November 2021
„Ihr braucht am Samstag nicht früh aufzustehen.“ Gibt uns jemand als Rat mit auf den Weg. Da sei eh noch nicht viel los in der Stadt. Doch heute kündigt sich ein strahlend schöner Tag an und dass wir noch schlafen, ärgert mich dann doch. Man kann eben nicht alles haben und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich am liebsten ganz im Bett geblieben wäre.
Wir wollen zur Galatabrücke, die die Ufer der Bosporus-Enge und die Stadt zwischen zwei Kontinenten verbindet, landen dann schließlich an der Metrobrücke am Goldenem Horn. Doch warum auch das okay ist, erzähle ich im Beitrag.
Der Spezialdöner
Wir laufen los und fragen uns durch. Jeder möchte helfen, doch jede Auskunft weicht von der vorherigen ab. Ein kleiner, privater Bus nimmt uns ein Stück weit mit, danach laufen wir wieder zur Fuß weiter. Bei einem leckeren „Spezial-Kebab“ erfolgt eine weitere Zwangspause, denn wir haben Hunger. Und er ist wirklich speziell, der Kebab – zwischen den Fleischstücken stecken Tomaten und Kartoffeln im Spieß und werden gleich mitgebraten. Wir stellen uns am Ende der Schlange an und drängeln uns unabsichtlich vor. Das Mädchen, das eigentlich vor uns dran ist, nimmt das mit Humor. Lachend sagt sie zum Dönermann: „Hey, warum vergisst du mich? Ich habe auch Hunger.“
Den Fauxpas macht Fee mit einer Einladung gut und wir setzen uns zu dritt an einen Tisch. „Ich hatte so Lust auf Döner.“ Sagt das Mädel und fügt hinzu, sie glaubt, sie sei schwanger. „Inschallah.“ Hoffentlich.
Wir kommen an einem demolierten Sportwagen vorbei, der in einem Schaukasten ausgestellt wurde. Das sei während des Putschversuchs 2016 passiert, informiert mich Fee, und die angebrachte Infotafel enthüllt weitere Details. So wurde der Wagen, ein Mercedes, soweit ich es erkennen kann, auf der Birlik Bridge von einem Panzer überrollt, den einer der Putschisten verwendet hatte. Zweihundert Menschen starben, an die tausend wurden verletzt, teilweise schwer. Die Brücken und der Taksim Platz wurden besetzt, das Parlamentsgebäude in Ankara mit Bomben attackiert. Der Putsch wurde erfolgreich niedergeschlagen, unter anderem von der Polizei, die wohl mit schweren Waffen ausgerüstet war.
Durch die abweichenden Auskünfte der hilfsbereiten Bevölkerung landen wir zunächst am völlig falschen Ort, und zwar am Sultan Resat Mausoleum mit dem dazugehörendem Friedhof. Die meisten Menschen in Istanbul verlassen selten ihr Viertel; so trifft die Annahme, jeder Bewohner würde sich in der großen Stadt auskennen, schlicht nicht zutreffend. Eine Straßenbahn bringt uns zur Atatürk Brücke in die Nähe unseres Zielortes. Bereits jetzt beginnt die Sonne, unterzugehen und die Häuser und Moscheen am Wasser strahlen in einem lebendigen, warmen Glanz. Es scheint, als würde sich ganz Istanbul mit seinen Hügeln vor unseren Augen erstrecken. Doch das kann nur ein Trugschluss sein, denn was wir sehen, ist nur ein Bruchteil der Millionenmetropole am Bosporus.
Eine Stadt voll Gold
Die Häuser wirken in diesem goldenem Licht plastisch wie Gemälde. Die Fenster glänzen und funkeln wie aus poliertem Gold, so als hätte dort jemand einen goldenen Schatz vergraben, der nun, zu dieser Zauberstunde, nach und nach freigegeben wird.
Die Busse hier haben den Vorteil, dass man um Ausstieg bitten kann, wenn eine günstige Stelle erreicht wird. Es gibt zwar feste Haltestellen, jedoch flexible Fahrer. Falls man der türkischen Sprache mächtig ist, versteht sich – denn die Menschen in Istanbul, selbst die jungen, sprechen, wenn überhaupt, erstaunlich wenig englisch. Die Straßenbahn lässt uns ein Stück weiter raus und wir gehen das restliche Stück des Weges zu Fuß. Das heißt, Fee geht. Ich renne ihr davon. Ich renne, um keinen einzigen Moment von diesem unglaublichen Sonnenuntergang zu verpassen.
Die Brücke, die Häuser, die Wolkenkratzer – alles strahlt nun in einem unwirklichen Pink. Scharen von Möwen tummeln sich um die Fischkutter. Boote schaukeln im Wasser. Ein Mann verkauft gebratenen Fisch, den er, frisch gefangen, gleich hier an der Promenade auf den Grill wirft. Doch dafür ist jetzt keine Zeit, denn ich will unbedingt den Sonnenuntergang von der Brücke aus sehen. Dass ich am Ende auf die falsche Brücke renne – geschenkt.
Als wir oben auf der Brücke ankommen, ist der pinkene Schein erloschen. Sunset knapp verpasst, ich bin enttäuscht. Hätten wir bloß nicht so viel Zeit verloren… Fast entgleitet mir die Tatsache, dass ich gerade wirklich hier bin, am Bosporus, und genau zwischen zwei Kontinenten stehe. Mächtig erhebt sich die Hagia Sophia zwischen den Häusern der Stadt, eines der typischen Bilder, die man im Kopf hat, wenn man an Istanbul denkt. Der Himmel wird orange, leuchtet kräftiger, die Farben werden tiefer. Der Ruf des Muezzin ertönt gleichzeitig aus allen Ecken der Stadt. Der melodischer Gesang wird über das Wasser getragen, über die Dächer der Häuser, und passt hierher wie nichts anderes. Ein besonderer Moment, wir bleiben einfach hier oben stehen und schauen uns um. Die Galatabrücke ist eigentlich unser Ziel gewesen. Doch von der Metro Bridge lässt sich das schönste Panorama auf die asiatische Seite genießen, während sich auf der europäischen Seite der moderne Teil der Stadt erstreckt, mit seinen Wolkenkratzern und Türmen.
Der Fisch Kebab
Es wird dunkel und die Stadt beginnt zu leuchten und zu funkeln. Auf der europäischen Seite beginnt eine Gruppe junger Leute zu singen und zu tanzen. Musik dröhnt aus der mobilen Box. Wir verlassen die Brücke und stellen uns zu den Zuschauern. Doch die Show geht nicht lange. Irgendwann erklingt eine mir von meinen Bluetooth Kopfhörern wohlbekannte Stimme, die da sagt: „Battery low.“ Die Party ist vorbei, die Menschentraube zerstreut sich. Es wird Zeit für einen Fisch-Kebab.
Vom Fisch-Kebab schwärmen viele Istanbul-Besucher. Gefangen im Bosporus, zubereitet und gebraten auf dem Grill. Im Brötchen und mit Salat, Zwiebeln und Tomaten garniert kostet uns der Snack umgerechnet – fast nichts. Noch immer sind die Preise hier für einen normalverdienenden Deutschen lächerlich gering. Wir setzen uns auf eine improvisierte Bank aus Sitzfläche und zwei leeren Kanistern, genießen unseren Snack und beobachten die vorbeilaufenden Menschen. Eine Gruppe älterer Frauen, in Kopftuch und lange Mänteln gekleidet, läuft an uns vorbei und ihre Blicke in unsere Richtung sind nicht gerade schmeichelhaft. Nun, es ist nicht schlimm, wenn sowohl die eine als auch die andere Fraktion nicht viel voneinander hält. Von unseren Lebensentwürfen, unserer Einstellung und Überzeugung her könnten wir füreinander ebenso gut Aliens sein. Eine der Frauen zeigt mit dem Kopf in Richtung des Grills und sagt etwas. Fee übersetzt leise: „So viel Geld für einen Fisch. Für diesen Preis kaufe ich auf dem Markt Fische ein und koche sie für euch alle.“
Shopping und Shisha
Wir machen uns zu Fuß auf in Richtung Karaköy, über einen Markt, der sich vom Ufer aus in Richtung Stadt erstreckt und nun, zu dieser Stunde, teilweise schon geschlossen hat. Doch die noch offenen Stände bieten ein Meer aus bunten Farben, billigem Blink Blink und allem an geschwungenen, verzierten, vergoldeten und bemalten Haushaltsutensilien, die ich zwar niemals brauchen werde, die ich jedoch fasziniert anschaue. Kaffeebräugeräte, Teeservices mit zarten, filigranen Gläsern, Räucherlampen, goldene Löffel, Ramsch und Kitsch. Es kann nie too much sein. Bei einem Elektronikstand bleiben wir länger stehen. Während Fee Geschenke für ihre Lieben in Form von Laserbildchen und Schlüsselanhängern anfertigen lässt, erscheint mir eine unkaputtbare Folie für’s Handy die sinnvollste Investition zu sein. Die Kosten hierfür – ein paar Euro…
In einem Shisha-Lokal bleiben wir hängen. Unter einem Heizstrahler machen wir es uns gemütlich. Mit einer großen, beleuchteten Shisha, Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern und einem Obstteller, der auf einer Wolke aus Stickstoff zu schweben scheint, lässt es sich leben.
Das Taxi, das uns diesmal Heim bringt, kostet etwas um die 35 Lira. Der Fahrer klärt uns über verschiedene Maschen der Abzocke und die eigentlich üblichen Tarife auf. Alle Taxis nutzen zwar standardmäßig den Taxameter, doch ist es eine häufige Masche, andere – längere – Strecken zu fahren, um den Preis in die Höhe zu treiben.
Im heimischen Viertel angekommen wollen wir noch nicht schlafen gehen. Wir streunen herum, probieren Muscheln vom Stand (ich) und Kokoreç (Fee) und lernen so unser Stadtteil besser kennen. Die Lokale sind klein und gemütlich, touristisch ist hier gar nichts. Shisha-Lokale und Restaurants, teilweise schon geschlossen, befinden sich in historischen Häusern.
Die Muschelhändler, die man hier an jeder Ecke stehen sieht. Man sollte sie probieren, die frisch gedünsteten Muscheln „von der Straße“, mit Reis und Zitrone gefüllt. Sie kosten nur einen bis anderthalb Lira pro Stück. Der Verkäufer öffnet die Muschel mit einem Messer, träufelt Zitronen- oder Orangensaft darüber und reicht sie dir, eine nach der anderen. Du kannst zehn essen oder zwanzig, bezahlt wird am Schluss.
Es gibt in Istanbul so viel zu probieren. Wie Kokoreç, ein Gericht, das aus gebratenem, gehacktem und gewürztem Schafsdarm besteht. Kling seltsam? Ihr werdet überrascht sein! Gut zubereitet ist es richtig lecker. Oder die heißen, gebratenen Maronen, gefühlt auch an jeder Ecke zu erwerben. Für den kleinen Hunger. Man kann hier in Istanbul vieles; verhungern kann man nicht.
Irgendwie schaffen wir es wieder einmal, uns erst gegen fünf Uhr morgens schlafen zu legen…
Die Fotos im goldenen Abendlicht sind ein Traum! Meine Vorfreude steigt, und steigt, und steigt 😎. Kulinarisch seid ihr auf jeden Fall auch auf eure Kosten gekommen 👍. Muss dann wohl ein paar flexible Hosen mitnehmen 😅. Hoffentlich kriege ich dort auch meinen heiklen Veganer satt …
Theoretisch gibt es auch vieles, was unter „vegetarisch“ läuft. Vegan? Puh…
Ja, kulinarisch ist die Türkei eine wahre Fundgrube. Warte mal ab, bis die Beiträge über das geheimnisvolle Schafsfleischgericht raus sind, mit welchem Fee mich überrascht hat… 😉
@veggie: er wird schon nicht verhungern, hoffe ich! Schaf: Oh Schreck, davor graust es mir jetzt schon 😂!
Lass dich überraschen… 😉
Schon passiert!
Hi Kasia,
das aussteigen abseits der regulären Haltestellen, bzw. zwischen 2 Haltestellen bieten die Dortmunder verkehrsbetriebe auch an. Ist aber im Ermessen des Fahrers ob er das macht, denn er muss an einer Stelle anhalten, an der das aussteigen gefahrlos möglich ist. Da im Dortmunder verkehrsraum die Haltestellen alle durchschnittlich 400 Meter auseinanderliegen tritt das auch nicht so häufig auf, bzw. ist das kaum notwendig.
Das mit den Shisha-Bars gibt es bei uns aber auch immer mehr – hatte mich vor ein paar Wochen mit einem Ex-Arbeitskollegen in Bochumer Bermuda3eck getroffen – eine ganze Strasse voll mit Shisha-Bars, wo die Gäste draussen gesessen haben – eine nach der anderen. War schon auch so ein bisserl Istanbul Feeling..
Beste Grüße
P.
Was die Shisha Bars betrifft, die beste Shisha, die ich bisher geraucht habe, war in Deutschland. Hier ist die Rauchkultur anscheinend etwas ausgefeilter und man bietet den Kunden eine Vielzahl an Geschmacksrichtungen an.
Sag mal, was ist mit deinem Blog los? Ich wollte neulich kommentieren, kam aber beim Google Startfenster raus…?
Lg Kasia
Hi Kasia,
das passiert, wenn versucht wird auf meinem Blog von Ländern zugegriffen wird, die als Hackerhochburgen bekannt sind. China, Russland, u.d.a. Die IP gibt ja den Standort des Besuchers bekannt – ich glaube auch nicht, dass die Besucher von China, Russland oder anderen Ländern die Beiträge auf meinem Blog interessiert.
Als Spam-Abwehr habe ich sowohl „All In One WP Security“, als auch das Addon „AIOWPS Country Blocking Addon“. Das leitet derlei IP’s direkt auf die google-Seite um.
Das kann Dir natürlich auch dann passieren, wenn Du ein IP-Verschleierungstool benutzt wie VPN oder einen Proxy-Server, denn dann werden halt andere IP-Adressen „geborgt“. Kann das Plugin ja nicht ahnen, dass die liebe Kasia unter fremden Namen zu Besuch kommt.. 😉
CU
P.
Die liebe Kasia wollte deine lieben Artikel von einem harmlosen Hotel in Danzig über die dortige Wlan Verbindung lesen… *heul*
😉
Einw spannende Reise 🙂
Ja, das war sie 🙂
Hallo Kasia,
ein interessanter Bericht. Die Tage scheinen zu verfliegen. Wegen dem Sonnenuntergang wäre ich auch gerannt, Schade, dass du ihn nicht mehr erreicht hast.
Liebe Grüße Harald
Hallo Harald, die Tage gingen tatsächlich schnell rum, zu schnell. Und gleichzeitig haben wir so viel erlebt, dass es für zwei Wochen gereicht hätte 😉
😔 ich will wieder hin.
Vielleicht diesmal eine andere Ecke der Türkei? 😉
Sehr gerne.
Es war sehr interessant, deine Geschichte noch einmal zu lesen. Das Auto, das von diesem gepanzerten Fahrzeug überfahren wurde, ist etwas ganz Besonderes und wird sich hoffentlich für immer an dieses schreckliche Ereignis erinnern.
Ich glaube, die Geschehnisse von damals haben sich tief in das kollektive Bewusstsein der Menschen dort eingegraben, seitdem hat sich vieles im Land verändert.
Lecker, lecker. Macht Lust auf einen Besuch
Also, den Fisch Kebab kann ich nur empfehlen 😉
Schwer vorstellbar, aber wer weiß…