Das große Fressen – Haifütterung auf den Malediven

Kategorien Asien, Malediven

Das Wasser um die Insel herum ist flach, sehr flach. Bis zu 500 m weit reicht es mir nur bis zu den Waden. Süße Minikrabben rennen blitzschnell über den Sand, ein Einsiedlerkrebs hat sich schnell in seiner Muschel versteckt. Aufpassen muss man auf die Stachelrochen, die sich im warmen, flachen Sand des Meerbodens eingraben. Ich google Stachelrochen – die Wunden, die sie zufügen können, sind alles andere als schön. Sie stechen blitzschnell zu.

Unser Raumpfleger Muhamad kommt aus Bangladesch. Da fragt ihn Tante Kasia natürlich gleich mal aus. Bangladesch ist, man glaube es kaum, ein schönes Land mit ausgedehnten Nationalparks, vielen Flüssen und Wasserstraßen. Es ist im Delta der Flüsse Ganges, Meghna und Jamuna gelegen. Es ist reich an üppigen Wasserlandschaften und einer reichen Fauna und bietet weit mehr als nur die Kleiderfabriken, von denen alle Jubeljahre mal wieder eine den Menschen auf den Kopf stürzt.

Die Malediven mit ihren Korallenriffen sind nicht überall nur das Paradies. Während Expats wie Muhamed aus Bangladesch, Sri Lanka und den umliegenden Ländern als günstige Arbeitskräfte ins Land kommen, herrscht unter den Einheimischen eine hohe Arbeitslosigkeit – Arbeiter aus dem eigenen Land einzustellen lohnt sich kaum, da ein Maledivier einen höheren Lohn bräuchte um seine Lebenskosten zu decken. Auch fällt es für viele Sektoren schwer, geeignete, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Kriminalität und die Bildung von Jugendbanden, vorrangig in der Hauptstadt Male, sind die Folge.

Mein erster Schnorchelversuch ist ein Fehlschlag.

Stefan hat die Faulheit für sich entdeckt und okkupiert die hauseigene Liege vor unserem Bungalow. Der einzige Moment, in dem sichtbares Leben in ihn tritt, ist dann, wenn das Mittagessen ruft – dann springt er auf und läuft drauf los, als hätte ihn eine zweite Jugend ereilt.

Und mir ist zunehmend langweilig. Ich werde zunehmend unruhig. Dann packe ich meine Schnorchelausrüstung zusammen und laufe los, barfuss über den weißen, weichen Sand bis hin zum ausgewiesenem Schnorchelspot.

Das eigentliche Riff ist zu weit von der Insel entfernt und die Strömung stark, so bleibe ich bloß unweit vom Ufer und gleite mit der Strömung über den blauweißen, kahlen Grund. Viel zu sehen gibt es hier nicht. Interessant wird es erst, als ich das Meer verlasse – im flachen, seichten Wasser der kleinen Einbuchtung sehe ich kleine Babyhaie. Sie schwimmen mit der Strömung und lassen sich bis fast an den Strand treiben. Sie ziehen entlang der Wasserlinie und manche von ihnen scheinen mir zu folgen. Wahrscheinlich haben die Haie mit der Zeit gelernt, dass dort, wo Menschen sind, auch mit Futter zu rechnen ist.

Ein älteres Paar läuft an mir vorbei und ich zeige ins Wasser. „Baby-Shark!“
„Oh yes.“ Sagt der Mann. „There are a lot of them. The first time here?“ Wie süß, wird er sich gedacht haben – das erste Mal hat sie einen Hai gesehen. Er erzählt mir, dass auf der anderen Seite der Insel täglich abends um halb neun eine Haifütterung stattfindet. „Dann kommen die ganz großen. Aber schnorcheln ist da nicht erlaubt…“ Daher wissen die Tiere also Bescheid, denke ich mir. Den Zusammenhang zwischen Mensch und Fressen haben die kleinsten bereits erkannt.

So, jetzt war Kasia also offiziell mit den Haien schnorcheln. Na ja, technisch gesehen war ich zwar bei der Sichtung des ersten Tieres nicht mehr unter Wasser, aber irgendwo werden auch während meiner Schnorcheleinheit kleine Haie um mich herum gewesen sein. Gaanz sicher.

Als ich wieder an unserem Bungalow ankomme, macht ein tiefenentspannter Stefan gerade die Augen auf.

Am Abend beginnt es zu regnen. Nein, es regnet nicht. Das Wasser fällt urplötzlich kübelweise vom Himmel herunter. „Ich dachte zuerst, ein Flughund hätte mich eingepinkelt.“ Sagt Stefan. Wir sitzen da auf der Terrasse und schauen uns von hier aus den Regen an. „Das Korallenriff hatte ich vorhin beim Schwimmen gesehen.“ Erzählt Stefan später. „Es ist sehr weit draußen und fünf Meter hohe Wellen schlagen dagegen.“

Der erste Tag auf den Malediven. Ich poste Bilder und alle sind neidisch. Die Strände sehen traumhaft aus, die Sonne, die Idylle, das Wasser. Doch ist man vor Ort, wird alles mit einem Mal greifbar. Hier stellt man sich nicht mehr vor, wie es wohl wäre, wie es sein könnte. Hier verlieren die Bilder den Glanz des Unbekannten, hier zerplatzt jede Vorstellung, jede Geisteskraft, die wir in diesen Ort hineinlegen. Er wird zu etwas irdischem. Denn der Sand, möge er auch noch so weich sein, besteht auch nur aus Körnchen, das Wasser, egal wie warm, ist auch nur Wasser und die Sonne hat eine solche Strahlkraft, dass sie deine Haut ohne weiteres verbrennen kann. Alles, jeder Ort, ist nur aus irdischen Dingen gemacht und eine Reise dorthin lässt die Träume zerplatzen. Denn man lernt über sich mehr, als einem lieb ist, man lernt, was man braucht. Es wird nie so sein wie in der Fantasie, nichts ist so schön wie die Kraft der Vorstellung. Keine echte Liebe reicht an die Träume heran, die man von ihr hat. Doch sie ist reell und manchmal kann das reelle eine beruhigende, vertraute Wirkung haben. Reelle Dinge geben Sicherheit.

Deshalb reise ich. Ich will nicht träumen, so schön das auch ist. Ich will das Greifbare, das Echte.

Ich bin wieder einmal zu dem Schluss gekommen – ja, es ist ein Paradies. Ja. Doch wenn man mich fragen würde, ob ich hier leben möchte… Kurz sehe ich mich vor dem inneren Auge jeden Abend hier draußen sitzend, dem Meeresrauschen, dem Klang der Wellen zuhörend, umgeben von sonnengetränkter, warmer Luft… Wenn jeden Morgen die Sonne aufgeht und man nicht mehr sehnsüchtig darauf warten muss, dass mal ein schöner Tag kommt… kein Warten auf schönes Wetter, nein, das schöne Wetter küsst dich schon, während du aufwachst… Ob ich hier leben möchte? Nein. Denn auch die Menschen, die hier leben, arbeiten hart, um überleben zu können. Natürlich sind die Grundvoraussetzungen für Europäer mit Grundkapital etwas andere, aber dennoch… selbst wenn ich einen Job annehmen würde, sagen wir, Kellnern für Kost und Logis – da hätte ich keinen Bock drauf. Wenn ich schon an einem solchen Ort bin, dann will ich ihn genießen, entspannt und mit vollen Sinnen, auch wenn dies bedeutet, dass diese Tage hier bald enden werden.

Ja, wir haben uns bewusst für diese Option entschieden; keine Local Island. Wir wollten es, diese gelungene Illusion vom Paradies. Normalerweise bin ich gerne nahe am Geschehen, nahe an den Menschen und ihrem Leben, doch diesmal wählte ich diesen perfekten Traum.

Zwei große Krabben laufen quälend langsam vor uns durch den Sand.

 

Die Haie

Die Haie hatten schon gewartet.

Der Steg ist flankiert mit tausend flackernden Lichtern. Die orangenen Flammen der kleinen, elektrischen Lämpchen beleuchten die gleichmäßigen Bretter. Vereinzelt laufe vor mir Menschen, nur schemenhaft zu erkennen. Der Mond ist eine gelbe, flache Sichel, die fast schon im Wasser versinkt. Es geht ein kühlender Wind, der Geruch von frischer, klarer Luft und salzigem Fisch dringt an die Nase, der typischer Geruch von Meeresluft. Der Blick nach oben erfasst das Funkeln der Sterne. Der Himmel ist klar, so klar. Nichts trübt die Gedanken.

Und da, im dunklen Wasser der erste, längliche, schwarze Schatten. Die Haie sind schon da.

Am Steg haben sich ein paar Zuschauer versammelt.

Am Ende des Steges – ein leuchtend blauer Streifen. Das Wasser um den Fähranleger herum ist beleuchtet, ein einzelner Reiher steht grazil am Rande, ohne sich im Geringsten an den ihm umringenden Menschen zu stören. Hier und da leuchtet ein Blitz der Handykamera auf.

Alle harren der Dinge, die da kommen mögen. Die Haie kreisen unruhig in oberschenkeltiefem Wasser. Unter ihnen schieben sich graue Stachelrochen über den sandigen Grund. diese sind nicht mehr tellergroß, das sind schon eher Flachbildschirme. Die Riffhaie sind etwa einen Meter lang.

Die ersten Fischhappen werden ins Wasser geworfen und es beginnt, zu brodeln. Die aufgeregten Menschen zücken ihre Handys. Die Riffhaie stürzen sich auf die blutigen Fischstücke, kämpfen miteinander, drängen aneinander vorbei. Hier hat Hai keine Freunde mehr, hier ist sich Hai selbst der Nächste.

Auch kleinere Fische schleichen umher, doch sie werden nicht von den Haien belästigt. Ich würde es an ihrer Stelle genauso machen: wieso soll Hai Fische jagen, wenn ihm frische, bereits tote Fischhäppchen direkt ins Maul fliegen?

Am Ende wird das restliche Blut ins Wasser geleert. Sofort stürzen sich die Jäger darauf, suchen nach dem vermeintlichen, verletzten Tier. Sie sind schön, die Haie – schön, geschickt, anmutig, lautlos und kalt. Und pfeilschnell.

Ich muss zugeben, ich habe die Show genossen, doch das Anfüttern der Haie ist nicht unproblematisch. Riffhaie sind normalerweise harmlos, doch schnell beginnen die Tiere, Menschen mit dem Vorhandensein von Futter gleichzusetzen und verlieren jegliche Scheu. Und wie reagiert ein hoffnungsvoller, hungriger Hai, wenn er zwar auf Menschen, aber nicht auf Futter trifft? Interessantes dazu gibt es von www.sharkproject.org

„Deswegen soll man nicht zu weit vom Strand entfernt schwimmen.“ Sagt eine Urlauberin hinter mir. Und ich hoffe inständig, dass mich niemand aus Versehen jetzt ins Wasser schubst.

Später am Abend nehme ich Stefan an die Hand und ziehe ihn vom bequemen Liegestuhl. „Komm, es wird dir gefallen.“ Dann sitzen wir am Steg, als alle anderen schon gegangen sind, und beobachten die Fische unter uns. Riesenhafte Rochen gleiten wie Schatten im Wasser dahin. Noch immer umkreisen einzelne große Haie den Steg. Stefan ist fasziniert.

Wir setzen uns auf eine Liege und lassen den kühlenden Wind unsere Köpfe umschmeicheln. Hier lässt es sich aushalten, die Hitze des Tages lässt sich am Abend am besten vertreiben. Ich habe mich schon so sehr an die Wärme gewöhnt, dass mir die kühle Luft gerade noch annehmbar erscheint. Noch nicht zu kühl. Gerade noch annehmbar.

Ich könnte das ewig machen – einfach nur dasitzen und in den sanften Wellen den Fischen am Meeresgrund zusehen. Noch nie hat eine Zigarre so gut geschmeckt. Und ich habe meinen entspannten Stefan wieder, der neben mir die Augen schließt. Von der Insel dringen zu uns die sanften, stimmungsvollen Klänge eines Songs von Metallica. Immer wieder springen kleine Fische aus dem Wasser, leuchten kurz auf wie silberne Lichter, um dann wieder in die Tiefe zu tauchen. Ein mächtiges, stetiges Rauschen begleitet uns. „Hörst du dieses laute Geräusch, das sich anhört wie ein Güterzug? Das sind die Wellen, die gegen das Riff schlagen.“ Oh.

Wir laufen zurück, als die Müdigkeit siegt. Schließlich wollen wir ja nicht „bei den Fischen schlafen“. Schon ab der Hälfte des Steges zieht zu uns der süße, blumige Duft der Insel, der Duft nach Jasmin.

 

Zur Haifütterung:

Es handelt sich hierbei um Riffhaie der Art Schwarzspitzenriffhai. Der Schwarzspitzenriffhai ist ein sanftmütiger Zeitgenosse mit starken familiären und sozialen Bindungen. Er wird bis zu 2,5 Meter lang und kann einen Tropfen Blut auf eine Million Liter Wasser riechen. In der Regel greifen diese Haie keine Menschen an, außer wenn sie sich bedroht fühlen. Das menschliche Blut ist für Riffhaie uninteressant, da es zu viel Zucker enthält. 

Häufig kann man insbesondere die jungen Exemplare im flachen Wasser antreffen, da sie dort zum Jagen kommen. Überrascht man einen Hai im Wasser, so wie Stefan einen Tag später („Sooo… ein Riffhai!“ An dieser Stelle eine ausladende Handbewegung – „Schwimmt direkt auf mich zu. Ich weiß nicht, wer sich mehr erschrocken hat, ich oder der Hai.“), tritt er normalerweise den Rückzug an. 

 

Unbeauftragte Werbung

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

8 Gedanken zu „Das große Fressen – Haifütterung auf den Malediven

  1. Hi Kasia
    Ich mag Deine Art zu schreiben sehr.
    Mit den Malediven habe ich eigentlich gar nichts am Hut, doch die Headline hat mich neugierig gemacht. Toller Post.
    Liebe Grüße, bitte weiter so, Diane

    1. Liebe Diane,
      vielen Dank für das Feedback, das freut mich sehr! Auf den Malediven war ich total tiefenentspannt und hatte Zeit, alles genau aufzunehmen. Ich freue mich immer, wenn ich auf diese Weise Menschen erreichen kann.

      Liebe Grüße
      Kasia

  2. Jaahh, Haie faszinieren mich auch immer wieder, deshalb meide ich auch das Meer eigentlich. Wunderschöne aber doch sehr gefährliche Tierchen. Da möchte ich nicht gerne die sein, die da mit im Wasser schwimmt …
    In Marokko Habenseite sie auch, etwas größere. Wissen auch die Wenigsten ….

    Und zu den Malediven. Ich war dort noch nicht aber jedes Land ist auch nur ein Land wie alle anderen auch. Auch das Paradies hat seine Schattenseiten, kann einem irgendwann auf den Zwirn gehen.

    Ich denke alles, was wir aus unserer gewohnten Umgebung nicht kennen ist sehr interessant und wir müssen es uns unbedingt anschauen. Dieses klare türkise Wasser, die endlosen Sandstrände und kleinen Bungalows sind schon was feines. Ja. Aber das dort Haie im Wasser schwimmen die auch hungrig sind, diese Nebenwirkung erfährt man meistens erst vor Ort.

    LG,
    Nadine

    1. Hallo Nadine,

      die Haie waren für mich noch das Interessanteste an der Sache, ansonsten muss ich sagen: so schön es auch war, ein bisschen habe ich mich irgendwann gelangweilt 🙂 Ja, man glaube es kaum, Traumstrände, Traumwasser, Traum-alles und Kasia langweilt sich, das konnte meine bessere Hälfte so gar nicht verstehen 🙂 Ich bin halt so ein Mensch: egal, wie toll die Umgebung ist, ich schaue mich um und denke mir, ja, schön… WAS GIBT ES NOCH? „Spannend“ kommt bei mir noch immer vor „schön“. Glücklicherweise habe ich einen Schnorchelausflug und einen Trip zu den Local Islands angeleiert und so konnten wir uns anschauen, wie die Menschen dort tatsächlich leben… Die Großstadt Male würde mich noch interessieren, wahrscheinlich haben mich die Malediven nicht zum letzten Mal gesehen…

      Liebe Grüße
      Kasia

  3. Auf die Malediven möchte ich auch mal, einfach weil es so perfekt zu sein scheint. Schön geschrieben auf jeden Fall. Ich finde aber die Hai-Fütterung total unmöglich und unnötig. Aber das Problem hast du eh schon selbst beschrieben 🙂 Schöner Beitrag auf jeden Fall!
    Liebe Grüße
    Dorie von thedorie.com

    1. Vielen Dank,liebe Dori! Das Problem ist oft, dass Unwelt- bzw. Tierschutz nur in Kombination mit zahlenden Kunden funktioniert, leider. Häufig werden nur dann Riffe und Meerestiere unter Schutz gestellt, wenn sich damit Umsatz machen lässt. Deshalb ist das Ganze so eine Grauzone, bei der ich nicht wirklich weiß, wie ich dazu stehen soll. Wirklich gut finde ich die Fütterungen auch nicht…

      Die Malediven sind so ein perfekter Traum, zumindest wenn man auf den Resortinseln ist. Aber auch die Local Islands sind sicher einen Besuch wert, da ist man näher am echten Leben dran. Auf jeden Fall lohnt es sich, in der Nebensaison zu buchen, da ist meist noch ziemlich gutes Wetter und nicht so voll. Und gut eincremen, die Sonne brennt hier ordentlich!?

      Liebe Grüße
      Kasia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.