Europa, Island

Von Trollen, Gryla und der Weihnachtskatze – Reykjavik in der Vorweihnachtszeit

Wieso hat Island gleich dreizehn Weihnachtsmänner und wie kann ich es verhindern, von der Weihnachtskatze aufgefressen zu werden? Dies und noch viel mehr aus der Welt der Mythen und Volkssagen gibt es heute hier für euch. Schon gespannt? 😉

 

Die Weihnachtsgesellen

„Einen Weihnachtsmann? Anstatt einen haben wir dreizehn von ihnen, und jeder einzelne bringt ein
Geschenk mit. Das kann ein glänzender Apfel sein, ein Kartenspiel, eine Kerze… Und wenn du aus einer wohlhabenden Familie kommst, kann es auch mal ein teures I-Pad sein. Ab und zu kommt auch das vor, dass manche Schulkinder ein I-Pad bekommen, während es für andere nur eine Tafel Schokolade gibt… das ist nicht sehr nett, aber ja, es kann passieren.

Die Yule Lads (Jólasveinar ; dt: Weihnachtsgesellen) sind Trolle. Trolle spielen eine große Rolle in der isländischen Mythologie. Unser Land hat viele Gegenden, die mit ihrem Aussehen unseren Glauben und unsere Überzeugungen geformt haben. Und der Glaube an Trolle entstand durch all die Aktivitäten, die wir immerzu in der Landschaft sehen. Zum Beispiel sieht man manchmal am Fuße der Berge einzelne, riesige Felsbrocken, die sich durch ein Erdbeben gelöst haben.

Tja, nach unserem Glauben sind diese Felsbrocken von Trollen hinunter geworfen worden. Auch gibt es in der Landschaft jede Menge Steine, Felsen und Felsbrocken, die wie Statuen aussehen. Das alles sind versteinerte Trolle, die von den ersten Sonnenstrahlen überrascht worden sind und sich durch ihr Licht in Stein verwandelt haben.

 

Wie ihr sieht, spielen Trolle eine sehr große Rolle in unserer Mythologie. All diese Trollgeschichten sind typisch und sie alle haben eine ähnliche Struktur gemeinsam. Wenn wir als kleine, unschuldige Kinder etwas sahen, was wir nicht verstanden wie zum Beispiel eine halb aufgefressene Kuh; oder es ist etwas im Haus verschwunden, verloren gegangen oder von den Ratten davon getragen worden wie ein Stück Käse; oder Ratten haben sich an einer Flasche Milch zu schaffen gemacht – dann glaubten wir, dass Trolle hier die Fäden gezogen haben. Trolle waren die Bühnenmeister unserer Fantasie.

Diese Geschichten und Warnungen, in denen Trolle die Hauptrolle spielten, wurden uns sehr oft von meinen Eltern und Großeltern vor dem Schlafengehen erzählt. Wir wurden gewarnt, nicht in die Höhlen zu klettern, die die Berge durchziehen und wo die Trolle residieren.“

 

Gryla und die Weihnachtskatze

„Auch die Yule Lads, die Weihnachtsgesellen kommen aus den Bergen. Doch noch etwas anderes kommt in der Weihnachtszeit aus den Bergen zu uns, es sind die Eltern der Weihnachtsgesellen: Leppalúði und Gryla. Gryla ist ein Troll-Weib, eine Troll-Hexe sozusagen. Sie lebt in einer Höhle in den Bergen und sie liebt es über alles, in ein schmackhaftes Stück Steak zu beißen, das aus einem kleinen Kind gemacht wurde. Sie ist eine Kannibalin und alle Kinder haben fürchterliche Angst vor der Hexe.

Gryla hat eine Katze, eine riesige, schwarze Katze von der Größe eines Pferdes, die Jóla kötturinn, oder die Weihnachtskatze (Christmas Cat, Yule Cat) genannt wird. Diese Katze frisst jeden lebendig auf, der an
Weihnachten keine neuen Kleider trägt. Das ist der Grund, weshalb man seinen Lieben immer etwas Neues zum Anziehen schenken sollte, sei es ein Paar Socken, ein T-Shirt, ein Hut oder ein Paar Handschuhe. Etwas in der Art sollte man zu Weihnachten schenken, andernfalls werden deine Lieben von der Weihnachtskatze gefressen.

Seid vorsichtig, wenn ihr stattdessen euren Lieben eine Packung Kaffee, Süßes oder sonstige schöne
Sachen aus einem unserer sündhaft teuren Geschäfte hier in Island holen wollt. Hier geht es um nichts weniger als darum, ihr Leben zu retten… *zwinker…*

 

Reyjkavik am Abend

Magnus‘ Geschichten klingen nach in meinem Kopf. Ich liege schon mit geputzten Zähnen im Bett, müde vom heutigen Tag. Heute waren wir an der Golden Circle Route unterwegs, zum Goldenen Wasserfall, zum Thinkvellir-Nationalpark, wo sich die Kontinentalplatten treffen und langsam auseinander driften und zu den Geysiren und heißen Quellen, die schweffelig und brodelnd vor sich hin dampfen. Und diese raue, geheimnisvolle Landschaft, die für die Menschen früher ein Eigenleben zu haben schien, war – und ist – verzaubertes Land, eine verwunschene Gegend, die diese fantastischen Mythen und Geschichten beflügelt.

Am 24 Dezember, an Heiligabend, werde ich wieder in Reykjavik sein. Und dann haben die Weihnachtsmärkte der Stadt zu und es ist vorbei mit der schönen, weihnachtlichen Stimmung. Die Straßen werden sich leeren und jeder wird zu Hause sein. Klar, könnte ich mir das alles anschauen, wenn ich das nächste Mal während der Winterzeit hier in Reykjavik bin.

Kann ich mir den einen oder anderen Weihnachtsmarkt morgen während der Reise zur Südküste Islands anschauen? Ich fange an, zu recherchieren.

Weihnachtsmärkte an sich sind in Island eine recht neue Erfindung und insofern nicht so weit verbreitet, schon gar nicht mit den ausgedehnten Märkten in Europa vergleichbar. Die kleinen Orte an der Südwestküste, die ich morgen besuchen werde, sind zwar für ihren guten Fisch bekannt, aber sicher nicht für ihre Weihnachtsmärkte. Wenn ich die Stadt also in ihrem weihnachtlichen Glanz und all dem Trubel live erleben möchte, dann jetzt.

Halbe Stunde später später stehe ich voll angezogen vor der Tür.

Weitere dreißig Minuten später laufe ich zusammen mit all den anderen durch die beleuchtete, weihnachtliche Stadt und fotografiere die Lichter.

Die Wettervorhersage zeigt klaren, nächtlichen Himmel an. Von meinem Hotel aus sind es nur wenige hundert Meter bis in die Innenstadt hinein. Diese kurze Strecke reicht aus, um mich genau im Scheinwerferlicht des weit und breit einzigen, parkenden Autos aufs Glatteis zu legen und einen riesigen, blau-schwarzen Fleck auf meiner Hüfte zu produzieren, der im Laufe der folgenden Tage die Form von den Umrissen Islands annimmt. Normalerweise sind die Straßen in der Stadt vom Schnee geräumt oder zumindest bestreut, doch die kleinen Seitenstraßen sind es hin und wieder nicht. Genau so eine hatte ich mir ausgesucht, wo der Schnee sich zu einer dicken, harten Eisdecke verdickt hat.

Ich humple zurück zum Hotel und hole meine Schuh-Spikes. Dabei begutachte ich die entstandene Beule. Sie hat die Größe eines Apfels angenommen.

Dann folge ich den asiatischen Touristen und dem stimmungsvollen Lichterschmuck, der immer mehr wird, je näher ich dem Zentrum komme. Reykjavik ist schön zu dieser Zeit, hat eine besinnliche Atmosphäre. Es scheint, als gäbe man sich hier in Island viel mehr Mühe mit den Weihnachtsdekorationen; jedes Geschäft wurde liebevoll geschmückt.

Die Stadt ist voller Menschen. Voller Touristen, Leuten wie mir. Und irgendwie stört das die Stimmung. Zumindest registriere ich leicht irritiert, dass mich das irritiert. Denn natürlich sind es nur die anderen, die stören 😉 Doch ich ahne, woher dieses Empfinden kommt. Noch nie habe ich die Weihnachtszeit alleine verbracht, und das fühlt sich falsch an.

Ich komme an einem Weihnachtsgeschäft vorbei; hier kann ich einen Brief an den Weihnachtsmann abschicken. Es liegen bereits einige Briefe im Kasten.

 

Christmas Cat, the fashion police officer

Ich konzentriere mich auf die bunten, kleinen, süßen Häuschen, die Reykjavik so besonders machen, an die weihnachtlichen Schaufensterdekorationen. Jedes Geschäft leuchtet und ist geschmückt, Bars und Restaurants laden zum Verweilen ein, während die horrenden Preise wiederum den Rückzug antreten lassen. An jeder Ecke finde ich Streetart, mal verborgen in einer Einfahrt, mal ganz offensichtlich im Vordergrund, in Form einer ganzen, gestalteten Hausfassade. Die Hausfassaden sind farbenfroh, ganz so, als versuche man, die leuchtenden Farben dem langen, grauen Winter entgegen zu setzen.

Die Geschäfte, vor allem diejenigen, die sich an Touristen richten, spielen mit Klischees. Immer wieder begegne ich Wikingern, Thor oder der Weihnachtskatze. Die Weihnachtskatze ziert die Glasfenster der Bekleidungsgeschäfte und erinnert daran, neue Kleidung zu kaufen, um nicht verspeist zu werden.

Ursprünglich fraß sie zur Strafe jeden, der es nicht geschafft hatte, seine Schafe zu scheren und aus der Wolle neue Kleidung zu machen; sie ließ sich aber mit etwas gekauftem leicht täuschen. Heute ist sie der strengste und brutalste Fashion Police Officer der Welt…

Eine riesengroße, sechs Meter hohe Jólakötturinn hat zum zweiten Mal in Reykjavik ihren Posten auf der Kreuzung Lækjartorg bezogen. Mit rund 6500 LED Lichtern erleuchtet sie die Stadt und ist bei Kindern sehr beliebt; während ich ein wenig abseits stehe und beobachte, kann ich sehen, wie die Kleinen beinahe ausflippen, um ein Bild mit der Riesenkatze zu ergattern. Eltern stehen da und fotografieren ihre glücklich lächelnden Kinder.

Die Katze ist, was sie ist – eine Legende. Und vor allem den isländischen Familien scheint die Installation sehr gut zu gefallen. Zufrieden wuseln die Kleinen um die große Katzenpranke herum.

Und die Trolle – die Trolle sind in der ganzen Stadt verteilt. Sie kleben an den Wänden, stehen in den Schaufenstern herum, treiben Schabernack oder hangeln sich als geschickt eingesetzte Lichteffekte von den Häusern der nächtlichen Stadt, laufen hin und her oder essen aus einem riesigen Bottich.

Auch die Trollfrau Gryla ist da; sie rührt emsig in einem großen Kochtopf und nur der weihnachtlichen Fantasie der Kinder ist es überlassen, sich auszumalen, was denn dieser große Topf beinhaltet. Ich muss grinsen. Da sind wir mit unserem Santa Claus noch gut bedient, der für die unartigen Kinder „nur“ die Rute in die Hand nimmt; hier in Island werden sie gleich aufgefressen.

Die dreizehn Trolle kommen einer nach dem anderen während der Winterzeit aus den Bergen zu den Häusern der Menschen. Dem ursprünglichen Glauben nach waren die Trolle einst nur Störenfriede, die kleine Gegenstände geklaut, die Türen zugeknallt oder Vorräte geplündert haben, sie trieben allerlei Scherze mit den Leuten und verschwanden dann nach Neujahr wieder.

Doch mit der Zeit und mit der aufkommenden Amerikanisierung bekamen die Trolle etwas freundlichere Züge; nun kommen sie in die Häuser, um Geschenke zu hinterlassen. Die Kinder hängen ihre Stiefel draußen auf, in der Hoffnung, ein Geschenk drin zu finden. War das Kind brav, bekommt es etwas Süßes, wenn nicht, findet es in seinem Stiefel bloß eine Kartoffel.

So sind die dreizehn Trollbrüder zu Weihnachtsgesellen avanciert, doch Essen stehlen und Unsinn treiben tun sie noch immer.

 

Eislaufen am Ingolfstorgplatz

Bewegt man sich die langgezogene Laugavegur Straße weiter vorwärts, geht es irgendwann nicht mehr weiter. Hier öffnet sich der Ingolfstorgplatz, auf dem unter tausend Lichtern eine große Schlittschuhlaufbahn errichtet wurde. Fröhlich flitzen Kinder über das Eis – in einer Bude neben der Eisfläche kann man für 990 ISK die Stunde Schlittschuhe ausleihen. Der Eintritt auf die Eisbahn ist frei.

Die Eislaufbahn wird jährlich an jedem 1 Dezember eröffnet. Eislaufen ist zu einem wichtigen sportlichen Ereignis in Island geworden; hier werden von 31 Januar bis 3 Februar die jährlichen Reykjavik International Games ausgetragen.

Und hier, gleich neben der Eislaufbahn sollte sich ein reich geschmücktes Weihnachtsdorf befinden, doch ich sehe nur ein paar traurige, geschlossene Häuschen. Ein einziges davon hat geöffnet und verkauft Glögg und heißen Kaffee. Doch den erwarteten Weihnachtsmarkt, den Grund, weshalb ich meinen müden, halbtoten Kadaver überhaupt erst aus dem Hotelzimmer gehievt habe, den sehe ich nicht.

Eine Zeit lang schaue ich den Kindern beim Fahren zu. Das ganze sieht sehr schön und stimmungsvoll aus. Meine Fahrversuche auf dem Eis sind schon lange her und ich habe noch in Erinnerung, dass ich das Eislaufen nicht mochte. Und die frisch erworbene, noch prickelnde Beule an meiner Hüfte wirkt wie eine Mahnung, das lieber sein zu lassen. Doch ich liebe die Lichter und die Musik und die immer wieder neu aufleuchtenden, wechselnden Lichterfarben. Die amerikanischen Weihnachtssongs erinnern daran, wie neu die Weihnachtsbräuche, so wie wir sie kennen, in Island noch sind.

„Wir haben auch Weihnachtssongs.“ Erzählte uns unser Guide heute im Bus. „Meist sind es amerikanische.“ Im Radio läuft indessen „Last Christmas“.

 

Ein sehr intimer Weihnachtsmarkt

Einen schönen Weihnachtsmarkt finde ich doch noch, als ich meine Schritte in Richtung Hafen setze. Die vertäuten Boote sind mit Lichterketten geschmückt, alles liegt still da in der Dunkelheit. Es ist keine Menschenseele zu sehen und ich spüre langsam die Kälte aufsteigen. Bei dem Jolabarinn Christmas Market handelt es sich um eine Art Weihnachtsmarkt-Bar. Die Hot-Dog- Verkäufer hatten mir den Tipp gegeben. Doch als ich dann davor stehe, reibe ich mir die Augen und frage mich, ob das wirklich das ist, was sie meinten.

Es ist keinesfalls ein Weihnachtsmarkt, wie wir ihn kennen. Es ist vielmehr eine Art stimmungsvoll und weihnachtlich geschmücktes Lokal, völlig frei von Touristen und auch sonst ziemlich leer. Draußen stehen verlassen ein paar Stehtische und eine Bank, es brennen ein paar Kerzen. Eine Weile spähe ich durch die Scheibe nach drinnen, wie ein Wanderer, der eine warme und gemütliche Hütte entdeckt. Schließlich gehe ich rein.

Ich habe bereits irgendwo gelesen, dass die Weihnachtsmärkte in Reykjavik sehr klein und sehr intim sein sollen, doch wie intim, das merke ich, als ich drin bin. Zu sehr für meine Begriffe. Ein Pärchen sitzt an einem der Fenster, einige Menschen unterhalten sich an der Bar.

Eine gemütliche Atmosphäre, doch als Neuzugang fällst du hier auf. Es ist kein Ort, an dem man sich einfach anonym unter die Leute mischen kann, um die Stimmung zu genießen und unterzutauchen. Hier bleibt man nicht unbemerkt, wie man es auf einem großen, vollen Weihnachtsmarkt hätte bleiben können. Hier pulsiert kein Leben. Hier ist der Ort, um nach Feierabend mit dem Kumpel oder der besten Freundin einen trinken zu gehen, sich zu unterhalten, die Gesellschaft des anderen zu genießen.

Ich drehe eine kurze Runde, mache verstohlen hier und da ein Foto. Das Pärchen lässt sich durch nichts stören und auch die Menschen an der Bar sind mit sich selbst beschäftigt. Ich verspüre kein Bedürfnis, mich dazu zu setzen; stattdessen verlasse ich den Raum wieder.

An so einem Ort – und es ist einer der wenigen Orte, von denen ich das sagen würde – an so einem Ort würde ich mich alleine fühlen. Das verschmuste Pärchen an der Bar, die wenigen Menschen, in Gespräche vertieft. Ein Baum aus bunten Lichterketten. Ein einsamer Kerzenverkäufer schlendert gelangweilt auf und ab. Er wirft einen Blick auf mich, ich werfe einen Blick auf die Kerzen – er weiß von vorne herein, dass ich nichts kaufen werde. Nur Einheimische; sie lassen hier ihren Sonntag Abend ausklingen. Vielleicht ist es so leer, weil Sonntag Abend ist. Wenn man zu zweit ist, ist es ein schöner Ort. Doch es ist kein Ort für umherstreifende Wanderer.

Es gibt hier in der Stadt noch mehr schöne, weihnachtliche Orte. Unter diesem Link findet ihr alle Weihnachtsmärkte in und rund um Reykjavik und noch mehr zur Adventszeit in Island.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Was denkst du darüber?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.