Asien, Sri Lanka

Dambulla-Höhlentempel

Sri-Lanka, Mai 2018

Langsam steige ich die vielen Stufen empor und zähle die Schritte. Etwa fünfhundert Stufen sind nach Angabe unseres Fahrers zu bewältigen, ehe ich den buddhistischen Tempel erreiche. Stefan hatte sich bereits im Vorfeld ausgeknockt und beschlossen, bei einer kalten Cola mit Soliya unten zu bleiben. Und ich zähle die Stufen.

Es ist heiß und der Schweiß rinnt mir übers Gesicht. Auf dem Weg sehe ich auch andere Besucher, die allesamt auch nicht schneller sind als ich. Ab und zu bleibe ich stehen, um den brennenden Waden eine kleine Pause zu geben, und ja, tatsächlich auch, um die Aussicht zu bewundern, die, je höher ich steige, umso sagenhafter wird.

Auf den Weg hierher hatte ich die Möglichkeit, in einer Batik Manufaktur ein handgefertigtes Sari zu probieren. Da ich keine große Vorstellung davon hatte, was Batik ist, ging ich auf Soliyas Vorschlag an, dort mal anzuhalten. Die in traditionelle Sari gekleideten Mädchen zeigten uns die einzelnen Schritte des Herstellungsvorgangs und wie die Farben und Mustern in den Stoff gelangen. Es ist eine lange Prozedur und die Stoffe werden in Handarbeit gefertigt.

Danach führte sie uns in den Shop, der alles enthielt: von kurzen Tops über lange Kleider bis hin zu Saris, die über den ganzen Körper gehen und beidseitig ein Stück Taille freilassen, was mir an dieser Kleidung besonders gut gefällt, betont sie doch die Figur einer Frau und kaschiert gleichzeitig eventuell zu viele Rundungen. Eine alte Frau kommt auf mich zu und fragt, ob ich so ein Sari probieren möchte. Ja, warum eigentlich nicht? Ich hatte so oder so vor, etwas zu kaufen, auch wenn es höchstwahrscheinlich kein Sari werden wird.

Doch einen kurzen Augenblick spiele ich sogar mit diesem Gedanken. Ich mag den Ausdruck in den Augen der alten Frau, sie sind wie die einer gütigen, strengen Mutter. Sie hilft mir beim Ankleiden, denn so ein Sari alleine anzuziehen erfordert Übung. Und dann stehe ich vor dem Spiegel mit hochgesteckten Haaren und finde es toll. Stefan rümpft die Nase. „Wo willst du so etwas denn später anziehen?“ Ich denke dabei an Gelegenheiten wie den Henna-Abend von Nina, meiner halb indischen Freundin und erkundige mich über den Preis. Dass der Spaß nicht günstig werden würde, ist mir vorher schon bewusst, doch die 240 Dollar lassen mich nach Luft schnappen. Klar, die Stoffe sind handgefertigt, aber wie Stefan schon sagte: wann werde ich das Sari denn anziehen können? Die alte Dame nickt verständnisvoll.

Ich sage, dass ich mich nach anderen Kleidern umschauen will und sie hilft mir wiederum beim Ausziehen. Dann beäuge ich die Kleider, Hemden und Tops und hier und da zeigt sie mir unterschiedliche Stoffe. Das kleinste Sommertop fängt bei vierzig Euro an. Handgemacht hin oder her, aber es ist Kleidung; für mich keine hohe Priorität. Vielleicht hätte ich gar nicht hier hinein gehen sollen. So gehe ich raus, ohne etwas zu kaufen, drücke der Frau jedoch ein Trinkgeld in die Hand: immerhin hat sie sich viel Zeit genommen, doch wie es aussieht, hatte sie überhaupt kein Trinkgeld erwartet. „Its okay.“ Sagt sie, und wieder blicken mich die gütigen Augen einer strengen Mutter an.

Wieder im Auto bin ich am Grübeln. Da hätte ich einmal das örtliche Handwerk unterstützen können, etwas kaufen können, das nicht von anonymen, ausbeuterischen Konzernen produziert wird, und habe es nicht getan. Ganz schlecht für mein Gewissen, ganz schlecht für mein Karma. Doch wir sind es bereits so sehr gewohnt, Kleidung billig zu bekommen, dass es uns völlig aus den Socken haut, zu sehen, wieviel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt und wieviel es kosten würde, würden wir jedem Arbeiter in China, Äthiopien oder Bangladesch seine Arbeit wirklich so vergüten, wie er es eigentlich verdient hätte. „Es ist nur Kleidung.“ Dieser Gedanke, den ich habe, zeugt davon, wie wenig Wert ich solchen Dingen beimesse. Ersetzbar, nachkaufbar, günstig und ohne Problem.

„Es sind etwa fünfhundert Stufen bis nach oben zum Tempel, ich hoffe, es ist für euch kein Problem?“ Fragt Soliya beiläufig, als wir an der Anlage ankommen. Das ist der Moment, in dem ein sowieso schon durchgeschwitzter Stefan beschließt, im kühlen Auto zu bleiben. Doch für mich ist klar: ich will da rauf! Was sind schon fünfhundert Stufen?

Ein verschlafener Uniformierter checkt mit lustlosem Blick das Ticket. Ein anderer döst in der Sonne, ebenso wie die beiden Hunde, die sich der Länge nach im gelbbraunen Sand ausgestreckt haben und einen auf „toter Hund“ machen. Ich laufe um sie herum und beginne den Anstieg.

„Eins, zwei, drei…“ Die Stufen sind ungleichmäßig: manche sind hoch, manche dagegen kleine Trippelstüfchen.

„…Fünfzig. Eins, zwei, drei…“ Der Duft von Indischem Jasmin, hier auch Tempelblume genannt, weht mir um die Nase. Ich laufe an riesigen Felsbrocken vorbei, gehe zwar im Schatten, schwitze jedoch vor Hitze. Bei solchen Temperaturen sollte man sich am besten gar nicht bewegen müssen, geschweige denn so eine Kletterpartie absolvieren.

„Hundertelf, hundertzwölf, hundertdreizehn…“ Ich bleibe stehen, eine tropische Blume hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zu meiner linken Seite ragen über meinem Kopf die durch das Wasser und die Regenfälle rund geschliffenen Felsbrocken hoch hinauf, während sich zu meiner linken Seite nach und nach die grünen Ebenen der Sri Lankischen Landschaft auftun, mit ihren türkisenen Seen, den sich aus dem Grün erhebenden Bergen und irgendwo ist auch eine kleine Stadt zu sehen.

„…Zweihundert. Eins, zwei, drei…“ Hinter mir mühen sich Besucher mit einem Guide zusammen ab. Es ist ziemlich leicht hier, einen Guide zu bekommen: Mehr Probleme kann da schon der Versuch bereiten, eine Sehenswürdigkeit ohne selbigen anzusehen. Doch hat man es erst einmal geschafft, die mehr oder weniger aufdringlichen Angebote abzuwehren, hat man alle Zeit der Welt, den Ort auf eigene Faust zu erkunden.

„Vierhundert!“ Zum zweiten oder dritten Mal bleibe ich stehen. Hier ist die Aussicht noch schöner. Zwischen den Bäumen – ein Blick über das Land. Die Touristen mit ihrem Guide überholen mich.

Oben angekommen atme ich erstmal auf; 120 Höhenmeter sind bewältigt. Kleine Makaken klettern flink die Felsen entlang und putzen sich mit beinahe menschlichen Gesten das Fell. Sie sind nicht aufdringlich und kommen Menschen nicht allzu nahe, vermutlich ist hier noch niemand auf die hirnverbrannte Idee gekommen, diese Viecher zu füttern. Die Cleverness guckt ihnen aus den Augen, als sie einen anschauen. Und ja, irgendwie putzig sind sie schon.

Vor dem Eingang zum Tempel wird nochmal das Ticket kontrolliert. Drei oder vier Angestellte sind dazu von Nöten. Ich ziehe, wie mir gehießen, erst einmal die Schuhe aus und gebe sie in einer Aufbewahrungsstelle ab, die 25 Rupien kostet. Der Mann merkt sich jedes Gesicht und sucht mit gezielten Griffen das richtige Paar Schuhe für jeden Besucher heraus. Mit Söckchen laufe ich die ausgelegte, geflochtene Matte entlang.

Im Innenhof der Anlage bleibe ich erstmal stehen. Der Wind lässt den aromatischen Duft von Sandelholz um meine Nase wehen; es sind die Räucherstäbchen, die Gläubige vor dem großen, auslandenden Buddha-Baum in mit Sand gefüllten Kästen stecken und anzünden. Der Baum ist mit einer Guirlande aus Buddha-Fahnen geschmückt, die bunt im Wind wehen. Gläubige kommen und gehen, ganze Familien finden sich ein. Auch Touristen sind da, laufen mehr oder weniger schweigend herum und fotografieren. Ich betrete den ersten Schrein.

Im Halbdunkel kommt mir verstärkt der Duft von Blumen entgegen. Frauen legen kleine Blumenschalen vor einer kleinen Buddha-Statue nieder und erbitten Segen. Der gewölbte Fels dahinter weist ein gestreiftes, wellenartiges Muster. Mein Blick folgt dem Muster und erst jetzt, da ich den Kopf weiter hebe, erkenne ich, dass dieses kleine, glatte Stück Gestein ein Teil von etwas Größerem ist; es ist der Teil einer 50 Meter langen und 7 Meter hohen Buddha-Statue, die, abgestützt auf einem Arm, seitlich in der Nische liegt. Der Buddha und seine Liegestelle sind aus dem umliegenden Fels herausgearbeitet worden, sowie auch der Altar, auf dem die Blumen liegen.

Wieder draußen laufe ich über einem überdachten Gang und schaue in den Hof hinab. In einer Nische sitzt ein Mann, vor ihm auf dem kleinen Tisch liegen weiße Bänder und Geldscheine. Er winkt mich zu sich und deutet an, dass er mir so ein Band anlegen möchte. Hierbei handelt es sich um einen Segen, für den im Gegenzug gespendet wird. Es gibt keinen Soll-Betrag, jeder spendet, was er möchte. Der Mann spricht ein Gebet und legt das weiße Band um mein Handgelenk. Als das Gebet zu Ende gesprochen ist, bindet er das Band fest. Ich spende vierhundert Rupien, er bedankt sich und nickt.

Beim zweiten Schrein, den ich betrete, handelt es sich um den eigentlichen Felsentempel, wie man ihn von Bildern und Berichten kennt. Ich bin überwältigt, stehe im Eingang und gehe nicht weiter. Dann, nachdem ich mich kurz gesammelt habe, trete ich zur Seite, um den Eingang nicht zu blockieren und bleibe neben diesem stehen. Ich will das, was ich da erblickte, erst einmal auf mich wirken lassen, ehe ich beginne, herumzulaufen. Langsam gleiten meine Augen durch den Raum.

In der Höhle herrscht eine Art Licht, die die dunklen Schatten und die Strukturen mehr betont als beleuchtet, und die Formen zur Geltung bringt. Vor mir an der Wand – sitzende Buddha Statuen, die nach hinten hin Schatten werfen. An einer langen, steinernen Bank stehen unzählige geflochtene Blumenschalen gefüllt mit weißem Jasmin und anderen exotischen Blüten. Abgebrannte Räucherstäbchen stecken in einer Schale mit Sand. Menschen kommen hinein und legen frische Blumen nieder, beten, senken kurz den Kopf, ehe die jüngeren von ihnen ein Smartphone zücken. Ich stehe daneben und komme mir pietätlos vor, versuche, die Betenden so wenig wie möglich zu stören.

Meine Augen wandern zur bemalten Decke, deren natürliche Wölbung mit all den farbigen Mustern und Figuren aussieht wie mit bunten Stoffbahnen ausgeschlagen. Einzig die Risse dazwischen, aus denen Wasser tropft, verhindert, dass man sich dem Irrtum hingibt, sich in einem reich geschmückten Zimmer zu befinden.

Die Mitte des Raumes wird beherrscht von einer großen, steinernen Glocke von derselben Form wie die meisten, schneeweißen Buddha-Tempel, die ich während der Fahrt in der Landschaft Sri Lankas sehe. Um sie herum sitzen im Lotossitz vier Buddha-Statuen. Weitere siehe ich an jeder Wand, unzählige müssen hier hereingeschafft worden sein. Rechts vom Eingang in einer weiteren Nische liegt ein übergroßer Buddha. Mit geschlossenen Augen, den Kopf gestützt scheint er zu schlafen und das kunstvoll bemalte, runde Kissen erweckt den Eindruck, als sei es weich und anschmiegsam und nicht aus Stein.

Hier bleibe ich länger und laufe langsam durch den Raum. Als ich mich schließlich dem Eingang zuwende, weiß ich: ich habe alles gesehen.

Draußen sitzt, umringt von Menschen, ein Mönch in orangener Kutte im Schatten auf einem Vorsprung. Ich mache einen großen Bogen um die Menschentraube, denn Mönche sind mir suspekt; zu viele Regeln gilt es, im Umgang mit ihnen zu beachten. So darf man beispielsweise nie höher sitzen als ein Mönch und ihn als Frau auch nicht als erstes ansprechen.

Wassertropfen rieseln stetig wie ein kleiner Regen vom runden Felsen hinab. Wie kleine, tropfende Wasserfälle versprechen sie Erfrischung demjenigen, der sich traut, sich mit seinen schneeweißen Söckchen in die Pfützen zu stellen. Die Socken schützen mich vor den heißen Steinen, doch ich will gar nicht wissen, wie schmutzig sie wohl inzwischen aussehen.

Kurz lasse ich mich an einem kleinen, künstlich angelegten Teich nieder. Rosarote Wasserlilien schmücken die glitzernde Oberfläche, die Erfrischung verspricht. Da ich alleine bin, werde ich häufig von den Menschen im Vorbeigehen neugierig angeschaut, egal ob es junge sind oder ältere, Männlein oder Weiblein. Doch sobald ich sie anlächle, ist es, als würde ein Knoten platzen und sie lächeln zurück. Man muss die Sprache nicht können und auch sonst ist es in diesem Moment egal, wie unterschiedlich man ist – ich glaube, die Sprache Sri Lankas, die Sprache der Welt ist ein Lächeln.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
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