Asien, Turkmenistan

Der Morgen in der Karakum

Der Morgen nach der ersten Nacht im Zelt. Ich habe, wie erwartet, ziemlich gut geschlafen, doch das kenne ich ja schon. Bereits auf meiner Reise nach Sokotra habe ich die Nächte mitten im Nichts genossen, ohne die Option für Dusche oder Annehmlichkeiten. Nicht, dass ich etwas gegen Duschen hätte. Doch es ist faszinierend, zu sehen, mit wie wenig Wasser man im Alltag eigentlich auskommen könnte. Vieles von dem, was wir glauben, haben zu müssen, ist überflüssiger Kram.

Immerzu bin ich auf solchen Reisen früh wach. Zum einen, um sich unbeobachtet frisch machen zu können, zweitens für den morgendlichen Gang hinter die Felsen. Zum Glück schickt diesmal keiner einen Suchtrupp nach mir aus. Später einmal soll Maja zu meinem Verschwinden und Wiederauftauchen sagen: Macht euch doch keinen Kopf, die geht euch nicht verloren. Die ist wie ein Kamel, das findet auch immer nach Hause zurück.

Was ich nun machen möchte, ist, für mich alleine die Landschaft der Karakum Wüste zu genießen. Und das tue ich auch bei einem ausgiebigen Spaziergang. Schritt für Schritt, die winddichte Jacke am Leib gegen die Morgenkälte der Wüste, unter mir knirscht der ausgedorrte Boden. Ich sammle Pflänzchen ein, um sie zu Hause im Blumenkasten zu setzen, sie wieder zum Leben zu erwecken, obgleich sie mir momentan nach aromatischem, duftenden Feuerholz aussehen denn nach etwas, das noch eine Chance hätte. Später, etwa zwei Wochen nach der Reise, werde ich diese Pflanzenreste als Gekrümel aus meiner Jackentasche entfernen und mich fragen, was ich mir dabei gedacht habe.

Ich gehe entlang der seltsam geformten Felsen, die das Licht der aufgehenden Sonne fangen und in aufregendem Rosa, Orange und Rot leuchten. Die Stimmung um mich herum ist von einer zauberhaften Stille geprägt und Schritt für Schritt entferne ich mich vom Camp. Hinter mir sind die ersten wach, vereinzelt schälen sich Gestalten aus den Zelten. Trockene Büsche erstaunen mit zierlichen, roten Blüten. Die Sonne ist hinter der Horizontlinie versteckt, doch bereits die oberen Bereiche der Gebirge fangen ihr Licht. Verschlafen fühle ich mich, habe keinen Gram Schminke im Gesicht, doch das ist okay. Der Wind pfeift kalt, die Kapuze schützt. Die erste Wärme, ich fühle mich von ihr geblendet. Und bin glücklich.

Als ich langsamen Schrittes zum Camp zurückkehre, sitzt meine Gruppe bereits am Tisch. Jetzt kann ich mich dazu setzen, habe nichts mehr verpasst. Manchmal braucht man einfach die Augenblicke für sich alleine.

Gewöhne dich daran, dass du nicht mehr so viel alleine machen wirst.“

Tatsache, nach Jahren der Individualität muss ich mich an solche Worte wirklich erst noch gewöhnen. Doch man braucht nicht das Alleinsein, es wird vollkommen überbewertet. Wie schön es ist, Dinge mit einem lieben Menschen zu teilen.

Das Frühstück ist einfach, doch Kaffee ist reichlich vorhanden. Maja hat danach eine Überraschung. Die Überraschung ist – wie überraschend! – ein Spaziergang. Wir machen uns auf entlang der niedrigen Gebirgskette, in die Richtung, aus der ich gerade erst zurück gekommen bin. Es wird immer heißer, je weiter der Morgen voranschreitet. Zum Schutz vor der Sonne ziehe ich mir mein obligatorisches Kopftüchlein über die Haare. Wir gehen über trockene Flussbetten, fotografieren graue, struppige Echsen, die erstarrt inmitten der grauen Steine vergeblich hoffen, nicht entdeckt zu werden. Wir sammeln glänzende, schwarze Steine, die wie Ziegenkacke aussehen und von denen eine von uns erfundene Story fest behauptet, dass es W-LAN-Steine seien (unentdeckte turkmenische Erfindung, man hält sie ans Handy und erhält ein Signal). Wir spekulieren darauf, dass gleich ein Bierbaum um die Ecke erscheint (Baum, auf dem Bierflaschen wachsen. Bierflaschenöffner wächst optimalerweise direkt daneben.). Wir steigen auf die niedrigen Kalksteinhügel – das Gestein ist porös und mehr Sand als fester Boden, es trägt uns ohne weiteres. Die Hügel sehen aus wie eine Mondlandschaft, vermutlich haben sie sich aus riesigen Korallenriffen gebildet. Der Boden in der Ebene ist gesprungen und von Rissen durchzogen. Es wäre leicht in einer solchen Umgebung verloren zu gehen – falls man dies denn wollte.

Doch unerwartet sind wir von Grün umgeben. Wir kommen an einer Wasserstelle an, an der Tiere getränkt werden. Das Gebüsch hier ist höher und dichter, mit rosa Blütendolden bedeckt. Das Ufer trägt tiefe Spuren von Vieh und alte Reifen liegen herum. Hier machen wir eine kurze Pause. Das stehende Gewässer lädt weder zum Trinken noch zum Baden ein und wir spekulieren darüber, weshalb wir eigentlich hierher geführt worden sind. Vermutlich, so wird uns klar, wollte man uns mit etwas beschäftigen, da sich die Weiterfahrt aus uns unbekannten Gründen verzögern sollte. Der Verdacht bestätigt sich, als wir auf dem gleichen Wege zurückwandern. Auf dem Weg zurück sammelt uns unser Fahrzeug wieder ein und dann dürfen wir diese surreale Umgebung aus dem Auto heraus genießen.

Oberhalb des Yangikala Canyons machen wir einen Fotostopp. Und natürlich unterstütze ich „meine“ Jungs wieder beim Präsentieren ihrer Hansafahne. Zwischenzeitlich habe ich das Ding sogar mal selbst in der Hand. Irgendwann komme ich auf die Idee, mal nachzufragen, um was es sich eigentlich handelt. Hansa Rostock? Noch nie gehört. Ah, ein Fußballverein soll das sein! Okay, Fußball sagt mir was. Von mir aus hätte da auch ein Döner oder eine Pizza abgebildet sein können. Ich finde die Idee schön und charmant, die Fahne (später werde ich mich belehren lassen, dass man in diesem Zusammenhang nicht ganz ernstgemeint von einem „Winkelement“ spricht, eine Fahne hat man nach Bier…) seiner Heimatmannschaft überall in der Welt dabei zu haben. Dem Gemecker vereinzelter Mitreisenden, dies sei doof und kindisch, kann ich nichts abgewinnen. Zudem sich das Gemecker nie ins Gesicht, sondern immerzu hinterrücks entfaltet.

Die Weiterfahrt dauert nicht lange an, denn bei den nächsten, gesichteten Kamelen müssen wir natürlich wieder anhalten. Kamele! Fabelhafte Fotoobjekte. Egal, dass die Wüste eigentlich voll davon ist und wir den Viechern am Ende der Reise kaum noch Beachtung schenken werden. „Oh, ein Reh.“ „Rehe“ sind Fotoobjekte der Begierde, die irgendwann, nach wiederholtem Auftreten, zu einer alltäglichen Erscheinung verkommen sind. Wie Kamele in der Wüste, oder Springböcke in Namibia. Oder, oder, oder… Was noch keinen alltäglichen Anblick liefert, ist Bier in einem Land in Turkmenistan, doch erstaunlicherweise findet sich immer irgendwo eine Pinte, in der man seine Vorräte auffüllen kann. Das Lagerfeuer am Abend ist somit gerettet.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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