Asien, Turkmenistan

Der 2.10 – Mein Geburtstag in der Karakum Wüste

Am Morgen, wie jeden Morgen, fühle ich mich noch etwas knatschig. Knatschig, für diejenigen, die das nicht kennen, beschreibt jenen Zustand, in dem man noch etwas müde ist und in sich gekehrt und keinen großen Trubel möchte. Doch da habe ich die Rechnung ohne meine Truppe gemacht, denn – und das habe selbst ich vollkommen ausgeblendet – ist heute vor etlichen Jahren mal Mini-Kasia auf die Welt gekommen. Ich komme gähnend aus meinem Zelt, und nach der Morgenroutine fotografiere ich hier und da mal etwas. Wie die aufgehende, gelbbraune Sonne zwischen den Zelten. Oder meine Wanderschuhe, die (zum Glück frei von Skorpionen und sonstigem Getier) auf dem sandigen Boden stehen. Die Geländeautos, die so schön malerisch in der Pampa zu sehen sind. Maja, die sich… Maja?

Maja, unsere turkmenische Guide, kommt zu mir geeilt und beglückwünscht mich zu meinem besonderen Tag. Der hätte sich herumgesprochen, da die Gruppe noch vor der Reise auf Wunsch ihre Daten miteinander geteilt hatte. So wüssten auch die anderen Bescheid. Maja hat ein kleines Geschenk mitgebracht, ein paar gestrickte Socken. Als ich die sehe, muss ich lachen. Erinnert ihr euch an den Marktbesuch, wo ich jene bunt gemusterten Socken just in der Hand halte und unsere Guide mir abrät, die zu kaufen? Gründe hatte sie dafür tatsächlich, denn sie ist nachher hin und hat die Fußwärmer heimlich für mich erstanden. Dass sie mir gefallen würden, wusste sie ja nun.

Glücklich bedanke ich mich. Was wäre die Welt ohne die kleinen Gesten. Doch es geht weiter, denn auch von einer Mitreisenden bekomme ich ein kleines Geschenk, ein Armband mit einem roten Anhänger. Dass ich gerne Gedöns an meinen Handgelenken trage, auch das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Jemand aus der Gruppe ist gar einen Markt rauf und runter abgelaufen, um ein Stück Geburtstagskuchen mit Kerzen zu erstehen. „Das ist ein wahrer Freund.“ Sagt Sonja. Nach den umfangreichen Gratulationen wird der Kuchen unter uns aufgeteilt. Der Trubel um mich hat sich gelegt. Nicht dass mir der unangenehm wäre. Ein bisschen darf man sich auch feiern lassen.

Gut essen und gut trinken ist angesagt, denn jetzt erwartet uns ein kleiner Marsch durch die Wüste. Die Hügelformationen entfalten ihre Farben im Licht. Angesengtes Orange, fahles Weiß. Unterwegs sehen wir wieder die kleinen, unvermeidlichen Echsen, doch auch größere Löcher im Sand, von denen uns Maja erzählt, dass es sich hierbei um Waranen handelt. Klein seien sie und nicht wirklich gefährlich. Mich fröstelt es. Dann spaltet sich unsere Gruppe – die einen gehen einen Umweg, der sie um eine Hügelkette herum führt. Die anderen mittendurch. Es sind wenige, die sich für den steilen Anstieg entscheiden. Oben angekommen fluche ich. Der Hang ist steil und fällt zu beiden Seiten ab, die Spitze, auf der ein Mensch gehen kann, schmal wie gerade mal eine Fußbreite. Der poröse Boden gibt unter den Schritten nach, es ist ein Leichtes, hier ins Rutschen zu kommen. Vor mir – Kamelspuren. Kamele, war ja mal klar. Dort, wo ein Mensch abzustürzen droht, manövrieren sich die Viecher ohne Weiteres durch. Vorsichtig setze ich meine Schritte. Auch die anderen sind am Kämpfen. Kommt man hier einmal aus dem Gleichgewicht, rutscht man bis ganz nach unten durch. Möglichkeiten, sich festzuhalten, gibt es keine. Die anderen lachen. Besser als Weinen ist es allemal.

Dann ist auch diese Etappe geschafft. Wir kommen heile unten an. Das Ziel der Übung ist ein kleiner Markt, umgeben von niedrigen Bauten. Wir erreichen das Gelände von der Rückseite. Hier ist kaum ein Mensch, dafür Abfälle und Hunde, die Wache halten. Der Markt ist nicht spektakulär; ein paar auf dem Boden ausgelegte Decken, auf denen Souvenirs und Nippes ausgebreitet liegen. Armbänder, Tassen, Schmuck, alles Mögliche. Der Rest der Gruppe gesellt sich zu uns und wir stöbern ein wenig. Die Einheimischen versuchen stellenweise, mit uns auf russisch zu kommunizieren, doch hier schlägt die Sprachbarriere zu. Dennoch kommt man ins Geschäft. Der aufkommende Wind bringt Sand aus der Wüste, der uns in die Augen geweht wird. Die Menschen schützen ihre Gesichter mit Stoff, den sie sich um den Mund wickeln.

Hier holen uns unsere Fahrzeuge ab. Mit Geländewagen geht die Reise weiter. Die felsige Landschaft weicht sandigen Dünen. An den Dünen lassen uns die Fahrer raus und wir eilen flink hinauf. Na, ganz so flink freilich doch nicht. Wer schon einmal versucht hat, eine Düne hochzukommen, weiß, es ist beileibe kein Vergnügen. Doch oben angekommen ist der Ausblick herrlich. Oder, wie Rene gesagt hätte: Landschaft ist auch da. Nur Wetter ist nicht so wirklich da, denn der Himmel über der Wüste ist trüb und bewölkt. Die Fotosession findet natürlich trotzdem statt. Auf der Düne stehend. Auf der Düne sitzend. Auf der Düne mit der Hansafahne stehend. Wie gesagt, da hätten auch ein Döner oder eine Pizza drauf sein können. Und Kamele, ach wie herrlich. Es gibt wieder Kamele zu sehen. Doch ein weiteres Mal halten wir nicht mehr dafür an. Die Tiere sind inzwischen ein alltäglicher Anblick geworden.

Wir befahren eine für hiesige Verhältnisse recht gut ausgebaute Straße. Es scheint sich um eine Hauptverbindungsader zu handeln, denn immer wieder kommen uns Trucks entgegen. Es wird heute nichts weiter spektakuläres passieren, denn dieser Tag ist vor allem von langen Autofahrten geprägt. Über fünf Stunden Fahrzeit sind angesetzt, um unser nächstes Ziel zu erreichen: Balkanabat, laut Reiseanbieter die erste sozialistische Ölstadt aus den siebziger Jahren. Balkanabat ist Hauptstadt der Provinz Balkan im Westen des Landes. Sie wurde in den Vierzigern als Bahnstation gegründet. Ihr ursprünglicher Name lautete Nefte-Dag (Neft stammt aus dem Russischen und bedeutet „Erdöl“). Wir kommen an gr0ßen Raffinerien vorbei. Auch heute wird hier noch Öl und Gas gefördert. Schwarze, weitum stinkende Rauchfaden erheben sich in den Himmel und ziehen sich durch die Luft. An einer Tankstelle halten wir an. Hier in Turkmenistan wird der Verkehr noch immer von der Polizei geregelt. Von der Tankstelle aus sehe ich, im Auto sitzend, wie ein Uniformierter mitten im Nichts auf der Kreuzung steht und mit seinen Armen gestikuliert. Autos, dahinter die Raffinerie, rundum ein weites Nichts. Ein surreales Bild. Ein Bild für die Götter. Der Sprit ist hier, wie zu erwarten, spottbillig. So billig, dass mir die Tankanzeige ein Foto wert ist. Für einen Liter Diesel zahlen wir 1,5 Manat, das sind 37 Eurocent.

Dann erreichen wir die Ölstadt. Und zum ersten Mal, sei es der Ortschaft selbst oder der Tageszeit geschuldet, sehen wir so etwas wie Leben auf den Straßen. Es ist später Nachmittag, Menschen kommen von der Arbeit, Kinder in Schuluniformen bevölkern die Straßen. Und die Autos. Von wegen weiß. In allen Farben fahren sie in der Stadt herum. Die Vorgabe für weiße Fahrzeuge gilt nur für die Hauptstadt Ashgabat und erstreckt sich nicht auf den Rest des Landes. Menschen gibt es in den Städten zur Genüge, entgegen dem, was unseriöse Youtuber zu einer unmöglichen Uhrzeit mit ihren wackeligen Handyvideos zu zeigen versuchen. „Hier lebt keiner!“ Von wegen. Du musst nur zur richtigen Zeit deine Videos drehen. Tatsache ist aber, dass aufgrund der schier unendlich verfügbaren Fläche die Gebäude in weiten Abständen voneinander errichtet werden und sich die Menschen dazwischen optisch schier verlieren. Die Wüste ist groß, Platz ist vorhanden, wozu sich aneinander drängeln? Der Anblick ist mit den dicht bebauten, europäischen Siedlungen nicht vergleichbar.

Ein paar von unseren Jungs seilen sich ab, sobald der Bus zum Stehen kommt. Ich weiß, wo sie hin sind, sie haben sich auf die Suche nach Bier begeben. Maja schimpft und beginnt mit der Verfolgung; in einem großen, gut ausgestatteten Supermarkt finden wir sie dann wieder. Hier beginne auch ich zu stöbern und nutze die Gelegenheit, meinerseits die Bier- und Cognacvorräte aufzufüllen. Schließlich ist heute noch immer mein Geburtstag und ich will mit der Truppe gemeinsam anstoßen. „Willst du denn alles alleine bezahlen?“ Wundert sich Rene. Ja klar, was sonst. Schließlich muss ich die kleinen, turkmenischen Scheinchen ja auch irgendwie loswerden.

 

 

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

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