Europa, Polen

Blonie – 640 Jahre Geschichte einer Stadt

Was soll ich dir schenken? – Fragt mich meine Mutter. Und vergisst dabei, dass ich längst nichts mehr geschenkt haben möchte. Ich lache. Was schenkst du jemandem, der schon alles hat? Hoch im Kurs steht da Selbstgemachtes. Oder Selbsterlebtes. Wir einigen uns auf Kuchen – und einen gemeinsam verbrachten Vormittag in der Stadt.

Die Konditoreien in Polen sind eine Wucht. Fast fallen mir die Augen raus bei so viel Vielfalt. Nur drinnen sitzen dürfen wir (noch) nicht. Denn eigentlich… „Eigentlich haben wir noch keine Anweisungen diesbezüglich bekommen.“ Sagt die nette Kuchenverkäuferin. Meine Mutter bleibt stoisch stehen und hofft, dass die Dame es sich anders überlegt. „Komm, Mama, es gibt auch Kaffee to go.“ Das lässt sie vom Platz weichen.

Süß, oder? Der „Süße Laden“, eine Bäckerei und Konditorei

Der Brunnen

Wir begeben uns zurück zum Marktplatz und suchen uns ein schönes Plätzchen auf einer der vielen Bänke, die rund um das schattige, gepflegte Ensemble verteilt sind. In der Mitte des Platzes plätschert eine Wasserfontäne, die im Sommer wunderbar kühlend und erfrischend vor sich hin plätschert. An heißen Sommerabenden spielt der Brunnen Musik, die im Takt des herausspritzenden Wassers daherkommt und die Wasserstrahlen sind bunt unterleuchtet. Im Winter ist der Brunnen abgedreht, und leuchtende Girlanden lassen abends an ein Schneekönigin-Märchen denken.

Der Brunnen wurde 2008 im Rahmen der polnisch-italienischen Freundschaft erbaut. Die italienische Partnerstadt von Blonie ist Corendo Ausonio in der Provinz Frosinone.

 

Blonie – Stadtgeschichte

Der kleine, schöne Marktplatz der Stadt hat noch seinen mittelalterlichen Grundriss. Denn siehe da: Blonie feiert sein 640 Entstehungsjahr. Die vielen Transparente und Tafeln erzählen die Stadtgeschichte. Wir setzen uns unter die Bäume und essen Kuchen. Danach schlendere ich um die Tafeln herum und informiere mich. Denn die nähere Geschichte dieser kleinen Stadt in Masowien, rund dreißig Autominuten westlich von Warschau gelegen, war auch mir bisher unbekannt.

In Wahrheit gehört Blonie zu den ältesten Siedlungen in Masowien. Archäologische Funde deuten auf eine nicht unwesentliche, militärische Stärke hin. Bereits IV v. Chr. wurden auf dem heutigen Stadtgebiet Metalle und Legierungen geschmolzen. Der Handwerksort für Metallurgie war seinerzeit der zweitgrößte in Europa. Ebenfalls wurden hier die Überreste von Behausungen aus VIII entdeckt. Die wohl besterhaltenen Siedlungsreste befinden sich unweit von Blonie, im nordöstlichen Teil der Stadt, und stammen aus dem XI-XIII Jahrhundert. Es handelt sich um die Siedlung Łysa Góra (der „Kahle Berg“). Hier befand sich der Hof der damaligen Herrscher von Masowien. Tiefere, darunter gelegene Schichten enthüllten Funde aus dem VIII.

Zum ersten Mal fand Blonie 1257 urkundliche Erwähnung, und 1380 erhielt Blonie vom Janusz I dem Älteren die Stadtrechte verliehen.

Blonie war zur damaligen Zeit eine Handelsstadt. Handelswege führten von Posen nach Warschau und reisende Händler, die in die eine wie in die andere Richtung unterwegs waren, mussten zwangsläufig den Blonier Marktplatz passieren. Die Hauptrouten führten sie automatisch zum Handelszentrum der Stadt, und von hier erstreckten sie sich in die wichtigsten Richtungen: die Warschauer Straße nach Warschau, die Lowiczer Straße nach Lowicz und so weiter.

Es gab Vereinigungen, den Handwerksgilden ähnlich, die Lehrlinge ausbildeten und sowohl die Qualität der Waren als auch die Preisbildung beaufsichtigten und sich von sogenannten Handwerkspfuschern abzugrenzen versuchten. Wie man heute weiß, gab es Schmiede, Weber, Pflüger, Goldschmiede und Zöllner, um nur ein paar zu benennen. Nicht zu vergessen, die Brauer, Müller, Bäcker, Schlachter… Ganz besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Schuhmacher.

Schumacher bei der Arbeit, 16 Jahrhundert. Quelle: Die Jagellonier Bibliothek

Viele dieser Handwerke zentrierten sich am und um das Rathaus herum, welches, wie die Tradition es verlangte, in der Mitte des Marktplatzes stand. Nur hier durften die Schneider ihre Stoffe zuschneiden lassen, was Zusatzeinnahmen in die Stadtkasse spülte. Die Gasthäuser durften nur das Blonier Bier und Branntwein ausschenken (obwohl das eine oder andere Privilegien der mazowienschen Prinzen erhielt und „Importe“, also Biere anderer Gemeinden, handeln durfte).

So sah ein typisches, altpolnisches Gasthaus aus. Zeichnung von Aleksander Orlowski (XIX), Quelle: Museum Historii Blonskiej

Der typische, quadratische Grundriss ist in alten, polnischen Städten häufig anzutreffen. Auch der Grundriss von Blonie bildet da keine Ausnahme. XIV wurden der quadratische Marktplatz und das typische, schachbrettförmige Straßenmuster angelegt. Die Felder bildeten rechteckige Einheiten, um die Berechnung von einzutreibender Pacht zu erleichtern.

Der folgende Stadtplan zeigt Blonie von 1820. Der Marktplatz gehörte mit 100 auf 100 Meter zu den größten in Masowien und war darauf ausgelegt, mit großen Mengen an Getreide zu handeln. Die Gesamtgröße der Stadt betrug damals ca. 3,6 km²

Die hauptsächlich auf fruchtbarem Boden gelegene Stadt hatte in erster Linie einen bäuerlichen Charakter. Zum Ende des 18 Jahrhunderts hin notierten die Blonier Bürger den um Warschau herum höchsten Ertrag an Getreide.

Der Blonier Grundriss aus dem 19 Jahrhundert. Das typische Schachbrettmuster der Straßen mit dem zentral gelegenem, quadratischen Marktplatz wurde bereits im 14 Jahrhundert angelegt.
„Die Tradition, Markttage auf dem Blonier Marktplatz abzuhalten, hielt sich bis in die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts.“ Quelle: Die Vereinigung „Freunde des Blonier Landes“.

Blonie gehörte seinerzeit (15-18 Jahrhundert) zum Warschauer Einflussgebiet. Hier in der kleinen Stadt wurde unter anderem regelmäßig Gericht abgehalten. Zu diesem Ereignis kam der Adel und die Landherren aus dem gesamten Umkreis angereist. Auch die Herren von Masowien und selbst der König Jablonski oder auch Graf Henrik Brühl waren zugegen. Das Blonier Stadtrecht regelte die Privilegien und Pflichten des Adels, die Wahl der Würdenträger sowie Straf- und Zivilrecht.

Der Vogt galt als Stadtverwalter und rechte Hand der Besitzer (der Besitz oblag den Herren von Masowien). Gleichzeitig galt er als bürgerlicher Vertreter der Anwohner. Auch stand er dem städtischen Gericht vor. In seinen Anfängen war das Amt des Vogts vererbbar.

Dann gab es da noch den Rat. Dabei handelte es sich um eine Institution, die ein Gegengewicht zur Machtausübung des Vogtes darstellte. Er verwaltete die Finanzen der Stadt, sorgte für Sicherheit und hatte Aufsicht über das Handwerks- und Handelswesen. Ihr Vorsteher war der Bürgermeister. Der Bürgermeister wurde jährlich aus jeweils drei vorgestellten Kandidaten gewählt.

 

Historische Häuser – zu gut zum Abreißen

Mit einem Beschluss der aktuell regierenden PIS-Partei ist es von nun an verboten, alte, historische Häuser abzureißen. Da jedoch das Geld für eine aufwändige Restaurierung fehlt, stehen sie oft verlassen da und zerfallen vor sich hin. Die perfekten Lost Places also, wenn sie nur nicht verschlossen und versiegelt wären. Und alles, wo ein Schloss dran ist, ist für mich Sperrgebiet… ja, so viel Anstand muss sein. Umringt gar ein Bauzaun das Gelände, lasse ich die Finger von der Sache.

Auch Blonie hat einiges an solchen Häusern aufzubieten. Noch vor der Kaffee- und Kuchen-Episode schlendere ich mit meiner Mutter durch die Stadt. Sie kennt die Orte und die Bauten und das eine oder andere, alte Haus zeigt sie mir dann. Meine Kamera freut sich. Hoffentlich erstrahlen sie irgendwann wieder in restaurierter, neu-alter Pracht.

Den krassen Kontrast zu den alten, oftmals mit Holz verkleideten Häuschen bilden die vielen Plattenbauten aus sozialistischer Zeit. Auch zu schade zum Abreißen? Frage ich mich, während ich die grautrübe Ostblock-Romantik betrachte. Wäsche flattert auf Wäscheleinen, die auf Balkonen hängen. Diese Plattenbauten gibt es, seit ich mich erinnern kann. „Warum nicht?“ Sagt meine Mutter. Und stellt mit einem für die Polen typischen Pragmatismus fest: „Es sind günstige Wohnmöglichkeiten für einen großen Teil der Anwohner. Ist doch egal, wie sie aussehen.“ Ich nicke kurz und laufe dann weiter. Eigentlich hat sie ja Recht. Spielt es denn eine Rolle, welches ästhetische Empfinden wir Westler an den Tag legen und ob sich das Umfeld hier an sie anpasst? Nein, das tut es nicht. Nicht, solange das Hässliche eine Funktion erfüllt.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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22 Kommentare

  1. Na, so unbedeutend, wie du in einem der vorherigen Beiträge über deine Heimatstadt orakelt hast, kann sie als frühere Handelsstadt in strategisch guter Lage ja nicht (gewesen) sein!

    Durch das Kuchenangebot hätte ich mich auch liebend gerne gefuttert. Qual der Wahl!

    1. says:

      Qual der Wahl? Nicht unbedingt! An einem meiner letzten Tage dort habe ich mich quer durchs Sortiment gekauft, zu dem Beitrag komme ich noch 😉 Ja, ich habe Blonie immer für ein kleines, unwichtiges Nest gehalten. Bei meiner Recherche für den Beitrag war ich selbst erstaunt…

  2. Liebe Kasia,

    deine Beiträge über Polen erinnern auch mich irgendwie an meine Kindheit. Wie viele Ostberliner Gören habe ich unzählige Urlaube meiner Kindheit da verbracht. Schade eigentlich, dass ich jetzt so weit weg wohne. Sonst würde ich glatt mal wieder hinfahren.

    Liebe Grüße
    Feli

    1. says:

      Liebe Feli, bestimmt bekommst du noch Gelegenheit dazu 🙂 Manchmal können wir eben nur selten an die Orte unserer Kindheit, dann ist es aber umso schöner.

      Liebe Grüße
      Kasia

  3. Vielen Dank, dass Sie uns die Stadt Blonie vorgestellt haben. Allein die Konditorei würde die Reise für mich mehr als erfolgreich machen 🙂

    1. says:

      Gern geschehen. Die Konditorei lohnt sich wirklich 🙂

  4. Kuchen geht immer! Und wieder etwas gelernt: Masowien.

    1. says:

      Ja, Masowien, da komme ich her 🙂 Obwohl, eigentlich auch nicht wirklich, denn die Familiengeschichte ist sehr verzweigt. Das lasse ich mir beim nächsten Mal bei einem Kuchenstückchen genauer erklären 😉

  5. says:

    Hmmmm – was eine Auslage an leckeren Küchlein…hmmm

    Scheint ein wirklich interessantes Städtchen zu sein. Alles wirkt schon freundlich und offen.

    1. says:

      Freundlich, ja, offen… eher Kleinstadtmentalität 😉 Der Kuchen ist die Wucht.

  6. Der Stadtname Blonie gefällt mir und deine süßen Teilchen sehen total lecker aus. An Ostern habe ich in Rostock die Plattenbauten der DDR Zeit mir angeschaut und war überrascht wie schön diese gerichtet wurden. Ob dort noch Sozialwohnungen drin sind, weiß ich nicht. Ich wünsche dir einen schönen Mittwoch
    LG Andrea

    1. says:

      Vielen Dank! Blonie heißt übersetzt sowas wie „weites, mit Gräsern bedecktes Land, weite Ebene“. Das trifft auch zu, die Gegend dort ist total flach und dominiert von Feldern, soweit das Auge reicht 😉

  7. Besonders gut gefallen mir nach zweiter Lesung natürlich die süßen Teilchen…

    1. Oh, die ließen sich nicht nur gut angucken… 😉 Nein, die Konditoreierzeugnisse sind dort wirklich unglaublich lecker. Ich muss jedes Mal aufpassen, dass ich nicht über die Stränge schlage 🙂

      1. Ich wäre verloren…

  8. Ja, die Plattenbauten aus kommunistischer oder sozialistischer Zeit. Ich kenn sie aus Berlin, aber auch aus bosnischen und serbischen Städten. In Sarajevo oder Belgrad machen sie einen guten Teil der Wohnungen aus und für viele die einzige Möglichkeit für erschwinglichen Wohnraum. Viel andere aber haben eigene Häuser, oft klein, aber ihrs. Das gibt mir zu denken. Danke für diesen Ausflug in eine Deiner Heimatstädte.

    1. Auch ich wurde etwas nachdenklich bei diesem Thema. Es hat irgendwie alles seine Berechtigung und oft ist das ästhetische Empfinden nicht das wichtigste. Viele solcher Blocks habe ich in Bukarest gesehen. Selbst die Altstadt bröckelte dort vor sich hin. Und dennoch hatte der Ort einen besonderen Reiz.

      1. Ich habe aus Belgrad und Sarajevo ganze Bilderserien, von ganzen Vierteln, die so aussehen…

        1. Hast du sie schon verbloggt? Ich muss mal bei dir stöbern gehen…

          1. In der Form nicht. Müsste ich vielleicht mal…

          2. says:

            Habe ich übrigens mit meinem heutigen Blog-Beitrag! Belgrad wird noch etwas dauern…

          3. says:

            Da schaue ich gleich mal nach 😉 vielen Dank übrigens für die lobende Erwähnung und Verlinkung…

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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