Asien, Georgien

Baden am Schwarzen Meer

Ich bin früh wach. Und erstaunlich fit. Während der Rest von uns noch schläft, den seligen Feierlaune-Schlummer, sitze ich auf dem Balkon und schaue auf die astronomische Uhr hinaus, umgeben von grauem Morgenlicht. Das Wetter hält sich wacker, es hatte seit gestern Abend noch nicht wieder geregnet.

Tomek steckt den Kopf herein. Er sieht furchtbar aus. „Wir gehen im Meer baden, kommst du mit?“ Ja klar komme ich mit. Kurz hatte ich mir das selbst überlegt, jedoch wollte ich nicht einfach verschwinden, während alles noch schläft, damit sie mich nicht suchen müssen.

„Du siehst furchtbar aus. Na, wie fühlst du dich?“ Frage ich mit unüberhörbarer Schadenfreude in der Stimme. „Chachaaa… Chachaaa…“ Trällere ich.
„Deswegen gehe ich auch jetzt im Meer baden.“ Antwortet Tomek knapp und der Kopf verschwindet wieder. Ich drehe mich zufrieden wieder zur Skyline hin. Ich hatte es gestern Abend tunlichst vermieden, den Teufelstrunk auch nur anzurühren und blieb größtenteils beim Wein. Was mich nicht davon abhielt, den Männern kräftig einzuschenken. Meine späte Rache für die Geschichte mit Chacha von vor ein paar Tagen. Den Effekt konnte ich soeben im vollen Tageslicht betrachten.

Zügig packe ich im Zimmer meine Badesachen ein. Das Mädchen schläft noch den Schlaf der Gerechten. Als wir uns alle draußen vor der Tür treffen, wird klar, dass auch Jacob nicht mitkommen würde.

Menschen sind an diesem Morgen nur wenige unterwegs. Der Badeort ist ruhig und still. Wir werden von einem Rudel Straßenhunde eskortiert, die uns als ihresgleichen erkannt haben wollen. Sie sind eine durchaus praktische Wegbegleitung, denn sie laufen vor und halten bellend die Autos an, wenn wir vorhaben, eine Straße zu überqueren.

Am Strand tut sich nicht viel, doch die Souvenir- und Kaffeeverkäufer sind schon wach und auf ihren Posten. Der „Strand“ mit seinen rundgeschliffenen Kieselsteinen ist für die Bewohner eine Bademöglichkeit, die auch genutzt wird. Menschen jeden Alters kommen hierher, um sich mit ein paar Handgriffen zu entkleiden. Ihre Badesachen tragen sie bereits am Körper. Dann wird geschwommen, das Wasser ist mäßig warm. Während mein Onkel und Tomek mit einer georgischen Familie auf russisch ins Gespräch kommen, drehe ich weiter meine Runden, um nicht zu erfrieren. Die Tatsache, dass ich kaum russisch verstehe, kommt erschwerend hinzu. Hier hat die sozialistische, alte Schule einen entschiedenen Vorteil vor diesem modernen, englischsprachigem Schnickschnack. Hier nutzt mir mein Englisch nicht viel.

Wieder im Hotel angekommen stellen wir fest, dass die Kinder wach sind. Und nicht nur das; Jacob wäre auch gerne mit schwimmen gegangen. Ein großräumiges Schulterzucken macht sich breit. Wir frühstücken und packen, doch für später ist durchaus noch eine Schwimmrunde angesagt. Wie oft ist man schließlich am Schwarzen Meer…

Wir packen zusammen und fahren nach Gonio, ein Stück weiter südwestlich von Batumi gelegener Badeort. Hier ist alles nochmal etwas subtropischer, wie mir scheint. Wir sind knapp an der Grenze zur Türkei. Unterwegs passieren wir die Festung Gonio, die wir zwar kurz von außen begutachten, jedoch darauf verzichten, sie ausführlicher besichtigen zu wollen. Wir sind an jenem Punkt angekommen, an dem wir sagen, dass man nicht alles von innen gesehen haben muss. Wir haben bereits so viel gesehen. Heute chillen wir. Das Auto wird auf der anderen Straßenseite geparkt und wir staksen mitten durch Bodenwellen aus glatt geschliffenen Kieselsteinen ans Wasser, wo wir uns niederlassen und uns die spärliche, milchige Sonne auf den Leib scheinen lassen. Das Licht ist kaum zu erahnen, verbirgt sich hinter einem einheitlichen Schleier. Doch die Unwetter hat diese Region anscheinend erstmal hinter sich gelassen.

Einige Badegäste haben sich hier eingefunden, denn die Temperaturen sind warm. Von uns geht jedoch niemand mehr ins Wasser. Wir, die „Erwachsenen“, weil wir heute morgen schon waren. Und die Kids, weil sie anscheinend so ganz alleine auch nicht wollen. Tomek und ich besorgen uns erstmal ein Weinchen in einem Café, dessen Girlanden aus gesammelten Muscheln bestehen und dessen Besitzer weder russisch noch englisch spricht. Der Rotwein kommt, wie in Georgien üblich, frisch aus dem Kühlschrank. Oft schon habe ich Kämpfe mit unseren Männern ausgefochten, die den edlen Trunk auf diese Weise fehlbehandelten, doch gebracht hatte das wenig. Wie auch, wenn sie hierzulande ständig mit diesem schlechten Beispiel konfrontiert werden.

Wie wir so am Tisch sitzen und unser Weinchen schlürfen, sehen wir Andrzej durch die „Dünen“ auf uns zustaksen. Andrzej ist auf der Suche nach Kaffee; er wird hier ebenfalls fündig. Ein dicker, sämiger Kaffee türkischer Art wird wieder zum Strand getragen.

Wieder am Strand. Seltsam komme ich mir vor, dieses Gebilde aus geschliffenen, grauen Kieselsteinen als „Strand“ bezeichnen zu müssen. Gosia und ich machen uns einen Spaß daraus, meinen schlafenden Onkel mit eben jenen Kieselsteinen Stück für Stück zu bedecken. Er macht ein Auge auf und murrt aus dem Mundwinkel: „Wenn ihr mich schon so malträtiert, dann macht wenigstens ein Foto davon.“

Als der faule Nachmittag und unsere Zeit in Batumi sich irgendwann dem Ende zuneigt, suchen wir auf dem Weg zurück nach Kutaissi eine Essgelegenheit. Durchs Autofenster betrachte ich die großen Fleischstücke, die in den Schaufenstern der Metzgereien hängen. Ganze Schweine hängen kopfüber am Haken. Auf der anderen Straßenseite gibt es Lokale, die uns zügig ein warmes Mittagessen zubereiten.

Auf der Weiterfahrt passiert nicht mehr viel. An einem der vielen Straßenstände kaufen wir Obst und Tschurtschchelas, bei zwei älteren Damen, die Tomek und meinen Onkel am liebsten in die Wange kneifen und adoptieren würden.

Schon morgen ist Tag der Abfahrt, der Rückflug nach Hause. Vergeblich versuche ich, mich eins ums andere Mal bei Wizzair einzuloggen. Nix da, das System will meine mir bekannten Passwörter nicht annehmen. Es will sie auch nicht zurücksetzen. Und es schickt mir nicht die von mir verlangten neuen Passwörter per Email zu. Blödes System. Ich bin der Verzweiflung nahe, während mein Onkel helfen will und Tomek mit einer Engelsgeduld daneben sitzt. Jacob kann sich ein Lachen kaum verkneifen, weil er die Situation urkomisch findet. Ich möchte den Laptop an die Wand werfen. Kleiner Spoiler: später, nachts um drei, werde ich es nochmal probiert haben und es wird wie von Zauberhand funktionieren. Verstehe einer die Technik…

Wir sitzen wieder auf unsere Aussichtsterrasse in unserem Hotel in Kutaissi, dort, wo die Reise begonnen hatte. Unser Abschiedsabend sollte es heute werden. Doch trotz der zwei Flaschen Wein, die bereits geleert auf dem Tisch stehen, will die Stimmung nicht so recht aufkommen. Ich blicke in nachdenkliche Gesichter. Ein letztes Mal das Lichtermeer von Kutaissi betrachten. Lange blieben wir nicht auf; die ersten von uns gehen früh zu Bett. Die ersten, das sind die Männer. Die Kids und ich bleiben noch länger wach und quatschen draußen auf der Terrasse bis spät in die Nacht. Zwischendurch schleichen wir uns durch das ganze Hotel, um vor dem Eingang auf der Hollywoodschaukel Platz zu nehmen und dort weiter zu quatschen. Wir jungen (ähm, ich bin jetzt mal so frei…) sind noch dazu in der Lage, die Nacht zum Tag zu machen und auf diese Weise so viel wie möglich aus der Zeit, die uns hier bleibt, herauszupressen.

„Na, wart ihr noch lange wach gestern?“ Fragt uns Tomek am nächsten Morgen vor dem Frühstück. „Man hat euch gehört…“

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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5 Kommentare

  1. Na da seid ihr ja endlich mal richtig baden gegangen 😅. Blöder Kalauer, ich weiß … Den Punkt, ab dem man nicht mehr aufnahmefähig und – willig ist für noch mehr Sightseeing, kenne ich nur allzu gut. Dann hängt man besser eine Runde ab. Und wenn die Gesellschaft dazu passt, umso besser 😎.

    1. says:

      Ich habe so den leisen Verdacht, dass die Badeeinheit für die Männer zum Wachwerden gedacht war. Was natürlich niemand zugeben würde 😉

      1. Wer will schon sein Gesicht verlieren 😁!

  2. Ein schöner Ausflug und ein schöner Ausklang am Strand. Der Abschied tut immer weh…
    Danke für die spannende Reisegeschichte der letzten Wochen Kasia.

    1. says:

      Dafür freue ich mich schon auf die Reisen, die noch kommen. Mit meiner Family sind wir ein eingespieltes Team. Es wird noch eine letzte Folge geben, dann verabschieden wir uns von Georgien 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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