Gedanken

Wie man auf Reisen Kontakte knüpft – doch braucht es das wirklich?

Kannst du mit dir alleine sein?

Die Frage ich nicht so abwegig. Eigentlich ist sie essenziell und man sollte sie sich beantwortet haben, wenn man sich auf Solo Reisen begibt. Zum Glück kann ich diese Frage für mich selbst eindeutig mit ja beantworten. Vielleicht, weil ich ein Einzelkind war und sehr früh gelernt habe, mich zu beschäftigen. Vielleicht, weil ich wohl introvertiert bin. Doch das alleine sein klappt. 

Das ist nicht bei jedem so. Wenn ich mir meine Kollegen so ansehe, tun sich viele damit schwer. Die unvermeidlichen Außendienst-Übernachtungen werden gemieden und stattdessen lange Wege nach Hause und Überstunden in Kauf genommen. Doch warum ist das so? Wieso nimmt der Mensch nicht unerhebliche Unannehmlichkeiten auf sich für ein bisschen menschliche Gesellschaft?

Die gute Nachricht ist: das alleine sein kann man lernen. Es ist ein Prozess. Oder besser ausgedrückt: jeder von uns kann mit sich selbst und für sich selbst sein, ohne dass es sich schlimm anfühlt. Und zwar genau bis zu dem Moment, in dem der gesellschaftliche Druck ins Spiel kommt und wir uns schlecht und unzulänglich und einfach blöde fühlen.

Jeder von uns hat wohl schon mal von der einsamen Insel geträumt. Die perfekte Umgebung, Traumstrände, Traum-Palmen, Traum-alles. Hier hätte wohl niemand Probleme, zumindest für eine Weile, die Seele baumeln zu lassen. Ob mit sich selbst oder mit seinem Lieblingsmenschen.

Wohl niemand hat auch ein Problem mit dem Einkaufen gehen beim Aldi um die Ecke. Mit dem Schlendern nach Feierabend über die heimische Stadtpromenade. Wenn wir uns so umsehen, so sind es große Teile unseres Alltags, die wir alleine bewältigen. Ohne, dass es uns etwas ausmacht.

Doch dann gibt es Situationen, die einem hohen gesellschaftlichen Druck unterworfen sind.

Sich alleine beim McDonalds einen Burger zwischen die Kiemen schieben? Kein Problem. Alleine in ein Restaurant gehen? Für viele fast unmöglich. Doch warum ist es so?

Nun, als unangenehm werden oft Situationen empfunden, bei denen man sich den prüfenden Blicken anderer Menschen aussetzen muss, Aktivitäten, die schon seit jeher als für „zur zweit“ etikettiert werden. Warum sollte ein einzelner Mensch keine Mahlzeit zu sich nehmen dürfen? Und warum sollte ein einzelner Mensch keine Mahlzeit in einem Restaurant zu sich nehmen? Oft dachte ich zur Anfang meiner Reisen, dass mich andere Gäste dabei anstarren und sich fragen würden, ob ich denn so einsam und traurig und verzweifelt wäre, dass ich niemanden gefunden hätte, der mitgeht. Und, täusche ich mich, oder stellt sich mein Umfeld diese Fragen viel eher, wenn eine Frau allein da sitzt als bei einem Mann?

 

Bin ich irre? Warum ich ganz gern alleine bin

Die Feuerprobe war damals im Jahr 2015 an Silvester, als Stefan in der Schweiz unterwegs war (auch alleine, aber das war wohl etwas anderes…) und ich auf die Idee kam, spontan ein schickes Hotel in Fulda zu buchen. Am Silvesterabend hatte alles geschlossen, wo ich mir unauffällig etwas zu essen hätte holen können; also auch der obligatorische Döner oder der oben erwähnte McDonalds. Was blieb, war das schicke, volle Hotelrestaurant. Irgendwann war der Hunger so groß, dass ich runter in das volle Restaurant gewackelt bin und einen Tisch angefragt habe.

Der Tisch stand in der Mitte des Raumes, ich wurde sozusagen prominent platziert und ließ mir ein Steak mit einer dicken Knoblauchkruste schmecken. Denn ich war ja allein. Und wisst ihr was? Diese, teils eingebildeten, Blicke anderer Menschen existierten nur in meinem Kopf! Wir glauben irrtümlich, unter Beobachtung zu stehen. Doch oft ist es so, dass die Menschen um uns herum mit sich selbst beschäftigt sind und uns kaum bis gar nicht beachten. Ich frage mich, wann ich mir zuletzt bei einem unbegleitetem Gast in einem Lokal Gedanken darüber gemacht habe, wieso und warum er keine Begleitung gefunden hat. Ich glaube, noch nie.

 

Okay, kommen wir zum Kontakte knüpfen auf Reisen.

Kontakte knüpfen auf Reisen

Ich finde, so eine Reise solo ist sowieso eine ganz andere Ausgangssituation. Hier bin ich freiwillig ohne Begleitung unterwegs. Nicht, weil ich niemanden gefunden hätte, sondern weil ich diese Single-Trips brauche. So ab und zu mag ich meine „Streifzüge der einsamen Wölfin“ und will auch nicht darauf verzichten. Ich kann ganz kompromisslos sein und meinen Plan für den Tag selbst erstellen, ohne dass es jemanden stört. Ich habe alle Eindrücke unverfälscht für mich, ohne dass mich jemand ablenkt. Muss mit niemandem quatschen, kann mich ganz auf hier und jetzt konzentrieren. Das ist heilsam und tut gut. Mir zumindest.

Und dann der Small Talk. Ich hasse Small Talk und versuche ihn, so gut es geht, zu vermeiden. Manchmal ergibt sich trotzdem eine Unterhaltung mit anderen Reisenden. Wenn es passiert, dann weil ich es will und nicht, weil die gesellschaftliche Konvention es vorgibt oder aus Angst, alleine zu sein. Wenn sich dann so ein ungezwungenes, längeres Gespräch ergibt, geht dieses Gespräch oft tiefer. Man schnackt über alles mögliche. Stimmt die Wellenlänge, dann sind es oft Menschen, mit denen ich heute noch in Verbindung bleibe. Und sei es via Facebook.

Also, um mich auf die Frage im Titel des Beitrages zu beziehen: Kontakte knüpfen, doch braucht es das? Für mich kann ich ganz klar sagen: nein. Ich brauche keine Tipps, wie ich Menschen anspreche oder wie ich am einfachsten einen Smalltalk beginne. Davon habe ich im Alltag genug. Von Small Talk, meine ich. Und eine Reise alleine ist für mich genau das, was sie auch sein sollte: eine Reise alleine.

Auch glaube ich daran, dass sich Menschen ganz von selbst zusammen finden, die auf der gleichen Wellenlänge surfen. Dass sich schöne Kontakte ganz von selbst ergeben. Und dass sie ein Geschenkt sind. Und wenn es nicht so ist, dann genieße ich die Einsamkeit. So oft ist man in seinem Alltag von Menschen umgeben. Wann abschalten, wenn nicht jetzt?

Doch wie gesagt, es ist nicht jeder so. Manche Menschen überwinden sich zu der Reise solo, weil sie die Welt oder bestimmte Destinationen sehen möchten, und ihre Freunde und Lieblingsmenschen vielleicht nicht dieses Interesse mit ihnen teilen. Oder schlicht kein Geld haben zum Verreisen. Das ist wie gesagt alles eine Frage der Priorität, und nicht jeder gibt der Reiserei einen Vorzug in seinem Leben.

Oder die Freunde, die infrage kämen, haben einen völlig anderen Reisestil, der mit dem unseren absolut nicht vereinbar wäre.

So hat sich also der Mensch, der es normalerweise nicht mag, allein zu sein, für eine Singel Reise entschieden. Für diese Menschen sind Tipps und Ratschläge, wie man Kontakte knüpft und Gespräche beginnt, oft goldwert. Denn sie möchten andere Menschen nicht meiden, ganz im Gegenteil. Sie wollen andere Reisende kennen lernen. Vielleicht um jemanden zu haben, mit dem sie am Abend weggehen können. Vielleicht, um ihre Eindrücke zu teilen, sogar um einen Teil des Weges zusammen zu gehen.

Menschen, die nicht gerne alleine sind, aber dann doch alleine verreisen, verdienen meine vollste Bewunderung. Den sie überwinden sich, um etwas von der Welt zu sehen. Sie möchten nicht auf ihre Träume verzichten, weil niemand gerade mit ihnen träumt. Sie packen ihre Tasche und fahren los. Nicht, weil das alleine sein ein Bedürfnis für sie wäre. Sondern obwohl das alleine sein eine Überwindung ist.

Doch trotz all der guten Ratschläge, wie man am besten Kontakte knüpften kann, sollte man darauf achten, nicht bedürftig zu wirken. Andere Menschen spüren sehr schnell, ob sich ihnen jemand aus Sympathie anschließt oder weil er nichts mit sich selbst anfangen kann. Man kann Kontakte auf einer Reise nicht erzwingen und sollte nicht davon ausgehen, dass es immer klappt. Denn vielleicht sind es Reisende wie ich, auf die man trifft. Sehr selbstständig und abgeklärt, die eben froh sind, auf ihrem Trip loslassen zu können und mal eben keine Stütze für andere sein zu müssen.

Loslassen, ein gutes Stichwort. Man muss auch das Loslassen lernen, wenn man neue Menschen trifft.

Oft überkreuzen sich Pläne; dann kann man einen Teil der Reise zusammen verbringen so wie ich 2018 in Jordanien mit Fran und Mira. Beides sehr starke, selbständige Frauen, die niemanden brauchen, um sich in der Welt wohl zu fühlen. Ihre Neugierde trieb sie voran und diesen Abenteuergeist hätten sie sich von niemanden nehmen lassen.

Ein paar Tage bzw. eine Woche verbrachte ich mit beiden, dann trennten sich wieder unsere Wege. Bei beiden wusste ich, dass sie sich niemals an jemanden dran hängen und von ihren Reiseplänen abrücken würden. Fran wollte Israel sehen, Mira ist einen Tag früher als ich nach Petra und ich hatte noch vor, den Norden des Landes zu erkunden. Doch für diese paar Tage hat es super gepasst. Ich habe zu beiden noch Kontakt.

Ich denke, nichts lernt man auf einer Solo-Reise so gut wie Selbständigkeit. Und gerade deshalb sollte jeder einmal so eine Reise gemacht haben. Einmal in seinem Leben. Egal, ob man meint, der Typ dafür zu sein oder nicht. Zu lernen, auf sich selbst zu zählen, über seine Grenzen hinauswachsen. Um Angst zu haben, ja, und um sie zu überwinden. Ihr werdet als ein ganz neuer Mensch von so einer Reise zurück kommen. Versprochen.

 

Lesetipps

Es gibt viele schöne Artikel zum Thema alleine verreisen und ich glaube, jeder Reisende hat sich schon mal mit dieser Thematik beschäftigt. Hier diejenigen, die mir besonders hängen geblieben sind:

Einmal für diejenigen, die sich fragen, wie sie am besten Kontakte knüpfen auf einer Reise, ein Beitrag von Oliver (Weltreiseforum): „Meine 7 Strategien, um Einheimische kennen zu lernen“.

Von Zwei die Reisen gibt es einen Artikel mit tollen Tipps, wie man andere Reisende kennenlernen kann, ebenso wie von Conny von Planet Backpack

Und Luise von Falubeli, dem Reiseblog für mutige Angsthasen, hat gleich einen ganzen Blog darüber geschrieben, wie du trotz Ängste den Mut findest, deinem Traum vom Reisen zu folgen. Hier gibt es viele Tipps und Hacks und ermunternde Worte, ganz nahbar und menschlich. 

Und einen wunderbaren Beitrag von Tante Reisefieber habe ich gerade erst entdeckt: hier geht sie auf Gründe ein, die uns eventuell an Reisen hindern könnten – und warum wir es trotzdem wagen sollten. 

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von windrose.rocks. Auf meinem Blog teile ich Geschichten. Die Geschichten meiner Reisen, die Geschichten der Menschen, die mir begegnen. Schon als Kind liebte ich es, mich in Erzählungen über ferne Länder zu verlieren. Die vergessenen, verstaubten Bücher im Regal, die mich nach Afrika und Südamerika entführten. Später die langen Reportagen, die Fernweh weckten. Heute lebe ich nicht mehr von den Erzählungen anderer Menschen; heute bin ich selbst der Erzähler.

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