Asien, Georgien

Regen in Batumi

„Teefelder in Batumi!“ Trällert mein Onkel im Auto vor sich hin, während der Regen gegen die Scheibe prasselt. „Kennt ihr es nicht, dieses alte, polnische Lied? Sehr bekannt.“ Wir, die jüngeren, schütteln den Kopf und werden wohl just in dem Moment als Kunstbanausen deklariert. „Wir müssen unbedingt schauen, ob es hier noch Teefelder gibt. Ein Foto von den Teefeldern. Das muss sein, wenn man einmal hier ist.“

„Aber Andrej.“ Sagt Jacob. Die Kinder nennen ihren Vater immer beim Namen. „Wo willst du denn jetzt hier Teebaumfelder suchen gehen?“

Tatsächlich lebt mein Onkel in dieser Hinsicht ein wenig in der vergangenen, sepiagelben Nostalgie. Georgien ist zwar das älteste Land in Europa, in dem Tee produziert wurde. Das feuchte, subtropische Klima der Region Adscharien, durch die wir gerade fahren, ist dafür perfekt. Größter Abnehmer, vor allem in der Sowjetzeit, war Russland. Und eigentlich waren die Russen auch die Initiatoren für den Teeanbau, denn der russische Zar suchte nach einer Alternative, um das wertvolle Gut nicht mehr langwierig über die Seidenstraße transportieren zu müssen. Die Alternative fand er hier. Zur Sowjetzeit wurde der Teeanbau in Georgien industrialisiert.

Doch so sehr wir uns auch anstrengen, so viel wir aus dem verregneten Auto starren, wir können auf unserem Weg nach Batumi kaum eine Teeplantage entdecken. Nach dem Ende der Sowjetunion brach auch die Teeproduktion ein. Die Felder wurden aufgegeben und verwilderten. Es sind längst andere Vorzüge, die Batumi über die Grenzen hinaus bekannt machen. Das „Las Vegas des Balkans“, so nennt sie sich heute und ist (oder war vor dem 24 Februar 2022…) ist ein beliebter Urlaubs- und Erholungsort für vorwiegend russische und muslimische Gäste, die sich dem Badeurlaub und dem Glückspiel widmen. Auch da letzteres in Russland und den muslimischen Staaten verboten ist, trägt zum Besucheransturm in den Sommermonaten bei.

Und dorthin sind wir jetzt unterwegs.

Nach einer weiteren Nacht in Kutaissi, in unserem längst vertraut gewordenem und heiß geliebten Vorstadthotel, schnüren wir unser Gepäck zu einem letzten Trip ins Unbekannte. Batumi ist nun unser Ziel, denn Batumi steht noch auf unserer Reiseroute. Und Batumi ist eine Reise wert mit seinem subtropischen Klima, welches Palmen, diverse exotischen Schlingpflanzen und unter anderem auch Tee wachsen und gedeihen lässt. Doch Batumi, der sonst so sonnige Badeort, versinkt heute im Wasser. Ein paar Freunde, so erzählt uns Tomek, die sich kurz vor uns hier aufhielten, bericheteten, dass an Sightseeing gar nicht zu denken war. Wie aus Eimern habe es geschüttet, und sie blieben im Hotel. Wir aber fahren hin und beschließen, das beste draus zu machen. Vielleicht haben wir Glück und vielleicht – aber nur vielleicht? – wird der Himmel für uns und nur für heute seine Schleusen schließen? Und wenn nicht, auch nicht schlimm – genügend Wein, um die Zeit zu überbrücken, haben wir dabei.

Als wir reinfahren in den schönen Kurort, sieht es nicht gut aus. Das üppig wuchernde Grün und die riesigen Palmen, die ganze Uferpromenade samt ihrer glitzernden Wolkenkratzerskyline, alles versinkt im Regen. Das nasse Bild hinter den Scheibenwischern wirkt ein wenig trostlos. Schade, denn sicherlich wäre der Ort interessant gewesen. Allein der 1912 gegründete Batumi Botanical Garden, der sich auf einer Fläche von 110 Hektar erstreckt und in dem exotische Pflanzen nur so wuchern in ihrem triefenden Grün. Und den wir leider nicht besuchen werden – zu nass. Doch es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung (Bullshit, natürlich gibt es schlechtes Wetter!); so frimmel ich noch im Auto meinen bombenfesten, kompakten Regenmantel aus dem Rucksack und bin für die Gießkannen da draußen gerüstet.

Die kurze Strecke zwischen Auto und Hotel überwinden wir rennend. Regenmantel hin oder her.

Glücklicherweise ist unser Domizil auf Zeit schick und gemütlich. Es liegt zentral; so können wir von unserem Balkon aus einen Blick auf die verregnete Skyline werfen. Der astronomische Glockenturm, eine der Sehenswürdigkeiten Batumis, erhebt sich einsam über den nass glänzenden Dächern. Die Lobby und jedes einzelne Stockwerk ist mit schweren, barock gehaltenen Sesseln und Couchen bestückt und an den Wänden hängt Kunst. Sobald wir oben unsere Sachen abgelegt haben, schleiche ich herunter und bewundere die Kunst. Es handelt sich dabei um Manga-Zeichnungen verschiedenster Art, mit leichter Hand und viel Talent, oder auch Übung gefertigt. Während ich auf leisen Sohlen umhergehe und die Bilder in Augenschein nehme, taucht der Besitzer des Hotels auf, der gerade dabei war, im angrenzenden Wohnzimmer mit Bekannten einen Tee zu trinken. Er erklärt mir nicht ohne Stolz, dass die Bilder der Hand seiner Tochter entstammen. „Sie studiert Kunst.“ Sagt er.

Zurück auf unseren Zimmern. Wir treffen uns alle im größeren – da zahlenmäßig überlegen – „Männerzimmer“. Mit gewichtigem Gesicht trägt mein Onkel die übriggebliebene Flasche Wein an den Tisch, die wir noch Tage zuvor bei der freundlichen Straßenverkäuferin in Signagi erstanden haben. Ich erinnere nur an die Verkostung um neun Uhr morgens.

Gut, es ist Mittagszeit, doch zu essen haben wir nicht wirklich was dabei. Die übrig gebliebenen Süßigkeiten vom Markt werden hervorgekramt. Zum Wein sind sie… ausgezeichnet, in Ermangelung von Alternativen. Völlig frei vom Stil wird der gute Trunk aus einer Plastikflasche in Teegläser gegossen, die mein Onkel irgendwo im Hotel aufgetrieben hatte. Das nenne ich Ambiente. Sowas geht nur mit guten Freunden. Draußen schüttet der Regen und verhüllt die Skyline, also trinken wir uns den Tag schön und uns selbst fröhlich. So fröhlich, dass wir schon bald, dem Wetter zum Trotz, zum Aufbruch bereit sind. Da scheint uns nicht einmal der Niederschlag mehr viel auszumachen, außerdem hat sich dieser zu einem feinen Tröpfeln zurückentwickelt. Regenmantel an und los geht es.

Wir trinken uns den Tag schön

 

Batumi, das Disneyland

Die zweitgrößte Stadt Georgiens und Hauptstadt der autonomen Region Adscharien erinnert ein wenig an eine Mischung aus mondänen Bade- und Kurort und Disneyland. Der Disneyland-Eindruck verstärkt sich beim Blick auf die aufragenden, abenteuerlich schrillen Türme der Stadt, während der Kurort-Charakter eher in den kleineren Seitenstraßen und Gässchen zu finden ist. Wir entdecken geschnörkelte Balkone, Schein-Säulen an den Fassaden und hier und da ein wenig Streetart. Hier, in der Altstadt, wo wir uns praktischerweise niedergelassen haben, reiht sich Hotel an Hotel. Die Gebäude spiegeln sich in den nassen Fliesen des italienisch anmutenden Piazza Square, und verwaiste Biergärten und leere Restaurants laden (nicht) zum Verbleiben ein. Einzig im Schutz von geräumigen Kolonnaden sitzen die wenigen Gäste an ihren Tischen.

Die St. Nikolaus Kirche bietet sich für einen Besuch an, also nehmen wir diese auch mit – nicht im Handgepäck, sondern im Form von Bildern des in tiefem Blau gehaltenen Altarraumes. Kirchen haben wir in Georgien schon weiß Gott viele gesehen. Überhaupt unterscheidet sich diese Stadt in ihrem Stil und ihrer Stimmung so sehr von anderen Städten dieses Landes, die wir bisher besichtigen durften. Sie könnte, geht man von ihrem vordergründigen Badeort-Charakter aus, genauso gut irgendwo an der Ostsee stehen. Oder in Aserbaidschan, wenn man die leicht ins Kitschige abdriftende Skyline betrachtet.

Wir können es kaum glauben, doch der Regen hat wirklich aufgehört. Schnell versickert das Wasser im betonierten Boden; für schöne Spiegelbildaufnahmen bleibt nicht viel Zeit. Überhaupt rufe ich einige Verwunderung bei meinen Mitreisenden hervor, wie ich mich so auf den Boden hocke und mein Smartphone in die Regenpfützen halte.

An der Promenade ist wenig los. Angeleinte Fischkutter schaukeln am Steg am Ufer des Schwarzen Meeres. In dunkles Neopren gekleidete Männer räumen gerade einen solchen Kutter aus – und verstauen die großen, weißen Säcke mit ihrem fischigen Inhalt völlig schmerzbefreit im Kofferraum eines Kleinwagens. An der Promenade – die üblichen Stände mit klein geschnittenem Obst in Plastikbechern to go. Grapefruits stapeln sich in der Auslage. Seltsam, dass, obwohl Georgien über die Grenzen hinaus bekannt für ihre Grapefruits ist, wir selbige bislang nur an touristisch frequentierten Orten und zu horrenden Preisen entdecken konnten. So hätte uns ein Becher Grapefruitsaft in Tiflis umgerechnet fünf Euro gekostet – so dringend mussten wir den auch wieder nicht haben.

Obwohl die grauen Wolken noch tief hängen, werden langsam die umliegenden Hügelketten der Region Adscharien mit ihrem Mtirala Nationalpark sichtbar. Widerwillig ziehen sich die nebligen Schleier zurück, nur für uns. Sicher, Batumi hätte noch so viel mehr zu bieten – doch hauptsächlich sind wir zum Entspannen hier, und um die Reise ausklingen zu lassen. Die Souvenirverkäufer schauen uns sehnsüchtig hinterher – viel Kundschaft werden sie die Tage nicht mehr haben. Die Badesaison geht unwiederbringlich zu Ende – für dieses Jahr.

Opulent erheben sich die fantasievollen Hochhäuser zur unserer linken. An Batumi fallen einige Bauten verstärkt ins Auge, das still stehende Riesenrad, welches gerade keine Gäste befördert, nicht mit einbezogen.

Zum einen wäre da die Ali und Nino Skulptur, die sich, kaum sichtbar fürs Auge, ständig in Bewegung befindet. Sie besteht aus zwei Figuren, einem stilisierten Mann und einer stilisierten Frau. Die beiden sind auf einem Podest befestigt, welches sie langsam zueinander driften lässt, so dass sie schließlich nach 20 Minuten wie Liebende in einer innigen Umarmung verschmelzen. Ein schönes Schauspiel, der Besucher mit seiner Symbolkraft begeistert. Es beruht auf einem bekannten Roman des Aserbaidschanischen Autors Kurban Said und handelt von der Liebe eines muslimischen Mannes und einer georgischen Prinzessin. Die beiden wurden ein Paar und trotz der Unterschiede, die überwunden werden mussten, heirateten sie. Doch die Invasion Russlands in der Sowjetzeit trennte sie schließlich, denn Ali starb im Krieg. So ist die Skulptur ein Synonym für das Zueinanderfinden und das getrennt werden zweier Menschen, für eine von vielen ungezählten Geschichten, die sich tagtäglich auf der Welt ereignen.

Die Skulptur „Ali & Nino“
Alphabetic Tower

Dann der Alphabetic Tower mit der funkelnden Kugel, der nachts bunt leuchtet. Auf ihm flimmern georgische Schriftzeichen in der Doppelhelix der menschlichen DNA, und später entdecke ich – sie ist kaum zu sehen, doch sie ist da – die illuminierte Georgienflagge. Der Turm ist einzig zu diesem Zweck errichtet worden – um die georgische Schrift zu ehren. Na wenn das nicht ein wenig dekadent ist…

Und dann gibt es da noch den 25 Meter hohen Glockenturm, den Chacha-Clock, der dem hochprozentigen Trunk gewidmet ist. Von Georgien nur das Beste. Irgendwo werde ich später nachlesen, dass es um jeden Tag um 19 Uhr am Chacha-Clock Chacha for free geben soll. Ach hätten wir das früher nur gewusst…

Nachdem die Erdölpipeline aus Baku hierher verlegt und das Rohöl in einer Raffinerie nahe des Hafens verarbeitet wurde, erfuhr die Stadt einen investitionsbedingten Aufschwung. Die Ähnlichkeit der kitschig leuchtenden Gebäude erinnert nicht zufällig an die Metropolen großer Ölstaaten. Es kamen Investoren aus Kasachstan, Aserbaidschan und der Türkei. Von diesem Geld genährt wuchs die Promenade und der Tourismussektor wurde kräftig ausgebaut. Vor allem ab 2013 erfuhr der Ort einen enormen Wachstumsschub, die Hochhäuser schossen aus dem Boden wie Bambus in den umliegenden Wäldchen. Georgien hat wie kein anderes Land sehr liberale Gesetze, was den Aufenthalt und Investitionen betrifft. Besonders Glücksspiel wird aktiv gefördert. Kann ein Hotel mehr als hundert Betten nachweisen, erhält es eine Glücksspiellizenz gleich mit dazu.

Was hier noch beschaulich anmutet, ist die halbwegs ruhige Altstadt.

Wir machen einen Schlenker und gelangen zu einem Park, üppig und saftig grün. Bäume und Palmwedel spenden hier Schatten an heißen Tagen und abseits der Wege wächst ein dichtes Bambuswäldchen. Ich kann mir Batumi als die sonnige Metropole – die sie ja eigentlich ist – lebhaft vorstellen.

Der Hunger rückt uns zur Leibe – der Mensch kann nicht nur von Wein und guter Gesellschaft leben. Wieder etwas zentraler in der Altstadt lassen wir uns diesmal nicht, wie sonst, in einem georgischen Lokal nieder. Wir sind in Batumi, wir wollen Fisch. Doch nach der Besichtigung von zwei oder drei Restaurants und der fachkundigen Begutachtung der Ware (die Angestellten müssen uns wohl für snobistisch gehalten haben) entscheiden wir uns für… türkische Küche. Für meine Leutchen ein Novum, für mich reine Wiedersehensfreude. So erkläre ich meinen polnischen Brüdern und Schwestern, nicht ohne ein gewisses Gefühl der weltmännischen Überlegenheit, wie eine Lahmacun richtig gegessen wird. Und zwischen zwei Bissen schwärme ich ihnen von meiner multinationalen Wahlheimatstadt Mannheim vor, wo gleich bei mir um die Ecke der beste Dönermann weit und breit das Eck mit fleischlastigen Köstlichkeiten versorgt.

Wir werden später noch einmal losziehen, wieder alle gemeinsam, um die schillernde Skyline am Meer bei Nacht zu erleben.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

5 Kommentare

  1. Nun, ich hätte an Batumi garantiert meine helle Freude! Wettertechnisch hattet ihr ja wenigstens noch Glück im Unglück. So konntet ihr ja dann doch noch ein wenig umherziehen als Kontrastprogramm zum Schön-Trinken im Hotel 😅. Das Titelfoto mit der Spiegelung finde ich klasse! Du machst das natürlich absolut richtig: je weiter runter man die Kamera oder das Handy hält, desto mehr Spiegelung kriegt man zu sehen. Alte Fotografen-Weisheit 😁.

    1. says:

      Batumi war wirklich gnädig zu uns, wenn man bedenkt, wie es sich bei unserer Ankunft präsentiert hat 😉 So wurde es zu einem der glücklichsten Tage (Nächte??) der Reise.

  2. […] Und dass solche Ansichten eher in Baku denn hier zu erwarten wären (warum das so ist, habe ich im vorherigen Beitrag bereits erwähnt). Irgendwo hinter uns gibt es ein […]

  3. Ich hätte nie gedacht, dass dort früher Tee angebaut wurde. Eine sehr große Umstellung von Tee auf Glücksspiel 🙂 Aber ja, angesichts des aktuellen Krieges wird das auch viel weniger sein.
    Danke, dass du uns auch diese ganz andere Seite von Georgia gezeigt hast. Diesmal weniger oder gar keine Natur sondern mehr Kultur.
    Schade von das Wetter.

    1. says:

      Das mit dem Tee war mir früher auch nicht bekannt, aber aufgrund des Klimas macht das ja Sinn. Batumi ist so anders als der Rest Georgiens, vor allem ist es ein großer Kontrast zum Kaukasus, aus dem wir gerade kamen. Das Wetter hat letztendlich nicht viel ausgemacht, denn wir hatten trotzdem eine schöne Zeit dort – es wird noch eine Fortsetzung der Geschichte geben 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.