Europa, Island

Rund um den Golden Circle – Zwischen den Kontinenten wandern im Þingvellir Nationalpark

Der dritte Ort ist etwas besonderes. Es ist der Nationalpark Þingvellir (oder auf deutsch: Thingvellir). Er befindet sich circa 40 Kilometer östlich von Reykjavik. Hier ist die Stelle, wo sich die beiden Kontinentalplatten treffen und verschieben, oder besser gesagt: wo sich Europa und Nordamerika immer weiter voneinander entfernen, rund zwei Zentimeter jedes Jahr. Irgendwann wird Island ein ganzes Stückchen kleiner sein…

Kaum aus dem Auto gelassen stürmen wir bereits alle mit gezückter Kamera zum nächsten Aussichtspunkt: dem Blick auf Þingvallavatn, den größten (oder zweitgrößten, dieser Punkt ist strittig…) See in Island, der in zarten Farben der tiefstehenden Sonne leuchtet. Eine unglaubliche Weite, eine gekräuselte, bleigraue Oberfläche, tiefe, schwere Wolken und ein flüssiger Tropfen goldenen Sonnenscheins – ich glaube, so kann man sich den Himmel über Island im Winter vorstellen.

Zumindest ist Thingvallavatn der größte natürlich entstandene See. Sein Alter wird auf 12000 Jahre geschätzt, vermutlich entstand sie noch während der letzter Eiszeit.

Schnee und Eis knirschen unter meinen Schuhen. Der Wind, der im Verlauf des Tages vor sich hin wütete, hat sich beruhigt. Ich wende mich ab und richte meiner Schritte auf das absolut sensationelle, das da vor mir liegt: die Allmännerschlucht.

 

Die Allmännerschlucht

Die Grabenbruchzone ist umgeben von Bergen und der Park gehört seit 2004 zum Welterbe der UNESCO. Die Schlucht Almannagja (Allmännerschlucht) markiert den östlichen Rand der nordamerikanischen Platte und es ist möglich, hier in der Spalte einfach mal spazieren zu gehen – was sich viele Besucher nicht entgehen lassen, sobald sie aus dem Bus steigen. Am Südende des Parkes befindet sich die Spalte Silfra, die mit Frischwasser gefüllt ist und in der man tief hinabtauchen oder schnorcheln kann. Das Wasser ist so klar, dass es über hundert Meter Sicht nach unten ermöglicht. Genau zwischen der europäischen und nordamerikanischen Platte zu plantschen ist sicher ein besonderes Erlebnis.

Es ist ein unglaubliches Gefühl, da einfach entlang zu spazieren. Doch so alleine, wie die Bilder vielleicht suggerieren mögen, bin ich dort nicht; ganze Familien schieben sich vor mir und hinter mir den schmalen Pfad entlang. Vor mir läuft ein Instagram-Mädel samt Freund: zu sehen gibt es Posen aller Art und freudige Sprünge in die Luft. Es ist bemerkenswert, wie lange es dauert, bis so ein Sprung mal im Kasten ist. So kann man doch gar nicht den Ort genießen… oder vielleicht doch? Ach, wer bin ich schon, um das zu beurteilen.

Manche Pfade sind gesperrt, viele andere nicht. Doch die angebrachten Schilder warnen vor extremer Glätte. Glatte Treppenstufen, die zu Anhöhen führen. Die wiederum zu kleineren Aussichtspunkten führen, zum Blick auf die zartblauen Seen unter uns, die mitten im Schnee liegen. Die einzelnen Wasserflächen sind durch kleine Holzbrücken verbunden. Ein ums andere Mal greife ich Menschen unter die Arme, die hilflos versuchen, die einmal erklommenen, vereisten Treppenstufen wieder hinunter zu kommen. So viele Momente, in denen die Spikes an meinen Schuhen sich bezahlt machen…

Der Schnee liegt schon länger da. Er ist ausgehärtet und klebt an den Felsen wie Beton, bildet weiße, geschliffene Skulpturen. Dieser Kontrast zu den pechschwarzen Felsen, zum babyblauen Himmel. Ich gehe weiter und komme an am vielleicht wichtigsten Ort der isländischen Geschichte.

 

Europas ältestes Parlament

Doch dieser Ort zwischen den Kontinenten ist nicht nur aufgrund seiner tektonischen Aktivitäten eine Besonderheit. Hier, in der Allmännerschlucht, haben sich Anfang des 10 Jahrhunderts Fürsten, Stammesführer, volljährige Männer und freie Bauern mit einem bestimmten Mindestvermögen versammelt, um über Recht und Gesetze abzustimmen und das Zusammenleben auf diese Weise zu regeln.

Die Versammlungen fanden einmal im Jahr zur Sommersonnenwende als sogenanntes AlÞing (oder auch: Althing) statt. „Thing“ bedeutet so viel wie „Volksversammlung“.

Etwa viertausend Menschen hatten Platz in der Schlucht und da viele von weit weg anreisten, übernachteten sie hier mit Sack und Pack während der vierzehntägigen Zusammenkunft. Ganze Familien ließen sich für die Zeit der Versammlung nieder und eine temporäre Siedlung entstand. Übernachtet wurde in Holzhütten. Es wurden Fundamente dieser Unterkünfte in und um die Schlucht herum gefunden. Der spezielle Ort für die Rechtsprechung war der Logberg.

Hier ist heute noch eine kleine Tribüne nachgebaut. Im Jahr 1000 wurde hier über die Einführung des Christentums entschieden und bis ins 18 Jahrhundert fanden die Versammlungen am Logberg statt. Das Althing wurde seit 930 abgehalten und ist somit das zweitälteste Parlament der Welt (ältestes: die färöischen Løgting, etwa 900). Doch das Althing war nicht nur Parlament, es war praktischer Weise eine gute Gelegenheit, weit entfernte Verwandte zu treffen, Allianzen zu schmieden, Schaukämpfe auszutragen oder nach potentiellen Ehepartnern Ausschau zu halten. Es wurde über Recht und Unrecht entschieden und es wurden Urteile gesprochen. Hier wurden Verurteilte auch bestraft.

Bis 1798 hatte das Althing bestand. Selbst als Island in Allianz mit Norwegen stand, tagte das Parlament weiter, bis es schließlich von den Dänen aufgelöst wurde, nachdem Island und Norwegen unter dänische Herrschaft fielen. Es ist somit einer der längsten durchgängig aktiven Parlamente in Europa.

 

Wie nur der Winter es kann…

Der zarte Himmel wird noch zarter, die Wolken verziehen sich und die Welt wird in Pastelltöne getaucht. Die Seen unter mir winden sich wie ein hellblaues Band inmitten vom Schnee. Der Blick wandert Richtung Himmel, der scheinbar keine Grenzen kennt. Der perfekte Himmel ist nicht zwangsläufig blau. Der perfekte Himmel trägt alle Farben in sich.

Ich bin in tausend Schichten eingepackt: Jacke, Wollmantel, Wollsocken, Wollpulli, Wollschal, Woll-alles, ach, mir ist warm. So lässt sich die Kälte ganz anders genießen; ich atme sie ein, doch sie erreicht mich nicht.

Es sind nicht nur die Bilder, die das Auge füttern. Es ist die Kälte, der Atem vorm Gesicht, der in hellen Wölkchen nach oben wandert. Es ist das Knirschen des Schnees unter den Schuhen und das Bewusstsein, in diesem einem, bestimmten Moment, dass man plötzlich ganz alleine ist. Die Menschen verschwinden in der Ferne, der Weg liegt verlassen da. Es ist ein kurzer, kostbarer Augenblick, in dem nur mein Atem zu hören ist. Ansonsten – eine Stille, wie nur der Winter sie produzieren kann. Stehen bleiben und atmen. Nicht weiter gehen. Bis… ja, bis eine weitere Gruppe Besucher wieder um die Ecke biegt.

Ich muss weiter, muss zum Bus, der vereinbarte Zeitpunkt läuft gleich ab. Und doch will ich hier nicht weg, denn jetzt, zum Abend, zum Sonnenuntergang hin herrscht hier ein ganz anderes Licht. Jetzt ist der Moment, in dem der Künstler sein Pinsel schwingt. Dieser Ort hat mich überrascht, so ganz am Ende eines Tages, an dem ich nichts mehr weiter erwartet hatte. Und Wasserfälle hin oder her, das hier war mein ganz persönliche Höhepunkt des Tages.

 

Ein isländischer Weihnachtssnack

Nicht nur ich habe die Zeit vergessen.

Als wir wieder alle im Bus sitzen, hat Magnus noch eine Überraschung für uns parat: Flatkaka með hangikjöti, geräucherte Lammschnitten auf einer Art isländischen Fladenbrot. Mit Salat ist dieser Snack, wie er uns erzählt, häufig auf dem Weihnachtstisch zu finden.

Das Brot erinnert ein wenig an Pancakes, nur trockener. „Das Lammfleisch ist vom Bein. Aber eines muss ich euch noch dazu erzählen, bevor ihr es probiert. Das Fleisch wird über längere Zeit am Feuer aufgehängt und geräuchert, und dann wird… getrockneter Lammdung ins Feuer gegeben. Die trockene Kacke vom Lamm.“ Fügt er hinzu, damit es ja keine Missverständnisse gibt. „Das gibt dem Rauch ein ganz besonderes, würziges Aroma. Also – wer möchte probieren?“

Dann beobachtet er die Gesichter. Die Hälfte der Gäste verzieht das Gesicht, doch einige mutige greifen zu. Ich habe Hunger; solange das Räucherfleisch nicht gerade in Dung paniert ist, lasse ich es mir schmecken. Es schmeckt sehr rauchig, würzig und lecker. Trotz, oder gerade wegen der Schaftkacke im Feuer. Es lebe der Lammdung.

Zum Runterspülen gibt es wiederum eine isländische Spezialität. „Malt.“ Sagt Magnus und ich mag am liebsten in die Hände klatschen. Ja, das haben wir auch bei uns, nennt sich Malzbier. Alkoholfrei und lecker. „Skál!“ Sagt Magnus und erklärt uns dabei gleich, woher der isländische Begriff für „Prost“ stammt. Das Wort „skal“ gab es schon in der Wikinger-Zeit und damals bedeutete es so viel wie „Schüssel.“

„Denn die Wikinger haben ihr Essen und ihre Getränke aus flachen Schüsseln zu sich genommen, die hatten nicht solche bunten, trendy Ikea-Trinkbecher wie wir.“ Sagt er und der Bus lacht. „Und wenn es darum ging, einen zu bechern, hat man „skal“ gerufen: im Grunde steht das für „Schüssel“. Für Interessierte habe ich einen Link gefunden, wie man Flatkaka (oh dieser Name, ich kann nicht mehr… 🙂 ) zubereiten kann: How to make home-made Icelandic flatkökur

Der Winter im hohen Norden hat seinen eigenen, magischen Zauber. Die Kobolde scharren zwischen den Steinen. Es ist tatsächlich so, dass die spitzen Steine der Lavafelder, gerade wenn sie angeschneit sind von einer Seite, wie kleine, spitze Trollmützen aussehen.

Unglaublich, was der Himmel heute Abend mit den Wolken macht. Wie ein rosarot angefärbtes Tuch legen sie sich über die verschneiten Berge und ich verdrehe mir den Kopf, weil ich nicht genug kriegen kann von diesem kalten, sagenhaften Himmel, der sich immer wieder ändert. Der Sonnenuntergang ist dramatisch rot. Berge auf Zuckerwatte. Sanfte, zarte Farben. Kalter Glanz auf dem Autolack. Herrlich. Man kann das Land nur lieben. Island im Winter ist ein ganz spezieller Ort. „Im Sommer ist es hier großartig.“ Sagt Magnus zu uns.

Ja, ich will das alles schon nochmal im Sommer sehen, aber es wird nicht dasselbe sein.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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