September 2025
Sonnenaufgang, Frühstück. Fellknäuel, die sich Futter erschnurren. Doch heute Morgen haben wir keine Zeit für sie, weil es weiter geht, immer weiter. Im Vorraum wartet schon unser Fahrer auf uns, der uns sogleich abkassiert. Von unserem Geld für die einwöchige Reise wird erstmal das Hotel bezahlt.

Am Ortsausgang ist es ungewöhnlich leer. Selbst die emsigen Hutselfieverkäuferinnen, die den Touris für ein kleines (?) Entgelt lustige Hüte aufsetzen, sind nirgends zu sehen. René und ich nutzen gleich die Gelegenheit und lassen uns mit Ausblick auf Chefchaouen in einem dieser herzförmigen Sitze ablichten. Noch sitzen wir nicht richtig drin, schon sehen wir eine der Frauen auf uns zurennen. Sie muss sich im Schatten der Morgensonne versteckt haben, lauernd wie ein Geist. Nichts wie weg hier. Die Frau muss selbst lachen, als sie unsere Gesichter sieht. Mit einem Hechtsprung retten wir uns ins Auto. Hinter uns hören wir sie laut schimpfen.
Volubilis

Heiß ist es, als wir aus dem Bus steigen, so heiß. Die Luft flirrt und die Thermometer zeigen utopische achtunddreißig Grad an. Die Menschen stöhnen unter der Hitze und am Wegesrand sind verwesende Gerippe verdursteter Weidetiere zu sehen. Gut, die letzten beiden habe ich mir ausgedacht: es gibt keine Gerippe und die einzige, die unter der Hitze stöhnt, bin ich. Ich merke nämlich, wie wenig ich heute getrunken habe und mein Kreislauf meldet sich langsam ab.

Volubilis liegt gefühlt mitten im Nirgendwo. Tatsächlich liegt es in der Nähe von Meknes. Es handelt sich hierbei um eine antike Stadt, die heute nur aus Ruinen besteht. Im 3 Jahrhundert v.Chr. von den Berbern gegründet wirkt sie heute hauptsächlich römisch geprägt. Es gibt gut erhaltene, jahrtausendealte Mosaiken zu sehen, Bäder, einen Triumphbogen, Überreste von Tempelanlagen. Hier haben wir einen Guide an unserer Seite, der uns ausführlich über das Funktionieren der Wohnungen damals erzählt.
Bis zu 20000 Menschen lebten hier in der Blütezeit der Stadt. Volubilis war ein frequentiertes Handelszentrum für Getreide und Olivenöl. Der Name der Stadt „Volubilis“ leitet sich von der Oleanderblüte ab. Eine Ölpresse ist noch vorhanden sowie Reste der Wasserversorgung. Die Mosaiken zeigen Szenen aus dem Leben der römischen Götter.


Im 12 Jhd. wurde die Stadt nach und nach verlassen, nachdem der Verwaltungssitz nach einigen Berberüberfällen nach Tanger verlegt wurde. Ein Erdbeben im 18 Jhd. hat ihr endgültig den Garaus gemacht.
Zurück im Bus rufe ich nach Wasser. Wasser und Chips. Ibrahim der Fahrer hält am nächsten Supermarkt an und so können wir unseren Bedarf an Flüssigkeit und Salz decken.
Meknes

Etwas hydrierter betrachte ich die alten Mauern der Königsstadt, die am Fuße des Mittleren Atlas liegt. Sie ist eine von vier Königsstädten des Landes und wurde ursprünglich als Siedlung im 10 Jahrhundert gegründet. Ihr Name soll sich von einem Berberstamm ableiten, der die Gegend einst bewohnte.

Die mächtigen Tore gehören zu den größten Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie auch die kilometerlange Stadtmauer und die Medina, die als besonders ursprünglich beschrieben wird. Tatsächlich lässt uns Ibrahim hier auch raus. Das Mausoleum des Alawitenherrschers Mulai Ismail, der die Stadt von 1672 bis 1727 regierte, ist kostenlos zu besichtigen, doch, wie unser Fahrer erklärt, nicht heute, denn es werden zur Zeit Arbeiten durchgeführt.

An den prächtigen, historischen Gemäuern fahren wir vorbei. Schade, denke ich mir. Eine Medina ist wie die andere und wir wollen die Altstadt sehen. Kaum aus dem Auto und die gewünschte Richtung anvisiert, werden wir sogleich von einem Mann aufgehalten. „In die Medina geht es da lang!“ Sagt er und zeigt in die entgegengesetzte Richtung. Hier „gäbe es nichts“. Als er dann versucht, uns in sein Restaurant zu locken, kommen wir uns dezent verschaukelt vor.

Okay, zweiter Versuch. Doch kaum umgedreht, werden wir wieder von jemanden „umgeleitet“. Allen Anschein nach sollen wir um jeden Preis in die Souks zum Einkaufen gelotst werden. Ohne uns, denn jetzt wollen wir erst recht unseren Kopf durchsetzen. Wir laufen einen großen Bogen und schlüpfen dann, von windigen Händlern unbemerkt, durch die Tore der Altstadt.

Und sehe da, keine „verbotene Zone“ tut sich auf. Hier behelligt uns keiner, wie wir zwischen alten Mauern streunen, uns verlieren zwischen warmen Farben und schlüsselförmigen Türbögen. Hier und dort sind ein paar Touristen oder ein Einheimischer zu sehen. Ein alter Mann, der uns begegnet, quiekt beim Gehen vergnügt vor sich hin und löst bei uns den einen oder anderen Lachanfall aus. Aber für Lachanfälle brauchen wir nicht viel.

Siehe da, immer den Menschen nach zu gehen lohnt sich manchmal schon. Die Grabmoschee des berühmten Herrschers ist offen und eine Reisegruppe nach der anderen strömt hinein. Auch wir schlüpfen in die schattigen, marmorbesetzten Hallen. Geschnitzte Muster und Mosaiken in allen Facetten, filigrane Säulen, in der Mitte des Vorhofs ein Wasserspiel. Hier finden wir Abkühlung von der Hitze dort draußen.
Draußen. Langsam macht sich der Hunger bemerkbar. Wir ziehen weiter unsere Runden und, während René sich damit vergnügt, fremde Katzen zu kraulen, halten wir nach Essgelegenheiten Ausschau.

So ein „Eintreiber“ von eben käme uns zupass, aber davon lässt sich leider nichts mehr blicken. Wir landen in einem Lokal, dessen Räume zwar imposant wirken, das aber nicht nach Essen aussieht und schon gar nicht so riecht. Kurz harren wir verirrt auf einer Sitzgelegenheit, werden dann sogleich bis ganz nach oben gescheucht. Die Touri-Eintreiber, da sind sie ja. Wer kennt sie nicht.

Mittagessen also mit Blick auf Meknès. Könnte schlimmer sein. Essen schmeckt mäßig, doch wir werden satt. Auf dem Weg zurück zur Medina fängt uns ein leicht missmutiger Ibrahim ein. Eine Viertelstunde bekommen wir für die Erkundung der Einkaufsgassen eingeräumt, dann soll es weiter gehen. Wir erkunden die schattige Zone, während hier und dort ein Moped an uns vorbei knattert. Doch hier gibt es nicht wirklich viel für uns zu holen. Vielleicht weil wir nicht wirklich die Shopper sind. Noch vor Ablauf der Zeit kontaktieren wir unseren Fahrer.
Fés – „Gleich gibt’s Bier“
Von Fes sehen wir zunächst nicht viel. Wir landen vor den Toren der Altstadt und werden hier abgesetzt. Ein Mitarbeiter des Riads, in dem wir für zwei Nächte unterkommen werden, nimmt uns in Empfang. Durch enge Gassen geht es ein Stück hinein in den Bauch der Medina, eine große, schwere Holztüre wird geöffnet und wir gelangen wie durch ein Portal in eine andere Welt.
Drinnen erwartet uns Ruhe, der aromatische Duft einer Räucherung, leises Wasserplätschern. Wir finden uns in einem von Säulen umgebenden, nach oben hin offenen Raum wieder, von dem zur anderen Seite hin Treppen hinaufgehen. Auf einem der gemütlichen Polstersessel nehmen wir Platz, und bis die Formalitäten erledigt sind, vertreiben wir uns die Zeit mit schauen. Der obligatorischer Minztee wird gereicht, den der lächelnde Angestellte gekonnt aus großer Höhe in die schmalen Gläser gießt.
Oben auf unserem Zimmer herrscht eine wohlige Kühle. Fast haben wir keine Lust mehr, selbiges nochmal zu verlassen. Aber die Lage ist ernst: ihr könnt es euch schon denken, das Bier neigt sich dem Ende zu. Raus aus dem Zimmer und ab auf die Terrasse. Das Gebläse der Klimaanlagen verstärkt die Hitze noch, die sich hier oben in flirrender Luft zu stauen scheint. Der Sonnenuntergang gießt Gold über die Dächer, und scharenweise Vögel (Tauben? Möwen?) kreisen über den Himmel. Romantik per Excellence, ganz unbeabsichtigt.

Kaum das letzte Licht über der Stadt erloschen, erheben wir uns und tauchen in den Bauch der Bestie. Maps dient uns als Wegweiser durch das kaum zu überblickende Labyrinth aus kleinen, engen Gassen. Ein Gewirr aus Menschen, Ständen, Waren, streunenden Katzen, die sich darin überbieten, hier und dort einen Happen zu stibitzen. Gerüche, Geräuschpegel, dann wird es immer leerer. Nur noch ein Gassenwirrwarr, unsere Atem, Schweiß auf unseren Gesichtern. Das leise Echo unserer Schritte. Der Weg geht hinauf, steigt langsam, aber stetig auf. Vereinzelt andere Menschen.
Halbwüchsige Jungs rufen uns immer mal wieder hinterher, dass wir falsch seien. „Da geht es nicht weiter!“ Rufen sie. Oder: „This way! This way!“ Wir sollen nie herausfinden, wo sie uns da eigentlich lotsen wollen, denn wir sind nicht von gestern und ignorieren die Rufe einfach. Mit der Zeit machen wir uns einen Spaß daraus, die Jungs unsererseits ein wenig auf die Schippe zu nehmen, was mit einem ungläubigen Lächeln kommentiert wird. Zu Beginn nerven diese Stimmen, irgendwann amüsieren sie uns.
Schließlich kommen wir an, finden unsere Quelle des flüssigen Goldes. Diese befindet sich in einer Hotelbar quasi am anderen Ende der Stadt. Die Bar ist nach oben hin geöffnet, wir schauen in den freien, dunklen Himmel. Rechts neben uns schimmert blau ein langer Swimmingpool. „Wie viele da schon besoffen drin gelandet sind?“ Fragt René. Ich antworte, dass das vielleicht das Schild „Baden nur bis 18 Uhr erlaubt“ erklären könnte. „Vermutlich zu viele.“
Das Versacken und die langen Gespräche, das ist unser Ding. Nun gut, besonders tiefgründig sind die Gespräche nicht. Dafür bringen wir uns immer wieder zum Lachen. Bis wir irgendwann beschließen, dass es Zeit wird.
Der Rückweg durch die nun sehr einsamen Gassen gestaltet sich wesentlich schneller. Nun lachen wir auch noch über die Stimmen, die unermüdlich „wrong way“ rufen und uns zu erklären versuchen, dass es da, wo wir hin wollen, nicht weiter geht und wir besser daran täten, ihnen zu folgen. Keine Ahnung, in welchem Graben wir gelandet wären, hätten wir auf sie gehört. So landen wir einfach nur zurück in unserem Riad. Es war ein langer Tag.

Was für eine tolle Architektur, sowohl in der einen als auch in der anderen Stadt. So langsam kriegste mich mit Marokko 😁. Auch wenn es manchmal anstrengend wird mit den wrong way-Jungs. Alles eine Frage von Humor und Gelassenheit, wie man damit umgeht. Und Bier gab es ja auch. Grundversorgung gesichert 👍.
Ja, liebe Elke, ohne Bier ist alles nix 😉 Ich verrate dir mal so viel: das mit den „wrong way“ Jungs war so ziemlich das Anstrengendste, das wir auf der Reise hatten. Der Rest: alles freundliche, respektvolle Leute, sogar in Marrakesch, wo ich so viele Schauergeschichten gehört habe. Nichts davon hatte sich bewahrheitet, im Gegenteil. Klar gibt es immer wieder Nepp und welche, die was zu überteuerten Preisen verkaufen wollen. Aber als aufdringlich habe ich keinen davon empfunden. Wenn man irgendwelche Künstler auf dem Platz der Gehängten fotografiert oder filmt, wollen die danach verständlicherweise Kleingeld haben. Ich sag mal so: wenn dich Indien nicht erschreckt hat, wird Marokko ein angenehmes Reiseland für dich sein 🙂
Das überzeugt mich. Im Vergleich zu Indien ist so ziemlich alles easy 😁.
Ich war nie in Indien und bin eigentlich ein kleines Sensibelchen. Marokko ist easy, vertrau mir 😉
Aber voll und ganz 😎!
ahhh.. Problem gelöst! Es lag an meinem Cache. Musste mal kurz per Kommandozeile ipconfig /flushdns ausführen und schon flutschten die Bilder im Affentempo auf den Monitor.. 🙂
Ähm… okay, gut dass es geklappt hat. Manchmal bräuchte man echt mal einen Informatiker für zu Hause 😅 Wenn ich wieder ein Problem mit sowas habe, dann frage ich dich 😉
Hallihallo Kasia,
komisch – auf meinem Smartphone mit LTE laden die Bilder Ruckzuck – auf meinem PC braucht es ewig. Ich habe eine 2,5 Gigabit Glasfaserleitung und trotzdem dauert es jetzt schon mehrere Minuten, bis die ersten Bilder erschienen sind. Die restlichen werden noch gar nicht angezeigt..:-(
Trotzdem viel Spaß in Staubistan. Wäre mir da zu staubig, zu heiß, zu trocken, zu eintönig, zu.. ach, einfach alles.. 🙂
Beste Grüße
P.
Danke dir😉 Staubistan hat nicht nur Staub, es hat auch Regen… Hitze… tolle Landschaft 😉 Sogar Bier😂
Liebe Grüße
Hallo Kasia,
Ich finde es schon mutig auf eigene Faust in unbekannte Gefilde vorzudringen. Zum Glück ist ja alles gut gegangen. Auf einem Bild sieht es so aus als ob es dir ein bisschen unheimlich wäre.
LG Harald
Es war mir auch ein bisschen unheimlich 😅 und alleine hätte ich es vermutlich nicht gewagt. Aber mit meinem Freund tue ich Dinge, die ich mich sonst nicht getraut hätte, und das wichtigste: wir leben beide noch 🤣
Herrlich beschrieben, da kommen Erinnerungen auf. Bei unserem Besuch war leider das Wetter sehr bescheiden, das nimmt viel von dem Flair der Medina. Diese Lotsen, die einen in irgendwelche Etablissements locken wollen erinnern an Odysseus und seine Sirenen. Am besten Wachs in die Ohren und auf Google Maps vertrauen 😀
An Odysseus Sirenen habe ich da nicht gedacht, aber ja, das kommt ganz gut hin 😉 Die dachten wohl, sie hätten Anfänger vor sich 😅