Warschau – Stefan und meine Mutter verstehen sich prächtig…

Kategorien Europa, Polen

Ich bin in Polen aufgewachsen, insofern kenne ich Warschau schon. Doch diesmal wird es ein bisschen anders sein; diesmal kommt Stefan mit, um meine Familie kennen zu lernen und das erste Mal Weihnachten mit uns zu feiern.

Es war unmöglich, sich früher loszureißen. Beruflich.

Als wir bei mir zu Hause ankommen (die Stadt heißt Blonie, sie liegt etwa eine Stunde Fahrzeit von Warschau entfernt), ist es bereits der erste Weihnachtstag angebrochen. Heiligabend haben wir im Auto verbracht. Fahrend. Oder auf der Raststätte stehend. Was tut man nicht alles für den lieben Job…

Bei meiner Mama angekommen wird sich erstmal begrüßt und gedrückt. Der Hund wedelt freudig mit dem Schwanz. Wir tragen unsere Sachen rein und mein Opa fragt mich, ob Stefan der Taxifahrer sei. „Nein, Opa. Wir sind zusammen hier. Das hat dir meine Mama doch schon erzählt.“

„Aha.“ Er schaut uns etwas ratlos an.

Mein Opa ist zweiundneunzig und auch etwas… vergesslich. Inzwischen vergisst er fast alles sofort wieder. So fragt er mich einen Moment später, ob „der Herr“ denn jetzt hier bleibt. „Zeig dem Herrn doch, wo er schlafen kann.“ Sagt er zu meiner Mutter,  ritterlich um meine Ehre besorgt, als er sieht, dass Stefan selbstverständlich seine Sachen neben meinen am Kopfende unserer Schlafcouch platziert.

„Opa!“ Meine Mutter faltet ratlos die Hände. „Komm, es gibt gleich Essen.“ Geschickt lotst sie ihn in die Küche.

Währenddessen schaue ich mich in der Wohnung um. Meine Mama hatte sich in der Zwischenzeit schön eingerichtet, das ganze Haus ist dekoriert. Neben der Schlafcouch steht eine weihnachtlich geschmückte Topfpalme.

Das Weihnachtsessen. Wir sitzen am Tisch, die Katze schleicht um uns herum und beäugt mich misstrauisch. Dann lässt sie sich am Kopfende der Couch nieder. Opa scheucht sie wieder weg.
„Opa, lass…“ Sagt meine Mutter.

Nach dem Essen gibt es Wodka. Selbstgemachten Honigwodka natürlich. Opa besteht jedesmal darauf, ihn selbst anzurühren und erzählte bei dieser Gelegenheit immer die Geschichte, wie ihn seinerzeit der Honigwodka von seinem Magenleiden auskuriert hatte.

Daaas ist richtiger Wodka, Leute! 😉

Der heutige Tag läuft unter dem Motto: Warschau besichtigen. Meine Mama nehmen wir auch gleich mit, damit sie sich ein wenig von der Pflege ihres Vaters erholen kann, einen freien Kopf bekommt. Opa ist 92 Jahre alt. Er braucht ganz viel Zuwendung, macht kaum etwas alleine. Und manchmal wird ihr das einfach zu viel. „Ein wenig Ruhe möchte ich.“ Sagt sie dann. „Zeit für mich alleine.“

Die Warschauer Altstadt ist wunderschön weihnachtlich dekoriert, überall Lichter und Sterne, hier und da stimmungsvolle Musik. Wir parken am Hotel Wiktoria und gehen zu Fuß weiter über die sog. Krakauer Vorstadt. So nennt sich der Teil der Altstadt, der vom Hotel aus bis zum Königsschloss führt. Wir laufen eine lange Allee entlang, die gesäumt wird von prachtvollen Bauten; auch am Präsidentenhaus, streng bewacht, kommen wir vorbei. Wir lassen uns einfach in der wogenden Menschenmenge treiben, am Königsschloss vorbei in Richtung Barbakan, einer beeindruckenden Befestigungsanlage aus dem 16 Jh. Von einem Graben umgeben, führt eine Brücke durchs Tor ins Innere der Festung.

Links und rechts des Eingangstores haben Künstler ihre Werke und Händler ihre Souvenirs ausgestellt: von geschnitzten Babuschkas über Gemälde bis hin zu Tassen ist alles dabei, was das Touristenherz begehrt und so manches Mal juckt es mich in den Fingern, etwas zu kaufen. Es werden schließlich zwei bemalte Erinnerungstassen, so ganz ohne irgendetwas kann ich dann doch nicht weiterlaufen.

Die Sonne scheint und ich bin in absoluter Hochstimmung. Ich bin glücklich, Stefan all dies hier einmal zeigen zu können. Die schöne Altstadt, die Menschen… das ist alles meins. Und ich freue mich, dass es ihm gefällt. Es ist fast so, als wenn man jemandem, der zum ersten Mal im trauten Heim zu Besuch ist, alles präsentieren möchte und gleichzeitig hofft, dass er die Krümmelreste in der Ecke hinter der Couch nicht entdeckt…

Am Königsschloss

Als wir, in der wogenden Menge treibend, wie es sich gehört, am Königsschloss ankommen, bekommt meine Euphorie alsbald einen ziemlichen Dämpfer verpasst.
Wir stehen am Schloss und fotografieren. Stefan knipst das Königsschloss, den Königsplatz… hm… und mich…? Okay, vielleicht stelle ich mich mal anders hin… ja, so… nein, auch nicht…??
„Schaaatz!“
„Ja?“
„Kannst du ein Bild von mir machen?“ Er macht ein Bild von mir. Dann noch eins und noch eins. Irgendwann höre ich ein „Ups…“

Mir schwankt nix gutes.

„Ups? Was meinst du mit ups?“

„Mein Akku ist leer.“ Was? Aber… „Ich dachte… hast du ihn denn nicht aufgeladen?“
Also Warschau auf Handy-Schnappschüssen. Und ich hatte mich so auf die Bilder gefreut. Stefans Aufnahmen sind toll. Und ich wollte einmal entspannt durch die Stadt laufen, ohne gleich den Drang zu verspüren, Bilder knipsen zu wollen/müssen.

Bääh… Mit leidendem Hundegesicht trotte ich also weiter hinterher.

Stefan und meine Mutter verstehen sich prächtig, trotz ihrer skeptischen Blicke, die sie ihm immer wieder von der Seite zuwirft und die er geflissentlich übersieht. Sie diskutieren angeregt miteinander und er glaubt bereits, einige meiner Eigenheiten bei ihr entdecken zu können. Das Schmollen zum Beispiel. So ein Unsinn… *schmoll*

Unweit des Marktplatzes entdecken wir ein gemütliches jüdisches Restaurant. Das Lokal ist bis zum Bersten voll -doch  nach einer kurzen Wartezeit werden sogar vier Plätze für uns frei. Und ich muss sagen, ich habe schon lange nicht mehr so lecker auswärts gegessen wie hier. Selbst die Preise sind – entgegen aller Erwartungen – nicht… na ja, ich sag es mal so… auf europäisches Niveau angehoben. Sprich: Zwanzig Euro für uns alle drei – mit Getränken und Trinkgeld. Kleiner Wermutstropfen: die Toiletten sind kostenpflichtig, genauso wie die Garderobe. Aber die zwei Zloty (ca. 50 Cent) haben noch keinen arm gemacht… 🙂

Inzwischen ist es Abend geworden, und als wir wieder raus in die Dunkelheit treten, ist die ganze Stadt in ein festliches Licht getaucht. Die Weihnachtsbeleuchtung wurde eingeschaltet, alles glitzert und leuchtet und an den Hausfassaden gleiten leuchtende Sterne lautlos zu Erde, als würden sie vom Himmel herab schweben. In der Mitte des Platzes hat man um das Denkmal herum eine Eislaufbahn aufgebaut, auf der jetzt Kinder toben, die großen schon alleine, während die kleinen mit glühenden Wangen die Hand ihrer Eltern halten. Was für ein Anblick.
Straßenhändler bieten Lichtstäbe und anderes unnützes Spielzeug an und wir versuchen, mit unseren Handykameras die bunten Lichter überall einzufangen.

Inzwischen sind die Straßen noch voller geworden, so dass wir uns an den Händen halten, um uns gegenseitig nicht zu verlieren. Immer wieder schaue ich mich nach meiner Mutter um; da sie recht klein ist, habe ich Angst, dass sie mir irgendwo in der Menge abhanden kommt. Doch sie marschiert tapfer neben uns her. „Hier bin ich, schon gut.“ Sagt sie dann immer, wenn sie meine suchenden Blicke bemerkt.

 

Die Weihnachtssänger

In der langen Allee in der Krakauer Vorstadt hatte sich eine Menschentraube gebildet. Wir sind wieder auf dem Weg zum Auto. Neugierig geworden treten wir jedoch näher und entdecken in deren Mitte fünf junge Männer in Fantasiekostümen, die Kolenden (d.h. polnische Weihnachtslieder) singen. Ihre Kostüme sind teilweise an polnische Traditionen angelehnt, zum Teil erinnern sie auch an Uniformen. Ihre Stimmen sind klangvoll und kräftig. Sie singen ohne musikalische Begleitung, und so vermuten wir, dass sie in einem Chor sein mussten. Es blieben immer mehr Menschen stehen, um zuzuhören, und auch wir blieben wie gebannt stehen. Immer wieder wirft jemand den Jungs Münzen in die Mütze, die auf dem Gehweg liegt. Sie singen fantastisch, ein Lied nach dem anderen, und alle Außenstehenden singen mit. Jedes Kind in Polen kennt diese Lieder, und Jahr für Jahr werden sie zur Weihnachtszeit in allen Häusern gesungen und erfreuen das Herz.

Auch ich singe mit. Wir sind begeistert. Selbst Stefan, obwohl er die Texte nicht versteht. Doch die Stimmung reißt jedermann mit.

Ein Mann dräng an uns vorbei, fotografiert die singende Gruppe, dreht sich dann entschuldigend zu mir um. „Wissen Sie… ich will die Bilder in Deutschland zeigen, damit sie dort sehen, dass sie keinerlei Traditionen haben!“ Ich antworte daraufhin nichts. Ich denke an die Aleman`sche Fastnacht, der wir in Schwarzwald beiwohnen durften, an all die wunderschönen Weihnachtsmärkte. Die Deutschen haben Traditionen, denke ich mir. Du hast dir nur noch nicht die Mühe gemacht, sie kennen zu lernen. Ich erwähne den Vorfall Stefan gegenüber nicht.

Die Menschen stehen wie verzaubert da. Und auch ich wollte am liebsten gar nicht mehr gehen. Doch irgendwann fing meine Mama an zu quäken, wann wir denn endlich nach Hause kämen. Der Opa warte bestimmt schon auf uns. Irgendwann geben wir dem nach und schlendern langsam weiter in Richtung Auto.

Auf der Heimfahrt sind wir alle sehr still, keiner hat großartig das Bedürfnis, zu reden.

Zu Hause angekommen, sehen wir zu unserer Überraschung keinen erwartungsvollen Opa, der sehnsüchtig an der Tür steht.  Es erging ihm anscheinend gar nicht mal so schlecht; er hatte sich selbst vor den Fernseher geparkt und den Ton auf volle Lautstärke gedreht, so dass er uns nicht einmal kommen hörte. Siehst du, Mama? Alles ist gut.

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Das war: Polen, Dezember 2015

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Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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