Deutschland, Europa

Der verlassene Kiosk – Lost Place im Pfälzerwald

Zuerst sah ich den Pflug. Einen alten, verrosteten Pflug, der mitten im Wald vor sich hin moderte. Er wirkte so verloren zwischen hohen Bäumen, so unpassend und irgendwie traurig. So manches Mal sehe ich auf meinen Wandertouren irgendwo verlassene landwirtschaftliche Geräte, ob es ein hölzerner Wagen ist oder eben sowas. Ich weiche von meinem Pfad ab und mache ein Foto. Dann noch eines. Dann fällt mein Blick nach rechts. Moment mal, da ist doch ein Gatter. Wo führt es denn hin?

Das Gatter wirkt so verrostet, als hätte es vor Äonen hierher gehört. Zugewuchert vom Gras, braun von Oxidation. Die Rostplättchen sind so dick, dass man sie einzeln abrupfen könnte – und der Zerstörungsprozess ist noch nicht vorbei. Geschnörkeltes Metall, mitten im Nirgendwo. Mitten im nichts. Daneben ein hölzernes Tor, halb geöffnet. Ich ignoriere die „Nicht betreten“-Schilder in meinem Kopf; hier sehe ich solche nicht. Und geöffnete Türen bedeuten Gastfreundschaft.

So zurechtgeredet bin ich – Schwupps! – drinnen.

Langsam kristallisiert sich ein Bild des großen und ganzen heraus. Ich bin nicht Sherlock, die pfeilschnellen Schlussfolgerungen, was das hier mal gewesen ist, bleiben aus. Doch ich komme auf eine Obstwiese… nein, warte: etwas, das einmal eine Obstwiese war. Das saftige, frische Gras, die überwucherten Platten, die hier stehen (sollte noch was angebaut werden?) und Obstbäume; diese in teilweise bejammernswertem Zustand. Hier wird mich niemand aufhalten, hier wird mir höchstwahrscheinlich gar nicht erst jemand begegnen.

Zu meiner Linken ist ein Häuschen.

Die schwarze, kleine Hütte erreiche ich, als ich durch hohe Gräser stampfe. Gut, so hoch auch wieder nicht; es ist noch Mai. Im Sommer würde dieses Juwel wohl zugewuchert sein und unentdeckt bleiben.

Ein Blick von vorne zeigt mir; das muss wohl ein Kiosk gewesen sein. Eine Lade, Öffnungen und drinnen wenig Platz, gerade einmal soviel, wie ein Kiosk benötigt. Ich habe mich festgelegt. Ein Kiosk.

Der Blick in den Innenraum bleibt mir zunächst verwehrt, denn verblichene Plastikplanen verdecken zum großen Teil die Einsicht. Doch schau her, hier an der Seite ist eine (offene) Tür! Und heißen offene Türen normalerweise nicht „bitte eintreten?“

Wieder einmal schön zurechtgeredet betrachte ich zunächst das Große Ganze. Wow. Hier war schon lange niemand mehr. Außer vielleicht, was die Obstwiese betrifft, denn der Pfad, der mittendurch durch’s grüne Gras verläuft, wirkt relativ frisch. Vielleicht kennen Förster diesen Ort. Gut, dass ihn scheinbar die „normale Welt“ nicht kennt.

Drin starren mir verstaubte, trübe Fenster entgegen wie ein Greis, der schon zu viel gesehen hat. In der Mitte des kleinen Raumes steht prominent ein Stuhl. Oder, was davon übrig ist, und das ist nur der Ramen. Staub leuchtet in der Sonne, deren Strahlen von außen hereinfallen. Efeu umrankt die matten Scheiben und winkt fröhlich im Wind. Dunkelgrünes Efeu. Gläser, Flaschen, Gerümpel, das sicherlich ehemals ordentlich hier aufgereiht war. Eine Glasflache mit einer gelbbraunen, undefinierbaren Flüssigkeit (ich will nicht näher darüber nachdenken). Es riecht leicht modrig. An der Wand hängt eine alte Holzleiter, auf deren Trittsicherheit ich nicht mehr zählen würde. Sogar ein Handbesen ist da.

Als ich den Boden inspiziere, fällt mein Blick auf die alten Zeitungen. Schon beim ersten Streifen kommen sie mir etwas seltsam vor, die Schlagzeilen in keinster Weise vertraut. Jetzt will ich eine ungefähre Orientierung; ich will wissen, wie alt die Dinger wirklich sind. Ein Blick in das Eck lässt ein „puh“ entweichen. Die erste Zeitung ist vom September 1982.

Das kann ein Zufall sein, doch bei den anderen sieht es auch nicht anders aus. 1982. September, November… alles aus dieser Zeit. Puh. 1982 hat hier jemand augenscheinlich zuletzt was gemacht. Ein Jahr später kam ich auf die Welt.

Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass jemand zu einer späteren Zeit mit alten Zeitungen aus den achtziger Jahren hier hantiert hat. Dass er noch einen Stapel im Keller hatte und sie aufbrauchen wollte. Möglich. Doch Möglichkeit Nummer eins ist etwas naheliegender, oder?

Ein Geräusch lässt mich aufschrecken. In der Stille hier drinnen, in der die Töne des Waldes nur gedämpft mein Ohr erreichen, glaube ich, sehr deutliche Schritte zu hören. Schritte, die der halb geöffneten Tür der Hütte näher kommen. Ich spähe heraus und lege mir bereits eine gute Ausrede in meinem Kopf zurecht. Vermutlich sowas wie: „Was ich hier mache? Na fotografieren natürlich. Ja ich interessiere mich für Lost Places. Nein, ich habe nichts angefasst (hatte auch nicht das Bedürfnis dazu…). Was, ich soll sofort verschwinden? Jawohl.“ Mit etwas Glück würde mir jemand etwas zu diesem Ort hier erzählen.

Doch draußen ist niemand. Die Geräusche haben aufgehört, die Obstwiese ist verlassen. Ich gehe langsam um die Hütte herum. Vielleicht hat sich ein kleines Tier auf dem Dach des Häuschens verirrt.

Und verirren konnte man sich dort wirklich. Jetzt sehe ich meinen Fund mit ganz anderen Augen. Das Dach ist völlig mit dickem, grünem Moos bewachsen und die Efeuranken, die an den ehemals schwarzen Wänden emporsteigen, bilden oben einen ganzen, kleinen Efeubaum. Ja, so ein Wort gibt es nicht; das Korrekturprogramm schlägt an. Es gibt so etwas nicht wie einen „Efeubaum“. Außer etwas ist so alt wie hier.

Die geöffnete Tür, durch die ich eben vorsichtig hinein gegangen bin, blättert. Nein, nicht die Farbe. Farbe ist nicht mehr vorhanden. Die ganze Tür blättert, ist gewellt wie ein Pappkarton, den man ehemals im Regen stehen gelassen hat. Draußen, hinter dem Kiosk: viel Gestrüpp. Eine überwucherte… Badewanne? Ich mache meine Bilder und komme mir vor wie Alice im Wunderland.

Was könnte das hier mal gewesen sein? Fakt ist wohl, es wurde eifrig bewirtschaftet, ehe man es aufgab. Die Obstbäume sind noch relativ klein, doch bereits vom Pilz und Krankheiten zerfressen. Der Pfad. Ich folge ihm. Ich kehre nicht mehr an die Hauptwanderroute zurück, denn der Pfad führt mich in einen hinteren Teil des Waldes, der normalerweise für Wanderer scheinbar nicht zugänglich, und wenn doch, dann nicht exponiert ist. Keine Markierungen, nirgendwo. Ein landwirtschaftlicher Weg. Eine weitläufige, grüne Lichtung, auf der tote Bäume vermodern. Blumen, Zikaden im Gras (jetzt schon?).

Ich folge dem Weg.

Kleine Anmerkung am Rande

Solche Orte entdeckt man oft zufällig. Der Winter und das Frühjahr sind optimale Zeiträume dafür, da viele Objekte noch nicht komplett von der Vegetation bedeckt sind. Ich kann Interessierten nur dazu raten, mit offenen Augen durch die Gegend zu gehen und neugierig zu sein. Entdeckt ihr dann ein Lost Place, von dem noch kaum jemand gehört hat und das noch keine Spuren von Besuchern und Zerstörung trägt, so ist es euer ganz persönlicher Schatz. Wir wollen, dass solche Plätze so lange wie möglich von der Allgemeinheit unentdeckt bleiben, um sie vor mutwilliger Zerstörung zu schützen. Deshalb teile ich keine genauen Ortsangaben mit und stelle sie nicht ins Internet, auch nicht auf Anfrage. Nein, keine Ausnahmen. 

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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32 Kommentare

  1. Was für ein Schatz, den du da entdeckt hast! Großartig! Da wäre ich auch fotografisch komplett eskaliert. Tolle Fotos und Impressionen! Die fast 40-jährigen Zeitungen, die dir den Zeitraum der letzten aktiven Tage dieses Lost Place verraten, finde ich auch total spannend. Und sagte ich dir schon, dass ich deine schön formulierten Texte total mag? Ja? Ok, kann man aber nicht oft genug wiederholen 😎.

    1. says:

      Oh vielen lieben Dank, liebe Elke! Das mit den schön formulierten Texten kann ich nicht oft genug hören, man ist ja eitel *hüstel* Also tu dir keinen Zwang an 😉

      Die Zeitungen waren wohl das Spannendste an der ganzen Angelegenheit, aber auch der wuchernde Efeu war unglaublich. Ein richtig kleines Bäumchen auf dem Dach. Ein interessanter Ort 🙂

  2. oooh wie fein ist das denn 😍 eine Reise in die Vergangenheit.
    Ich mag solche Nicht-Orte 🤓
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    1. says:

      Nicht-Orte, das ist sehr schön ausgedrückt. Das gefällt mir. Klingt so nach einem Schattenreich 😉

  3. Ein toller Ort, den Du da gefunden hast. Das mit der Datierung ist schon fast ein kriminalistisches Meisterstück. Dieses Topf-Design hatten wir daheim auch, weshalb die historische Einordnung wohl doppelt abgesichert ist…

    1. says:

      Die Töpfe haben mich ganz sentimental gemacht, solche gab es bei noch bei meiner Oma… Ja, ich denke auch, dass der Verkaufsstand (ich vermute stark, dass das einer war) wirklich so alt war. Ein schöner Zufall, dass ich darauf gestoßen bin…

  4. says:

    Das war bestimmt mal so ein Obstverkaufsstand, wenn da Obstbaumwiesen sind…Toll solche Schätze sind wirklich was besonderes. Und du hast es wirklich sehr schön beschrieben.

    1. says:

      Ein Obstverkaufsstand! Ja, das macht wirklich Sinn. Ich hatte mich schon insgeheim gefragt, wer mitten im Wald eine Bratwurstbude eröffnet 😉

      Vielen, vielen Dank. Die Bude war in einem wirklich guten Zustand, wenn man von der Vegetation mal absieht…

      1. says:

        Hahaha – ja ein Bratwurststand wäre wohl echt seltsam….aber wer weiss…vielleicht war da früher richtig was los. 😁😁

        1. says:

          Ich stelle mir da wirklich Halligalli vor, ein richtiges Schützenfest der Jugend oder so 😉 Who knows…

          1. says:

            Das klingt schon eher nach einem heimlichen Zirkus….klingt faszinierend.

          2. says:

            Ein heimlicher Zirkus… hm… *aufgeregt nachdenk* 🙂

          3. says:

            Ich hab da so ein Bild vor mir….ach…ich glaub das hab ich mal in einem Film oder Serie gesehen. Da gehen sie durch einen zugewachsenen Wald und auf einer Lichtung treffen sie auf so einen geheimen Jahrmarkt…so richtig alt….oder hab ich es gelesen??

          4. says:

            Den gibt es. Wenn ich richtig liege, befindet er sich irgendwo in Brandenburg (bei Berlin?). War das vielleicht in „Wer ist Hannah?“

          5. says:

            Oh – nein – den hab ich noch nicht gesehen, das ist ein Mit-Mann-niemals-guck-Film. Er will ihn sehen, aber wer weiss wann….
            Echt in Berlin gibt es so einen….Ach toll.

          6. says:

            Oh, soo brutal ist der doch gar nicht 😉 das müsst ihr nachholen…

          7. says:

            Ich auf jeden Fall – mein Mann ist bei diesen Actionfilmen sehr launisch…Mal sehen, wenn die Schwiegermutter zu Besuch ist….da werde ich den mal einladen. 😊

          8. says:

            Oh, ich sehe es vor mir. Schwiegermutter, Mann und du. Die Protagonisten nippen an ihren Kaffeetassen und hin und wieder pickt sich eine Kuchengabel Stückchen des köstlichen (Wahl nach Geschmack, bitte einfügen…) …kuchen. Plötzlich wie aus dem nichts ertönt Rinas Stimme: „Schwiegermama, ich hab da einen Film, der dir gefallen könnte…“ Rinas Züge zeigen keinerlei Gefühlsregung und der erschrockene Blick des Ehemannes, aus den Augenwinkeln durchaus registriert, wird geflissentlich ignoriert. Die Schwiegermutter ist begeistert. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf… 😉 😉 😉

          9. says:

            Hahaha – ja das hast du gut beschrieben – so in etwa wird das ablaufen…hahaha

          10. says:

            Priiima. Und? Für welchen Kuchen entscheidest du dich? (kleiner Tipp: ich würden den Lieblingskuchen des Mannes backen, um das Elend zu mildern…) 😉

          11. says:

            Hmmm – Käsekuchen….ist gebongt.

          12. says:

            Ich freue mich auf den Bericht 😉 Aber im Ernst, der Film ist wirklich gut. Obwohl ich normalerweise so gar nicht auf deutsche Actionfilme stehe…

          13. says:

            Ich auch nicht. Die deutschen Schauspieler sind irgendwie hölzern und auch die Art wie sie die Dialoge führen…echt dilettantisch.

          14. says:

            Hm ja… vielleicht empfindet man das so, weil es sich um die Muttersprache handelt…? Ich finde die Dialoge aber auch gestellt. Oft denke ich mir, so würde doch niemand reden…

            Aber „Hannah“ ist wirklich gut 😉

          15. says:

            Ist ne Überlegung – aber wenn ich die richtig alten deutschen Filme sehe – sogar die Heimatfilme – die sind nicht so….da ist es eigentlich recht locker und flüssig. Irgendwas ist falsch gelaufen.

          16. says:

            Hm… tja… 🙂

  5. Es wäre schön zu wissen, wer hier glebt hat. Mitten im Wald, völlig allein. Was hat eine Düsseldorfer Zeitung im Pfälzer Wald zu suchen? Fragen die wohl für immer unbeantwortet bleiben.

    1. says:

      Ich vermute hier eher so eine Art Imbissbude, dem Ensemble nach zu urteilen. Vielleicht war das ein Veranstaltungsort. Die Düsseldorfer Zeitung hat mich auch gewundert…

  6. Was für eine aufregende Geschichte und insgesamt ein großartiger Ort für Urbex.
    Ich habe deine Fotos wirklich geliebt, Kasia!

    1. says:

      Ich danke dir, schön, dass dich die Aufnahmen so begeistern konnten. Manchmal fallen einem solche Orte einfach in den Schoß, und dieser hier war noch völlig unberührt und wunderschön 🙂

  7. Coole Entdeckung! Ich bin auch ein Freund der Plätze, die nicht in jedem Reiseführer stehen. Die findet man echt nur zufällig.

    1. says:

      Ich hatte Glück 🙂 und war total begeistert. Wer weiß, wie lange die Hütte noch steht und wer sich schlussendlich mal dafür interessiert, solche Orte sind sehr vergänglich, das macht ihren Reiz aus. Die Entdeckung war reiner Zufall beim Wandern, eigentlich gehöre ich nicht zu der Fraktion, die da Unmengen an Zeit in Suche und Recherche steckt…

      Liebe Grüße

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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