Gedanken

Wie gehe ich mit der Corona-Krise um?

Zwischen Entspannung und dem Gefühl des verloren seins.

Weiße Schmetterlinge toben im Garten umher, tanzen in der klaren Luft, mal zu zweit, mal gesellt sich ein dritter hinzu. Es ist wie ein Ballett, das sie für mich vollführen. Die Sonne küsst das frische, aufsteigende Grün und kleine Eichhörnchen rennen mit akrobatischem Geschick den halb eingedrückten Zaun entlang, um im Dickicht der Bäume zu verschwinden. Einer der Schmetterlinge lässt sich auf meinem Fuß nieder und spreizt die Flügel.

Ich sitze da, mit einem Glas rotem Wein in der einer und einem Buch in der anderen Hand. Die Flüssigkeit leuchtet scharlachrot im Glas. Das gestapelte Holz hinter mir an der Wand verströmt in der Wärme einen eigenen Duft. Frische. Frühling. Ein perfekter, sonniger Nachmittag.

Solch sonniger Nachmittage gibt es inzwischen viele an den Wochenenden. Der Park gegenüber ist trotz aller „stay at home“ Appelle belebt wie sonst nie. Eltern mit Kinder, Sportler und Spaziergänger passieren unseren Garten; auf dem kleinen Weg ist aktuell mehr los als auf den ausgestorben wirkenden Autobahnen. Gesegnet, wer einen Garten hat.

Von Montag bis Freitag bin ich in Hannover, mehr oder weniger an anderem Ende Deutschlands. Von Montag bis Freitag helfe ich mit Kollegen im Lager aus, was uns ermöglicht, gerade so an Kurzarbeit vorbei zu schrammen. Zumindest für den Moment. Ich weiß nicht, was danach passieren wird, wenn die Krise länger andauert. Und dabei habe ich Glück, denn die Arbeitslosigkeit greift immer mehr um sich.

Selbständige sehen sich dem Ende ihrer Existenz entgegen. Alles, was man sich so aufgebaut hat in den letzten Jahren, zerbricht nach und nach. Unwillkürlich habe ich vorerst alles richtig gemacht, der Job ist sicher und – hoffentlich bald – kann ich wieder rausfahren. Wenn sich die Lage beruhigt.

Der zu erwartender und oft beschriebener Lagerkoller bleibt aus. Ich war schon immer ein Mensch, der gerne zu Hause geblieben ist. Vielleicht ist es so, weil ich noch die Möglichkeit habe, unterwegs zu sein, auch wenn es nicht mehr so ist wie früher.

Typisches Abendessen

Denn ich habe eingesehen, dass das Pendeln zweimal in der Woche nicht das gleiche ist wie das Umherfahren in meinem Gebiet, welches ich normalerweise betreue. Das Pendeln bedeutet eine lange, stupide Fahrt von rund vierhundert und nochwas Kilometern über die Autobahn, immer dieselbe Strecke entlang. Ohne jegliche Abwechselung. Und die Lagerarbeit ist eine sehr körperliche, was ich in der dritten Woche bereits zu spüren bekomme.

Tagsüber helfen die Kollegen und ich dabei, die vielen Aufträge abzuarbeiten. Antivirale Arzneimittel sind zur Zeit gefragt wie nie. Am Abend bestellen wir uns etwas vom Chinesen. Oder vom Italiener. Oder oder… Ich kann das bestellte, ungesunde Essen inzwischen nicht mehr sehen. Der Vitaminmangel macht sich in trockener Haut und gesprungenen Mundwinkeln bemerkbar. Am obligatorischen Besuch beim Rewe führt wohl kein Weg vorbei, wenn man ein bisschen Obst und Gemüse haben möchte.

 

Die Stimmung beim Einkaufen ist eine seltsame. Ordner sorgen in Supermärkten dafür, dass Kunden die inzwischen vorgeschriebenen Einmeterfünfzig Abstand voneinander auch einhalten. Die Leute vollführen regelrechte kleine Tänze, um in angemessener Entfernung aneinander vorbei zu kommen. Viele der Supermarktgänge sind nicht wirklich auf diese neuen Bedingungen ausgelegt. Sie sind so eng bemessen, dass ich eher darauf verzichte, ein bestimmtes Produkt zu kaufen, anstatt mich an der anderen Person vorbei quetschen zu müssen.

Ein Regal voll mit Nudeln – ein inzwischen ungewöhnlicher Anblick.

Im Mercur Hotel sind wir gefühlt die einzigen Gäste. Ganze sieben Personen beherbergt das Hotel, als ich letzte Woche da bin – ausschließlich beruflich reisende. Die Angestellten sind durch eine Plexiglas-Scheibe geschützt. Das Frühstück holen wir uns morgens auf einem Tablett an der Rezeption ab. Alles ist mehr oder weniger dunkel und wirkt verlassen. Alle Aufenthaltsräume haben zu. Die Rezeptionistin selbst ist nur noch auf Kurzarbeit angestellt. „Das ist alles einfach be…scheiden.“ Erzählt sie mir und ich weiß genau, welches Wort ihr auf der Zunge schwebt. Ich bin dankbar, trotz allem einen Roomservice zu haben, bin dankbar, dass noch jemand da ist und bin dankbar für die Freundlichkeit der Mitarbeiter, trotz dieser schwierigen Zeit. Irgendwie fühlt man sich enger zusammen gerückt.

Feierabend im Hotel

Immer wieder checke ich gewohnheitsmäßig die Coronavirus-Karte, genauso wie meine Körpertemperatur. Das ist schon zur Routine geworden. Der Abstand zu anderen Menschen, auf der Straße, beim Einkaufen – die Straßen, leer… Menschen, die im Mundschutz geduldig vor den Supermärkten warten. Ich muss sagen, inzwischen habe ich mich an diese neue, seltsame Realität gewöhnt. Das häufige Händewaschen und desinfizieren ist schon ins Fleisch und Blut übergegangen, genauso wie das Tragen meiner schwarzen Mundschutzmaske aus Nepal.

Die Mundschutzmaske. Sie erzeugt noch immer verwunderte Blicke der Menschen, die mir begegnen, doch auch das inzwischen immer seltener. Neulich an einer Aral Tankstelle: zum ersten Mal betrete ich maskiert das Tankwarthäuschen und… niemand sagt etwas. Ich bezahle und gehe. Vor Corona undenkbar.

Ich nenne sie meine Hannibal Lecter Ausrüstung, denn sie erinnert mich ein wenig an einen Maulkorb. Meine Stimme ist gedämpft, wenn ich sie trage. Ich verdränge alle anderen Gefühle und Emotionen, die damit verbunden sind, das Gesicht bei Begegnungen mit Menschen zu verhüllen.

Denn es kommt mir unhöflich vor, mein Gesicht zu verstecken. Es fühlt sich unhöflich an, niemandem die Hand zu geben. Abstand zu halten. Das ist nicht Teil unserer Kultur. Nicht umsonst gibt es diesen sinnhaften Spruch: das Gesicht zeigen. Das Gesicht wahren. Sich nicht verstecken.

Ich hoffe, dass es nicht so bleiben wird.

Und doch bin ich für die Maskenpflicht. Eine Maske schützt mein Gegenüber, und wenn jeder auf diese Weise sein gegenüber schützt, sind wir alle geschützt.

Und unser Verhalten? Was hat sich verändert?

Menschen zucken zusammen, wenn sie auf andere Menschen treffen. Man weicht einander aus. Kontakt wird gemieden. Einige Soziologen gehen davon aus, dass sich dieses Verhalten eine Zeit lang, auch nach Corona, habitualisieren wird. Was bedeutet es für unser Miteinander? Werden wir einander meiden?

Toilettenpapier und Nudeln hamstern ist out. Zumindest für mich. Wir haben inzwischen einen kleinen Vorrat von drei Packungen Klopapier zu Hause liegen – das reicht fürs erste. Mal ehrlich, so viel kacken kann doch kein Mensch, oder? Ach, was lobe ich mir in diesem Zusammenhang diese kleinen Duschvorrichtungen an Toiletten, die in asiatischem und arabischem Raum verbreitet sind. Ob dort jemand Toilettenpapier hamstert?

Gewöhnt habe ich mich an die leeren Autobahnen. Die Emissionen gehen messbar zurück, und das trotz der wenigen Raser, die die Gelegenheit nutzen, mal richtig aufzudrehen. Am Freitag bin ich mit durchschnittlich zweihundert von Hannover nach Mannheim gedüst. Das Frankfurter Kreuz war mit im Schnitt hundertsiebzig befahrbar. Die Gemütlichkeit, die ich sonst an den Tag lege, ist momentan nicht notwendig.

Zur Zeit erstaunen weder die leeren Regale noch die leere Welt. Die Ansteckungskurve mit COVID19 geht langsam zurück. Ganz lässt sich das Virus bei weitem nicht ausrotten, daran glaube ich nicht. Der kleine Möchtegern-Organismus hat sich schon längst an die menschlichen Strukturen angepasst und wird wahrscheinlich immer wieder ausbrechen wie die alljährliche Grippe. Doch hoffentlich gibt es bis dahin einen Impfstoff.

Es bleibt nicht mehr viel zu tun und die Menschen besinnen sich auf das Wesentliche. Zumindest hoffe ich das. Der Freizeitstress ist keiner mehr, die unzähligen Möglichkeiten, seine Wochenenden auszufüllen fallen aus. Viele entdecken ihren Garten neu, einige renovieren. So viele Bücher liegen ungelesen in meinem Regal. Ich nehme mir eines nach dem anderen vor.

Stefan geht für seine Eltern einkaufen. Sie sind älter und sollen am besten zu Hause bleiben. Ich instruiere meine Mutter, wie sie sich am besten schützt, wenn sie das Haus verlässt.

Wir haben die Motorräder gerüstet. Die Saison hat begonnen. Motorrad fahren darf man ja noch. Zumindest hier, in BW. Was bleibt noch übrig? Das Reisen hat sich… erübrigt. Für unseren April-Roadtrip nach Irland schaffen wir es, das gesamte Geld zurück zu bekommen. Der Mietwagen war ohne Zusatzkosten stornierbar und die Flüge… Auch wenn sich Lufthansa zunächst mal geziert hat, musste schließlich auch die Airline einsehen, dass mit einer weltweiten Reisewarnung und Rückholaktionen ein Flug in den Urlaub einfach keinen Sinn macht. Wir halten die Füße still, bis Lufthansa selbst beide Flüge anuliert. Rückerstattung, Glück gehabt.

Und doch belastet mich die Situation. Es gibt Momente, da bin ich ganz entspannt. Vielleicht ist das gut für uns, für die Erde, für das Klima, für die Gesellschaft. Für irgend etwas muss es ja gut sein.

Und dann wiederum… obwohl ich mich längst an diesen neuen Alltag gewöhnt habe, gibt es Momente, da wünsche ich mich irgendwo anders hin. Ich möchte flüchten, ganz weit weg, irgendwohin, wo alles normal ist. Bloß weg von hier, weg von Corona, von dem Gefühl, nicht mehr frei zu sein. Eingesperrt zu sein. Weg von den Einschränkungen. Doch ich kann nirgendwo hin, denn Corona hat sich in der ganzen Welt ausgebreitet. Es gibt kein Fleckchen auf der Erde, das noch frei davon ist (und das mich rein lässt, wohlgemerkt). Ich wünsche mich an einen anderen Planeten, wo alles genauso ist wie hier, nur ohne die Krankheit. Na, und vielleicht noch mit dem Weltfrieden, wenn wir schon dabei sind. Ansonsten genauso. Nur ohne Corona.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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