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Momentaufnahmen #10: Die Welt hat so viele Baustellen – Such dir eine aus…

Manchmal denke ich an eine Begebenheit aus meiner Schulzeit zurück. Etwa siebte Klasse; die Lehrerin meinte, es gäbe Gesetze, die dazu da seien, um genau befolgt zu werden. Leider ist mir hierbei der Bezug entfallen, doch im Großen und Ganzen war so das Fazit. Ich weiß noch, wie ich aufstand und ihr erklärte, dass nicht immer, nicht jedes Gesetz auch vertretbar sei.

Ich, damals noch unpolitisch und vergleichsweise schlecht informiert, wusste schon damals, dass Gesetze sich wandeln, ebenso wie der politische Wind sich drehen kann im Laufe der Zeit. Was heute noch gesellschaftlich anerkannt, kann morgen schon geächtet; was heute noch normal, kann morgen als moralisch verwerflich empfunden werden. Auch die Gesetzgebung wird nur von Menschen gemacht, Menschen wie du und ich. Menschen, die vielleicht ihre eigenen Ziele verfolgen oder auch Menschen, die sich in bester Absicht auch mal irren können. Das alles versuchte ich ihr zu sagen.

Nur – so eloquent war ich damals nicht. Bin ich heute noch nicht. Noch immer bin ich Freund der geschriebenen Sprache, weil sie mir Zeit zum Nachdenken gibt. Weil ich geschriebene Sprache als Stilmittel einfach besser beherrsche. Verbal gehe ich unter wie ein Schiff in der Brandung. Nicht immer, doch öfter dann, wenn es um etwas geht; um etwas, das mir wichtig ist. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die mich mit ihrem Selbstbewusstsein erdrücken. Oder wenn ich ein schüchterner, pickeliger Teenager bin.

Meine Lehrerin sprang auf die Palme.

Ich muss dazu sagen: sie war kein schlechter Mensch. Im Gegenteil war sie sogar ein sehr guter, sehr korrekter Mensch. Und ein Mensch, der sich Gedanken machte, der uns vieles nicht nur beibringen, sondern verstehen lassen wollte. Sie zeigte uns Filme aus dem Zweiten Weltkrieg, erklärte uns lange, wieso und weshalb Nazis von „minderwertigem Leben“ sprachen – und wieso das schlecht war. Machte uns auf Sexismus in der Filmindustrie aufmerksam, sensibilisierte uns auf Dinge, die uns bis dato normal schienen, weil wir es nicht besser wussten. Und erzählte uns von ihrem Leben. Wenn ein Mensch wie sie also kurz emotional wurde, so wie in diesem Falle, dann vermutlich deshalb, weil sie nicht wollte, dass ihre Schützlinge von nun an keinen Regeln mehr folgten.

Ich indessen wusste schon damals, tief in mir drin, dass es im Zweifelsfalle besser ist, dem moralischen Kodex zu folgen.

Was ist daraus geworden? Kasia, die Querulantin, marschiert Plakate schwingend durch die Straßen? Nein, tut sie nicht. Zumindest nicht oft. Man wird mich eher nicht angekettet an Gleise antreffen, man wird mich auch kaum von irgendwelchen Bäumen pflücken. Und was Aequitas et Veritas in ihren Momentaufnahmen #10 diesmal von mir wissen will, das ist nicht die Frage nach Teilnahme an irgendwelchen Demos. Es geht um zivilen Ungehorsam.

Und hier erlahmen meine Finger bereits an der Tastatur. Ja, ich habe mal gegen Glyphosat protestiert. Ja, ich marschierte bei Fridays for Future mit. Weil ich solche Dinge wichtig finde. Ich bin tiefgrün versifft, oh, vielen Dank für das Kompliment. Und doch wird man mich in keiner der extremeren Parteien oder Vereinigungen finden. Warum? Weil ich äußerst pragmatisch bin.

Ich gehe nicht dauernd auf die Straße. Und schon gar nicht für nix. Nicht falsch verstehen, es gibt immer etwas, wofür man sich engagieren könnte (müsste?). Doch ich bin dessen müde, der lauten und immer lauter werdenden Schreie der Welt. Ich möchte mein Leben leben. Ich weiß, dass man die Welt nicht heilen kann. Große Gesten bringen nur dann etwas, wenn genügend Menschen mitziehen (gerade da sollte ich wohl nicht den Kopf in den Sand stecken, oder?). Es gibt diese wenig beneidenswerten Personen, politische Figuren, die ihr gesamtes Leben einer Sache opfern. Weggesperrt werden. Mundtot gemacht. Erschossen. Es kann ein großer Preis sein, den man da bezahlt. Wie meine liebe Mitbloggerin Rina sagte: das, wofür man kämpft, sollte es einem selbst wert sein.

Ziviler Ungehorsam. Ich bin ein Freund des Gemäßigten. „Ist das Moderate Feind des Extremistischen?“ Lautete mal eine Frage in einem der so von mir beliebten Self Statements von Gina. Peter von Nerd-o-Mania hat in seinem Kommentar sehr treffend geantwortet: dass das Extreme eher Feind des Gemäßigten ist. Besser hätte ich es wohl auch nicht in Worte fassen können.

Ziviler Ungehorsam. Ist für mich nichts, was man einfach so macht. Ich denke, man merkt den Zeilen an, wie schwierig mir das Thema fällt. Einiges hat sich geändert seit der Zeit, als ich in der Schule war. Vielleicht werde ich einmal einen separaten Beitrag darüber schreiben; warum uns so viele Dinge, die in der Welt geschehen, kaum noch erreichen. Die Welt hat so viele Baustellen. Such dir eine aus…

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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29 Kommentare

  1. Diese vielen Baustellen machen müde … leider .. es gäbe unendlich viel „gegen/für“ aber ich habe in früheren Jahren meinen Teil AKTIONISMUS praktiziert .. jetzt beobachte ich meist nur noch … leider …

    1. says:

      Na ja, es ist verständlich. Man möchte auch sein eigenes Leben leben, sich nach einem Arbeitstag auch mit etwas anderem, etwas schönem beschäftigen als mit Problemen dieser Welt. Manchmal, bei für mein Empfinden wirklich wichtigen Dingen (bei denen ich auch etwas ändern kann), da reißt es mich vom Hocker, aber ansonsten… Manche Menschen neigen dazu, sich die Verantwortung für die Welt selber aufzubürden, denn „man könnte ja noch so viel tun“. Das habe ich mir abgewöhnt.

  2. Da hast du dir ja eine Menge tiefgreifender Gedanken gemacht – und wie immer klasse auf den schriftlichen Punkt gebracht. Ja, es gibt eine Menge Baustellen all over the world. Geografisch, sozial, ökonomisch, politisch. Und da sind auch noch die eigenen Baustellen, die in der Regel fast ausschließlich mit mir selbst zu tun haben. Auf diese fokussiere ich mich, wenn mir alles andere zu viel ist.

    1. says:

      Das ist eine gute Vorgehensweise 🙂 einfach erstmal auf sich selbst besinnen… sonst wüsste man nicht, wo man zuerst anfangen soll. Ich denke auch, dass viele Anliegen, die Menschen an uns haben, es einfach wert sind, nicht einfach irgendwo eine Unterschrift drunter zu setzen oder einen Geldbetrag zu spenden, sondern sich tiefer damit zu befassen. Soweit unsere Kapazitäten reichen, denn jeder hat auch noch ein Privatleben.
      Und weißt du, was das Lustige ist? Sobald ich mich näher mit etwas befasse, stelle ich fest, dass es keine einfache Lösung gibt. Dass da tiefgreifende Mechanismen wirken und jede Seite ihre (teils auch berechtigten) Interessen hat.

      Und dann schaue ich Katzenvideos, weil mein Kopf raucht 🙂

      Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

  3. Ein sehr schwieriges Thema. Proteste gegen irgendwelche Regelungen gehören zu einer Demokratie. Aber auch beim Protest gibt es Grenzen. Immer mehr setzt sich bei mir der Eindruck durch, dass „Proteste“ oft nur Mittel zum Zweck sind Randale zu machen, aufbegehren gegen die Obrigkeit mit aller Gewalt. G 20 Gipfel, Stuttgart 21 … sind solche Beispiele.
    Liebe Grüße
    Harald

    1. says:

      Lieber Harald, ja, das sind eben Dinge, die mich abschrecken. Welchen Sinn ergibt es, dass Straßen brennen? Für sowas bin ich wohl zu ausgeglichen. Proteste ja, aber was darüber hinausgeht, da stellt sich mir die Frage nach der Notwendigkeit…

  4. Sehr interessant zum lesen,

    1. says:

      Vielen Dank!

  5. Liebe Kasia!

    Nur mal vorweg: Ich finde zivilen Ungehorsam sehr wichtig. Nur wenn es Menschen gibt, die für ihre Meinung auf die Straße gehen, kann sich diese Welt zum Guten wenden.
    Wie man grundsätzlich „Regeln“ verändern kann, scheint mir aber kulturell bestimmt zu sein. In Deutschland funktioniert es meiner Meinung nach nur (sag mir, wenn ich mich täusche!), wenn man sie offen kritisiert.
    Hier in Südfrankreich ist das anders. Wenn den Leuten irgendeine Regel nicht passt, befolgen sie sie einfach nicht. Gesetze sind hier sowieso dehnbarer.

    Ich wünsch dir was,
    Felicitas

    1. says:

      Liebe Feli!

      Vielen Dank für den Einblick. Ich denke sowieso, dass wir hier in Deutschland ein wenig „regelkonformer“ sind als woanders 😉 „Wenn den Leuten irgend eine Regel nicht passt, befolgen sie sie einfach nicht“, das ist mir sehr sympathisch. Ziviler Ungehorsam ist für mich mehr als Dinge zu kritisieren, damit sie sich ändern oder dafür auf die Straße zu gehen. Das ist für mich beides gelebte Demokratie und extrem wichtig. Ziviler Ungehorsam sind für mich beispielsweise Menschen, die Autos anzünden (geht gar nicht…), Molotows werfen (geht auch nicht…) oder sich von Autobahnbrücken abseilen. Das ist mir alles zu extrem. Weil ich denke, dass wir in unserem demokratischen Land so viele andere, gemäßigte Wege haben, um unseren Unmut nach außen sichtbar werden zu lassen. Hätten wir natürlich einen autoritären Staat wie… (Beispiele gibt es viele), dann führte wohl kein Weg am zivilen Ungehorsam vorbei. Aber das sind solche Extremsituationen, ich hoffe, dass ich nie in so einer sein müsste.

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Für mich ist ziviler Ungehorsam eher sich während einer Demo auf die Straße zu setzen und zu warten, dass man weggetragen wird. Oder ein interessantes französisches Beispiel: Hier gibt es in der Schule Kleidervorschriften, die vor allem die Mädchen treffen. Zu kurze Röcke oder bauchfrei ist verboten, um die Jungs nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Deshalb werden Tage des zivilen Ungehorsams organisiert, in denen sich die Schülerinnen extra verboten kleiden und besonders schön schminken…

        1. says:

          Das finde ich wiederum irgendwie reizend an euch Franzosen. Ihr habt sogar eure Ungehorsam-Tage 🙂 Ich denke, das ist sehr tief in der französischen Tradition verankert… oder?

          1. Ja das ist es. Aber es liegt auch an den steileren und geschlosseneren Hierarchien.

            Liebe Grüße

  6. Also, ich finde, Du hast Deine Gedanken aber sehr beredt in Worte gefasst. Und ich würde Dir zustimmen: Viele von uns sind zu müde, um auf die Straße zu gehen, sich in einer Partei zu engagieren oder irgendwie caritativ aktiv zu sein.
    Allerdings stehe ich der Sache mit dem moralischen Kodex sehr skeptisch gegenüber. Dieser innere Richtungsweiser ist nämlich ein ziemlich flexibles Ding, wenn ich ehrlich bin. Ganz abgesehen davon, dass andere Personen sicher etwas mit ihrem moralischen Kodex in Einklang bringen, was ich für äußerst unmoralisch halte. Und hier muss ich nicht einmal auf das Thema „Sex mit Kindern“ zu sprechen kommen …

    1. says:

      Ja, so gesehen hast du vielleicht nicht Unrecht. Doch bei solchen Beispielen denke ich nicht, dass die Menschen es selbst richtig und gut finden, ich denke, das ist dann eine Suche nach Ausreden, um sein Tun zu rechtfertigen und in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Unser „moralischer Kodex“ (es ist mir bewusst, wie dehnbar der Begriff ist…) führt uns immer weiter, so weit, dass wir Handlungen dieser Art inzwischen nicht nur unter Strafe gestellt, sondern inzwischen als Verbrechen eingestuft haben. Was einmal mehr zeigt, wie wandelbar und empfänglich das Gesetz ist. Die Menschheit entwickelt sich immer weiter und auch die Gesetzgebung muss sich anpassen. Täte sie das nicht, dann würden wir Leute noch immer auf dem Dorfplatz „teeren und federn“…

      Ja, es ist doch eine spannende Frage, die viele bewegt. An solchen Fragen hätten diverse Social-Media-Foren bereits Feuer gefangen. Und vielen Dank für die Beredtheit 😉 das liegt aber nur daran, dass ich zwei Tage Zeit zum Nachdenken hatte…

      1. Ja, da hast Du recht. Es gibt positive Weiterentwicklungen – wenn ich da z. B. an die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe denke. Das wurde ja erst Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger unter Strafe gestellt. Aber was passiert, wenn man sich plötzlich in einer Gesellschaft wiederfindet, die in manchen Dingen entweder zu offen oder zu eng ist?

        Ich finde es gut, dass wir hier unsere Antworten austauschen können, ohne dass jemand dazwischengrätscht und einen Shitstorm entfacht. 😉

        1. says:

          Das ist der Unterschied zu Sozialen Netzwerken 😉

          Wir formen unsere Gesellschaft selbst. Man wächst bestenfalls hinein. Gut, manchmal wird man überrascht. Wie der Iran. Obwohl dort die meisten Menschen selbst für die Islamische Revolution protestiert hatten. Die Menschen müssen solche Dinge selbst in die Hand nehmen und verändern. Trägheit bedeutet eigentlich nur, dass man größtenteils zufrieden ist. Erst wenn der Druck groß genug wird, raffen sich die meisten Menschen auf 🙂

          1. Die islamische Revolution von 1979? Man kann über den Schah und seinen Lebensstil ja sagen, was man will, aber frei(er) sind die Menschen seither ja nicht. Das wäre eher ein Beispiel dafür, dass Menschen eine Umwälzung herbeiführen, aber vom Regen in die Traufe geraten, oder?

          2. says:

            Es ist ein Beispiel dafür, dass die Menschen selbst die Veränderung herbeigeführt haben. Aus der Zeitperspektive war das natürlich nicht die geschickteste Entscheidung, doch nur die Menschen (die Anwohner eines Staates) selbst können das jetzt wieder in die Hand nehmen – vorausgesetzt sie wollen es auf sich nehmen.

            Doch jetzt habe ich den Faden verloren 🙂 Ich glaube, ich wollte darauf hinaus, dass schon ordentlich was passieren müsste, damit sich die Menschheit regt und protestiert, und das schließt mich mit ein 😉

          3. Ja, da würde ich dir zustimmen. Wir haben uns alle sehr gemütlich eingerichtet und jammern in der Bequemlichkeit unserer Wohnung/unseres Hauses vor uns hin. 🙂

          4. says:

            Lach… also, mir geht’s gut 😉 Schon spannend, was für ein interessanter Mensch sich hinter Aequitas verbirgt. Schön, mit dir diskutieren zu dürfen 🙂

          5. Gern. Und das ganz ohne Beleidigungen oder Shitstorm! 😉

          6. says:

            Nö, wieso auch? Es gibt nur selten einen Grund dafür, außer Menschen legen es darauf an 😉

          7. Finde ich auch. 🙂

  7. says:

    😌😘

    Man merkt, dass du dir viel Gedanken gemacht hast – dabei ist ein toller Beitrag herausgekommen.
    „Ich bin ein Freund des Gemäßigten“ Ich auch – absolut. Ich fühle mich sehr schnell gestresst und genervt von lauten Menschen.

    Und glaub mir – auf der Arbeit habe ich viele, die Laut sind – aber mehr nicht….

    1. says:

      Ja, das ist oft das Problem. Rumgepolter vermittelt einen scheinbaren Eindruck von Kompetenz, hat aber oft nichts zu bedeuten 😉

      Ich habe gewartet, bis mir was Sinnvolles einfällt; im Zweifelsfall hätte ich die Frage ausgelassen 😉

      1. says:

        Genau – viel Wind um nix.

        Kommt bestimmt mal vor, dass man einfach nicht antworten kann. 😀

        1. says:

          …oder dass einem die besten Argumente eine Stunde später einfallen.

          Oder einen Tag später…

          1. says:

            Oh ja -….da hätte ich sagen können, oder das.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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