Asien, Sri Lanka

Die Beachboys

Sri-Lanka, Mai 2018

Heute Abend hat es geregnet. Der warme Nieselregen war wie eine angenehme Dusche, wie aus einer Werbung für ein Shampoo mit exotischem Duft. Wir hatten einen gemütlichen, um nicht zu sagen, faulen Tag im Hotel, ohne (ein Graus für alle authentisch Reisenden…) die Nase aus der Anlage gestreckt zu haben.

Nun ist es später Abend, das Meer rauscht wieder wie ein kräftiger, wütender Gott und eine Grille verkündet überlaut ihr Dasein. Und obwohl wir eigentlich nichts gemacht haben (in einer All-inclusive-Anlage herumzugammeln nenne ich mal ganz frei: nichts…), war es heute gefühlt ein richtig langer Tag. Nachdem wir gefrühstückt und in der Anlage herumgeschlichen sind, trauten wir uns irgendwann durch das Tor im hölzernen Zaun raus auf den öffentlichen Strand, dort, wo sich nachmittags wütend die Wellen brechen, genau in die Arme der dort schon wartenden Strandverkäufer. Wir haben sie schon von drinnen aus gesehen, sie lehnten am Zaun und spähten in die Anlage hinein. Eine Frau im knappen Bikini, die genüsslich ihren Po der Sonne entgegen streckt, wollt ich jetzt nicht sein, denke ich mir, als ich die brünette Sonnenanbeterin vor mir sehe. Klar, es ist eine Hotelanlage und klar, ist man hier an Touristen gewöhnt, aber trotzdem… So laufe ich nun mit Stefan in voller Bekleidung Hand in Hand aus der Anlage nach draußen.
„Und immer schön freundlich bleiben!“ Gebe ich Stefan noch mit auf den Weg, als ich seinen immer grimmiger werdenden Blick bemerke. „Wer hier ungeduldig oder unfreundlich wird, verliert sein Gesicht.“ Uns war bewusst, dass wir angesprochen werden würden, doch wir waren optimistisch, alle Verkaufsversuche erfolgreich abwehren zu können.

Oh wie sehr wir uns da täuschten!

Im Schatten dieser Palme haben sich die Strandverkäufer Sitzgelegenheiten geschaffen

Der Trick ist, zur Anfang gar nicht übers Verkaufen zu sprechen. Und den beherrscht man hier auf Sri Lanka meisterhaft. Es wird sich vorgestellt, sich die Hand gegeben und eine Weile Small Talk gehalten. An sich noch kein Grund, schreiend wegzurennen. Wenn der sympatische junge Mann auch noch deine Sprache spricht, in unserem Fall deutsch, fällt eine weitere Schranke. Letztendlich erstehen wir eine vergünstigte Stange Zigaretten von jemanden, der auch Ausflüge ins Inland anbietet und sich die deutsche Sprache, die er im übrigen recht flüssig beherrscht, in Gesprächen mit Urlaubern selbst beigebracht hat.

Und eine witzige Begegnung hatte ich zudem auch noch.
Eigentlich wollte ich nicht alleine an den Strand gehen. Doch irgendwann verabschiedet sich Stefan „kurz“ ins Hotelzimmer und ich bleibe da, tappe mit blanken Füßen auf dem eigelb-farbenem Sand und schaue sehnsüchtig, aber skeptisch auf die Wellen und die starke Brandung vor mir. Immer ist irgend jemand an meiner Seite, doch mit einem Tschüß ist die Sache meist getan. Doch da ist jemand, der bemerkt hat, dass ich alleine bin. Nun weicht er nicht von meiner Seite.

Das Wetter ist trübe, ganz so, als würde die Sonne verschwommen durch Milchglas scheinen. Palmen und saftig grüne Vegetation neigen sich tief über den Strand und die starken Wellen fressen sich bis tief ins Land. Ich laufe ein paar Schritte hinein, renne dann schreiend wieder an den Strand, als eine größere Welle kommt. Der Mann deutet die ganze Zeit an, ich soll doch tiefer ins Meer.

„Da drüben sind die Wellen nicht so stark, hier brechen sie sich.“ Sagt er auf englisch und zeigt auf eine ruhigere Stelle weiter hinten. Doch bereits die Strömung haut mich von den Beinen und nach einem erfolglosen Versuch (Kasia geht ins Wasser, freut sich, dass sie sich oben halten kann, dann kommt Welle und macht Kasia platt…) renne ich keuchend und prustend wieder an den rettenden, weil festen Strand.

Der Mann, großer, stämmiger Sri Lanker, redet wieder auf mich ein und zeigt unbeirrt wieder auf das Meer. Zuerst hielt ich ihn für einen Verkäufer, doch nun frage ich mich, ob er von der Strandaufsicht ist (gibt es hier so etwas??) und einfach behilflich sein möchte. Ich halte es für fahrlässig, mich bei dieser Strömung aufs offene Wasser zu schicken, er hat doch gesehen, dass ich eben fast ersoffen wäre.

Doch da die Aufforderungen des Mannes sehr zuversichtlich klingen und mich zudem der Ehrgeiz gepackt hat, derselbe, der mich die Sechs-Stunden-Wanderung durchs Rote Moor machen und die 374 Studen hohe Treppe in Lüttich besteigen ließ, starte ich noch zwei Versuche. Beim letzten bin ich länger unter Wasser, japse kurz nach Luft, bin wieder unter Wasser. Durch diesen starken Wellen ganz hindurch zu gelangen ist Wahnsinn, warum zum Teufel will der Kerl mir das antun?

„Soll ich mit dir rausschwimmen?“ Fragt er mich. Doch das verneine ich entschieden. Körperkontakt im Wasser mit einem Fremden, vermutlich mit gezielt herbeigeführten Rettungsversuchen und womöglich noch Mund zu Mund Beatmung – Ne-eh-eh. Hilfesuchend schaue ich mich nach Stefan um, der doch bitte endlich kommen und mich aus dieser misslichen Lage retten möge, doch der ist weit und breit nicht in Sicht. Atemlos bleibe ich im Sand sitzen, in sicherer Entfernung zu diesem diabolischen Wellengetümel da draußen.

„Vergiss es, das macht keinen Spaß.“ Sage ich zu ihm, als er sich neben mich stellt. Inzwischen habe ich mich bereits damit abgefunden, dass ich wohl oder übel eine neue Freundschaft, zumindest für den Augenblick, geschlossen habe. Gemeinsam graben wir kleine Wasserkrebse aus dem feuchten Sand, lassen sie dann wieder laufen. Die kleinen Racker versuchen sofort, sich wieder einzugraben. Von ihrer Anwesenheit zeugen die vielen Löcher im gelben Sand, ähnlich den Spuren der Wattwürmer an der Nordsee.

Mein neuer Freund möchte von mir im Hotel über mein All-Inclusive-Bändchen auf ein Getränk eingeladen werden. Ziemlich schnell komme ich drauf, dass ich soeben Bekanntschaft mit einem der berühmt-berüchtigten, Sri Lankischen Beach Boys gemacht habe. Als ich mich zum gehen wende, will er wissen, ob ich später noch an den Strand komme. Vielleicht, sage ich. Ich betrete die umzäunte Anlage und Stefan kommt mir entgegen. Na, jetzt brauch ich dich auch nicht mehr, denke ich und erzähle ihm die Geschichte. „Und wo warst du?“
„Na, ich habe mir den Sand aus den Klamotten gekloppft!“ Ich winke ab. „In der Zwischenzeit hätte ich dreimal ersaufen und mindestens zwei Kinder mit dem Beach Boy da haben können.“ Sage ich.

Oben genannter steht wieder am Strand mit seinen Kollegen und folgt mit Blicken meinem Weg, während ich mit Stefan Hand in Hand von dannen spaziere. (Vermeintlich) schüchtern und doch tapfer hebt er die Hand und winkt mit schmachtenden Augen. Welch eine Dramatik. Ich winke zurück und grinse wölfisch. „Wenn er nochmal winkt, Schatz, dann winkst aber du.“ Sage ich zu Stefan.

Eine Krabbe rennt blitzschnell über den Sand
Stellt sich tot: die kleinen Krustentiere buddeln sich blitzschnell ein

Der Zigaretten-Schrägstrich-Tourenverkäufer bekommt ein Bier von uns spendiert. Nachdem das Geschäftliche abgewickelt ist und die in Zeitungspapier eingewickelte Stange den Besitzer gewechselt hatte, stehen wir noch mindestens eine halbe Stunde da und unterhalten uns mit ihm. Es muss hart sein, auf dieser Weise hier überleben zu müssen. Man ist auf Gedeih und Verderb den Launen der reichen Touristen ausgesetzt (denn das sind wir für Sri Lankische Verhältnisse) und all deine Kollegen wollen das gleiche wie du, nämlich ein gutes Geschäft abschließen. Und alles, was dich von deinen Kollegen unterscheidet, ist dein herzliches, sympathisches Erscheinungsbild und die Fähigkeit, die Menschen unverfänglich in ein Gespräch zu verwickeln. Und wie oft bekommst du eine mehr oder minder grobe Absage zu hören, wie oft am Tag ein nein. Doch du musst dir deine Offenheit und dein Lachen erhalten, denn sie sind bares Geld wert. Zeigst du deinen Unmut, wird es dein nächster Kunde spüren und macht einen großen Bogen um dich. Du kannst nicht sagen: nein, heute habe ich keine Lust auf die ganzen reichen Säcke Leute. Denn im Gegensatz zu Deutschland kannst du es dir nicht aussuchen.

„Wieviel verdienst du im Monat?“ Will Stefan von dem Mann wissen. Der überlegt eine Weile. „Es sind manchmal so um die 130-150 Euro, in manchen Monaten aber auch gar nichts.“
„Und was sind so die Lebenserhaltungskosten hier in Sri Lanka?“ Er überlegt. „Mit Frau und Kind, Essen und Stromrechnung so 200-250 Euro.“ Sri Lanka hat eine hohe Inflationsrate und das bekommen die Menschen hier zu spüren. Der Kurs der Sri Lanka Rupie beläuft sich aktuell auf ca. 191 Rupie/1 Euro. Vor zwanzig Jahren bei Stefans letztem Besuch waren es ca. 130 Rupien gewesen.

„Tut mir leid, dass ich jetzt so eine indiskrete Frage stelle, aber was sind fünf Euro für dich?“ Fragt Stefan ihn. „Ich meine, wie ist die Kaufkraft?“ Der Strandverkäufer versteht zunächst nicht, rechnet dann die fünf Euro in Rupien um. „Also, mit günstigem Essen, Reis usw., kann ich mit Familie davon einen Tag leben.“
Das Hotel, in dem wir sind, erzählt er uns, steht erst seit drei Jahren da, es ist nach dem Tsunami 2004 neu gebaut worden.

„Wie war das damals für dich, als der Tsunami kam?“ Will Stefan wissen.
„Wir haben uns das angeguckt und sind dann vom Strand gegangen.“ Sagt der Mann. Auf unsere fragenden Blicke hin erklärt er: „Der Tsunami kam hier nicht in Wellen wie im Süden der Insel. Er kam schleichend und das Wasser stieg langsamer.“ 230 Tausend Menschen sind auf Sri Lanka ums Leben gekommen.

Er lädt uns nach unserer Rundreise auf eine Tuk Tuk Fahrt durch Kalutara ein. Unverbindlich. Sein Onkel habe ein günstiges Schmuckgeschäft in Kalutara und er kenne viele Plätze, wo man günstig Souvenirs erstehen kann. Die diversen Onkel und Verwandte, die rein zufällig Geschäfte in der Gegend besitzen, sind uns nicht unbekannt, doch der Mann ist uns sympathisch und wir erwägen, uns auf die Tuk Tuk Fahrt einzulassen, in vollem Bewusstsein, dass man uns erst einmal in allen möglichen Geschäften herumführen wird. Solange wir den einen oder anderen Tempel besichtigen und ein bisschen was von der Stadt sehen können, ist es okay. Und vielleicht kaufen wir auch ein paar Souvenirs. Für die Familie und Freunde.

Ein Gespräch

Als es beginnt, zu regnen, sitzen wir gerade unter einem dichten Tempelbaum. Einzelne Tropfen fallen warm durch das dichte Blätterdach hindurch auf meine Schultern und irgendwann ergießt sich ein badewannenwarmer Schauer über die Hotelanlage. Alle Gäste flüchten aufgescheucht in ihre Zimmer oder zu den überdachten Bars, nur wir zwei bleiben sitzen. „Wir fallen hier sowieso schon auf, glaube ich.“ Sagt Stefan zu mir und meint damit das Gekicher der Gäste auf ihren Liegen, als wir von unserem Gartenzaun-Gespräch mit dem jungen Strandverkäufer an ihnen vorbeikamen. Stefan blieb an den Liegen stehen und sagte in das Gekicher hinein:

„Ja, das ist interessant, sich so längere Zeit mit den Leuten hier zu unterhalten und etwas über sie zu erfahren. Das ist nicht unser Ding, uns hier in der Anlage einzuschließen – immer schön mit den Lokals reden!“ Derselbe Stefan, denke ich mir stolz, der sich noch vor zwei Stunden nicht getraut hat, die Anlage überhaupt erst zu verlassen, der skeptisch die ersten Männer gemustert hat, die auf uns zukamen. Derselbe Stefan gab nun auf die Stange Zigaretten noch ein dickes Trinkgeld drauf. „Mit einem Gruß an deine Frau und deine Kinder.“

Doch wetterfest ist er immer noch nicht, mein Stefan, denn nun ist auch er in den Bungalow geflüchtet. Ich bleibe sitzen und wickele mir bei dem immer stärker werdendem Regen das Strandhandtuch um Kopf und Schultern. Der warme Regenguss ist nicht unangenehm, hier und da fällt ein warmer Tropfen, doch gleichzeitig scheint die untergehende Sonne in den fallenden Regen hinein. Die sich aufbäumenden Wellen des Ozeans scheinen golden zu glühen und ich kneife leicht die Augen zu. Um die Liegen herum spaziert ein weißer Reiher umher, stolziert mit seinem geschwungenen langen Hals und langen Beinen anmutig vor sich hin, scheint mich nicht zu bemerken. Und auch der Regen macht ihm nichts aus. Als der Schauer weniger wird, watschele ich zur Bar.

Dort versacken wir beide auch später nach dem Abendessen, das dieses Mal draußen am Pool stattfand. Zumindest solange, bis sich wieder der Himmel ergoß und die Köche aufgescheucht das Essen unter die Überdachung brachten. Das Essen wurde von Tanz und Musikeinlagen begleitet, golden gekleidete Bauchtänzerinen und ein Tänzer in Baströckchen und einer Teufelsmaske. Dann an der Bar schäckerten wir bis spät mit einem älteren, österreichischen Paar, während im Hintergrund am pechschwarzen Himmel grelle Blitze die Schwärze durchschnitten.

Morgen heißt es, früh aufstehen, die Rundreise mit Supun beginnt. Authentisches Reisen sind nicht nur kleine Dörfer abseits von allem, in denen die Menschen größtenteils noch so leben wie vor hundert Jahren, authentisches Reisen sind nicht nur Tuk Tuks oder lokale Busse, authentisches Reisen heißt nicht nur, mit dem Rucksack unterwegs zu sein. Authentisch sind auch die Strandverkäufer, die sich um unsere Hotelanlage versammeln, authentisch sind Reiseleiter, Köche und Tänzer, die uns unsere Zeit angenehmer gestalten wollen. Authentisch ist der pauschale Tourismus und all die Menschen, die daran mitwirken und mitverdienen. Der Mann vom Roomservice, der unser Zimmer macht. Die Managerin, die lächelnd und mit einer Engelsgeduld neue Servietten auslegt, weil wir spontan beschlossen haben, uns umzusetzen. Der Junge, der uns ohne zu murren unser Wasser um den halben Raum trägt. All die Jungs, die da draußen am Strand herumlungern, weil sie auf ein gutes Geschäft hoffen. Wer all das ausblendet, blendet einen großen Teil von Sri Lanka aus.

Ich: „Sehe ich arg verstrubbelt aus?“ Stefan: „Du siehst nach Urlaub aus…“

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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1 Kommentar

  1. […] sein und sind selbst von der Anwesenheit eines deutschen Partners ziemlich unbeeindruckt. Doch meine Begegnung mit einem solchen am Strand von Sri Lanka nahm eine sehr skurrile […]

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