Essen – Besuch in einer Kulturhauptstadt

Kategorien Deutschland, Europa, Nordrhein-Westfalen

„…und zudem gibt es hier viele Industriedenkmäler, alte Fabriken und Fördertürme, die schon länge ihren Betrieb eingestellt haben. Warst du schon mal in Nordrhein-Westfalen?“ Ich zucke zusammen.

Unbeauftragte Werbung

Wir schreiben das Jahr 2013, als ich an einem sonnig-kalten Dezembertag unterwegs nach Essen bin, neben mir im Auto der Mann, der mich mit seinem Allgemeinwissen ungeheuer beeindruckt – und dem ich auf dem Beifahrersitz interessiert lausche und gleichzeitig versuche, zu seinen Ausführungen ein kluges Gesicht zu machen.

NRW, ja, aber in Essen war ich bis dato noch nicht und ein Industriedenkmal, welcher Art auch immer, ist mir in Süden bislang auch noch nicht untergekommen. Doch wir sind nicht hier, um uns die Überbleibsel der Kohleindustrie anzusehen. Wir – oder zumindest Stefan – sind hier, um an einem anderen Event teilzunehmen: An den Parteitagen der damals noch populären Piraten-Partei in Bremen, die Stefan als stellvertretender Landesvorsitzender in einer Funktion als Pressebeauftragter unterstützen wird.

Am späten Nachmittag kommen wir an; das Mintrops Land Hotel Burgaltendorf ist ein Meisterstück des modern-verspielten Designs. Da steht in Foyer einer Kuh mit gesenktem Kopf, und Fußspuren ziehen sich bis zum Empfangstresen der Rezeption, bis zu genau der Stelle, an der der Gast nun seinen Zimmerschlüssel in Empfang nimmt. Und ich betrachte amüsiert das Arrangement und stelle mir unwillkürlich vor, was wohl passieren würde, würde die Kuh jetzt lebendig werden und loslaufen…

Auch die Zimmer sind phantasievoll eingerichtet und jedes Zimmer entspricht einem anderen Motto. Unseres trägt, soweit ich mich erinnern kann, den Titel: Alice im Wunderland. Es ist geräumig und in der Mitte steht ein Himmelbett, dessen Pfosten aussehen wie Zuckerstangen. Und das Bad… Oh mein Gott, das Bad.

Das Bad ist verglast. Ich meine damit: Komplett verglast, von oben bis unten. Und es ist kein verziertes, verschnörkeltes Glas, wie man es gewöhnlicherweise in Bädern vorfindet, wo der Privatsphäre der Rest einer Chance eingeräumt wird, nein: Die Honeymoon-Romantik sieht hier vor, sich durch die kristallklaren Wände hindurch beim Duschen wie beim Kacken liebevoll zu betrachten.Die Dusche ist genau im Blickwinkel dessen platziert, der da gerade im Zimmer auf dem Bett sitzen möge, die Toilette befindet sich gnädigerweise irgendwo am Eck. Ich laufe puterrot an.

Beim Abendessen unten im Restaurant: Genüsslich hebt Stefan sein Rotweinglas an die Nase und schaukelt es kennerhaft mit leichter, halbrunder Handbewegung. „Hm, riecht nach Brombeere. Hier, riech mal…“ Brav schnuppere ich an der mir hingehaltenen, dunkelroten Flüssigkeit. Ich rieche Rotwein. Wie Rotwein nun mal so riecht.
„Ja… jetzt wo du es sagst…“

Da wir nach Weihnachten und noch vor Silvester, also quasi zwischen den Jahren hier sind, bekommen wir einen guten Preis in dem normalerweise komplett ausgebuchten Hotel. Auch der Essbereich ist phantasievoll gestaltet. Und am nächsten Morgen, es ist ein Samstag, gibt es ein Sektfrühstück für die Gäste.

Bereits am Abend recherchiere ich, was es hier in und rund um Essen schönes zu besichtigen und zu entdecken gibt. Und ich stelle fest: Es ist so einiges, denn Essen, wer hätte das gedacht, wurde zur Europas Kulturhauptstadt 2010 gekürt! Noch vor dem Schlafengehen habe ich eine Liste erstellt und meinen Tagesplan zusammen, und während sich Stefan am nächsten Morgen nach Bochum zu den Piraten begibt, mache ich mich noch vor Sonnenaufgang in der blauen Dämmerung auf zur nächsten Bushaltestelle.

Die in der ganzen Stadt gültige Fahrkarte für Bus und Straßenbahn gibt es an der Rezeption zur Hotelbuchung dazu, und so kann ich mich frei und unabhängig nach Belieben bis in den späten Abend hinein in der Stadt herumtreiben.

Unser Hotel liegt etwas weiter vom Zentrum entfernt im Stadtteil Burgaltendorf im Südosten Essens. Als ich loslaufe, bricht der graue Morgen gerade erst an. Die beiden Pfaue, die uns bereits gestern bei der Ankunft mit schrillen Rufen begrüßen, stolzieren jetzt als schwarze Silhouetten am blauen Himmel auf dem Dach des Hotels herum.

Essen-Burgaltendorf; die um 1118 erbaute Burg, passend zum Ortsteilnamen, gibt es an der Bushaltestelle zu bestaunen. Ich lasse es mir nicht nehmen, vor der Abfahrt ein wenig durch das Morgentau-feuchte Gras entlang der Ruinen zu watscheln.

Die Burgruine Altendorf

 

Der Journalist

Als ich nach einer halbstündigen Fahrt um acht am Essener Hauptbahnhof ankomme, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Vielleicht ist es der frühen Uhrzeit geschuldet, vielleicht aber auch der Tatsache, dass das Wochenende soeben begonnen hatte – wie denn auch sei; bis auf einige wenige Menschen, die genauso verrückt zu sein scheinen wie ich, wandere ich weitestgehend alleine durch die Straßen.

Es ist kühl, doch vergebens schaue ich mich nach einem geöffneten Cafe um. Am immer heller werdenden Himmel funkeln die kleinen Lämpchen der vielen Weihnachtsdekorationen, die noch nicht abgenommen worden sind. Ich komme an hässlichen, quadratischen Blocks vorbei, an Graffiti und Skulpturen. Essen, vor allem die Gegend um den Hauptbahnhof herum, scheint sich von „ein wenig heruntergekommen“ zum Szeneviertel mausern zu wollen.

„Sind Sie auch Journalistin?“ Höre ich plötzlich neben mir, als ich gerade die Auslage eines Schaufensters fotografiere. Ich drehe mich um. Der Mann ist um die sechszig, eine dunkle Mütze bedeckt das graue, schüttere Haar und ein grauer Wollmantel hüllt seine Gestalt. Er deutet auf meine Kamera.
„Wir Journalisten erkennen uns doch untereinander, oder? Für welche Zeitung sind Sie unterwegs?“
„Was, ich?“ Ich lache. „Gott, nein. Ich bin nur an der Stadt interessiert. Ich war noch nie in Essen, wissen Sie?“

Ich fasse schnell Vertrauen, ohne dass ich sagen könnte, warum. Es ist eine dieser Begegnungen, die von einer höheren Macht eingefädelt zu sein scheinen, die mir geradewegs in die Hände spielt. Daher wehre ich mich nicht, als Georg* erklärt, er wolle mir sein Viertel zeigen.
„Ich lebe fast schon mein ganzes Leben lang hier und bin auch immer wieder in der Stadt unterwegs.“ Erzählt er mir. Er arbeite für einen lokalen Radiosender und wisse einiges über die Entwicklung der Stadt.

„Dieses Viertel hier…“ Er zeigt herum auf die zerschlagenen Scheiben und die bunten, nicht gerade künstlerischen Graffiti an einer Mauer. „Dieses Viertel war noch vor nicht so langer Zeit komplett verwahrlost, Obdachlose und Drogensüchtige lungerten hier herum.“ Er habe Kontakt zu verschiedenen Jugendgruppen und werde auch von ihnen respektiert, wie er mir erzählt. Und während wir durch die Straßen laufen, zeigt er mir Details, auf die ich von alleine nie geachtet hätte und die mir allein aus diesem Grund umso interessanter erscheinen.

„An den Graffitis erkennt man meistens die Leute, denn jeder hat ihre eigene Schrift und ihren eigenen Stil. Das hier…“ Er deutet auf einen Laternenpfahl, auf dem ein bunter Aufkleber prangt. „Das ist von jemanden, den ich kenne, er ist in der Szene sehr bekannt.“ Ich bin beeindruckt.

Er erzählt mir von einem Projekt hier in der Nordstadt, welches Obdachlosen eine Aufgabe zuteilt. „Es sind Projekte, die den Menschen zeigen sollen, dass sie gebraucht werden und in denen ihnen Verantwortung übertragen wird.“ Beispielsweise streichen, Blumen gießen oder Gartenpflege. Das Viertel befinde sich bereits im Aufbau; man habe damit begonnen, in den Aufbau sowie Wohn- und Sozialprojekte der Stadt zu investieren.

Georg* selbst habe früher als Sozialarbeiter in den Winkeln der Stadt unterwegs, verrät er mir, und habe mit manchen von der Straße immer noch Kontakt. Na das erklärt einiges; während wir gehen, erzählt er mir von seiner früheren Arbeit.

„Oft geht es um Schulden. Der eine schuldet dem anderen Geld, daraus ergibt sich dann größerer Ärger. So wie die da drüben.“ Zwei Gestalten stehen mit geduckten Köpfen, die in Kapuzen stecken, zusammen; einer redet eindringlich auf den anderen ein. Schon fühle ich mich wie ein Eindringling, ein wenig unsicher und fehl am Platze befürchte ich, die beiden hier beim Geschäft ihres Lebens zu stören. Zu meinem Schreck höre ich von der Seite: „Lass uns mal in die Richtung gehen.“

Mulmig fühle ich mich, als wir wie zufällig in Richtung der beiden schlendern. Doch zu meiner Verwunderung löst sich die Situation relativ schnell auf und die beiden Flüsterer gehen jeder seine Wege.
„Der Typ hat Glück gehabt.“ Sagt Georg*. Und auf meinen fragenden Blick hin beginnt er, sich in Erklärungen zu ergehen. In der Regel, sagt er, liefe es folgendermaßen ab: Der eine schuldet dem anderen Geld und der andere will es zurück. Und wären wir nicht zufällig da gewesen, hätte die Situation auch anders, in einer Schlägerei oder schlimmer, ausgehen können. „Doch beim nächsten Mal ist er fällig.“ Sagt Georg überzeugt.

In die eben erlebte Situation hätte man, fairerweise gesagt, vieles hinein interpretieren können, doch in dem Moment lasse ich mich auf die düstere Stimmung ein und die Erklärung zu. Wir durchqueren triste, verwahrloste Ecken Nord-Essens, gehen an grauen Blocks vorbei und durch verlassene Hinterhöfe. „Hier oben wohnen Menschen aus Bulgarien.“ Er zeigt auf ein paar Fenster, die mit Pappe zugeklebt sind. „Die Wohnungen sind total heruntergekommen, sie hängen auch keine Vorhänge auf.“ Er sagt das ganz sachlich, ohne Urteil in der Stimme.

Und dann will er mir noch etwas zeigen; wir machen uns auf den Weg zum Haus der Generationen.

Das Theater Grillo
Die Lichtburg

 

Das Unperfekthaus

Das „Unperfekthaus“ ist ein Wohnprojekt, das gerade im Entstehen begriffen ist, eines dieser Projekte, welches zum Aufbau der Stadt beitragen soll. Der Idee nach soll sowohl für junge wie auch alte Menschen hochwertiger, jedoch bezahlbarer Wohnraum mitten in der Stadt geschaffen werden. Der Name – Das Unperfekthaus – soll die Entwicklung der Stadt verdeutlichen und die Tatsache, dass kein Projekt jemals zu Ende ist; dass man immer offen und bestrebt sein sollte, sich zu entwickeln und zu verbessern.

Wir warten unten in der Bücherei, die gerade erst geöffnet hat. Um die Tische herum schwebt der unsichtbare, warme Duft nach Kaffee, und das Rauschen und Glucksen des Kaffeeautomaten dringt leise an meine Ohren.

Wir – das sind die Interessenten, für die die Hausbesichtigung angedacht ist. Die Menschen kommen aus verschiedenen Ecken rund um Essen herum, nur ich sitze hier als einzige Mannheimerin. Doch Georg* hat mich ob meines Interesses für die Entwicklung der Stadt in die Besichtigung hinein geschmuggelt. „Ich selbst muss jetzt noch mal weg.“ Sagt er und verabschiedet er sich. „In Bremen finden die Parteitage der Piraten statt. Darüber will ich berichten.“ Ich grinse leise in mich hinein. Dass mein Liebster da gerade herumgondelt, behalte ich für mich.

Zudem bin ich gleich im nächsten Moment wieder abgelenkt, denn der Rundgang startet; im Gänsemarsch laufen wir alle los.

Das Haus ist mehrstöckig und verfügt über Wohnungen verschiedener Art: Von Mehrzimmerwohnung, die sich für eine WG eignet, über Familien-Dreizimmerwohnung bis hin zu Einzimmerwohnungen für Singles und Einsiedlerkrebse ist an alle gedacht. Es gibt einen separaten, sehr geräumigen Fahrradkeller und im Erdgeschoss befindet sich ein Waschraum und ein gemeinschaftlich zu nutzender Wellnessbereich mit Sauna.

Auch diverse Elektrogeräte stehen zur freien Verfügung; wer fertig ist, bringt sie wieder an Ort und Stelle zurück, so dass ein anderer sie benutzen kann. Die Idee dahinter ist einfach: Wozu soll jeder eine eigene Säge besitzen, wenn man die doch nur manchmal braucht und sich genauso gut untereinander austauschen kann? Einleuchtend – und so einfach. Ich hoffe im Stillen, dass dieser schöne Gedanke von Gemeinschaft auch in der Praxis so gut funktioniert.

Die Flure des Hauses sind mit selbstgemachter Kunst verziert. Lange Schnüre mit buntem Gebimsel hängen im Treppenhaus vom obersten bis hin zum untersten Stock herunter. Farbige Gemälde zieren die Wände. Stockwerk für Stockwerk arbeiten wir uns nach oben, schauen uns die Wohngemeinschaften an sowie im nächsten Stock einige stilvoll eingerichtete Singel-Wohnungen.

Für Künstler und Gründer von was auch immer stellt das Unperfekthaus kostenlos Räume zur Verfügung. Es handelt sich weniger um ein Wohnblock, sondern vielmehr um ein kulturelles Projekt, das auch für Besucher zur Besichtigung zugänglich ist. Die kleine Gebühr, die der Besucher entrichtet, fließt direkt in das Projekt und hilft, es zu finanzieren; dafür kann man den Künstlern bei der Arbeit zusehen.

Ganz oben, direkt unter dem Dach quasi, ist Raum für Büroräume. „Für Menschen, die nicht immer in der Stadt sind, aber wenn sie da sind, eine ruhige Ecke zum arbeiten brauchen.“ Die Büros verfügen über alles, was das Herz eines jeden Bürohengstes begehrt: Von Faxgeräten über Rechner und Kopierer bis hin zum freien W-Lan ist alles vorhanden, und für die Pausenzeit nennen die Mieter eine geräumige Küche ihr eigen. An schönen Tagen lädt eine Terrasse zum Entspannen ein, mit Rutsche und einer Kinderspielstätte – an alles wurde gedacht.

„Sehen Sie diesen Mann dort?“ Unser Tour-Führer zeigt auf jemanden, der hochkonzentriert auf der Tastatur tippt und uns kurz zunickt. „Er ist jeden Tag hier und arbeitet, seit einem halben Jahr schon.“

Oben, von der Terrasse aus, erhasche ich einen Blick auf Essen. Grau und von Wolkenschleiern bedeckt präsentiert sich mir die Stadt, doch in der Ferne sehe ich ein regenbodenfarbenes Gebäude, das aus dem Grau heraussticht: Es ist die Uni Duisburg-Essen. Es zieht; mir ist kalt. Nach der Führung steige ich voller Gedanken und Eindrücke die Treppe hinunter, voller Informationen, die ich noch sortieren muss. Und gleichzeitig überlege ich im selben Moment, was ich jetzt als Nächstes in dieser hässlichen, doch so spannenden Stadt machen werde.

Essen ist weder touristisch noch schön. Es ist nicht voller alter Bauten wie Trier, es bietet kein schönes Schloss und eine romantische Promenade am Wasser wie Heidelberg. Essen ist nicht schön. Nicht im eigentlichen Sinne.

Doch Essen ist spannend, spannend und interessant. Kontraste treffen hier aufeinander: Graffiti und zerbrochene Fensterscheiben, neu hochgezogene Hochhäuser mit glänzenden Fassaden neben Hinterhöfen, die zerfallen. Statt  der verschnörkelten Promenade bietet die Stadt Museen, Kultur und Kunst; statt romantischen Schlössern bietet sie die urbane, industrielle Vergangenheit, stillgelegte Kohleabbauanlagen und Fördertürme. Die bekannteste ist wohl die Zeche Zollverein.

Es gibt viel zu entdecken, auch und vor allem in der Stadt selbst. Und so entdecke ich den blau leuchtenden Kulturpfad Essens. Der Essener Kulturpfad zieht sich 4 Kilometer mitten durch die Stadt und führt vorbei an Kunst, Highlights und Sehenswürdigkeiten vorbei. Die blauen Glassteine, denen Du folgst, sind wie Stolpersteine in den Boden eingelassen, sie führen über die Fußgängerzone, über Bereiche des Hauptbahnhofs und dann weiter, quer durch die Stadt. Ich bin versucht, ihnen zu folgen – wenn es nur nicht schon so spät wäre.

Und ab und zu trifft man mitten in der Stadt auf echte Juwelen, die zu besuchen es sich auf jeden Falle lohnt, wie beispielsweise die „Lichtburg“, ein altes, restauriertes Kino, welches in seinem Inneren noch den glanzvollen Zauber der fünfziger Jahre verströmt und in dem ich mich nun niederlasse und mir „Der Medicus“ anschaue, einen Film nach dem gleichnamigen Buch von Noah Gordon.

Nach der Eröffnung 1928 und einem verheerenden Brand 1943 wurde der Kinopalast im Stil der Fünfziger wieder aufgebaut und so zum damals schönsten Kino Deutschlands. Ihre Glanzzeit hatte die Lichtburg in den fünfziger Jahren, als sich bekannte Größen der Filmgeschichte wie Romy Schneider, Bud Spencer, Terence Hill und Udo Lindenberg auf der Leinwand und auf der Bühne die Ehre gaben.

Doch in den neunziger Jahren schien es fast so, als seien die glanzvollen Säle dem Untergang geweiht, der Rummel ließ nach und die Stadt hegte den Plan, das Kino abzureißen. Einer Bürgerinitiative und einem langen Kampf um den Erhalt ist es zu verdanken, dass ich nun in dem bequemen,mit rotem Samt ausgeschlagenen Sessel sitzen und den Duft der rauschenden, vergangenen Zeiten schnuppern darf.

Als ich nach zweieinhalb Stunden den Kinosaal verlasse, fängt es draußen bereits wieder an zu dämmern.

 

Zeche Zollverein

Die Menschen im Ruhrgebiet sind eigenwillig. Eine Mischung aus herzlich-rau. Ich sehe viele Piercings, Tattoos und bunt gefärbtes Haar, als ich an diesem Morgen am Hauptbahnhof aus- und in die Straßenbahn 107 einsteige. Zeche Zollverein, du bist mein Ziel.

An der Haltestelle Zollverein Nord im Stadtteil Stoppenberg steige ich aus. Und stehe fünf Minuten später da, mit hoch erhobenem Kopf, auf dem Zechengelände, und versuche die Größenverhältnisse, die sich mir da bieten, erst einmal richtig einzuordnen. Denn der Förderturm ist riesig. 55 Meter, in Zahlen ausgedrückt, lassen den Menschen unter sich winzig-klein erscheinen.

Eine 24 Meter hohe Rolltreppe führt nach oben und ich gönne mir den Spaß, die normale Treppe, die sich in der Mitte befindet, zu Fuß hinauf zu steigen. Doch das mache ich genau ein Mal – schnaufend und außer Puste komme ich oben an, während die Besucher verwundert und lautlos zu meiner Rechten an mir vorbei schweben.

Oben angekommen erwartet mich eine faszinierende Mischung aus kaltem Stahl und einladenden Cafes, aus Ausstellungsräumen inmitten von still stehenden Schrauben, Ketten, Förderbändern. Dieser Mix ist absolut fesselnd, denn auf geschickte Weise verbindet er kalte, kahle Industrie mit Wohlfühloasen. Es gibt Dauer- und Sonderausstellungen, die Bandbreite der Themen erstreckt sich über Kunst, Geschichte der Region, Fotografie und Design. Und eine dieser Ausstellungen habe ich mir für später aufgehoben. Es ist das Red Dot Design Museum, welches seine Räume ebenfalls auf dem Gelände der Zeche Zollverein hat und die weltweit größte Ausstellung zeitgenössischen Designs sein eigen nennen darf.

Das Außengelände der Zeche ist von Büschen und schlanken, jungen Birken überwachsen, die sich ihren Weg an den still gelegten Anlagen und nicht mehr genutzten Gleisen bahnen. Schnell lässt mich der Ort die morbide Faszination der momentan so beliebten Lost Places spüren und gäbe es die wegweisenden Schautafeln nicht, könnte ich mich auf dem weitläufigen Gelände leicht verlieren. Kleine Teiche spiegeln Türme und Gebilde aus rostigem Stahl in ihrer ruhigen, klaren Oberfläche wieder und lassen mich im Stillen darüber rätseln, welche Funktion sie früher einmal erfüllten.

Geschlossen wurde die Zeche Zollverein im Jahr 1986 und bietet seitdem Raum für Museen und Ausstellungen aller Art (u.a. Folkwang Universität der Künste). Aber auch die Anlage an sich ist sehenswert und gilt laut UNESCO-Weltkulturerbe als die schönste Zeche der Welt. Doch außer Ausstellungen und Museen beherbergt das weitläufige Gelände im Bereich der ehemaligen Kokerei das Werksschwimmbad Zollverein, wo man während der NRW Ferien den Sommer genießen kann. Im Winter bietet eine 150 Meter lange Eislauffläche, ebenfalls entlang der Kokerei, Schlittschuhläufern die Möglichkeit, inmitten von inaktiven Koksöfen und verlassenen Stahlträgern ihre Pirouetten zu drehen – welch spannender Gedanke! Besonders am Abend, wenn das Eis in buntes Disco-Licht getaucht wird, muss das Erlebnis einzigartig sein.

Und als ich dort ankomme, ist die Eislauffläche voll freudiger Läufer; jeder, der kann, schnappt sich ein Paar Schlittschuhe und los gehts! Kindergesichter strahlen vor sich hin, während oben über den Schlittschuhläufern die Stahlkonstruktionen in den Himmel zu streben scheinen.

Das Red Dot Design Museum stellt mit seinen 2000 Exponaten Alltagsgegenstände aus, die formschön und funktionell sein sollen und die kulturellen Unterschiede von 45 Nationen festhalten. Hier findet sich alles, vom Fahrrad bis hin zum Vibrator im Form eines Massagestabs. Vielmehr als die Gegenstände selbst gefällt mir die Art, wie sie präsentiert werden: So sieht man zum Beispiel einen dunklen, ansonsten völlig leeren Raum, in dessen Mitte ein einziger, leuchtend gelber Stuhl steht. Oben angebrachte, unsichtbare Scheinwerfer verstärken noch den Effekt. Mannsgroße Lampen in Form weißer, leuchtender Ufo-Männchen füllen einen ganzen Raum und ein Paravan mit Merkels Kopf und Raute zeigt dem Betrachter eindrucksvoll, wie man mit ein paar wenigen Strichen die wichtigsten Charakteristika eines Menschen einfangen und wiedergeben kann. Schlichtheit und schnörkellose, moderne Eleganz scheinen sich hier wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung zu ziehen. Ich lasse mir viel Zeit.

Als ich nach dem Besuch der Zeche Zollverein durch das abendliche Essen spaziere, welches sich bereits zur frühen Stunde ins Dunkel zu hüllen beginnt, stolpere ich mehr unabsichtlich denn mit Vorsatz über den berühmten Internationalen Weihnachtsmarkt – oder die Reste davon, die sich über die letzten Dezembertage hindurch erhalten haben. Auf dem Internationalen Weihnachtsmarkt in Essen gibt es Leckerbissen aus aller Welt zu probieren, es werden Gerichte aus über 20 Ländern angeboten. Doch davon ist nun nicht mehr viel übrig, nur vier oder fünf Stände harren noch aus. Und so lasse ich die französische, deutsche und mexikanische Küche links liegen und steuere direkt auf die polnischen Krakauer Würste zu.

Unzählige Lichterketten erleuchten die ganze Stadt, leuchtende Bäumchen und Dekorationen versuchen vergeblich, die Atmosphäre der Vorweihnachtszeit zu erhalten, und der Glühwein in meiner Hand lässt mich die aufkommende Kälte vergessen. So einiges würde ich hier gerne noch tun: Den Kulturpfad der leuchtend blauen Glassteine entlang laufen, im Sommer im Werksschwimmbad der Zollvereiner Zeche plantschen und noch die eine oder andere Ausstellung besuchen.

Denn wie schon gesagt: Essen ist nicht wirklich touristisch, nicht wirklich schön… doch du kommst nicht daran vorbei, und, bist du erst einmal da, kommst du auch so schnell nicht wieder weg. Eine der spannendsten, sehenswertesten deutschen Städte, die ich kenne.

Der Internationale Weihnachtsmarkt – oder was davon blieb…

Burg Altendorf bei Nacht
Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.