Europa, Polen

UNTEN im Keller

Kennt ihr sie? Diese gruseligen, dunklen Keller, vor denen man sich als Kind ein klein wenig fürchtet? Wo eine verwinkelte Treppe hinunter geht, die mit einer Lampe samt schummrigem Licht spärlich beleuchtet wird? Wo in den Ecken dicke Spinnen sitzen, auf ihren noch dickeren Spinnweben lauernd und man hofft, dass sich eine davon nicht just in diesem Moment abseilen möge?

So einen Keller hatte ich als Kind. Im Haus meiner Großeltern. Natürlich war ich als Kind geradezu prädestiniert dafür, die verwinkelten, sich verzweigenden Kellerräume häufiger zu betreten als meine Großeltern oder andere Bewohner des Hauses. Denn: „Du hast noch so junge Beine, Kasia.“ Klein-Kasia spurtete artig die steile Betontreppe hinunter. Unterwegs beäugte sie argwöhnisch die allgegenwärtigen Spinnweben. Umging in großem Bogen jene Exemplare der Spinnenfamilie, die ihr Domizil verließen, um es sich mitten auf der Wand der engen Gänge gemütlich zu machen.

War diese Passage überstanden, befand man sich unten im Kellerflur. Ja, meine Kinder; der Keller war wie eine eigene, große Wohnung. Genauso geschnitten wie die Räume oben, wie das ganze Haus. War man erst einmal unten, wurden so schnell wie möglich Lichter angeschaltet. Klein-Kasia drehte sich vorsichtig um. Nicht zu oft, aber doch oft genug, um sicher zu gehen, dass nichts hinter ihr her schlich.

Links des Kellerflurs war der erste Raum. Dort befand sich der Wasserbeuler, der Zentralofen, der im Winter mit Holzkohle beheizt wurde und für Wärme im gesamten Haus sorgte. Eine alte Badewanne, die vor dem Fenster stand und so hoch angebracht war, dass man unmöglich darin hätte baden können. Nicht dass es je einer versucht hätte.

Hinter der Badewanne befand sich die Toilette. Ja tatsächlich; dank einer Laune der damaligen Bauplaner (also meines Großvaters, vermute ich) waren die sanitären Einrichtungen in den Keller verlegt worden. Das eigentliche Bad hingegen, dieses ohne Toilette, befand sich direkt neben der Küche und schloss an diese an. Vom Abendtisch an die angrenzende Waschschüsseln, noch so ein Kuriosum, welches ich damals nicht in Frage gestellt hatte.

Bleiben wir beim Keller. Die physiologische Not machte es unumgänglich, diesen regelmäßig aufsuchen zu müssen. Manchmal sogar mitten in der Nacht. Nachdem man einige Zeit da lag und sich fragte, ob es denn jetzt wirklich sein muss. Wenn alles nichts halft, tappten vorsichtige Kinderschritte einmal wieder die steile Treppe hinunter, die um die Ecke und in die Dunkelheit führte.

Der zweite Kellerraum lag geradeaus am Ende des Kellerflurs. Dort standen Regale voller eingelegter Pflaumen, Gläser mit Apfelkompott, Kirschen und sauren Gurken. Alles, was sich für den Winter haltbar machen ließ, wurde haltbar gemacht und dort abgestellt. Und überkam einen dann mitten in Januar plötzlich Lust auf Obst, spurtete das Kind („Kasia, spring mal schnell…“) hinunter, einen wachen Blick nach links, einen Blick nach rechts werfend, holte ein Glas aus dem Regal und lief so schnell es ging wieder nach oben.

Dieser Weg zurück, die Treppe wieder rauf, war der mit Abstand schwierigste. Das Kind rannte, als seien zehn Teufel hinter ihm her (und wer weiß, vielleicht waren sie es auch?). Der Aufstieg, mit der engen Treppe und der Dunkelheit im Rücken, die immer näher kroch, machte es unmöglich, den Überblick zu behalten. Sich zu oft umdrehen, das wollte das Kind nicht, denn wer weiß, was es sonst dort erblickt hätte? Also rannte es, zwei Stufen auf einmal, im Geiste die sich im Rücken ausstreckende, dürre Hand sehend, die nach der warmen Haut, nach der Kleidung griff und sie knapp verfehlte… um oben in der warmen, lärmenden Küche der zufriedenen Oma ein Glas Kompott in die Hand zu drücken.

Die verbliebenen zwei Räume sind schnell erzählt. Der dritte Raum, im Uhrzeigersinn gesehen, war lichtlos, die Fenster mit Brettern versperrt. Hier wurden Kartoffeln gelagert. Und nicht nur ein kleines Netz, wie es heutzutage einzukaufen die Regel ist. Nein, die ganze Ernte des Sommers ergoss sich am Boden, Berge aus Kartoffeln türmten sich bis an die Decke. Je später im Jahr, umso länger die Triebe, die den Knollen entwuchsen, während selbige immer schrumpeliger wurden. Diesen Raum begleitete immerzu ein leicht muffiger Geruch.

Der vierte Kellerraum beinhaltete auch Berge, allerdings etwas anderer Art. Hier stapelte sich die bereits erwähnte Holzkohle für den Winter, mit der die Wohnung über den Zentralofen beheizt wurde.

Das mit der Holzkohle war eine lustige Sache. In der damaligen Zeit (sagen wir, die achtziger- neunziger Jahre) war es überall auf dem Land üblich, mit Kohle zu heizen. Ofenfilter kannte damals keiner und so rußten die Kamine in den beginnenden Frostmonaten fröhlich vor sich hin und ein leichter Geruch nach Verbranntem überzog die verschneite Landschaft.

Die Ladung Kohle wurde in großen Mengen geordert. Man gab die Bestellung ab und wartete darauf, dass eines Tages der Laster in den Hof fährt und die ganze Ladung auf den grünen Rasen vor das Haus kippt. Kaum zu glauben? Tja, rettet eure Gartenzwerge!

War der Laster weg, fing die eigentliche Arbeit erst an. Jeder Bewohner packte mit an, denn der überdimensionale Berg Kohle musste durch das kleine Kellerfenster hinunter geschaufelt werden. Also hieß es, Arbeitsklamotten an, (die, die auch mal richtig dreckig werden konnten…), Arbeitsstiefel an (die, die auch mal… ihr wisst schon), Schaufel in die Hand und schaufeln, was das Zeug hält. Man wechselte sich ab, bis sich die gesamte Kohle schließlich im Keller türmte und auf dem Rasen nur noch ein riesiger, schwarzer Fleck zurück blieb, den der Regen mit der Zeit schon wegwaschen würde. Diese Arbeit musste unbedingt zeitnah, möglichst am selben Tag erledigt werden, damit der Brennstoff beim nächsten Regenguss nicht nass wurde.

Das also war er, der Keller meiner Kindheit, mit all seinen Schrecken, die sich UNTEN in ihm verbargen. Die dunklen Räume nährten die bunte Fantasie des kindlichen Geistes und hätten eine grandiose Vorlage für einen Stephen King Roman ergeben. In Wahrheit gab es dort unten nichts, rein gar nichts, wovor man sich hätte fürchten müssen, und ich kannte jeden Winkel in-und auswendig. Es gab dort nichts – bis auf die Dunkelheit.

Und ist es nicht die Dunkelheit selbst, die in einem Kind das größte Grauen erzeugt?

Roland sucht diese Woche auf Royusch unterwegs nach dem Begriff: UNTEN. Pass auf, Roland, denn UNTEN tummelt sich der Schrecken… 😉

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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37 Kommentare

  1. […] abgeholt. Also kein Kühlschrank. Runter ins Erdgeschoss und dann weiter in den Keller. Diesen gruseligen Keller, den ich euch schon einmal anschaulich beschrieben habe. Hier, im kühlsten und dunkelsten Raum, wo […]

  2. […] #17 von Royusch unterwegs. Und im Gegensatz zu Rolands bisherigen, eher abstrakten Begriffen wie unten, Wort oder Textur fiel mir die Umsetzung diesmal leicht. Wir bewegen uns im kreativen Bereich; […]

  3. Ha! Da haste dir ja die schlimmstmögliche Variante von „Unten“ ausgesucht … Da ich selber auf sehr ähnliche traumatische Kindheitserlebnisse durch meine Ausflüge in den Keller hinter mir habe, war ich buchstäblich live dabei, als ich deine Beschreibung las. Die Spinnenbeine fühlte ich quasi direkt auf meiner Haut 😅. Zum Glück blieb mir allerdings erspart, den WC-Besuch im Keller absolvieren zu müssen. Was für ein Kuriosum! Danke, dass du uns so eindrücklich und bildhaft an deinen Kellererlebnissen hast teilhaben lassen. Wie immer toll geschrieben!

    1. Vielen Dank. Die Spinnen hingen wirklich in jeder Ecke. Man lief eben drumrum 🙂 Bei solchen Kellern sind es nicht die Dinge, die man sieht, sondern die, die man nicht sieht… die ganzen dunklen Ecken. Am liebsten stand ich, wenn ich mal unten war, an der offenen Luke unseres Zentralofens und beobachtete das Feuer beim brennen und die Kohle beim Verglühen. Das war so etwas sicheres und lebendiges.

      Stefan hat es mit seinem Kindheitskeller noch schlimmer erwischt, bei seinen Großeltern musste man zur Toilette erstmal raus und durch den Hof… also, schlimmer geht immer…

      1. @Outdoor-Toilette: 😱😱😱

        1. Geenau 🙂

  4. says:

    Bei uns hier gibt’s keinen Keller, also musste ich zu einer anderen Aufnahme greifen.

    1. Ein ebenfalls interessanter Einblick 😉

  5. Das Warten hat sich gelohnt! Dein Beitrag zur Fotochallenge ist mal wieder ganz außergewöhnlich… Danke dafür.

    1. Vielen Dank! Ich geb mir Mühe 😉

  6. Wunderbar gruselige Geschichte … ich kenne nur den 1RaumKeller mit Kartoffeln, Eingemachtem etc…. der war auch schon etwas komisch beim Funzellicht 🙂

    1. …und vor allem diese Staubschichten und diese feinen Spinnweben, die da immer hängen… das hat schon was. Der Keller der Großeltern kehrte ein paar Jahre später, als ich schon in Deutschland lebte, regelmäßig in meinen Alpträumen zurück… 🙂

  7. Hallo Kasia,

    wieder voll spannend erzählt. Bei uns war es ähnlich.Ende der 50erJahre heizten wir noch mit Steinkohle. Die wurde von den Kohlenmännern gebracht und in groben Säcken in den Keller getragen. Das Klo befand sich außerhalb. Raus aus der Tür und ins Freie ein Stück den Hof nach Hinten und dann auf die Kalte und dunkle Toilette. War immerhin ein Fortschritt. Vorher befand sich das Klo über den großen Hof bei einer Scheuer. Da war die Dunggrube und das Geschäft wurde gleich entsorgt. Meine Eltern ersparten mir den Weg in dem sie einen Nachttopf kauften, der für den Notfall unter dem Bett stand.

    Hab einen schönen Abend
    Harald

    1. Hallo Harald,

      da hatte ich noch Glück mit dem Klo, denn nachts wollt ich nicht raus in die Kälte gehen… Die Kohle hingegen haben sie euch zumindest brav in den Keller getragen; bei uns wurde der Laster abgeladen und tschüssikowski!

      Und trotzdem denke ich gerne an die Zeit zurück. Eigentlich hat einem ja damals als Kind trotzdem nix gefehlt… 🙂

      Dir auch einen schönen Abend!
      Kasia

  8. says:

    Uh – schön gruselig beschrieben. Da bekommt man schon Gänsehaut. Ich hab unseren Keller auch nicht gemocht – aber er war in einem Mehrfamilienhaus und bei weitem nicht sooo gruselig wie der deiner Kindheit…aber die Toilette im Keller – wie böse….

    Wenn ich mir vorstelle, jetzt im Alter, wie oft ich auf Toilette muss…mich nervt es schon ins Parterre dafür zu müssen…..

    Liebe Grüsse

    1. Es war schon leicht spooky… 🙂 Ein Keller in einem Mehrfamilienhaus, da weiß man auch nicht so genau, was einem so begegnet, oder? Bei meinem Freund in der Kindheit war der Keller außerhalb vom Haus. Man überquerte einen Hof, betrat eine einsame Scheune, ging dann ein paar Stufen nach unten und grub in der Dunkelheit die Kartoffeln mit der Hand aus dem Kasten mit Erde raus…

      Die Toilette im Keller war schon okay, nichts bringt einem besser bei, seine Bedürfnisse zu koordinieren 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. says:

        Hahaha – ja da hast du Recht – ein gutes Training für die Blase.

        Unser Mehrfamilienhaus war ein Altbau. Aber ein Kartoffelkeller in der Scheune….hab ich auch noch nicht gehört – aber ja – damals wurden die Kartoffeln oft so aufbewahrt. Ich hab sogar schon Bilder gesehen, dass alte Waschmaschinentrommeln in die Erde gebuddelt wurden und so zum Erdkeller wurden…interessant.

        1. Meine Nachbarn hatten ihre Knollen den Winter über unter der Erde. Damit sie nicht erfrieren, wurden die Kartoffeln zu großen Haufen aufgetürmt, mit luftdurchlässigen Planen abgedeckt und darüber Erde aufgeschüttet. Ich habe ein bisschen recherchiert – diese Art der Aufbewahrung ist bei uns auf dem Land immer noch üblich 🙂

          1. says:

            Ich finde es spannend zu sehen, wie man Sachen ohne die heutigen Hilfsmittel haltbar macht. Ich hab von einer Jungen Frau einen Bericht gesehen, wie sie ihre Hühnereier ein Jahr haltbar macht.

          2. says:

            Ein Jahr? Das ist cool. Da muss ich an diese hundertjährigen Eier aus China denken 🙂

          3. says:

            Jaaa – krass. Sie sagt zwar sie kocht sie gut durch aber sie schmecken noch immer gut und sie hat für das ganze Jahr Eier und kann die Hühner etwas schonen. Wenn es dich interessiert

            https://youtu.be/9O_uNBuAZD8

            Ist nicht so lange. Sie macht viel Selbstversorger.

          4. says:

            Ist das deine Freundin? Sie macht einen sehr sympathischen Eindruck. Das Prinzip dahinter finde ich gut, den Hühnern den Winter über ihre Ruhe zu lassen 🙂

            Hm, Löschkalk, das könnte funktionieren. Wenn die Eischale dadurch versiegelt wird…

          5. says:

            Nein leider nicht, sie ist wirklich sehr sympathisch und süß. Und sie hat soviel Ahnung

            Es klingt auf jeden Fall logisch mit den Eiern. Wenn ich Hühner hätte würde ich es ausprobieren

  9. Liebe Kasia,
    wir hatten anfangs keinen Keller als ich Kind war aber wir haben mit Kohle geheizt. Als dann die Ölheizung einzog, wurde ein Anbau mit einem kleinen Keller für den Öltank erstellt.

    Den größten Grußelfaktor machten mir die vielen Spinnen, manchmal sogar weiße. Die finde ich heute noch furchtbar abschreckend. Huh! die Nackenhaare stehen ab.

    Liebe Grüße
    Renate

    1. Weiße Spinnen habe ich noch nicht gesehen. Uuuaah… da will man sich als Kind nicht hinein begeben, in so einen Keller 😉
      Wo habt ihr denn die Kohle zwischengelagert? Oder wurde sie in kleineren Mengen bezogen?

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Liebe Kasia,
        gute Frage mit den Kohlen. Ich war da noch so klein, ich kann mich nicht erinnern.

        Liebe Grüße
        Renate

  10. Als Kind haben Keller oft Angst geweckt … jetzt sind sie oft inspirierend.

    1. Viele Keller wirken wie Lost Places und sind ein schönes Fotomotiv.

  11. Vielen lieben Dank Kasia, dass auch du wieder mit diesem Schrecken, unten im Keller, wieder bei meiner Challenge dabei bist 🙂
    Das mit dem Kohle einlagern kenn ich auch noch. Nur waren es bei und Briketts, die im Keller aufgestapelt werden mussten. Danach war immer eine Bad fällig 😉
    Viele Grüße
    Roland

    1. Ich hab noch irgendwo Bilder davon; nach dem Einladen sah ich aus wie ein kleiner Kohlearbeiter 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

  12. Ich kann mich an so einen tiefen Keller erinnern – der lag noch unter den üblichen Kellern und war normalerweise mit einer Holzgattertür versperrt. Da sind wir als Kinder nur zwecks Mutproben runter 😄
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    1. Das ist noch gruseliger… unter den üblichen Kellern? Das ist ja wie ein eigenes Universum. Und, Mutprobe überstanden? 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Das war ein großer Gewölbekeller, in dem man Kartoffeln lagern konnte, weil es da so gleichmäßig kühl war. Es war ganz still und es roch fein nach Erde. Ja – Mutprobe bestanden 😄 – irgendwann hatte ich so richtig Spaß an so etwas.
        Liebe Grüße
        Sabine

        1. Gratuliere 🙂 der muffige Kartoffelgeruch ist mir noch im Gedächtnis, das war früher so üblich, die so zu lagern.

          Kindheitserinnerungen sind was feines 🙂

          Liebe Grüße
          Kasia

  13. Ein Glück das wir Ölheizung haben 🙂

    1. Wenigstens werden unsere Gartenzwerge nicht verschüttet… 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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