Unser heutiges Ziel ist Gözli Ata, ein Pilgerort mitten im Nichts, im Norden von Balkanabat in der Provinz Balkan Welayaty gelegen. In der Ebene, die vor langer Zeit ein Meeresboden war, finden sich Ammoniten – einige Funde sind ausgestellt. Das Gelände ist umzäunt und beinhaltet eine Ansammlung niedriger Ziegelbauten mit kuppelförmigen Dächern. Eines davon, welches wir zuerst besuchen, ist ein Mausoleum, wo die Überreste des Propheten aufgebahrt werden. Das Mausoleum ist eine der wichtigsten Pilgerorte des Landes. Der im kühlen Inneren stehende Sarg hat eine ungewöhnliche Form, es ist einem Prisma nachempfunden. In unmittelbarer Umgebung befinden sich die Überreste einer islamischen Lehrstätte und ein Friedhof.
Bei Gözli Ata handelt es sich um einen Sufi Prediger und Lehrer, der irgendwann zwischen dem 12 und dem 14 Jahrhundert lebte.Sein Name bedeutet „der Allsehende“, weil er laut Überlieferungen in die Seelen der Menschen schauen konnte. Er pilgerte, lehrte und studierte, unter anderem auf dem Gebiet des heutigen Kasachstan, weshalb viele Pilger von dort angereist kommen. Es pilgern unter anderem junge Frauen an diesen Ort, die für einen guten Ehemann und Fruchtbarkeit bzw. den Kinderwunsch beten. In diesem Zusammenhang habe ich ein kleines Gespräch mit Maja, die meinen Unwillen, Kinder zu bekommen, nicht versteht, ihn aber so hinnimmt.
Auf der rückwärtigen Seite des Mausoleum befindet sich ein Wunschbaum; hierbei handelt es sich um trockenes Geäst, in welches Pilger bunte, nun von der Sonne gebleichte Bänder und selbstgebastelte Gegenstände hängen. Ich sehe Puppen, die Kinder symbolisieren sollen oder Babyspielzeug. Ich hinterlasse nichts an diesem Wunschbaum, denn mein Verlangen nach Selbstreproduktion hält sich in Grenzen.
Eine Gruppe dieser Frauen wird mir später noch begegnen. Am Mausoleum befindet sich ein Shop, in dem man Souvenirs und diverse Glücksbringer mit Darstellungen des Gözli Ata und zudem ganz viel Nippes erwerben kann. Nachdem wir uns dort eingedeckt hatten und ich gerade dabei bin, mir die Schuhe zu binden – die anderen sind bereits vorgegangen – sehe ich plötzlich ein fremdes Handy vor meinem Gesicht. Hinter mir hat sich eine Schar junger Frauen für ein Selfie positioniert. Ich lache und posiere lächelnd für die einzelnen Handys, die mir dankbar vor die Nase gehalten werden. Europäer sind hier so gut wie nie anzutreffen. Natürlich ist so etwas in meinen Augen immer ein Geben und Nehmen, deshalb erscheint auch mein Smartphone und tut seinen Dienst. Die Frauen lachen scheu und verdecken prompt ihre Gesichter, doch sie posieren mit mir. Welch schöne Erinnerung. Die jungen Frauen werden uns später beim Essen noch eine Runde Obst auf ihre Kosten spendieren.
Und insgesamt, die Menschen hier sind neugierig auf uns. Manche zeigen es mehr, manche weniger, doch in einem touristisch so wenig frequentiertem Land sind Westler noch immer Exoten. So möchte während unseres Aufenthaltes auch eine Gruppe Männer Fotos mit den Jungs der Reisetruppe machen. Es entstehen Erinnerungen an Begegnungen.
Nahe der Pilgerstätte befindet sich ein Tal mit bizarren, runden Felsbrocken, die wie übergroße Bälle anmuten. Teils liegen sie frei, teils haben sie sich in den nun trockenen Boden gegraben. Zu ihrer Entstehung erklärt uns Maja, dass es sich um Steinbrocken handelt, die bei starken Regenfällen mitgerissen wurden und immer mehr und mehr Schlamm aufnahmen. Das Tal wird auch Valley of Balls genannt. Die Steine liegen gleichmäßig wie seltsame Eier auf dem sandigen Boden verteilt. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Gebleichte Tierschädel tragen zu dem unwirklichen Gesamteindruck bei.
Zeit fürs Mittagessen. Aufgetragen wird an einem langen Tisch in der kühlen, schattigen Halle. Dicke Gardinen und Vorhänge lassen gerade so viel Licht rein, um gut sehen zu können, sperren die Hitze aber aus. An anderen Tischen sitzen weitere Gäste. Wir bedanken uns bei den Frauen für das spendierte Obst. Doch auch so lässt unsere Tafel keine Wünsche offen mit Gemüse, Fleisch, Käse, Obst und frischem Brot. In einer Kanne dampft Tee. Es herrscht eine angenehme, gelöste Stimmung. Später chillen wir ausgestreckt auf den gepolsterten Sitzpodest und machen gar nichts. Ein Reisender verwickelt Maja über ein Gespräch zu Politik und Demokratie und darüber, was Demokratie eigentlich bedeutet und wie sie umgesetzt wird. Ich setze mich dazu. Spannend, die Ansichten einer anderen Welt anzuhören.


Danach suche ich noch die „Halle der Befreiung“ auf, wie im Kambodschanischen das Klo bezeichnet wird. Bei dieser Einrichtung handelt es sich hier um ein einfaches Loch im Boden, doch auch das ist man längst gewohnt. Irgendwelches Papier hat man immer in der Tasche einstecken. Wir sind schließlich Profis.
Ein wenig traurig bin ich darüber, dass wir schlussendlich nicht am Pilgerort übernachten. Maja zeigt uns eine einfache Unterkunft, in der wir auf Decken auf dem Boden schlafen würden. Die beiden Räume, die je nach Geschlechtern unterteilt würden, sind mit Teppichen gepolstert und draußen kann aus einem Brunnen Wasser in eine metallene Gießkanne gepumpt werden. An der Wand hängt das Abbild des turkmenischen Präsidenten. Doch da die Gruppe auf eine Zelt- und Wüstentour eingestellt war, hat sie sich einstimmig (bis auf mich) gegen die Unterkunft ausgesprochen. Ich fand es schade, denn ich hatte geahnt, dass gerade hier, an diesem Ort, spannende Begegnungen und Gespräche mit den Menschen vor Ort möglich gewesen wären. Wie zur Bestätigung werden wir draußen von weiteren Menschen angesprochen, die gemeinsame Fotos mit uns machen möchten. Ein fröhlicher Bilder- und Handytausch entsteht, denn jeder, auch die Locals, will für sich die Erinnerungen mit nach Hause nehmen.
Wir besuchen noch den alten Friedhof auf der Rückseite der Anlage, und dann wird es Zeit, sich um einen geeigneten Zeltplatz zu kümmern. Ich merke deutlich, dass es den Fahrern nicht recht ist, und auch Maja hatte versucht, uns die einfachen Zimmer schmackhaft zu machen. Nun fahren wir durch die Pampa, der Boden ist übersät mit Unebenheiten und niedrigem, trockenen Gebüsch. Immer wieder verlässt unser Fahrer den Weg, um querfeldein durch die Landschaft zu brausen. Schließlich ist eine passende Stelle gefunden. Zelte werden aufgebaut und wir beginnen, Trockenholz für das obligatorische Feuer zu sammeln. Mit Leidenschaft trete ich das dorre Gebüsch um und schleppe ganze Arme voll zu der künftigen Feuerstelle. Schließlich wollen wir auch Nachschub haben, wenn die Fahrer Feierabend haben. Währenddessen bereitet Maja mit den Fahrern für uns ein einfaches Abendessen vor, das aus einem Gemüse- Fleischeintopf besteht.
Der Einsatz hat sich gelohnt. Am Ende sitzen wir an unserem langen, ausklappbaren Tisch im kalten Schein der Autobeleuchtung. Es gibt Eintopf, frischen Salat und die Kamelmilch, welche ich zuvor unterwegs in einem der Dorfläden gekauft habe. Nur wenige trauen sich, sie zu probieren, mir schmeckt sie ganz gut. Dazu tragen sicher all die Legenden bei, die sich um die wundersamen Heilkräfte des Trunkes ranken. Das fahle Licht an unserem Tisch hat einen kleinen Falken angelockt, oder Besser: eine Menge Insekten, die der Vogel nun in einigen Sturzflügen zu erhaschen versucht. Wir wiederum versuchen begeistert, den Vogel zu erhaschen und ihn in der Dunkelheit auf ein Video zu bannen.
Schließlich – der vielleicht schönste Moment des Abends – knistert unser Feuer, die Flammen schlagen hoch und ein würziger, aromatischer Geruch entfaltet sich. Anscheinend, denke ich leicht zerknirscht, waren die Pflanzen in der Wüste nicht ganz so tot wie sie ausgesehen hatten. Es zischt und das Harz verdampft. Harziges Trockenholz ist guter Zunder. Heiß werden die Gesichter, während hinter uns Kälte an den Rücken kriecht. Bandy hat es sich zur Aufgabe gemacht, Feuerholz nachzulegen und ich, für neues zu sorgen. Wie Jackie Chan trete ich das wehrlose Gestrüpp um. Das Feuer muss brennen. Restliche Mengen an Bier und Whisky werden ausgetrunken. Diese Stimmung, die Wüstenabende, die Sterne, das alles ist einmalig.
