Asien, Georgien

Batumi bei Nacht – Vom Glück, unter Fontänen zu tanzen

Batumi bei Nacht. Wir wollen heute so viel von dieser Stadt mitnehmen wie möglich.

Der Abendhimmel rötet sich über der abenteuerlichen Skyline. Das Signal für uns, zu unseren nächtlichen Jagd aufzubrechen. Wir jagen Geschichten, wir jagen Emotionen, Orte, Eindrücke. Und vor allem jagen wir – Cognac.

Ja, richtig gehört. Hier in Batumi kann man sich mit exzellentem Cognac eindecken, der aus großen Metallfässern direkt in stillvolle Plastikflaschen abgefüllt und nach Millilitern berechnet wird. Hundert Milliliter dieses köstlichen Gebräus kosten uns umgerechnet knapp vier Euro. Der schweigsame Verkäufer ist bestens ausgerüstet; Trichter, Flasche, Kanister. Er hat das schon tausendmal gemacht. Während ich noch über die Preise staune, haben die Männer bereits je ein Fläschchen Cognac und eine Flasche Wein organisiert. In Plastik natürlich, was sonst. Wir sind gewappnet, es wird Zeit, zum Strand zu gehen.

Doch vorher noch ein paar Eindrücke aus der nächtlichen Altstadt. Wie wir so durch die Straßen gehen, entdecken wir das quirlige Nachtleben um uns herum. Wie schon zuvor in Tiflis und Kutaissi, so saugen wir auch hier alles auf, sind unbeteiligte, jedoch aufmerksame Beobachter. Fantasievolle Gebäude, deren Fenster wie zerflossene Honigwaben eines Bienenvolkes anmuten. Skulpturen und Straßenlaternen mit ihrem matten Licht spiegeln sich in den großen Pfützen, die der heftige Schauer am heutigen Nachmittag hinterlassen hat. Eine lange Limousine, die feierfreudige Gäste transportiert. Die Lokale sind gut besucht, und im angrenzendem Park findet das Angebot der reihenweise aufgestellten Tischtennis- und Billardtische dankbare Abnehmer. Anscheinend geht hier abends das Leben erst richtig los.

Erst vom dunklen Strand aus ist die quirlige Skyline von Batumi so richtig gut zu sehen. Was schon am Tage wild und bunt aussah, verstärkt sich jetzt dank der Illuminationen. Unsere Schritte knirschen in den runden Kieselsteinen, mit denen der „Strand“ bedeckt ist. Wir richten uns zum Wasser hin. Die Luft ist warm, feucht und dampfig. Am nachtschwarzen Wasser sehen wir ein paar Männer beim Angeln, die Angelruten hängen in der Tiefe. Hin und wieder beißt eine unglücksselige Fischseele an und wird an Land gezogen. Es sind meist kleine Fische, die an den Haken gehen – wie bei der Polizei.

Wir suchen uns am Strand eine einigermaßen bequem wirkende Mulde zwischen den runden Kieseln und lassen uns nieder. Die Beute des heutigen Abends wird ausgepackt; becherweise gehen Wein und Cognac von Hand zu Hand, und die Stimmung hebt sich zusehends. Zwischen zwei Schlucken philosophieren wir über die bunt blinkenden Hochhäuser. Darüber, dass das kaum zu Georgien passt. Und dass solche Ansichten eher in Baku denn hier zu erwarten wären (warum das so ist, habe ich im vorherigen Beitrag bereits erwähnt). Irgendwo hinter uns gibt es ein Feuerwerk.

Natürlich werden auch die anfangs so spießigen „Kinder“ aufs Korn genommen. „Sieh an, sieh an.“ Sagt mein Onkel erfreut. „Am ersten Tag in Kutaissi haben sie uns das Bier im Park verweigert, und jetzt saufen sie Cognac und Wein direkt aus der Flasche am Strand.“ Aber seitdem sind bereits zehn Tage vergangen, sagt Gosia etwas kleinlaut. Seitdem hat sich viel verändert. Und das stimmt. Wir sind auf eine Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte, zusammen gewachsen.

„Delphins! Delphins“! Ruft einer der Fischer den Umstehenden zu. Sofort bin ich auf den Beinen und starre ins schwarze Wasser. Und sehe genau – nichts. Ich setze mich wieder in meine erstaunlich bequeme Kieselsteinmulde und mache sie noch ein bisschen breiter. Kann sein, dass da Delphine waren. Vielleicht aber auch nicht. Macht nichts. Ich kann die Viecher eh nicht leiden.

Doch lange hält es uns nicht im „Sand“. Während wir weiter stampfen, erzählt mir Tomek ausführlich irgendwas darüber, wo der historische Fundort der Arche Noah entdeckt worden sein soll. Im Nachgang – vergebliche Mühe, denn obwohl ich fleißig nicke und ein kluges Gesicht mache, habe ich nicht viel davon behalten. Es macht aber nichts, denn der Abend ist ein wirklich schöner. Wir sind alle in Hochstimmung, so richtig aufgekratzt. Ich schiebe das mal auf die gelungene Reise und auf das Beisammensein, denn mit dem Cognac wird das wohl nichts zu tun haben. Die Idee kommt auf, den Alphabetturm zu erklimmen. Und ja, ich bin dabei! Ich will da rauf, am liebsten sofort. Es stellt sich jedoch heraus, dass wir zu spät dran sind, die letzten Fahrten nach oben hat der Turmaufzug bereits hinter uns. „Ich nehme die Treppe.“ Rufe ich. Doch nix da, der Zugang ist mit einem Seil abgesperrt. Also wenden wir uns in Richtung Stadt.

Hoch ragen die Casinos über unseren Köpfen auf. Wir durchqueren die Linie aus verschiedenen Leuchttürmen und -Häusern, hier wie dort eine bunte, kleine Sensation. Grell fließt das Wasser eines künstlichen Wasserspiels eine stilisierte Wand entlang in einer schreienden Mischung aus Pink und Blau. Und die bunten, sich drehenden Kugeln in einem der Türme sind nichts anderes als ein kleines „Riesenrad“, das in den oberen Bereich des Hochhauses installiert wurde. Wo sonst gibt es so etwas zu sehen. Alles ist voller Farben, voller Menschen.

Auch im Park, wo wir nun erscheinen, hat das volle Leben längst auf uns gewartet. Langsam nähern wir uns den Dancing Fontains, einer begehbaren Wasserspielanlage, die im Takt der Musik ihre Wasserstrahlen in die Höhe schießt. Man kann es so machen wie manche, die sich einfach nur hinsetzen und das Spiel der Fontänen beobachten, der Musik und Lichter. Man kann auch so wie wir: sich mitten hinein werfen in das spritzende Vergnügen, rennend, schreiend, lachend, tanzend. Darauf wartend, dass es wieder losgeht, nachdem das Wasser für einen kurzen Augenblick im Boden versunken ist. Um dann, mit Jacke über dem Kopf, einmal untendrunter auf die andere Seite rennen, die Musik laut in den Ohren, das Glück im Kopf. Gosia tanzt ausgelassen mit ihrer wasserfesten Jacke, während ich mir so etwas nicht erlauben kann – ich trage Fleed und bin bereits jetzt komplett nass. Jacob läuft gelassen in einer Pause zwischen zwei „Auftritten“ der Fontänen hindurch und kann nicht verstehen, warum wir so viel Aufhebens machen, während mein Onkel zur Musik noch eine kleine Tanzeinlage im Stil von „Raining Man“ aufführt. Selbst Tomek lacht.

„Ich muss dir gratulieren.“ Sagt er süffisant zum Andrzej und kaum einer erkennt die feine, liebevolle Ironie dahinter. Und ich quieke im Hintergrund vergnügt, wie ein von mir aufgenommenes Handyvideo später aufdecken wird. Leute, ihr solltet mich niemals lachen hören. Jacob packt seinen Vater und versucht ihn unter die Wasserstrahlen zu ziehen.

Nass und leichten Herzens ziehen wir weiter durch die Fußgängerzone. Ich habe mich selten wie in diesem Moment gefüllt. Leicht und voller Leben, voller Glück, ausgelassen und fröhlich, einfach nur in diesem Augenblick. Wir schubsen uns freundschaftlich beim Gehen, reden vielleicht etwas zu laut, lachen vielleicht etwas zu laut und ich tanze noch immer und springe herum, vielleicht etwas zu sehr. Irgendwo unterwegs posiert mein Onkel begeistert mit einer Palme. Doch in diesem Moment gibt es kein „zu sehr“, weil mir die anderen Menschen um mich herum vollkommen egal sind. Sie sind nicht da, nicht existent, die Frage, was sie denken könnten über die Gruppe der verrückten Polen, stellt sich nicht. Viele von ihnen werden vermutlich unser Glück verstehen. Ein bisschen. Hat sich nicht jeder in seinem Leben einmal so gefühlt?

Die Party geht im Hotel weiter, es ist ja noch Cognac und Chacha da. Doch da würde ich dich, lieber Leser, einfach mal zur Tür rausschubsen, hier ist nämlich geschlossene Gesellschaft und über unsere Georgien-Eskapaden müssen nun nicht alle so genau bescheid wissen (im Nachhinein wissen wir wohl selbst nicht so genau bescheid…) Setzt euch vor die Tür, ja, genau hier, lauscht dem Gelächter dort drinnen und wartet einfach mal bis morgen ab, wenn ich euch wieder die Türe aufmache und die Geschichte weiter gehen kann.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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11 Kommentare

  1. Batumi by night – auch klasse! Euer Glück und eure ausgelassene Fröhlichkeit perlen durch jede deiner Zeilen. Da nehme ich es ausnahmsweise auch mal gerne in Kauf, dass ich vor der Tür ausharren muss, bis ich wieder dabei sein darf. Allzu oft sollte das aber nicht vorkommen, liebe Kasia 😇.

    1. says:

      Ach Elke, hättest du was gesagt, dann hätte ich dir ein Gläschen Chacha rausgestellt 😉 Nein, bei polnischen Trinkspielen willst du nicht dabei sein 🙂

      1. Vermutlich nicht 😂!

  2. […] Kayak-Bier in der Hand. Mein Onkel sitzt auf der Parkbank und grinst zufrieden. Denn – wie Gosia in Batumi so treffend sagte: „Seit unserem ersten Tag hier ist viel Zeit […]

  3. Hi Kasia,
    na, wenn das die Franzosen lesen, dass deren berühmter Cognac in anderen Ländern genauso benannt wird. Cognac darf eigentlich nur für Brände aus dem Gebiet Cognac in Frankreich benutzt werden. Viele verwechseln ja auch Branntwein mit Weinbrand – hört sich fast gleich an – ist aber anders definiert.
    UND DU KANNST DELPHINE NICHT LEIDEN?! 🙁
    Aber jeder Mensch liebt Delphine – was hast Du gemacht als Flipper im Fernsehen kam – hast Du die Mattscheibe mit Steinen beworfen um den ollen Fisch zu vertreiben? 😉
    Aber ich glaube, diese Serie kennst Du aus Altergründen gar nicht..
    Die Filmmusik ging ungefähr so:
    „Man ruft nur Flipper, Flipper – bald wird er kohomen, jeder kennt ihn, den kluhugen Delphin…“ 🙂
    Bleib gesund.. 😉
    CU
    P.

    1. says:

      Ja, also ich kenne tatsächlich noch Flipper – so minderjährig bin ich nicht, wie ich aussehe 😉 Delphine sind äußerst intelligente Tiere, sie haben viel Menschliches an sich. Auch solche Eigenschaften, von denen wir immer sagen: „Kein Tier ist so grausam wie der Mensch.“ Hab mal eine Sendung gesehen. Seitdem sind Delphine bei mir unten durch…

    2. says:

      Die Bezeichnung „Cognac“ ist, glaube ich, geschützt und eigentlich dürften die Georgier ihr Gebräu nicht so bezeichnen… aber mal ehrlich, auch wenn man eine Kuh als Ziege deklariert, es ist und bleibt eine Kuh… 😉

  4. Ach 😁 jetzt wo‘s spannend wird, müssen wir leider draußen bleiben 😄.
    Schöne Fotos und interessanter Bericht 👍🏼
    Liebe Grüße
    Sabine

    1. says:

      Vielen Dank! So spannend war es auch wieder nicht, die Männer hörten sich auf dem Handy alte Songs von vor hundert Jahren an, und Gosia und ich tanzten dazu 🙂

  5. Schöne Architektur, eine schöne Skyline und…. leckerer Cognac 🙂

    1. says:

      Dankeschön!

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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