Deutschland, Europa

Eulschirbenmühle – Liebesgeschichte der Melusine

Die Piste wird immer enger. „Ich glaube, wir dürfen da nicht lang fahren.“ Sagt meine Freundin, doch ich schüttle entschlossen den Kopf. „Mein Navi ist der Meinung, das hier ist der richtige Weg.“ Meine Freundin seufzt. Über verschlafene Dörfer, die kaum Leben aufweisen, gelangen wir auf eine Schotterpiste. Unbeirrt zeigt mir die Navigation: du bist richtig. Die kleinen Steinchen spritzen unter den Autoreifen weg, danach wird es staubig. Wir vertiefen uns im Wald.

Pferde mit Reitern kreuzen unseren Weg. Ein paar Radfahrer schauen uns grinsend hinterher. Ich winke hinter der Scheibe und wir lachen und scheckig. Jetzt sind wir nun mal hier, wenden ist nicht mehr drin. Felder voller Sonnenblumen ziehen an uns vorbei.

 

Wie die Legendensuche begann…

Unterwegs im schönen Taubertal haben wir uns an diesem Morgen entschlossen, ein paar Legenden nachzujagen. Und nachdem wir in Uissigheim dem Ritter mit dem Schwert an der Kehle einen Besuch abstatten, steuern wir nun zielentschlossen die Eulschirbenmühle an. Denn auch um diesen leicht skurrilen Bau ranken sich Legenden. Nur muss die Mühle zunächst einmal erreicht werden. Und ich bin selbst überrascht, wie sich die Lage entwickelt.

Quer durch die erwähnten, schlaftrunkenen Orte gehts hinauf aufs Feld. Die Piste erinnert an Radwege denn an eine zu befahrene Straße; eng ist sie und unübersichtlich, doch wir sind an diesem Samstagmorgen weitestgehend alleine unterwegs. Kein Schild deutet auf einen Rad- oder Privatweg hin, also ziehe ich zielstrebig weiter. Bis es noch enger wird.

Der „Radweg“ wird zu einer Schotterpiste, wie ich sie eher aus Namibia denn aus Deutschland kenne. „Ja, da entlang, hier bist du richtig.“ Spricht mein Navi zu mir. Natürlich spricht es nicht wirklich. Ich habe die Stimme auf „stumm“ gestellt. Dafür spricht meine Freundin umso mehr und verleiht ihrer Sorge Ausdruck. Nachdem ich auch hier den „stumm“- Knopf finde, seufzt sie nur noch resigniert auf.

Mir wird die Komik der Situation nach und nach bewusst. Im Schritttempo ziehen wir entlang von etwas, was wie ein Waldweg für Fußgänger aufwartet, danach über Feld und Wiesen, die mit Sonnenblumen übersät sind, irgendwo im tiefsten Franken, wo man doch eher solche Straßen… na ich sag mal: nicht in Deutschland vermuten würde. Jeder, dem wir auf unserem Weg begegnen, wird mit einem „ich weiß genau, wohin es geht“- Gesicht begrüßt. Das Kennzeichen weist uns als irre Touristen aus.

Gern hielte ich an den malerischen Sonnenblumen an, doch die bei unserem Anblick suffisant grinsende Radfahrergruppe bringt mich schnell von meinem Vorhaben ab. Lieber schnell weiter. Ich will schon zweifeln, doch dann, als wir den Wald verlassen, sehen wir sie. In der Sonne steht sie da und sticht mit seinem… was ist das bitte für ein Baustil? …aus der Umgebung heraus. Die Mühle wirkt wie jemand, der mehr hermachen möchte als er ist. Aber darauf gehe ich später näher ein.

Als ich das Auto abstelle, ist es mit einer dicken, grauen Staubschicht bedeckt.

 

Die Eulschirbenmühle

Wir sind über die Navigation ans hintere Teil des Hauptgebäudes dirigiert worden. Die Mühle befindet sich im Privatbesitz, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und im Nachhinein stellt sich die Frage, ob wir dort hätten anhalten dürfen. Aber niemand nimmt Notiz von uns.

Langsam nähern wir uns dem Gebäude. Gleich nebenan plätschert tiefgrün die Tauber und tausend Legenden ziehen mir durch den Kopf. Na, eigentlich eine Legende, und zwar die gestern auf der Gamburg gehörte: die Legende von Melusine.

Kurz bevor die Tauber einen Knick nach links macht, liegt die kleine Siedlung Eulschirben. Sie besteht aus nicht mehr als ein paar wenigen Häusern und einem großen Hof, und die Zufahrt zum weiteren Teil der Siedlung ist durch einen parkenden Wagen mit Anhänger versperrt. Hier werden wir nicht herauskommen können, wir müssen denselben Weg zurück, den wir gekommen sind. Als wir zwischen den Häusern hindurch streifen, sagt mir das Gefühl, es sei besser, wenn sich niemand für uns zu interessieren beginnt. Von irgendwoher bellt ein Hund.

Eulschirben wird bereits im 13 Jahrhundert erwähnt. Und auch die Mühle selbst gibt es fast genauso lange; sie gehörte zu den Besitztümern vom nahe gelegenen Kloster Bronnbach. Doch bezeichnender Weise, nachdem sie auf das Geschlecht der Rosebergs überging, war sie ab dem 16 Jahrhundert im Besitz der Gamburg; heute noch lassen sich an der Mühle die Wappenzeichen der Gamburg entdecken.

Graf von Kronenberg war es, der das verzierte Hauptgebäude der Mühle errichten ließ. Und um dieses Gebäude, um jenen Grafen und um einen Wassergeist, der in Form einer schönen Frau erschien, dreht sich die Legende.

 

Die Sage von Melusine

Einst wurde die Mühle von einem fleißigen Mühler betrieben. Der Mühler hatte eine schöne Magd, ihr Name war Melusine. Eines Tages machte der Graf von Gamburg, müde von der Jagd im nahe gelegenen Wald, Rast an der Eulschirben-Mühle. Während er rastete, erblickte er die schöne Melusine. Er folgte ihr und sah, wie sie in den Fluss sprang und sich in eine Nixe verwandelte. Anstelle ihrer Beine trat ein Fischschwanz zutage. Der Graf versteckte währenddessen ihre Kleider und seitdem gehörte Melusine ihm.

Er verbrachte mit ihr viele schöne Stunden in der Mühle. Für seine Geliebte baute er das reich verzierte, schlossähnliche Gebäude, denn seiner Schönen solle es an nichts mangeln. Doch das Verhältnis blieb in solch einem kleinen Dorf nicht unbemerkt; die Leute tratschten, die Gräfin bekam Wind von der Sache und schäumte vor Wut.

Laut Legende war es der Müller, dem es schließlich zu bunt wurde. Er suchte Hilfe beim Bischof.

Der Bischof gab dem Müller ein mit Wachs versiegeltes, geweihtes Papier und empfahl ihm, zu warten, bis die schöne Melusine wieder in die Tauber ging. Gesagt, getan; als das Mädchen in der Tauber badete, kam der Müller aus seinem Versteck und legte die Schriftrolle auf der letzten Treppenstufe ab. Melusine wollte dem Wasser entsteigen, entdeckte das Papier und tauchte in der Tauber unter. Niemand hat sie je wieder gesehen. Lange suchte der verliebte Graf nach ihr, während sich die Gräfin zufrieden die Hände rieb. Schließlich starb der Arme an gebrochenem Herzen.

 

Vergessener Kulturschatz

Leise plätschert der Fluss in der aufkommenden Hitze des Tages, als wir an der abgesperrten Wehr stehen. Hier führt ein Wanderweg vorbei, um wieder im Wald zu verschwinden. Die Mühle selbst befindet sich in einem desolaten Zustand, lange, zu lange ist hier nichts mehr gemacht worden. Irgendwie passen die verschnörkelten Elemente nicht zu den nüchternen Formen des Bauwerks. Es wirkt, als hätte man die Schnörkel später erst angebracht, um sie den Renaissance-Stil anzupassen. Auch wenn Quellen besagen, dass es mitnichten so ist. Erker, Geschnörkel, Giebel, ein Turm. Daher vielleicht der Eindruck, den aus der Nähe sowohl ich als auch meine Freundin haben. Dass ein an sich schäbiges Gebäude gerne mal ein Schloss gewesen wäre. Hat nicht ganz gereicht…

Das Hauptgebäude ist abgeschlossen, die Fenster blind, mit Brettern verriegelt oder eingeschlagen. Etliche Hochwasser, bis hin zu vier Metern, hat die Mühle hinter sich ergehen lassen müssen. Hier wäre dringend eine Restaurierung nötig, denn obwohl in privater Hand, lässt man das Gebäude aktuell verfallen. Der Historische Verein Wertheim bemüht sich indessen, das kleine Stück Legende zu retten.

Zu gerne hätten wir uns das Gebäude von innen angeschaut. Ein Stück Geschichte, das vor sich hin modert. Stattdessen steigen wir wieder in den Wagen und quälen uns die Schotterpiste wieder zur Hauptstraße durch, immerzu brav winkend, sobald wir eines verdutzten Gesichts ansichtig werden. Vielleicht wird sich der Verein durchsetzen. Ich hoffe es. Und vielleicht – aber nur vielleicht – werden wir das nächste Mal die Eulschirbenmühle restauriert in ihrem alten Glanz sehen.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

4 Kommentare

  1. Tolle Geschichte! Man muss nicht immer ins Ausland fahren um ein Abenteuer zu erleben. Übrigens: hier in München haben wir eine Melusinenstraße. Jetzt weiß ich endlich, was der Name bedeutet.

    1. says:

      Die Sage fand ich auch sehr spannend. Ich bin absoluter Fan von solchen Mythen und Überlieferungen. Jede Region hat ihre eigenen und egal, wo man hinfährt, überall kann man solche Volksmärchen entdecken 🙂

  2. danach war wohl eine Autowäsche fällig !! War wohl nicht so der Burner wenn man überlegt wie man angereist ist !

    1. Das Auto war dreckig ohne Ende, aber für uns hat sich das gelohnt. Wer weiß, wie lange diese seltsame, schlossartige Mühle noch steht 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.