Europa, Polen

Muttertag in Polen

Meine Tage hier in der Heimat sehen folgendermaßen aus. Schlafen. Gegen halb vier die Helligkeit registrieren, die sich langsam durch das Fenster schleicht. Die Decke höher ziehen, weiter schlafen. Es wird noch heller. Schlaftrunken torkle ich aus dem Bett, machen ein Foto von dem beispiellosen Sonnenaufgang, der sich durch die Bäume stiehlt. Weiterschlafen. Bis…

Sieben Uhr. Ich bin wach. Was jetzt? Mein Onkel ist noch da. Ich will ihn nicht stören bei seiner Morgenroutine, bis er zur Arbeit geht. Außerdem bin ich morgens eh nicht besonders kommunikativ. Um halb acht ist es soweit. Ich höre draußen das Auto vom Hof fahren und schleiche langsam aus dem Bett und durch die Küche. Sonnenaufgang im Kasten. Mal schauen, was es so leckeres im Kühlschrank gibt.

Ah, richtig; der Kühlschrank wurde vor zwei Tagen bereits zur Reparatur abgeholt. Also kein Kühlschrank. Runter ins Erdgeschoss und dann weiter in den Keller. Diesen gruseligen Keller, den ich euch schon einmal anschaulich beschrieben habe. Hier, im kühlsten und dunkelsten Raum, wo ehemals über lange Jahre Kartoffeln gelagert wurden, wo die Fenster durch Pappe abgedichtet sind – hier lagert unser Frühstück. Vorsichtig öffne ich die Türe einen Spalt weit, darauf gefasst, jeden Moment den Geist meiner Oma um die Ecke biegen zu sehen. Keine Oma. Soweit, so gut. Unwahrscheinlich, schelte ich mich selbst; Oma war zu Lebzeiten schon keine Frühaufsteherin.

Der Raum riecht immer noch nach Kartoffeln. Wie riechen überlagerte Erdknollen? Erdig, feucht und muffig. Der Geruch hängt in den Wänden, hängt im Boden fest. Auch wenn der Keller schon lange leer geräumt wurde. Ein wenig schlendere ich auch in den anderen Räumen umher. Unser Keller ist riesig. Eigentlich hat es die Größe einer zweiten Wohnung. Wenn denn nur jemand hier wohnen wollen würde…

Eine alte Milchkanne steht noch herum. Ausgedient und ausgemustert, nur noch der Nostalgie dienend, landet auch sie irgendwann auf dem Schrott. Alte Gläser eingemachter Kirschen füllen teilweise die Regale. Einmachgläser, die meine Oma noch mit ihren eigenen Händen zubereitet hat. Ob die noch gut sind? „Ich würde sie nicht essen.“ Sagt mein Onkel, als wir mal dieses Thema haben. „Nach und nach entsorge ich sie im Restmüll…“ Mein Kopf stellt sich vor, wie nach dem Abschrauben des Deckels lauter kleine Gespenster aus dem Glas entweichen.

Schnell kralle ich mein potenzielles Frühstück an mich. Dies sieht in der Regel etwas Milch, ein paar Eier, Brot und Belag vor. Und Kaffee. Kaffee muss sein. Dann steige ich, so flink wie zu Kindertagen, die steile Treppe wieder ins Erdgeschoss hinauf. Und ins Obergeschoss. Noch ehe ich richtig wach bin, mache ich hier unheimlich viel Strecke.

Heute ist ein besonderer Tag. Und ich habe keine Blumen. So ein Jammer… aber wo soll man hier im Dorf Blumen besorgen? Zur Erklärung: ein Dorf in Polen ist nicht wie ein Dorf hier. Auf dem Dorf in Polen gibt es nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Nada. Kein einziges Geschäft, keine Blumen, kein Aldi, kein Kiosk. Nichts dergleichen. Wer solche Luxusläden will, der möge sich in die Stadt begeben. Und das tun die Leute, fast jeder hat ein Auto. Noch kein einziges Mal ist mir jemand zu Fuß begegnet. Manchmal steigt der Pole auch aufs Rad. Auch hier hat sich herumgesprochen, dass das wohl gesund sei. Doch was haben die Leute nur gegen das Laufen? Wundere ich mich und marschiere weiter.

Um meine Mutti zu beglücken, wird sich schon was finden.

Der Muttertag

Warum umschreibe ich den Muttertag hier so genau, obwohl der bereits Anfang Mai stattgefunden hat und der Drops bereits gelutscht ist? Nicht bei uns. In Polen wird der Muttertag immer Ende Mai begangen. Am 26 Mai. So habe ich etwas mehr Vorlaufzeit als ihr…

Nachdem ich mich aller meiner aus Deutschland mitgebrachten Geschenke bereits entledigt habe, wird eines beschlossen: wir gehen Kuchen kaufen! Ein kleiner Trip in meine alte Stadt mit Mutti ist immer ein nettes Ereignis. Wir schlendern durch den Markt. Gut, ich möchte gerne schlendern, meine Mutter pirscht schnellen Schrittes voran und erinnert mich daran, dass noch Dinge zu erledigen sind… Sehnsüchtig werfe ich einen Blick in einen der kleinen Obst-, Gemüse- und Lebensmittelläden, hier auch gerne als „Tante Emma-Laden“ betitelt. Mutti ist da pragmatischer. Brauchen wir was? Nein? „Das meiste kaufe ich bei Biedronka.“ Sagt sie und meint die Billig-Discounterkette, die sich bereits in fast jeder polnischen Kleinstadt angesiedelt hat.

Doch auf den Besuch in „Chemia“ bestehe ich. Mit Chemia wird jede Art von Drogerieläden bezeichnet, also all die Geschäfte, wo du chemisches zur Körper- und Wohnungspflege erhältst. Dann versumpfe ich zwischen den Regalen. Meine Mutter schaut etwas ratlos zu, während mein Einkaufskörbchen immer voller wird. „Ich gehe dann mal kurz auf die Bank.“ Sagt sie. „Hmm…“ Entgegne ich abgelenkt. Hier gibt es alles! So viele Artikel, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Ob die besser sind? Lasst euch sagen: die sind nicht schlecht! Vor allem zwei bis drei Naturproduktserien haben es mir angetan. Bestimmte Marken, die sich auf Naturkosmetik spezialisiert haben, gibt es in Polen schon seit Jahren. Da bekommst du Rosmarin-Shampoo, Ziegenmilch-Handcreme, Rübenkraut-irgendwas… Ganz kuriose Dinge, kein Wunder, dass sich mein Arm schon bald unter den Einkäufen biegt.

DAS ist ein Eis… Dank der recht festen Konsistenz hielt es sich ganz wacker in der Waffel. Und schmeckte seehr lecker…

Draußen gönne ich mir ein Eis. Hm, nein, das ist so nicht korrekt. Von vorne. Draußen gönne ich mir DAS Eis. Es gibt hier häufig diese Eisbuden mit Softeis anzutreffen, das noch genauso schmeckt wie zur sozialistischen Zeit. Klein, mittel oder groß? Fragt die Verkäuferin. Ich wähle „mittel“.

Ich hätte mal lieber „klein“ wählen sollen.

Was für ein Apparat! Die Eisspirale biegt sich fast in der Waffel und ist gefühlt höher als der Eifelturm. „Und das soll das mittlere sein?“ Frage ich entgeistert.

Meine Mutter guckt etwas verwundert meiner Begeisterung zu. Sie will kein Eis. „Es schmeckt mir nicht.“ Ein Pruster der Entrüstung meinerseits. So ist es wohl, wenn man sich an etwas sattgegessen hat.

Den Kuchen danach hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Aber es ist Muttertag, und bei den süßen Teilchen bekommt Mutti große Augen. Zufrieden transportieren wir unsere Beute nach Hause.

Zu Hause dann wird Mutti schön auf die Couch gesetzt und bewirtet. Es gibt Tee und Kuchenstückchen. Sogar für Blumen ist gesorgt. Zu diesem Zweck wird eigens Muttis Tulpenbeet vor dem Haus geplündert. Mutti guck zufrieden. Nach dem zweiten Kuchenstückchen darf sie dann ihre Geschenke öffnen.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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13 Kommentare

  1. says:

    Ohhhh – ich liebe Softeis……ach – das hab ich oft gegessen, als Kind und auch wenn ich es als Erwachsene mal sehe – wobei ich denke, durch Corona ist es jetzt endgültig ausgestorben.

    Wenn ich so die Bilder vergleiche….man kann die Ähnlichkeit zwischen euch nicht leugnen. Was halt die Bilder so zeigen

    1. says:

      Die Ähnlichkeit ist frappierend. Wir sind im Grunde mit dem gleichen Gesicht auf die Welt gekommen 🙂 Softeis weckt Kindheitserinnerungen…

      1. says:

        😀

  2. Der Kuchen hätte mir bestimmt auch geschmeckt.

    1. Hm, mir war er zu wuchtig (beachte die Buttercreme in der zweiten Schicht…). Ich bin eher so der Obstkuchen-Fan. Ich habe mir da ein Stück Apfelkuchen geholt. Nicht so fotogen, deswegen fehlt er auf dem Bild, aber lecker und frisch 😉

  3. Was für eine schön liebevolle Beschreibung 🤗
    Es scheint wie in dem Haus meiner Eltern zu riechen – wunderbar kartoffelig 😊
    Und dieses lecker belegte Brotje 🤤 ich denke, ich werd jetzt erst mal frühstücken (hab ich mir nach der schweißtreibenden Einkaufstour verdient)
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    1. Dann wünsche ich einen guten Appetit 😉 Das Kartoffelige riecht nicht so lecker wie es klingt. Auf Dauer wird sich der Keller auch verändern, es soll ein Fitnessraum rein. Da komme ich natürlich umso öfter zur Besuch 😉

  4. Der Kuchen sieht wieder sehr lecker aus. Ich glaube ich heirate eine polnische Bäckerin… Auf den Muttertag war ich gespannt und Du hast mich nicht enttäuscht!

    1. Vielen Dank! Das Kuchenbacken gehört hierzulande irgendwie dazu, ebenso wie kochen (reichhaltig und deftig). Dann mach dich aber darauf gefasst, einiges am Umfang zuzunehmen 😉

  5. Ha! Du hast ihr eigenes Tulpenbeet geplündert für ihren Muttertagsstrauss? Das nenne ich Chuzpe 😂! Aber da sie sich offenbar gefreut hat, ist ja alles gut 😁. Eure Kaffeetafel mit Kuchen sieht sehr gemütlich aus. Ihr habt sie bestimmt genossen nach den „stressigen“ Einkäufen davor.

    1. says:

      Ja, erfinderisch muss man sein 😉 Nein, aber im Ernst, sie hat mich selbst dahin geschickt. Und drei Tage vorher habe ich ihr Flieder mitgebracht. Denselben, wo ich auf dem einen Foto so schön die Nase reinstecke. Nur lief ich diesmal eben eine andere Strecke…

  6. Ein schönens Moment zum teilen und geniessen.

    1. says:

      Ja das ist wahr! Danke!

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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