Europa, Italien

8. Assisi – Auf den Spuren des heiligen Franziskus

Zarte, graue Wolken hängen noch über dem Tal und benetzen die Olivenhaine, während uns der Shuttlebus immer höher bringt. Hier oben, auf dem Berg Monte Subasio auf 1290 Metern, liegt die Stadt Assisi, Heimat und letzte Ruhestätte des heiligen Franziskus, Gründers des Franziskanerordens.

Wir steigen oben auf dem Busparkplatz Via San Gabriele aus, nahe der Kathedrale von Assisi. Die Kathedrale San Rufino spielt eine Rolle im Leben des heiligen Franziskus. Er und Clara von Assisi wurden hier getauft und dies war auch der Ort, an dem Clara seinen Predigten lauschte und sich ebenfalls für ein Leben im Orden entschloss.

Der Tag beginnt strahlend, doch der gelbe Schein wärmt nur wenig. Hier oben ist es empfindlich kalt. Die Temperaturen liegen noch bei zwölf Grad; dabei kommt es darauf an, ob man in der spärlichen Sonne oder im Schatten läuft.

Alles ist getaucht im Sonnenschein. Bis auf die Gassen, die im Schatten liegen. Dort sinkt die Temperatur gleich mal um zehn Grad ab. Einige Touristen steigen mit uns aus, doch so richtig voll wird die Stadt auch später nicht werden. Es ist außerhalb der Saison und normalerweise sind Heilige nicht so interessant für Urlauber; es sind vor allem die Italiener, die hierher pilgern, um etwas über das Leben des Franziskus zu erfahren.

Die Altstadt ist komplett aus Stein erbaut und hat noch ihren mittelalterlichen Charakter. Auch deshalb ist sie seit dem Jahr 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. Als Baustoff diente das weiß-rosa Gestein direkt aus dem Berg. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass die Stadtmauern und Häuser heute noch im Sonnenlicht wie von selbst leuchten. Fährt man entlang des Valle Umbra Tals, das sich mit seinem Naturpark unterhalb des Berges erstreckt, so ist die Stadt Assisi nicht zu übersehen. Wie ein strahlendes Band windet sie sich inmitten der dunklen Bäume.

Wir haben den ganzen Tag Zeit, um die steinerne Stadt auf dem Berg zu erkunden, deren Anfänge bis ins 3 Jahrhundert und somit in die Römerzeit reichen. Also lade ich uns auf ein Frühstück ins Cafe Duomo ein. Hier sitzen wir etwas erhöht bei einem fabelhaften Cappuccino (ach, die Italiener…) und beobachten das Treiben unter uns. Es ist noch immer kalt und an meinen Händen hängen Eiszapfen. Während wir trinken, erzähle ich Stefan, warum ich unbedingt hierher kommen wollte.

 

Wer war der Heilige Franziskus?

Auch ich habe mit Heiligen normalerweise nicht viel am Hut. Doch ein Roman über den Heiligen Franziskus fiel mir bereits als Mädchen in die Hände: „Das Feuer von Assisi.“ Es ist die Geschichte des Heiligen – und zwar aus der Sicht einer Frau.

Rebekka von Assisi ist die Tochter wohlhabender Bürger. Sie – und mit ihr beinahe alle Mädchen der Stadt – verfiel Giovanni, dem jungen Sohn der wohlhabenden Tuchmacher. Der junge Giovanni di Pietro di Bernardone, wie Franziskus vor seiner Wandlung mit bürgerlichem Namen hieß, genoss eine gute Ausbildung, lernte Lesen, schreiben und spielte Musikinstrumente. Wie damals üblich, übernahm er nach Erreichen der Volljährigkeit das väterliche Geschäft und erwirtschaftete gute Erträge, die er dann für Feiern und Wein ausgab. Der Roman beschreibt, wie er mit seiner Laute unten auf der Piaza stand und über die Entstehung der Welt und den Garten Eden sang, und wie Rebekka, die dem gebannt zuhörte, plötzlich mitten auf der Piaza begann, ihre Kleider abzulegen. Dies endete, wie erwartet, in einem Skandal. Doch das hielt sie nicht davon ab, den Lebemann Giovanni weiterhin innig zu lieben.

Sie folgte ihm überall hin. Sie folgte ihm in den Krieg, als Assisi gegen Perugia zog. Auch als dieser nach seinem Sinneswandel sich entschloss, Mönch zu werden und ein armes Leben im Dienste harter Arbeit zu führen, ließ sie nicht von ihm ab und hoffte, ihn mit ihren weiblichen Reizen zur Umkehr von diesem Leben zu bewegen. Dabei verriet sie sogar ihre Freundin Clara (später Hl. Clara von Assisi), die sich ebenfalls entschloss, Franziskus zu folgen, an ihre Eltern, denn in der Liebe ist sich jeder der Nächste. Schlussendlich brachte all das nichts, wie wir aus der Geschichte wissen.

Diese Version der Erzählung mag zum Teil reine Fiktion sein, doch das Leben des heiligen Franziskus ist ohnedies bemerkenswert genug.

Der Heilige lebte im 12 Jahrhundert, von 1181 bis 1226. Nachdem der junge Giovanni, später heiliger Franziskus von Assisi, mit vierzehn Jahren die Geschäfte der Eltern übernahm, führte er ein ausschweifendes Leben. Er träumte davon, Ritter zu werden und in den Krieg zu ziehen. Er war dabei, als Assisi gegen das verfeindete Perugia kämpfte und unterlag. Die Schrecken des Krieges hatten ihn damals sehr schockiert. Verstört kehrte er nach Hause zurück und begann, sein bisheriges Leben infrage zu stellen. Er interessierte sich für Bettler und die Armen der ärmsten, unternahm Ausflüge, bei denen er sich als Bettler verkleidete, um das Leben an eigenem Leib zu erfahren und verschenkte seines Vaters Geld an Bedürftige.

Irgendwann war es dem Vater zu bunt, er sperrte Franz in ein Verließ, das sich unter dem Haus der Kaufleute befand. Der Vater hoffte, den Sohn zur Vernunft zu bringen. Doch es war schließlich seine Mutter, die Franziskus befreite, da sie begriff, dass er keineswegs verrückt war, sondern einfach ein komplett anderes Leben lebte.

Er gründete den Orden der Minderen Brüder, einen Bettelorden, der sich der Armut und dem Dienst an seinen Nächsten verschrieben hat. Inzwischen gibt es verschiedene Ausrichtungen des Ordens. Die heutigen Franziskaner sind eine von mehreren Abzweigungen des ursprünglichen Ordens.

 

Das Elternhaus des Hl. Franz

Stefan ist weit vorneweg gerannt und ich kann nur noch die glänzende Kopfspitze sehen. Aber ich wollte doch noch…

Ja, ich will noch die kleinen Gassen erkunden, die Piaza del Comune und den Springbrunnen etwas länger anschauen. Und irgendwie geht es nicht in meinen Kopf, dass mir mein sonst so gemütlich schlendernder Stefan gerade zügig davonläuft.

Wofür das metaphorisch sonst so stehen mag?

Egal. Die Sonne scheint, die kleinen Gassen locken. Also schicke ich meinem Liebsten eine Nachricht („ab jetzt schauen wir uns die Stadt getrennt an…“) und mache mich davon.

Denn auch wenn ich zügig marschieren kann, wenn es sein muss – für Städte brauche ich Zeit. Viel Zeit. Es braucht allein schon eine Weile und -zig Versuche, diese schöne Gasse mit der schmucken Laterne im Gegenlicht so zu fotografieren, dass mir gerade niemand mitten ins Bild watschelt. Ja, so ist es immer: niemand will auf dem Bild sein, doch alle laufen einem gedankenlos vor die Linse.

Die idyllische, gestellte Einsamkeit, heraufbeschworen in einem Moment, als eine Lücke im Touristenaufkommen entsteht. Ein Bild, das es vermutlich eh nicht in die engere Auswahl schafft. Die Verkäuferin vom Nippes-Laden steht draußen und betrachtet mich skeptisch.

Das Haus von St. Franziskus Eltern entdecke ich durch Zufall. Ich kann keinerlei Hinweistafeln entdecken, es scheint sich um einen normalen Innenhof zu handeln, zu dem eine unscheinbare, kurze Gasse führt. Gerade noch fuhr hier ein Auto herein.

Da ich ein neugieriges Wesen bin, folge ich der Gasse und stehe vor der Kapelle Sanctuary Chiesa Nuova. An einer niedrigen Mauer stehen zwei Bronzeskulpturen. Sie stellen Bernardone und Pica, die Eltern des Heiligen Franziskus von Assisi, dar. Das Haus aus der damaligen Zeit existiert nicht mehr. Die Kapelle wurde an der Stelle errichtet, von der man glaubte, dass sich das Haus dort einst befand.

Es ist ein stiller, ruhiger Ort. In der Mitte des Innenhofes wächst ein knorriger, alter Olivenbaum.

Als ich hinein gehe, ist die Kapelle leer.

Bei der Kapelle handelt es sich um einen kreuzförmigen Bau mit gleichmäßig ragenden Seitenarmen. Der Altarbereich ist üppig, wie es den italienischen Kirchen eigen ist. Beichtstühle und kleine Becken mit Weihwasser am Eingang sind typisch für katholische Gotteshäuser. Zu meiner Rechten ist eine nachgebaute Höhle zu sehen, die das Verließ darstellt, in dem Franz von Assisi von seinem Vater eingesperrt wurde, um „zur Vernunft“ zu kommen. Der Überlieferung nach war es seine Mutter Pica, die ihn schließlich von dort befreite.

 

Von Ikonen und Nonnen

All diese Straßen entlang des Hauptweges, der geradewegs nach unten zur Basilika führt, sind gesäumt von kleinen und größeren Ikonenhändlern, die alles bereithalten, was ein Pilger glaubt, haben zu müssen. Da wären also diverse Heilige, aus Holz geschnitzt; vermutlich handbemalte, mehr oder minder schöne Ikonen, die heilige Familie und natürlich Rosenkränze und Medaillons. All das, was auch in einer gutbürgerlichen polnischen Familie in der Wohnzimmervitrine zu finden wäre.

Doch es sind nicht nur Ikonen, die verkauft werden; was mich mehr anmacht, das sind die ganzen Süßigkeiten-Krams. Bunte, üppige Kuchen, Gebäck und Schokolade, italienisches Eis… Ich drücke mir die Nase an der Scheibe platt.

Immerzu begegnen mir versteckte Mosaiken und Skulpturen an Gewölben und Hauswänden, wo untendrunter Tische und Stühle einer Osteria stehen. Überbleibsel von Malereien, Fresken, ausgebleichte Gestalten der Heiligen. Steinerne Torbögen, die hinaus aus der Stadt führen und einen Blick auf die neblige Weite eröffnen, mit grünen Hügeln und rauchblauen Bergketten der umliegenden Landschaft. Und immer wieder begegnen mir Nonnen, die wie schwarze Schatten durch die Szenerie huschen. Doch ihre lachenden Gesichter strafen die dunkle Kleidung lügen. Fröhlich schlendern sie durch die Straßen der Stadt.

Balkone, schwere Holztüren. An ihnen prangt das große T, das Tau – ein Zeichen des Franziskaner-Ordens. Ich folge den Spuren des heiligen Franz von Assisi, doch eigentlich folge ich Stefans Spuren. Dieser ist nirgends zu sehen, doch vermutlich nimmt er den Weg des geringsten Widerstandes und folgt derselben breiten Straße, der Via S. Francesco, die strikt nach unten zur Basilika führt, anstatt sich durch die engen, steilen Nebengassen zu quälen. Gemütlich nehme ich die Verfolgung auf.

Unterwegs fällt mir Humilis, ein Juweliergeschäft, ins Auge. Kurz bleibe ich stehen und betrachte die handgearbeiteten Ringe und Medaillons, die lateinische Segnungen in sich tragen. Der Juwelier wird später in unserer Geschichte noch eine Rolle spielen.

Meinen liebsten entdecke ich in der Basilika San Francesco, wie er versunken in einer der Bankreihen sitzt und den gregorianischen Gesängen einer Messe lauscht.

Quellen: wikipedia, italia.it

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
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Die Welt wartet auf uns.

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2 Kommentare

  1. danke für den Stadtrundgang und ja das mit dem davonlaufen in einer Stadt beim fotografieren kenne ich zu genüge !!!

    1. Hallo Manni, ja, manchmal entdeckt man alleine einfach mehr. Mit etwas Ruhe und etwas Zeit 😉

      Lg Kasia

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