Europa, Frankreich

Straßburg – Grenzgängertour

Ich war bereits in Straßburg. Drei Mal ungefähr. Immer zur Winterzeit, wenn der Frost die Zehen zusammenrollen lässt und die Kälte in die Knochen kriecht. Und irgendwie war das schöne Straßburg für mich immerzu mit Kälte verbunden.

Doch das muss nicht so bleiben. Heute bin ich mit meiner polnischen Freundin unterwegs, die nur alle paar Wochen in Mannheim ist. Und immer, wenn wir zusammen unterwegs sind, versuche ich, ihr etwas neues zu zeigen. So wie heute; da sie noch nie in Frankreich war, packe ich sie kurzentschlossen ins Auto. Kaum hinter der Grenze, sage ich ihr mit einem Augenzwinkern Dinge, die ich mir bei solchen Gelegenheiten selbst immer sage: „Schau mal, wir sind in Frankreich. Französische Autos… französische Schilder… französische Bäume und Sträucher…“ Sie lacht. Was ist daran anders, will sie wissen. Na ja, sage ich. Sind halt französisch. Sie lacht noch mehr.

Wir parken in Petit France in der Nähe des Museum für Modern Art. Ein freundlicher Einweiser winkt uns lächelnd nach unten und erklärt uns in deutscher Sprache (er hat wohl auf das Kennzeichen geachtet), dass auf Ebene 1 und 2 bereits alles belegt ist. Ich schmelze dahin ob der Nettigkeit und lasse mich die nächste Viertelstunde aus über die „Servicewüste Deutschland“.

„Wenn du in einem deutschen Parkhaus bist, wird glaubst du, da steht jemand da und lotst dich, damit du nicht umsonst herumfährst? Nix da – such gefällig selbst, Autofahrer!“ Fauche ich, während der Wagen kurve um Kurve tiefer in den Gewinden der Tiefgarage versinkt.

Das Wetter ist ein Traum aus Blüten, Frühling und blauem Himmel. Wir schlendern langsam in  Richtung Altstadt, während meine Freundin alles, was nach Fachwerk aussieht, abfotografiert („In Polen haben wir davon nicht so viel, erklärt sie; und schon gar nicht ganze Häuserreihen.“)

Die Stadt ist voll. Sehr voll. Die Menschen drücken sich durch die Gassen, stapeln sich entlang der Kanäle. Doch irgendwie gefällt mir diese Stimmung, sie hat so etwas Lebendiges. Wir tauchen ein und ich zeige Danusia die schönsten Ecken der Stadt und komme mir dabei vor wie eine Mischung aus Lehrerin und Reiseguide.

Ein kleines Päuschen muss sein; trickreich erkämpfen wir uns einen Vierertisch im Flammkuchenlokal „Le Lohkäs“ mit einer List. Wir tun uns mit zwei weiteren Mädels zusammen, die ebenfalls essen wollen, und ersparen uns so die Wartezeit. Nach anfänglichem Kennenlern-Geplänkel vertiefen wir uns schließlich in unsere eigenen Gespräche, wir auf polnisch, die beiden (Freundin 1 – Französin, Freundin 2 – aus Frankfurt) auf französisch. Ich mag es, so viele unterschiedliche Sprachen zu hören wie jetzt gerade. Das weckt mich auf, lässt mich lebendig fühlen. Und Danusia genießt auf ihre Art – dies ist tatsächlich ihr allererster Flammkuchen.

Der Weg führt uns weiter in die Innenstadt und geradewegs zur Kathedrale Notre Dame de Strasbourg. Durch die Stadt fließt die Ill, und der gesamte Teil der Altstadt, scheinbar von Kanälen umgeben, ist eigentlich eine Insel.

Vor dem Eingang gibt es Taschenkontrollen. Maske? Nicht nötig, doch ein freundlich lächelnder Mann wirft hier und da mal einen Blick in die Handtaschen und Rucksäcke der Touristen. Frankreich ist von Anschlägen gezeichnet und die Vorsicht hat sich schon ins kollektive Bewusstsein eingebrannt. Bei der Gelegenheit erkläre ich Danusia, dass sie sich nicht sorgen soll beim Anblick von schwer bewaffneten Sicherheitskräften. Das sei hier völlig normal. Ich weiß noch, wie seltsam mir zumute war damals in Paris beim Anblick von bis auf die Zähne bewaffneten Uniformierten in der Metro.

Die Straßburger Kathedrale. Egal wie oft ich sie schon gesehen habe, ich kann mich nicht sattsehen. Alles ist so fein, so in die Höhe strebend, fast statisch unmöglich wirken die kerzengeraden Pfeiler und hauchdünnen Säulen. Und die Fenster. Himmel, die Glasfenster. So bunt, so filigran, so reich an Details. Vom Bau der Fundamente 1176 bis zur Vollendung des Münsters sind drei Jahrhunderte vergangen. Die Kathedrale war bis ins 19 Jahrhundert hinein das höchste christliche Bauwerk weltweit. Sie war das Vorbild für die Kathedralen in Freiburg und Basel.

Die schöne Fensterrose über dem Eingang verbirgt ein kleines Geheimnis, das eigentlich keines ist, auf das ich jedoch trotzdem erst im Nachhinein stoße. Über dreihundert Stufen führen hinauf auf eine Aussichtsplattform, von wo man den Ausblick auf Straßburg genießen kann. Stattdessen entscheiden wir uns für einen Cappuccino unterhalb des Münsters, und mit der Tasse in der Hand betrachte ich das Treiben um uns herum, bewundere das Fachwerk und kann mich kaum sattsehen an den Formen der Notre Dame, an der ich immer neue Einzelheiten entdecke. Und zugleich genieße ich die warme Sonne in meinem Gesicht nach diesem langen, dunklen Winter, wo sich Regenperioden mit Regenperioden abwechselten. Gut, manchmal gab es nur Wolken. Ohne Regen.

Wir steuern auf die Kanäle der Ill zu, denn wir wollen eine Bootsfahrt machen. Doch die Abfahrtszeiten (halbstündlich) vertragen sich nicht mehr mit unserer restlichen Zeitplanung, denn ich muss meine Freundin zur festen Zeit am frühen Abend zu Hause abliefern. Also merken wir uns das fürs nächste Mal vor und sehen ein wenig sehnsüchtig den Menschen in den Glasbooten hinterher, die sich die Sonne auf ihre Köpfe scheinen lassen. Siebzig Minuten über acht Kilometer dauert so eine Tour der Batorama und sie führt vorbei an zweitausend Jahren der Straßburger Geschichte. Das Kaiserliche Viertel sowie die Neuzeit können passiert werden und für mich wohl besonders spannend: das Europa-Viertel, Sitz des Europarats.

Doch daraus wird heute nichts, stattdessen stoßen wir auf eine Ukraine-Demo gegen den Krieg, die seitlich am Münster stattfindet. Ein wenig stehe ich da und versuche vergeblich, den Kloß im Hals zu bekämpfen. Ein Stück weiter stehen Syrer mit ihren syrischen Flaggen und ihren Pappschildern, die lauthals ihre Solidarität mit der Ukraine bekunden. „Da.“ Sage ich zu meiner Freundin. „Die wissen gut, was Krieg ist.“

Damit der Bericht jetzt nicht so traurig endet; auf dem Rückweg haben wir Gelegenheit, einen Schleusenwechsel eines Batorama-Ausflugsbootes zu beobachten. Das Boot hebt sich und hebt, und das Glasdach kommt uns, die wir angelehnt zuschauen, immer näher. „Man könnte den Leuten fast schon auf den Kopf spucken.“ Sage ich. Als hätte er uns gehört, hebt einer der älteren Passagiere den Kopf und sieht zu uns hoch.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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17 Kommentare

  1. Ja, Straßburg ist wirklich ein Schmuckstück! Schön, dass du das Städtchen gemeinsam mit deiner Freundin genießen konntest. Und sie aß wirklich zum ersten Mal Flammkuchen? Den wird sie ab jetzt bestimmt nicht mehr missen wollen 😃.

    1. Den Flammkuchen aß sie zum ersten Mal, und ich war froh, dass es in Elsass war. So hat sie gleich das Beste vom Besten probieren können. In Polen habe ich Flammkuchen bisher nicht gesehen, was aber okay ist, denn am besten schmeckt er eh in Frankreich.

  2. Steht ganz oben auf meiner To-do-Liste!

    1. Straßburg ist eine tolle Stadt. Wenn du in der Gegend bist, dann schau dir auch mal die kleinen Orte an.

      1. Mach ich!

  3. Schöne Bilder mit Frühlingsstimmung. War zeitlich geschickt geplant von dir, da es jetzt erstmal vorbei ist mit warmer Sonne…

    1. Zu dieser Jahreszeit muss man jeden Sonnenstrahl genießen. Wir hatten den wärmsten März seit Beginn der Wetteraufzeichnung (habe ich irgendwo aufgeschnappt) und nun bekommen wir die Quittung dafür in Form von Schnee und Kälte. Gut, dass ich zumindest die eine oder andere Tour mitnehmen konnte 😉

  4. Hallo Kasia,

    du warst wieder auf Tour, Schön, dass du Straßburg als Ziel gewählt hast. Ich war schon mehrmals dort. Es gibt viel zu sehen. vor allem das Gerberviertel mit seinen vielen Fachwerkhäusern gefällt mir.

    Ich wundere mich über deine Innenaufnahmen im Münster. Als ich das letzte Mal dort war, war Fotografieren im Innern des Münsters verboten. Eine Rundfahrt mit dem Schiff kann ich nur empfehlen. Also für das nächste Mal vormerken.

    Danke für’s Mitnehmen und leibe Grüße
    Harald

    1. Hallo Harald,
      für das nächste Mal ist eine Fahrt mit dem Schiff in jedem Falle geplant. Inzwischen war ich schon mehrmals in Straßburg, es ist zwar schön, aber inzwischen habe ich die Stadt ja schon gesehen. Zu den Innenaufnahmen kann ich nicht viel sagen, ich habe keinen Hinweis gesehen, stattdessen viele fotografierende Menschen…
      Lg Kasia

    2. Ich konnte 2018 forotgrafieren. Aber Taschen- und Ausweiskontrollen waren ziemlich streng. Habe sogar mein Taschenmesser vorsichtshalber im Hotel gelassen; das war eh nur ein paar Schritte vom Münster.

      Eine Bootsfahrt kann ich auch nur empfehlen. Sollte man am besten im Voraus buchen.

  5. Strassburg ist eine sehr schöne Stadt. Ich war dort gerne auf Besuch.

    1. Straßburg ist schön und zudem in Grenznähe. Ein Besuch lohnt immer. Ich möchte mit der Zeit auch Ziele in Frankreich besuchen, die etwas weiter im Inland sind.

  6. soooooo schöööööön…
    ich würde sterben dafür in so einem wunderschönem Fachwerkhaus am Fluss zu leben. Als glücklicher Single – nur mit einem Hund und einem Kater..
    ach ja… Träume.. aber wenn ich heute Abend den Euro Jackpott knacke, dann… 😉

    1. Die Fachwerkhäuser sind ganz schmuck und ich habe mir sagen lassen, Fachwerk hätte ein tolles Raumklima. Es würde mir auch gefallen, in einem davon zu wohnen. Vielleicht wenn ich in Rente bin 😉

  7. Ich bin ein paar Mal mit dem Auto an Straßburg vorbeigefahren, aber ich habe die Stadt selbst nie besucht. Es war daher sehr schön, diese schönen Impressionen von Ihnen zu sehen, begleitet von einem erklärenden Wort. Danke Kasia und ja… du hattest schönes Wetter.

    1. Vielen Dank. Dafür schneit es aktuell bei mir vor der Haustür. Vor wenigen Tagen saß ich noch im T-Shirt draußen. Verrückte Welt…

    2. Mach mal einen Stop, wenn du nächstes Mal dran vorbeifährst. Die Stadt ist wirklich hübsch. https://lostfort.blogspot.com/2018/05/pretty-houses-and-famous-minster.html

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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