer angebracht ist. In diesem Anbau sind Schlitze und Löcher zu sehen. Da in früheren Zeiten die Privatsphäre den Menschen äußerst wichtig war und vor allem Frauen nicht gesehen werden wollten, gingen sie nicht einfach an die Tür, nein; wenn jemand klopfte, diente dieser eigenartige „Balkon“ dazu, sich ungesehen zu vergewissern, wer denn da Einlass begehrt.
Pastilla
Die Mittagspause. „Ihr müsst das probieren.“ Sagt der Guide. „Das“ nennt sich Pastilla, ein seltsames, rundes, süß-deftiges Gebäck, gefüllt mit einer Mischung aus Fleisch, Mandeln und vielen Gewürzen. Pastilla ist eine regionale Spezialität, die aus der Gegend um Fes stammte. Früher wurde das Gericht mit Taubenfleisch zubereitet, doch heute können wir „lediglich“ zwischen Hähnchen, Lamm und Ziegenfleisch wählen.
Über den Koch weiß unser Guide zu erzählen, dass dieser lange Zeit für das marokkanische Königshaus gekocht hatte. Dies mag stimmen oder auch nicht, schließlich haben die Orientalen einen Hang zu bunten Geschichten – ein iranischer Taxifahrer hatte mal steif und fest behauptet, er sei ein früheres Mitglied des Geheimdienstes gewesen – doch das Essen schmeckt vorzüglich. Schon die reiche Auswahl an Vorspeisen ist dazu angetan, uns zu sättigen, denn das Frühstück ist gefühlt noch nicht allzu lange her. Und so passiert, was noch öfter passieren wird: mein Essen landet auf meines Freundes Teller. „Error.“ Sagt der nach einer Weile schnaufend. Marokko hat uns kulinarisch geschafft. Wer das Gericht mal nachkochen möchte, möge doch bei Fernwehküche schauen, hier findest du auf Reisen gesammelte Rezepte aus aller Welt.
Aloe-Seide
Nach dem Essen – wir rollen fröhlich vor uns hin und die Taube auf dem Dach darf weiterhin leben und Taube sein – rollen wir fröhlich gesättigt vor uns hin. Wir vertiefen uns wieder in die unendlichen, dunklen Gänge der Souks, wo kaum noch das Licht des Tages hingelangt. Hier könnte man sich wahrlich verlaufen, wenn – siehe da! – die moderne Technik in Form von Maps nicht wäre. Mohammed lotst uns in ein Seidengeschäft, wo prominent ein großer Webstuhl vor uns aufgebaut ist. Auf einer Bank nehmen wir Platz und sehen zu, wie aus den harten Fäden der Aloepflanzen Schritt für Schritt das seidig glänzende Gewebe entsteht. Daraus fertigt man Tücher und Kleidung, und diese leuchtet in verschiedensten Regenbogenfarben. Der Betreiber erklärt uns die einzelnen Schritte, lässt uns die Stoffe fühlen. Und ich fühle, dass das hier auf den Kauf eines Tuches oder Schals hinauslaufen würde. Erst recht, als uns der Verkäufer große Seidentücher um die Köpfe wickelt und andeutet, dass auch die Preise für diese Handarbeit sehr zugänglich wären. Mag ja alles sein, alles schön und gut. Doch für längere Preisverhandlungen habe ich keine Muße (als Frau bin ich natürlich die priorisierte Zielgruppe der umschmeichelnden Bemühungen). Toll sehen die Tücher aus und sind qualitativ erste Sahne. Ich bin überfordert. Im Grunde brauche ich kein Tuch. Mit unserer Kopfbedeckung fühlen wir uns wie aus Tausendundeiner Nacht, machen Bilder und verabschieden uns artig. Der Verkäufer guckt traurig. „Nächstes Mal klappt es.“ Sagt der Guide zu ihm, freilich auf arabisch, doch Kontext kann ich. Vor allem, als dieser dann hoffnungsvoll antwortet: Inshallah.
Die Chouara-Gerberei

Nach der Seide geht es ans Leder. Nicht uns – das bleibt zumindest zu hoffen – sondern diversen Viechern, die das Pech hatten, an diesen übel riechenden Ort zu landen: der Chouara Gerberei von Fes. „Die Chouara-Gerberei in der Medina von Fès el-Bali, Marokko, gehört, trotz des von ihr ausgehenden Gestanks, zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt.“ Danke, Wikipedia – auf den Gestank versuchen uns bereits die Betreiber selbst einzustimmen, indem sie uns jeweils einen Zweig frischer Minze in die Hände drücken. Minze? Pah. Die brauche ich nicht, denke ich mir, während wir eine Treppenstufe nach der anderen erklimmen, vorbei an bereits fertigen Erzeugnissen aus gegerbtem Leder. Taschen, Mäntel, Jacken… ein Geruch nach Verwesung breitet sich aus. Der kann mir nix, denke ich mir – schließlich schnuppert unsereiner fast jede Woche an irgendwas Totem herum, wir sind ganz hart im Nehmen, und der Magen kann uns nicht… O-oh. Der Magen. Dreht sich leicht um. Da ich mich immer noch weigere, an der verfluchten Minze zu schnuppern, heißt es wohl: Augen (Nase…) zu und durch, einfach durch den Mund atmen. Es wird schlimmer und schlimmer, bis es… besser wird. Wir kommen oben an und finden uns auf einer Aussichtsterrasse wieder. Hier stelle ich fest, dass es die Minze gar nicht gebraucht hätte. So übel war das nicht. Das Gehirn stellt sich langsam auf den Odeur des Todes ein.
Der Blick fällt nach unten, auf unzählige Becken, die sich aneinander reihen. Weiße Becken mit Kalk, rötliche mit Färbemittel. Häute hängen aufgespannt auf Wäscheleinen zum Trocken in der Sonne. Der Gestank muss für die Anwohner überwältigend – oder kaum noch wahrnehmbar sein. In den mittleren Etagen werden Schaf- und Ziegenhäute von Fell befreit. „Schaut euch ruhig um.“ Sagt der Mann, der uns unten die Minzzweige in die Hand gedrückt hatte. „Macht so viele Bilder wie ihr wollt. Danach erzähle ich euch Details.“ Der Mann spricht gutes Deutsch, was mich einerseits überrascht, dann aber wieder nicht. Das Land ist bekannt dafür, dass hier „jeder dritte die deutsche Sprache zumindest versteht“, wie mich Rene mal aufklärte. Und die Menschen geben sich die Mühe, es dem Besucher so leicht zu machen wie möglich. Wenn man also die deutsche Sprache beherrscht, warum dies auch nicht zum Besten geben.
Das Gerben von Häuten hat Tradition in Fes. Es gibt die Gerberei schon, solange es die Stadt gibt, also etwa seit dem 9 Jahrhundert. Ein Bedarf an Schuhen und Kleidung aus Leder war schon immer vorhanden. Auch in anderen marokkanischen Städten haben sich Gerbereien angesiedelt, doch die in Fes ist eine der größten und bekanntesten.
Der heutige Tag geht zuneige. Unser Guide verabschiedet sich und Ibrahim, der Fahrer, bringt uns zurück zu unserem Riad. Dort heißt es: duschen. Nicht, dass es sinnvoll wäre, denn kaum vor der Tür, übergießt uns der Schweiß erneut – aber die Kühle unserer privaten Räumlichkeiten tut unglaublich gut. Nach Anbruch der Dunkelheit wagen wir uns wieder hinaus. Heute spielt Hansa und da wollen wir natürlich gebührend mitfeiern – egal wie das Ergebnis letztendlich ausgeht. Also ab durch die Gassen, durch die nächtliche Medina, die ständigen Rufe („ihr seid falsch“ „da gehts lang“) ignorierend, bis wir uns erneut in unserer Lieblings-Rotlichtbar einfinden. Prost, auf die Kogge.

Ah, jetzt sehe ich den Vorteil darin, dass euer Guide euch an diesem Tag dezent zum Weitergehen getrieben hat. Er hatte ja wirklich noch Beeindruckendes auf Lager! Besonders die Uni finde ich total beeindruckend. Und gelernt habt ihr an diesem Tag auch eine Menge 😁. Die abendliche Entspannung mit Hansa hattet ihr euch redlich verdient 👍.
Und genau das war das „pralle Programm“ 😉 War schon gut, dass wir ihn hatten, sonst wären wir wahrscheinlich an den interessanten Dingen vorbei geschlendert und hätten uns gedacht, oha, nettes Gebäude 🙂 Ich weiß gar nicht mehr, wie Hansa an dem Abend gespielt hat, aber gewonnen haben sie nicht, das hätte ich im Gedächtnis behalten 😉
Der Gestank von einer Gerberei muss echt übel sein – das würde heute wohl jeder Bauantrag in Deutschland abgelehnt werden, wenn man so eine Tierhautverwandlungsfabrik in einer Innenstadt gründen wollen würde. Was mir bei den Bildern aber auffällt – an all dem früheren – wahrscheinlich epochalem Glanz – nagt schon ganz deutlich der Zahn des Verfalls. Abgesplitterte Farben, Mosaike bei denen Stücke fehlen, unverputzte Mauerrisse, Holz, welches schon Morsch aussieht und nicht sehr vertrauendserweckend aussieht, falls man vorhat sich dort drauf zu stellen.
Der Grat zwischen malerischem antikem Gebäude und Bauruine ist dort teilweise kurz vor Überschreitung.
Trotzdem noch viel Spaß in Staubistan – möge euch das Bier niemals ausgehen…;-)
LG
P.
*Möge das Bier mit euch sein*, das gefällt mir.
Der leichte Verfall ist mir gar nicht so sehr aufgefallen, das ist in den meisten Altstädten wohn mehr oder weniger der Fall. Wenn man überlegt, dass das Ganze Jahrhunderte alt ist und hin und wieder mal restauriert wurde, sah es noch okay aus. Casablanca fand ich arg vernachlässigt. Staubistan macht seinem Namen (noch) alle Ehre, aber in den Bergen wird es später auch regnen 😉
Ja, schön bauen können sie, die Araber. Das sieht man sogar in Andalusien, aber die Originale in Marokko sind natürlich sehr beeindruckend. Die Gerberei hat uns auch sehr beeindruckt mit ihrem speziellen Duft und diesen Farben.
Fes ist an sich eine in meinen Augen besonders schöne Stadt. Die Gerberei von oben zu sehen war schon toll, der Geruch natürlich speziell. Die Stadt hat viel zu bieten.