September 2025
Kaum gefrühstückt, wartet bereits der Fahrer samt Guide auf uns. Minuten vor der eigentlichen Abfahrt sind wir bereit und ziehen los. So pünktlich sind sie, die Marokkaner – als wenn jemand ihnen gesagt hätte: „Hey, pass auf, das sind Deutsche…“ Jedenfalls sind wir nicht schlecht erstaunt, hier auf niemanden warten zu müssen.
Zu Fuß durch die Gassen und über einen beliebten Platz geht es schnellen Schrittes zum Fahrzeug. Autos sind in der gesamten Innenstadt aufgrund ihrer engen Bauweise verboten. Nur Mopeds und Eselskarren werden geduldet. Fès ist bereits auf den Beinen und die Menschen ziehen los, um ihr Tagewerk zu verrichten. Von Eseln gezogene, hölzerne Ziehwagen rollen an uns vorbei und wir nehmen uns fest vor, demnächst ein Eselselfie in die Wege zu leiten.
Der Königspalast
Wir bleiben nach einer kurzen Fahrt am Königspalast hängen. Ein Königspalast ist nichts ungewöhnliches in einer Königsstadt, und Fès ist von allen vier Königsstädten sogar die älteste. Allerdings hatte man uns erzählt, dass in Marokko so ziemlich jede große Stadt über so ein Ding verfügt. Ob der König je einmal in einem jeden genächtigt hat? Frage ich mich laut.
Der königliche Palast Dar El Makhzen in Fès war allerdings über Jahrhunderte Regierungssitz und die königliche Hauptresidenz. Er wurde im 17 Jahrhundert errichtet; das Tor kam erst später hinzu. Wir begutachten das Bauwerk nur von außen und fotografieren die mächtigen, mit Mosaiken verzierten Eingangstore. Ein Besuch mit Besichtigung ist leider nicht möglich, es dient dem König Mohamed VI als Sommerresidenz.
Dafür gibt uns Mohammed, unser Guide für einen Tag, erstmal wichtige Informationen über die Stadt. So erhalten wir unter anderem die Antwort auf eine Frage, welche uns schon länger unter den Nägeln brannte: weshalb es in Marokko kaum Shisha und Ähnliches gibt, das man aus dem Orient kennt. Das Land, erklärt der Guide, hatte nie unter osmanischem Einfluss gestanden, daher haben sich einige der heute aus der Türkei bekannten Traditionen hier nicht durchgesetzt. Dafür ist die Stadt andalusisch geprägt. Auch deshalb sind Minarette hier nicht rund, sondern rechteckig.
Keramikherstellung in Fès

Der Guide bringt uns anschließend auf einen Hügel hinauf. Hier, in der Stille der heißen Vormittagssonne können wir die gesamte Stadt überblicken. Doch zunächst wandern die Augen zu den weiß gebleichten Gräbern des nahe gelegenen Friedhofs. Festbetonierte, spitze Glasscherben sichern die Mauer. Unter unseren Füßen knirschen Steine und bunte, zerbrochene Stücke von Keramikfliesen, niemandem mehr nütze. Ich bücke mich und hebe ein solches Stück grüner Fliese auf. Was es damit auf sich hat, werden wir gleich erfahren.
Die Stadt Fès ist für seine Keramikherstellung berühmt. Die Herstellung der Töpferwaren reicht Jahrhunderte zurück und war lange Zeit auf den östlichen, andalusischen Stadtteil – oder den ‚Amel‘ – beschränkt. Schon seit dem 12 Jahrhundert nahm Marokko andalusische Flüchtlinge auf, sie brachten die Kunst der Töpferei und Mosaikherstellung mit. Erst Anfang der 1980 Jahre expandierten die Geschäfte und das Viertel weitete sich aus.

Wir werden in eine solche Fabrik mitgenommen und sind tief beeindruckt. In mühsamer Handarbeit, mit Geschick und viel Können, werden die gebrannten, bemalten und zurecht geschnittenen Rohlinge an die gewünschten Gegenstände angebracht.
Wir schauen bei der Entstehung zu, wo sich langsam spätere Spiegel, Wasserspiele, Vasen und vieles mehr herausbilden. Die arbeitenden Menschen lassen sich nicht von Besuchern stören. Hier darf kein Fehler passieren, jedes Steinchen muss sitzen. Später sehen wir zu, wie zwischen die farbigen Fliesen silberne Metallfäden von der Hand mithilfe eines Bunsenbrenners angebracht werden. Ein Kamerateam ist dabei und filmt, dabei wird angeregt berichtet. Wahrscheinlich werden unsere Köpfe später auf irgend einem arabischen Fernsehsender landen.
Eine Weile betrachten wir fasziniert die Arbeitenden bei ihrem Schaffen. Einen Raum weiter können wir dann die fertigen Produkte bewundern. Auch wenn ein Einkauf nicht unbedingt von Nöten ist – die kunstvollen Objekte werden auf Auftrag gefertigt und in die ganze Welt verschickt, wir sehen Dankesbriefe aus Australien, Neuseeland, den USA… -, so hat auch ein gemeiner Tourist durchaus die Möglichkeit, etwas zu erstehen. Doch keiner macht hier Druck. Das haben die Kunsthandwerker nicht nötig. Wir verlassen das Gelände und tauchen auf in den Bauch der Medina.
Die Medina von Fès

Tief, tiefer geht es hinein, weg von der Hitze dort draußen, rein in die überdachten Gänge. Die Bekanntschaft mit dem schier unentwirrbarem Labyrinth hatten wir bereits gestern Abend gemacht. Doch auch heute ist es nicht minder faszinierend, den Menschen bei ihrem Treiben zuzusehen, Frauen bei Herstellung von Teigwaren, die sie in Blitztempo und selbstvergessen mit geschickten Fingern kneten. Hauchdünne Teigfladen. Fisch, Fleisch – einfach so, eben mal am Haken bei Raumtemperatur aufgehängt. „Nicht fotografieren!“ Sagen manche. Dass die Darstellung großer Fleischstücke frisch vom Schlachter bei den Touristen einiges an Verwunderung auslöst, hat sich wohl rumgesprochen. Doch grundsätzlich sind Bildaufnahmen kein Problem. Es duftet, nach gebackenem, nach rohem Fleisch, nach Kaffee, nach Minze. Nach Gewürzen. Ich liebe dieses Wirrwarr und merke, dem Menschen neben mir geht es nicht anders. Zeitweise bleibt unser Guide stehen und unterhält sich, zeitweise versuchen wir, schneller durchzukommen. Auch andere Touristen sind hier, ganze Reisegruppen zwängen sich durch.
Um ihnen zu entkommen, biegen wir ab in Gassen, die so schmal sind, dass jeweils nur eine Person hindurchpasst. Durch Lücken in der Überdachung fallen einzelne Sonnenstrahlen in die Düsternis, bilden Flecken auf dem Boden, leuchtende Punkte auf unserer Kleidung. Es war die beste Entscheidung, über die Mittagszeit den Bauch der Medina zu erkunden. Hier sind die Temperaturen kühler, schier erträglich. Stellenweise geht es so tief hinein, dass es beinahe dunkel ist. Und immer sind miauende Plüschknäuel zugegen und mein Freund lässt es sich nicht nehmen, sie zu streicheln.

Die Souks von Fes sind in einzelne Bereiche unterteilt. Es gibt einen Bereich für Lebensmittel, für Silber, Kupfer, Seidenherstellung. Letzteren schauen wir uns im Anschluss an. Hier geht es ruhiger zu. Mohammed der Guide erklärt uns, was es mit der neuen Seidenart auf sich hat. Anstatt aus Schmetterlingsraupen wird Seide hier aus Fäden der Aloepflanze gewonnen. Das sei günstiger, und das Produkt qualitativ hochwertig und robust. Wir berühren die glänzenden Fäden. Die Optik stimmt, vielleicht fühlen sich die Materialien ein wenig rauer an. Tonnen mit Wasser zum Spülen und Auswaschen stehen bereit, und über unseren Köpfen hängen unzählige bunte Stoffe.
Es geht nun nach draußen, vorbei an Silber und Kupfer. Der Geschmack der marokkanischen Haushalte scheint sich auf viel Verzierung und Goldornamente zu konzentrieren, wie die vielen großen und kleinen Spiegel beweisen. Alles glänzt und mehr ist mehr. Auf dem Place Seffarine tanzen zwei Derwische. Es trommelt und kurz bleiben wir stehen, um zuzusehen. Doch eigentlich will unser Guide weiter, denn er hat noch so einiges mit uns vor. Eine alte Karawanserei bildet den nächsten Punkt, und auch hier schauen wir uns um, die Köpfe nach oben, betrachten das viele, geschnitzte Holz. Die Karawanserei Nejjarine aus dem 18 Jahrhundert gehört zu den schönsten Gebäuden der Stadt. Sie wurde restauriert und zum historischen Erbe erklärt; sie beherbergt heute ein Museum.
An einem Stand bleibe ich stehen. Den auf Sand gebrühten Mokka kenne ich bereits aus diversen Ländern; zum ersten Mal gekostet habe ich ihn in Rumänien. Doch in jedem Land schmeckt er ein bisschen anders und jedes Mal einzigartig lecker. So ziehe ich René mit mir. „Hast du schon mal probiert?“ Nein, hat er nicht. Stolz wie Bolle, dass ich meinem Weltreisenden auch mal was Neues zeigen kann, bestelle ich uns zwei Becher. Der Mokka hier wird mit Honig serviert, was ungewöhnlich anmutet, aber richtig gut schmeckt. Mit heißen, dampfenden Bechern in der Hand gehen wir langsam schlürfend weiter. Der Becher hindert am spontanen Fotografieren, andererseits sind auch so bereits so viele Bilder entstanden.
Fortsetzung folgt

Ja, die Mosaikarbeiten sind richtig beeindruckend. Toll, dass ihr ihre Entstehung live sehen konntet. Deine Beschreibung der Medina gab mir das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Ich spürte förmlich die angenehme Kühle im Vergleich zur Hitze draußen. Ebenso das Gewusel, das Gewirr, die vielen Sinneseindrücke, optisch und olfaktorisch (Gott, was für ein gestelztes Wort 🤣). Klasse! Von eurem Guide hätte ich mich vielleicht etwas getrieben gefühlt, aber das geht mir eigentlich immer so, wenn ich nicht auf eigene Faust irgendwo unterwegs bin. Aber für euch scheint es ja okay gewesen zu sein. Das ist die Hauptsache.
Danke, liebe Elke, für das große Kompliment. Genau das möchte, ich: dass sich die Menschen beim Lesen hineinversetzt fühlen in die Welt, die ich zu beschreiben versuche. Getrieben hatten wir uns eigentlich nicht gefühlt – bei den meisten Guides ist es so, dass die ein pralles Programm mit ihren Schützlingen haben 😉