Gedanken

Irr(e)ational – wenn das Unmögliche Wirklichkeit wird

Manchmal gibt es Momente, da bleibt die Zeit kurz stehen.

Es passiert, während ich Radio höre. Ich höre viel Radio, denn irgendwie wollen die vielen Stunden im Auto ja überbrückt werden. Und meistens beherrschen nur wenige Themen die Nachrichtenwelt.

So wie jetzt.

Aktuell ist es natürlich Corona, das die Gemüter erregt – und die „Lage in Idlib“ beziehungsweisen an der Türkisch- Griechischen Grenze.

Zur Erklärung: nach der Flüchtlingskriese 2015, als Merkel sagte; kommt alle her, wir schaffen das, konnte man ein allgemeines Erstarken der rechtspopulistischen Kräfte beobachten. Und das nicht nur in Deutschland, nein, in ganz Europa – sogar noch darüber hinaus. Es ist ja nicht so, als wenn wir es „nicht geschafft hätten“ oder „nicht geschafft haben“. Doch für einige Menschen war der Zustrom an Migranten anscheinend einer grauen, gesichtslosen Masse gleich, die bedrohlich Deutschland überrollt. Rational? Mitnichten. Doch es ist nicht immer rational, was in der Menschen Köpfen vor sich geht.

Dabei wurde ein Großteil der Flüchtlinge von der Türkei aufgenommen. Nach einem Pakt mit der EU, bei dem viel Geld geflossen ist, kümmerte sich die Türkei um die Menschenströme, die aus dem bombardierten Syrien kamen. Den Rest der Migranten, die sich in Schlauchboote setzten, um damit auf lebensgefährlichem Wege über das Mittelmeer rüber zu schippern, federten die Küstenstaaten wie Griechenland ab. Brüssel war das recht – als Erstankunftsland hatte Griechenland die denkbar schlechteste Karte gezogen, denn eine Weitergabe der Menschen oder gar eine Verteilung an alle EU-Partner war nur möglich, wenn die EU-Partner das auch wollten.

Und hier gab es unterschiedliche Reaktionen.

Während es in Deutschland geteilte Meinungen gab und aus der inneren Zerrissenheit und einer ursprünglich EU-kritischen Partei die AfD entstand, sperrten sich Länder wie Polen, Ungarn und Tschechien von vorneherein gegen eine solche Maßnahme. Von einer partnerschaftlichen Reaktion der Partner konnte kaum die Rede sein, also war Erdogan alles, was blieb. Erdogan versprach, einen großen Teil des Flüchtlingsstroms aus Syrien bei sich aufzunehmen, während die EU beruhigt aufatmen und ihre Wunden lecken konnte.

Doch jetzt, fünf Jahre später, gilt diese Vereinbarung nicht mehr. Nachdem es eine Zeitlang ruhig in Syrien war, zog sich Ende letzten Jahres die USA aus den Gebieten zurück, was für die Türkei einem Startschuss gleich war. Türkische Truppen rückten vor in Richtung Grenze, zunächst mal, so die offizielle Aussage, um die Kurden in dem Gebiet zu bekämpfen, deren Unabhängigkeitsbestrebungen Erdogan schon länger ein Dorn im Auge waren.

Doch längst ist aus dem Feldzug gegen die Kurden ein Feldzug gegen Assad geworden, der seinerseits von Russland unterstützt wird. Die Angriffe beider Seiten provozieren neue Flüchtlingsströme. Und Erdogan, der sich vergebens europäische Hilfe bei seinem Krieg erhofft hat, macht nun seine Drohung wahr und öffnet die Grenzen zu Griechenland. Ja, er öffnet sie nicht nur – er setzt, eigenhändig, möchte man fast meinen, die Flüchtlinge in schicke, klimatisierte Busse und fährt sie bis zu den Grenzposten vor. Doch hier geht es für die Menschen nicht weiter, denn Griechenland macht dicht.

Ist es stolz? Ich weiß es nicht. Ist es der Unwille, sich vom türkischen Präsidenten erpressbar zu machen, das die Griechischen Grenzposten dazu bringt, auf diese Menschen zu schießen? Ist es die berechtigte Sorge, von der EU allein gelassen zu werden? Oder vielleicht ist es der allgemeine Verdruss, der aus der bisherigen Situation in Griechenland resultiert. Flüchtlingslager auf Lesbos platzten aus allen Nähten. Griechenland war mit der bisherigen Situation überfordert und die griechische Bevölkerung hatte genug. Man könne sich nicht um die Menschen kümmern, die bereits da sind und auf neuen Zustrom sei man nicht vorbereitet. Wir dürfen nicht vergessen, dass Griechenland vor ein paar Jahren noch kurz vor dem Bankrott stand.

So fallen die Reaktionen der Griechen vergleichbar harsch aus. Menschen in Schlauchbooten werden abgedrängt und bedroht. Warnschüsse werden abgegeben. Tränengas kommt zum Einsatz. „Uns wurde gesagt, dass in Europa ein besseres Leben auf uns wartet.“ So ein Flüchtling in einer der  Nachrichtensendungen. So uneinig sich die EU damals über die Verteilung der Flüchtlinge war, so einig ist sie sich nun darüber, die Grenzen zu schließen. Die Länder stehen wie einen Mauer hinter Griechenland, getrieben von einer Angst, die rechten Parteien erstarken zu lassen. Die heimlichen Hoffnungen Erdogans, mit weiteren europäischen Geldern seinen Krieg zu finanzieren, erfüllen sich nicht.

Es gibt kein Weiterkommen für die Menschen. An der Grenze haben sich kleine Lager gebildet, viele schlafen im Freien. Es ist Winter.

Gerade höre ich im Dlf Funk, dass sich Rechte aus allen Ecken Deutschlands und Frankreichs aufgemacht haben und nach Griechenland an die griechisch-türkische Grenze zu reisen. Angeblich wollen sie helfen, die Grenzen zu schützen. Doch meine Vermutung sagt mir, dass sich diese Leute der Hoffnung entgegen sehen, Hass nun ganz ungestraft an Flüchtlingen ausleben zu können. Es wird ganz schrecklich werden.

So viele schlimme Bilder spielen sich momentan vor unseren Augen ab. Und dass gar nicht so weit entfernt. Die Türkei – nur wenige Flugstunden weit weg. Es ist, als wenn der Raum und die Zeit plötzlich stockt. Ich sehe mich selbst vor der Grenze, im kältesten Winter wartend. Ich sehe Krieg und wie ich versuche, in ein Land hinein zu gelangen, dass mich nicht will, gekommen aus einem Land, das mich auch nicht will. Wie viele ungesehene Szenen spielen sich dort ab? Szenen, die wir uns kaum ausmalen können, die wir nicht mitbekommen? Wie schnell kann es passieren, dass alles zusammen bricht?

Stell dir vor, denke ich – stell dir vor, es ist Krieg. Der Frieden ist so fragil. Stell dir vor, dein Land liegt in Schutt und Asche. Aus der bislang so stolzen Industrienation ist ein rückwärts gewandtes Land, ein Land der Flüchtenden geworden. Stell dir vor, deine Welt bricht zusammen und die Menschen um dich herum zeigen ihre hässlichste Seite. Du siehst dich Gewalt gegenüber, die du dir bislang nicht vorstellen konntest. Jeder ist sich selbst der nächste.

Stell dir vor, du hast kein Zuhause. Du hast nichts mehr. Du bist auf die Gunst der Staaten angewiesen, die dich aufnehmen – oder auch nicht. Und je mehr Menschen aus deinem Land flüchten, umso mehr siehst du dich dem Unmut, dem Unwillen der örtlichen Bevölkerung gegenüber. Du wirst angefeindet. Angegriffen. Beleidigt. Du kannst nicht zurück, doch hier will man dich auch nicht haben.

Was würdest du tun? Wohin würdest du gehen?

Unser ganzer Stolz, unsere Haltung, unsere Souveränität – das alles ergibt sich nur aus dem Frieden, in dem wir leben. Aus dem Wohlstand, der uns befähigt, alles zu tun, alles zu werden, was wir wollen. Wir dürfen sagen, unsere Politiker sind scheiße, ohne dass uns jemand dafür einsperrt. Wir dürfen uns kritisch äußern. Protestieren. Auf die Straße gehen. Wir dürfen satirisch sein. Wir dürfen für alles und gegen alles sein. Diese Freiheiten haben wir. Der Frieden ist etwas Selbstverständliches, etwas, womit wir geboren sind, das wir nicht anders kennen. Der Frieden definiert unser Sein.

Doch so lange ist es gar nicht her, da unser Land in Schutt und Asche lag. Die Gewalt ist allgegenwärtig, sie schlummert nur. Und hier und da bricht sie wieder aus.

Das Massaker von Srebrenica in Serbien war erst in den neunziger Jahren. 1995, da kam ich gerade als zwölfjähriges Mädchen nach Deutschland, während am Balkan Gräueltaten geschahen.

Der Bosnienkrieg, der 1992-1995 gedauert hat und den wir noch in Polen in den Nachrichten verfolgten.

Der Völkermord von Ruanda, der in einem Zeitraum von April bis Juli 1994 rund achttausend Menschen das Leben gekostet hat. Und das sind nur Schätzungen. Die Menschen sind schreckliche Tiere.

Alles nicht so lange her. Ganz in unserer Nähe. Von den weiteren Konflikten weltweit will ich jetzt absehen, die teilweise bis heute andauern oder sogar jetzt, in der jüngsten Zeit, ausgebrochen sind.

Wie kommen wir also dazu, den Frieden als etwas selbstverständliches zu nehmen? Auf die Menschen dort an der Grenze mit Verachtung und Abneigung zu blicken? Ja, wenn Krieg ist, zeigen die Menschen ihr Gesicht. Auch wir. Auch wir zeigen unser Gesicht. Es sind nicht nur die Täter, auch die, die wegschauen, sich in Gleichgültigkeit üben oder die flüchtenden gar für ihre politischen Zwecke zu benutzen versuchen. In der unserer scheinbaren Sicherheit. Unseres Friedens.

Doch wer sagt, dass alles so bleiben muss? Wer sagt, dass es auch morgen und übermorgen den gewohnten Gang zum Bäcker am Morgen und Aldi am Nachmittag gibt? Dass unser, von manchem ja ach so verhasster Alltag, dass er so bleibt? Das, was wir erleben, ist nur ein Schein. Der Frieden ist einzig die Frucht gegenseitiger weltweiter Abhängigkeiten und geschickter Verhandlungen. Es geht immer um Interessen. Werden wir diese Interessen auch weiterhin bedienen können?

So vieles hat sich geändert und ändert sich weiterhin, just in diesem Moment wandelt sich die Welt. Was Trump nicht gelungen ist, nämlich Chinas Wirtschaft in die Knie zu zwingen, wird vermutlich ein kleines Virus schaffen, ein dämliches Stück DNA, das nicht einmal über einen Stoffwechsel verfügt und als „lebensähnlich“ bezeichnet wird.

Was Greta Thunberg nach wochenlangen Protesten nicht schaffte, wird wohl auch das Virus besorgen. Flieger bleiben auf dem Boden, die internationalen Lieferketten brechen zusammen und es wird bereits jetzt über eine Deglobalisierung diskutiert. Weg von weltweiten Abhängigkeiten, hin zu nationaler Selbstversorgung. Wir steuern auf eine Rezension zu. Wegen eines Virus. So viel zu unserem Wohlstand, so viel zu unserer Souveränität.

Gut, noch ist nicht viel davon zu spüren, noch sind es nur die Nachrichten, die uns Angst und Bange werden lassen.

Und entweder wird das Ganze abflachen, wird nur ein zeitbegrenztes Aufflackern gewesen sein, das bald vorbei geht. Und das Leben geht weiter seinen gewohnten Gang.

Oder es wird sich einiges dauerhaft verändern, unsere Welt wird sich verändern. Die Welt wandelt sich und wir sind live dabei. Ein kleines Virus bringt die gesamte Weltwirtschaft auf Trab. So viel zum Thema unmöglich.

Mal ehrlich, hättet ihr das gedacht?

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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