Islamic Art Museum

Islamic Art Museum

Doha, Katar
7 September 2017

Wieder im Hotel machen wir ein Schläfchen. In Anbetracht der Tatsache, dass wir die folgende Nacht im Flugzeug verbringen werden, stellt sich das auch als vernünftig heraus.

Am späten Nachmittag dann, als die Sonne hoffentlich einen Teil ihrer Kraft eingebüßt hatte, besuchen wir das Museum für islamische Kunst, welches auf einer künstlich aufgeschütteten Insel errichtet wurde und auf 260 000 Quadratmetern Kunstwerke der gesamten arabischen Welt beherbergt. Und zudem auch selbst architektonisch einem Kunstwerk gleicht. Vom Hotel aus sind es laut dem Portier 15 Minuten zu Fuß. Und diese will Stefan allen ernstes zu Fuß laufen, flucht jedoch bereits nach den ersten Metern. Die Sonne hat nichts von ihrer Kraft eingebüßt und zusammen mit der feuchten Luft ergibt das einen ermüdenden Mix. Wir verstecken uns im Schatten einer Spalte zwischen zwei hoch aufragenden Hochhäusern und laufen hier eine Abkürzung über Glasscherben und Reste vom Bauschutt; eine Abkürzung, die offensichtlich nicht für den Fußgänger gedacht ist (ist uns aber Banane…). Hier machen wir ein kurzes Verschnaufpäuschen.

Die Stadt ist nicht auf Fußgänger ausgelegt; bequeme Fußgängerwege sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auch die vielen Ampeln stehen wohl nur pro forma da, denn obwohl wir brav unser Knöpfchen drücken und die Ampeln an der Kreuzung mehrmals ihre Phasen durchlaufen, wird es für uns einfach nicht grün. Brav sehen wir zu, wie die Autos stehen bleiben, wieder losfahren, stehen bleiben und wieder losfahren. Eine Ampel weiter steht eine Gruppe Touristen, sofort erkennbar an den kurzen Shorts der anwesenden Damen (hier an dieser Stelle werde ich in Anlehnung an das Gesehene eine Beitrag über den Respekt verfassen – Respekt vor anderen Ländern und deren Kultur…). Ein asiatischer Tourist stellt sich zu uns an die Ampel. Nachdem die Touristengruppe an der Nachbarampel längst weg ist und in mir die Erkenntnis reift, dass das hier eine Endlosschleife zu werden droht, läuft Stefan los. Ich hinterher – immer die Befürchtung im Hinterkopf, dass schlussendlich die Handschellen klicken werden (schließlich sind wir unverheiratet ins Land eingereist, was denken wir uns dabei?). Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass der asiatische Tourist uns folgt.

Das Islamic Art Museum liegt nahe des Alten Hafens. Heute Mittag konnte ich es von dort aus bewundern, die Würfelform, die dennoch filigran wirkt. Der Bau ist mehreren gedreht aufeinander gestapelten Würfeln nachempfunden. Als wir dort ankommen, steht die Sonne schräg, rauchig grau am perlmutt-rosa-farbenen Himmel. Vor uns liegt die Skyline der Stadt. Vor dem Museum selbst kreisen türkisblaue Taxis umher, immer auf der Suche nach neuen Kunden, die abgeholt werden wollen.

Ich laufe vor bis zur niedrigen Mauer, die eine Begrenzung des Geländes zur Bucht und zum Hafen darstellt. Rauchig grau ragen die Wolkenkratzer Dohas in den Himmel und die schwüle, heiße Brise, die der Wind heran trägt, kriecht überallhin: Unter meine Kleider, in mein Haar. Längst habe ich gelernt, die schwerfällige Hitze zu genießen, die ja doch etwas Exotisches an sich hat, die mir zeigt, dass ich hier ganz weit weg bin von Zuhause, in einer anderen Ecke der Welt, in einem Land, das ich bisher nur vom Hörensagen kenne. Ich möchte ein Foto an der Skyline, doch Stefan will die anstrengende Lauferei so schnell wie möglich hinter sich bringen und in den kühlen Räumen des Museums verschwinden, ist also bereits die breite, lange Treppe hinaufgelaufen. In meiner Not bitte ich einen Taxifahrer um ein Foto – und bin wiederum überrascht, wie bereitwillig die Männer hier eine einsame Frau zu unterstützen bereit sind.

Doch Stefan ist noch nicht weg; am Fuße der Treppe im Schatten der Palmen wartet er auf mich. Gemeinsam steigen wir die breite, lange Treppe nach oben.

Der Aufenthalt in Doha stellt einen immer wieder vor einen Temperaturshock, denn auch hier, im Innern des Museums, ist es auf angenehme… na sagen wir, zwanzig Grad temperiert. Mich fröstelt’s.

Ein Mann und eine Frau, beide Kataris und in traditionelle Kleidung gehüllt, sitzen am Kartenschalter. Sie lächeln freundlich und sprechen uns sogleich auf englisch an (was denn sonst? Wir sind eben Touris auf den ersten Blick…). Die Mitarbeiterin erklärt mir den Aufbau des Museums und welche Ausstellungen in welchem Bereich zu finden sind. Der Mann spricht Stefan an. Jetzt dämmert mir so langsam, warum sie zu zweit da sitzen.

Denn es ist so in Katar: Wenn Du als Frau mit Deinem Freund/Mann unterwegs bist, wird Dich kein anderer Mann direkt ansprechen. Man(n) wendet sich dann an Deinen anwesenden, männlichen Begleiter. Es ist unangebracht, eine Frau direkt anzusprechen, wenn ein Begleiter anwesend ist.

Direkt aufgefallen ist mir das bereits am Flughafen, als mich Stefan dazuholte, um einige Dinge auf englisch klären zu lassen. Auch im Hotel sprach der Portier mit ihm „von Mann zu Mann“: Ich stellte zwar die Fragen, doch zu Stefans Leidwesen wandte sich der Portier mit der Antwort direkt an ihn. Ich grinste in mich hinein, denn ich wusste bereits im Vorfeld um diese Gepflogenheit. Es ist in der islamischen Kultur unangebracht, als Mann eine Frau direkt anzusprechen. Was bei uns als unhöflich gewertet würde, ist hier reine Rücksichtsnahme; so fragt beispielsweise ein Mann niemals einen anderen: „Wie gehts deiner Frau?“, sondern: „Wie gehts deiner Familie?“ Damit wissen beide, was gemeint ist.

Der Besuch des Museum kostet keinen Eintritt; auch darf man nach belieben fotografieren – die Menschen hier zeigen stolz ihre Kunst. Die Innenräume sind offen und modern eingerichtet; eine große, offene Fläche wird einzig von einer schwungvollen, breiten Treppe durchbrochen, die nach oben und in die einzelnen Ausstellungsräume führt.

Die Kunst, in Bildern, Schriften und Gebrauchsgegenständen, filigran verziert und hinter Glas – mit einer wohlbedachten Beleuchtung wird sie geschickt in Szene gesetzt. Die Räume sind wie in Zwielicht gehüllt, einzig die Kunst wird sanft angeleuchtet und bildet den Mittelpunkt eines Raumes. Wir wandeln von Raum zu Raum, von Objekt zum Objekt. Es gibt nichts, das den Blick ablenkt, nur die Kunst zählt.

Doch mindestens genauso interessant sind für mich auch die Menschen selbst; Männer in lange, weiße Gewänder, in Katar Dischdascha genannt, gekleidet, die ihre ebenso gehüllten Frauen in die Welt der Kunst einführen (Klischee? Nun; er spricht, sie lauscht…). Die Gesichter der meisten Frauen sind von der Abaya verhüllt, ihre Augen der einzige Anhaltspunkt. Eine verhüllte, ältere Frau sitzt auf einer Bank vor einem Ausstellungsraum, scheint auf jemanden zu warten. Es ist für mich eine komplett neue, faszinierende Welt.

In einem der ersten Räume sitzt im Halbdunkel ein Museumsmitarbeiter, ein Katari auf einem Stuhl an die Wand gelehnt; er sieht aus, als ob er schläft. Meine Kamera schwenkt „zufällig“ in seine Richtung.

Auch die Museumsräume sind herrlich kühl klimatisiert, und als wir oben auf der schwungvollen Treppe stehen, die oben wie unten verbindet und alle Flächen zu einer werden lässt, friere ich. Jetzt wird mir auch klar, woher die Empfehlung kommt, in Katar trotz Hitze immer einen Pulli mit dabei zu haben. Denn es ist so: Draußen – 36 Grad feuchter Wärme. Sauna. Die Feuchtigkeit der Luft setzt sich auf der Haut ab, kriecht unter die Kleidung und verteilt sich als ein feiner Film am Körper. Ein feiner Film, den man wohlgemerkt nicht sofort wahrnimmt.

Und dann lass es kühler werden.

So staune ich fröstelnd, während ich hinunter schaue, denn die gesamte Front des Museums ist komplett verglast und von der Treppe aus eröffnet sich dem Besucher ein grandioser Ausblick auf Dohas Wolkenkratzer, den Persischen Golf und das Museums-Cafe. Die Besucher des Cafes müssen das Gefühl haben, sich gleich in die Wellen des Meeres fallen lassen zu können. Direkt dahinter sehen wir die dunstig blauen Hochhäuser der Skyline. Die Sonne scheint schräg durch die Fenster und beleuchtet die Halle durch die halb heruntergelassenen Jalousien; ein Brunnen plätschert leise vor sich hin.

Einen Augenblick später sitzen auch wir unten im Cafe, schauen durch die verglaste Wand hinaus auf die Kulisse von Doha und auf die sinkenden Sonne. Und obwohl wir nur etwas trinken wollen und eigentlich auch schon wissen, was, besteht der Kellner darauf, uns eine Karte zu bringen. Wen wunderts! Schließlich besteht die sogenannte „Karte“ aus einem original Apple I-Pad, in dem der Gast nach Belieben seine Getränkewünsche nachblättern kann. Wir bekommen jeweils eines davon in die Hand gedrückt und somit eine leise Vorstellung davon, wie reich das Land eigentlich sein muss. „Die haben vielleicht Geld…“ brummt Stefan ehrfürchtig vor sich hin.

Das mit der Menükarte ist im Übrigen keine so schlechte Idee gewesen, denn nun entdecken wir Tee- und Kaffeespezialitäten darauf, die wir uns sonst so sicherlich nie hätten ausmalen können. Ich bestelle meinen langersehnten Marokkanischen Pfefferminztee (ich kenne kein Lokal in Deutschland, das die richtige Zubereitung beherrscht…) und zum ersten Mal seit Jahren bekomme ich ihn so wie ich ihn will… und Stefan bekommt einen Kaffee, der mit Kaffee wie wir ihn kennen nur wenig gemeinsam hat. Er ist grünlich von der Färbung, schmeckt frisch, irgendwie nach Kaffee, aber irgendwie auch noch nach etwas anderem.

So sitzen wir da und beobachten mehr oder weniger auffällig (Stefan mehr, ich weniger…) die Menschen um uns herum. Die faszinierende neue Welt lässt sich nun aus der Nähe betrachten, denn sowohl Touristen als auch Einheimische verkehren hier. Links von uns sitzen zwei asiatische Mädels in Sonnenhut und Brille und tippen auf ihren Smartphones herum. Ab und zu sehe ich manche Besucher ein Selvie von sich und der Skyline machen. Nur die Touristen natürlich, denn die Kataris bewahren eine feierliche Ernsthaftigkeit. Ein Katari lässt sich mit seiner Familie gegenüber von uns nieder, die schöne Frau hat ein kleines Kind auf dem Arm. Ein Mann, dessen Kopfbedeckung auf Saudi Arabien tippen lässt, betritt ebenfalls die Bühne; aufmerksam werde ich auf ihn erst, als Stefan sagt: „Woher weiß er denn, wo bei ihr vorne und wo hinten ist?“ Ich verstehe ihn zunächst nicht, doch dann fällt der Groschen: Man sieht von der Frau gar nichts. Selbst die Augen sind hinter einem dichten Netz aus Schwarz verborgen. Wie kann man denn so leben? Ich versuche, einfach nur distanziert zu betrachten. Stefans Gesicht kann sich eines amüsierten Grinsens nicht erwehren und so befürchte ich immer mehr, dass er uns mit seinen auffälligen Blicken und seinen Bemerkungen in Teufels Küche bringt (wohlbemerkt, unverheiratet im Land!). Da braucht sich nur einer von den feierlich wirkenden Menschen gestört zu fühlen, schon hängen die blöden Touris am Galgen (oder müssen viele Fragen beantworten, was in etwa aufs selbe hinausläuft). Also beschwöre ich ihn, bloß nicht so auffällig zum Saudi und seiner Frau hinüber zu starren.

Doch auch die Kataris sind vor der Neugier nicht gefeit. So bemerken wir, dass auch wir verstohlen von dem einen oder anderen betrachtet werden – doch sobald wir denjenigen „erwischen“, gleitet der Blick sogleich wieder dezent in eine andere Richtung.

Wir bleiben bis kurz nach halb sechs, um halb schließt offiziell das Museum. Inoffiziell sitzen die Menschen noch im Cafe und haben es nicht eilig, nach draußen zu kommen. Das Licht vor der verglasten Front wird immer gedämpfter, die Sonnenkugel immer röter, bis sie im Persischen Golf versinkt.

Die Skyline von Doha

Die Skyline von Doha

Doha, Katar
7 September 2017

Eine zwiespältige Stadt

Das sonore Rauschen des Stromaggregate draußen vor dem Fenster schläfert mich ein. Ich bin erledigt und hellwach zugleich, zögere jedoch, mich schlafen zu legen. Zu aufgedreht, viel zu aufgedreht… und dazu noch in der Gewissheit, an einem völlig anderen Ende der Welt zu sein.
Ich bin in Doha. Mehr lesen

Katar – Jenseits des Gesetzes

Katar – Jenseits des Gesetzes

Mannheim, Deutschland
6 September 2017 – Tag der Abreise

Noch vor dem Klingeln des Weckers bin ich wach. Ein heißes Bad bringt meine Lebensgeister zurück. Wir packen unsere restliche Habe in die riesigen Koffer zusammen. Ein Taxi bringt uns zur Bahn.

Frankfurt Airport

Cappuccino, leise Musik. Die großen, schwarzen Anzeigetafeln, allesamt gesponsert vom Uhrenhersteller Branding, zeigen weit entfernte Städte der Welt, Flugnummern und Abflugzeiten. Sie sind wie eine Speisekarte; scheinbar zum greifen nah liegt Kuweit, London, Istanbul… liegt die Welt ausgebreitet vor mir und ich brauche nur die Hand auszustrecken, um nach ihr zu greifen.

Nach 6 Stunden Flug, um 1:30 Uhr in der Nacht, setzt Qatar Airways in Doha zum Landeanflug an.

7 September 2017 –  Plaza Inn Hotel in Doha, Katar

Die Ankunft, das Einchecken – alles nochmal gut gegangen. Wir sind erleichtert und erledigt, aufgekratzt und ausgelaugt. Spüren, dass wir Schlaf brauchen und doch sind wir – bin ich – nicht imstande, die Augen zu schließen. Angekommen.

In Katar (wie auch in anderen so beliebten Urlaubszielen am Arabischen Golf wie Dubai, Oman oder Abu Dhabi) bildet die Sharia die Grundlage der Gesetzgebung. Und um alle Missverständnisse gleich vorweg zu räumen – sie gilt auch für Touristen. Indem ich mir mit Stefan – unverheirateterweise – ein Hotelzimmer teile, verstoßen wir gegen geltendes Recht. Doch sowohl die Emiratis als auch die Kataris wollen ihr Land für Urlauber attraktiv machen, wollen, dass sich Touristen hier wohl fühlen. Und so drücken sie in solchen Fällen alle Augen zu. Das gilt allerdings nur, solange man nicht – aus welchen belanglosen Gründen auch immer – mit der örtlichen Polizei in Kontakt gerät…

Die Sonne vor dem Fenster wirkt schwach und fahl, fast etwas schüchtern. Der Wind weht ums Hotelgebäude und übertönt mal für mal das monotone Summen des Stromaggregates auf dem Dach vor unserem Fenster. Fast könne man, schließe man die Augen, der trügerischen Illusion erliegen, man sei hier an der Nordsee.

Doch wie sehr das trügen kann, wurde uns gestern Nacht bewusst, als uns die schwüle, heiße Luft, die wie ein zugefächerter Saunaaufguss wellenartig auf uns zukam, uns beinahe erschlagen hätte. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, als eine feuchtheiße Brise. Das hatte etwas von einem Dampfbad.

Die Nacht davor, als wir, ökonomisch verstaut in der Economic Class sitzen, habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit, katarische Frauen in Vollverschleierung zu beobachten. Schon am Flughafen faszinieren sie mich und ich sehe aus den Augenwinkeln hin, ohne hinzusehen. Und – allen gängigen Klischees zum Trotz – sehe ich nirgends die unterdrückte Frau. Ich sehe stolze Frauen mit hoch erhobenen Häuptern und hochmütigem Blick, die glänzende Design-Handtasche selbstverständlich an der Schulter, einen feinen Duftschleier schweren, teuren Parfüms mit jedem ihrer Schritte hinter sich herziehend, der sich hier und da in meiner Nase verfängt.

Qatar Airways gehört zu den sichersten Flotten der Welt, die Airline hatte bislang nur eine Maschine verloren, eine ziemlich gute Bilanz.

Am Flugzeug selbst sind drei Kameras befestigt, wodurch der Fluggast das Ausrollen und Abheben der Maschine beobachten kann. „So etwas hat Lufthansa nicht,“ wir sind begeistert.

Wir überfliegen ein Lichtermeer. Ankara. Wir überfliegen gerade die Türkei. Da Katar von den Golfstaaten isoliert wurde und somit der Luftraum für Katar-Flüge gesperrt, fliegen wir über den Iran. Die Flugbegleiterinnen am Bord erfüllen jeden Wunsch. Der junge Katari neben uns (ist es einer?) schießt sich seit einer Weile mit Gin Tonic ab. Stefan versucht, die zigarettenlose Zeit mit Nicotin-Pflastern und ohne Beruhigungsmittel zu überbrücken.

Die Frau in der Abaya kümmert sich um ihre schlafende Tochter. Ich finde, dass Frauen in einer Vollverschleierung etwas vollkommen Unschuldiges ausstrahlen. Niemals würde ich einer solchen Frau etwas Böses zutrauen. „Die Frau unter einer Abaya ist eine Privatperson im öffentlichen Raum“, hatte ich mal gehört. Irgendwie gefällt mir der Gedanke.

Kurz vor der Landung wird ein Film eingeblendet – der Hamad International Airport stellt sich vor, viel Licht und Design; weiß gewandete Männergestalten schweben mit ihren Frauen lächelnd über Rolltreppen, begrüßt von einem ebenso lächelnden Flughafenpersonal. Gut gekleidete europaische Besucher sind zu sehen; schließlich will sich das Land nach außen hin öffnen. Ich hatte ein oder zwei Stunden lang mehr schlecht als recht geschlafen, sehe nun die Bilder über den Schirm flackern und fühle mich wie aus einem Traum erwacht und direkt in den nächsten hinein geschlittert. „Das wird mich umhauen.“ Sage ich zu Stefan. „Soeben wach geworden und dann dieser totale Kulturflash.“

Hamad International Airport

Aussteigen, über den Flughafen torkeln, auf der Suche nach dem richtigen Ausgang. Der Flughafen ist riesig, stylish und ohne jegliches sichtbare Werbesponsoring. Nix da mit Breiting-Fluganzeigetafeln – die Kataris zahlen alles selbst. Doch verlaufen können wir uns gar nicht, denn an jeder Ecke stehen Flughafenmitarbeiter, die uns helfend zur Seite stehen wollen und den richtigen Weg weisen. So landen wir also in dem „arrival“ Bereich derer, die in das Land einreisen. Weiß gewandete Männer aus dem Video schweben mit ihren verschleierten Frauen an uns vorbei und ich versuche, sie gar nicht zu beachten. Kataris (wie sicher die meisten anderen Menschen auch) mögen es nicht, angestarrt zu werden, jedoch ist die gegenseitige Neugier Besuchern gegenüber ebenso groß, wie wir später noch feststellen sollen, und so registrieren auch wir den einen oder anderen verstohlenen, neugierigen Blick.

An der Sicherheitskontrolle hält der streng dreinschauender katarischer Beamte meinen Pass sehr lange in der Hand. Er schaut auf einen Bildschirm, wartet auf etwas. Die Minuten ziehen sich dahin. Um ihn nicht ständig anzustarren schaue ich zurück, lasse meinen Blick über die Reihen der Wartenden gleiten. Von jedem Einreisenden wird im Zuge der Passkontrolle ein Foto gemacht. Auf die vorgeschriebene Stelle stellen, kurz in die Kamera schauen. Dann warten. Als Stefan dran kommt, behält der Katari meinen Pass noch in der Hand. Ich rücke zur Seite, um Platz zu machen, komme aus Versehen an die verschlossene Schranke, die sofort einen Alarm auslöst. Brav rücke ich wieder ein Stückchen näher. Der Beamte schaut nicht auf, er zuckt noch nicht einmal.

Der Flughafen von Doha ist gigantisch. Stylische Designelemente, eine ultramoderne Architektur, viel Glas und eine Decke aus hellem Holz. Wir kommen an einem Wasserspiel vorbei. Und ich tue, als würden mich die weiß gewandeten Gestalten nicht im Geringsten interessieren.

Die Männer gehen nicht, sie schreiten. Langsam und bedächtig, aufrecht und erhaben setzen sie einen Fuß vor den anderen. Wie Fabelwesen wirken sie auf mich, einem Märchen entnommen und in die Gegenwart gesetzt. Verloren geht man am Flughafen nicht. Wie schon erwähnt, an jeder Ecke stehen Mitarbeiter bereit, die uns ansprechen, sobald wir ein wenig verloren gucken. Jeder möchte helfen. Ich fühle mich auf Anhieb wohl.

Unser Transfer zum Hotel ist noch nicht da. Ich schaue auf die Uhr – es ist halb drei Uhr nachts – Ortszeit. Der Mitarbeiter an der Rezeption telefoniert für uns mit dem Hotel. Die katarische, schwarz gewandete Mitarbeiterin lächelt mich an, als Stefan mich zur Unterstützung zur sich holt. Denn beinahe alles wird mit ihm verhandelt – hier, anders als in der westlichen Kultur, wird alles Organisatorische von den anwesenden Männern geregelt, die Frauen sollen sich um solche Dinge nicht kümmern müssen. Es ist ein Teil der Fürsorge, die in der islamischen Welt der Frau zugedacht wird. Ich jedenfalls werde das Gefühl, mich zurücklehnen zu können, sehr schnell genießen lernen.

Eine kurze Zeit später kommt Herr Omar und nimmt sich unserer an. Wir wissen zunächst nicht wirklich, wer Herr Omar eigentlich ist – wie sich später herausstellen sollte, ist er ein Mitarbeiter des Flughafens, anscheinend für Gästebetreuung zuständig (nimm das, Frankfurt Airport!). Wie selbstverständlich nimmt er meinen Koffer, als wir zum Bus laufen. Nach weiteren Minuten ist alles erledigt und wir schauen aus dem fahrenden Bus in die erleuchtete Nacht hinein. Wir haben uns um nichts kümmern müssen, alles wurde für uns organisiert.

Freundliche Kataris.

Die Laternen sind bunt leuchtende Säulen, die die Straßen in allen Farben säumen. Die Stadt leuchtet, die farbigen Pfähle mit den imprägnierten arabischen Schriftzeichen weisen uns den Weg. Teure Autos ziehen an uns vorbei, es herrscht um diese Uhrzeit nicht viel Verkehr auf den Straßen von Doha. Ein seichter Dunst scheint über der Stadt zu schweben, verleiht allem einen milchigen Schimmer. Arabisch anmutende Bauten wie aus 1001 Nacht tauchen in unserem Gesichtsfeld auf, um dann wieder in der Nacht zu verschwinden.

Dann sind wir da, wir stehen, die Koffer in der Hand, vor dem Plaza Inn Hotel.

Plaza Inn Hotel, Blick aus dem Fenster
Katar – Medikamenteneinfuhr

Katar – Medikamenteneinfuhr

Mannheim, Deutschland
6 September 2017

„Du, weißt du eigentlich…“

Mit diesem Satz fing alles an.

Während Stefan und ich gemütlich auf der noch heimischen Couch sitzen, beide in Bilder, Blogs und alles vertieft, was so zur Reise-Vorfreude mit dazugehört, dringt seine Stimme plötzlich wie aus dem Nebel in mein Bewusstsein. Mehr lesen