Das Geisterzimmer von Maynooth

Kategorien Europa, Irland

Es regnet, doch es ist kein Regen, wie wir ihn kennen. Die Wassertropfen fallen nicht senkrecht herunter, sie sind in der Luft, sie füllen den Raum, sammeln sich als Nebel um den gelben Lichtkegel der Straßenlaterne. Wir strecken unsere Köpfe nach oben, zu einem kleinen grauen Fenster empor. Da oben ist es, genau hier ist es passiert. Ein zugenageltes, schmuckloses Fenster. Hinter diesen Scheiben hatten sich Studenten auf unerklärliche Weise das Leben genommen…

 

Noch in Dublin…

Das Cafe hält so viele Köstlichkeiten in Form von Donuts bereit. Ich bin Fan geworden von dem puderweichen, köstlichen Teig und den üppigen, vor Zucker strotzenden Topics. In allen Farben und Geschmacksrichtungen werden sie überall in Dublin angeboten und fungieren heute morgen zu einem starken Cafe Americano als mein Frühstück.

Heute ist es endlich soweit, ich besuche meine Freundin Fran, die außerhalb der Stadt lebt. Maynooth ist ein süßer, kleiner Ort, circa dreißig Kilometer von Dublin entfernt; die Busse dorthin fahren täglich von der Halterstelle James Gate, Ushers Quay. Und nicht vergessen: immer den Bus schön heranwinken, damit er auch sicher anhält…

 

Mit dem Bus nach Maynooth

Ich lasse mich in den Sitz fallen. Draußen perlt der Regen auf der Scheibe, die Räder der Fahrzeuge erzeugen auf der Fahrbahn ein nasses Geräusch. Es wird nicht richtig hell – es ist Herbst, dieses Mal richtig. Das Schmuddelwetter beginnt. Der Bus wird in etwa eine Stunde brauchen und ich verfolge hin und wieder meine Strecke auf der digitalen Karte des Smartphones. Ich bin der blaue Punkt, der da blinkt.

Überraschender Weise gibt es in den Bussen nicht nur W-lan, sondern auch USB-Steckdosen mit Auflademöglichkeit an jedem Sitz. Wieso fahren wir in einem hochmodernen Land wie Deutschland noch mit solch ausrangierten Gurken durch die Gegend, denke ich mir neidisch. Würde man die Öffentlichen etwas attraktiver gestalten, hätten auch mehr Menschen Lust, sie zu nutzen, es ist doch kein Hexenwerk, möchte man meinen. Hier in Irland funktioniert es auch…

Fran wartet bereits in Maynooth an der Halterstelle auf mich. Erst einmal wird sich lange umarmt, schließlich haben wir uns seit genau einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich habe Fran auf meiner Reise durch Jordanien kennen gelernt und wir haben die restliche Zeit durchgehend zusammen verbracht, erlebten dabei skurrile Dinge wie die Piraten von Petra, Sonnenuntergänge über Dana oder Camping in der Wüste unter den Sternen und die Tatsache, dass mein Geburtstag mit dem Geburtstag von Frans Schwerster zusammen fällt und sie weit weg von zu Hause war, ließ sie damals ganz emotional werden. „You are more than welcome,“ sagte sie, als sie mich zu sich nach Irland einlud. Und hier bin ich – ein Jahr später.

Frans Wohnung ist nur ein paar Schritte entfernt, also retten wir uns ins Trockene. Und ja, auch dieses Mal hat sie mir zu meinem Geburtstag einen kleinen Kuchen mit einer Kerze vorbereitet. Ich puste die Kerze aus und fühle mich willkommen.

Fran zeigt mir ihre Stadt. Maynooth ist ein kleiner, süßer Ort mit nur wenigen Häusern, einer Burgruine, einer Universität und mehreren Pubs. Wir schlendern durch die nassen Straßen. „Ich liebe diese Details.“ Sagt sie und macht mich auf eine unauffällige, kleine Bronzeskulptur einer Katze aufmerksam. „Ich werde dir meine Lieblingsorte zeigen.“ Meint sie. Die Katze streckt sich zufrieden.

Zu diesen Orten gehört die Burgruine in Maynooth.

 

Die Burgruine von Maynooth

Bereits bis ins 13 Jahrhundert reichen die Anfänge der Burg. Hier residierten die Familien FitzMaurice und die berühmten FitzGeralds. Doch bereits im 16 Jahrhundert fand die Ära der FitzGeralds auf der Burg ihr Ende – eine Rebellion verwandelte die Wehranlage in eine Ruine. Es hatte noch einen Versuch der FitzGeralds gegeben, sich auf der Burg niederzulassen: Richard Boyle ließ sie restaurieren, als seine Tochter den Earl von Kildare, George FitzGerald geheiratet hatte. Doch bereits wenige Jahre später fiel die Burg dem Elfjährigen Krieg zum Opfer und wurde endgültig aufgegeben.

Maynooth Castle ist leider während der Herbst- und Wintersaison nicht zugänglich, doch Fran, das rebellische Mädchen, sucht bereits nach einer Möglichkeit, über die Brüstung zu klettern. „Nur wenn du willst.“ Grinst sie. Ich schaue mich kurz um – niemand zu sehen. Doch es ist kalt, der Regen tröpfelt vor sich hin und die Aussicht auf eine Kletterpartie über die nasse Brüstung trägt nicht gerade dazu bei, meinen Abenteuergeist anzufachen. Wir gehen weiter.

 

St. Patricks-Universität

Als wir durch das Tor in der steinernen Mauer in den Innenhof gelangen, bleibe ich stehen und sage leise: wow. Fran lacht. „So geht es allen. So ging es mir beim ersten Mal auch, als mir Shayne den Ort hier zeigte.“

Die Blüten und Rosenstöcke im Garten sind bereits erloschen, doch nichtsdestotrotz füllen Farben den Raum, schlängelt sich leuchtend blutroter Efeu am grauen Gemäuer hoch. Die Universität mit ihren spitzen Türmchen und schmalen Fenstern verströmt die Atmosphäre alter, englischer Herrenhäuser und, würde man recherchieren, so würde man mit Sicherheit herausfinden, dass sie zur Zeit der englischen Besatzung erbaut worden ist. Was die typische, wie ich sie nenne: „Harry Potter“- Bauweise erklärt. Das ist der Stoff, aus dem Legenden geflochten werden und so ziemlich jedes alte Gemäuer hat solch eine Legende. Auch dieses.

Nachdem ich mich satt gesehen habe, durchqueren wir den Innenhof und öffnen eine niedrige Tür. Wir müssen uns bücken, als wir hinein in die leeren Flure treten. Die Lesungen sind noch nicht zu ende und bis auf einen Dozenten, der an uns vorbei und nach draußen geht, ist niemand zu sehen. Der lange Flur ist gesäumt von alten Ölgemälden. Die damalige Maltechnik ist einzigartig; die Personen auf den Bildern scheinen uns direkt anzusehen, kalt, abwartend, abschätzend, distanziert. Wie aus einer anderen Dimension wirken die Würdenträger, wie aus einer anderen Zeit hier hinein katapultier, ein Echo, das nicht erlöschen will. Wir sind noch da. Die wachen Augen der Gemälde folgen uns, wohin wir auch gehen; in welche Richtung wir uns auch im Raum bewegen, die Blicke ruhen auf uns. Unentwegt.

Mit Befremden betrachten wir nacheinander die Personen an der Wand, bis sich der Flur mit Studierenden füllt. Es erschallt keine Glocke, doch das Stichwort scheint gegeben und der Zauber verfliegt. Wir verlassen den Flur.

Fran erklärt mir draußen: „Das war der alte Teil der Universität. Es gibt einen neu angebauten, wo die eigentlichen Vorlesungen statt finden, doch der ist längst nicht so interessant.“ Wir stehen vor der Universitätskirche. Alles ist nass und grau und glänzend, zwischen den alten Platanen dringt ein seltsames Licht. Der Regen ist nicht nur trübe, der Regen hat seinen Zauber, passt zu der Stimmung, die die Mauern verströmen. Die Straßen sind spiegelglatt, werfen die Lichter der Stadt zurück. In der Trübe findet sich eine Helligkeit, denn Licht und Schatten spielen ihr ganz besonderes Spiel. Die Farben des Herbstes erscheinen umso kräftiger, leuchtender.

 

Der Universitätsfriedhof

Der Universitätsfriedhof liegt etwas versteckt hinter zwei Reihen Gewächse, die kahl und dunkel himmelaufwärts streben und den Rest des Lichtes verschlucken, den der heutige Tag noch erübrigen kann. Die Eiben wurden gezielt so getrimmt und in ihrem Wachstum gelenkt, dass sie ein Dach aus Ästen über unseren Köpfen bilden, einen langen, eleganten Korridor, der wir nun durchqueren. Doch nicht nur praktische Erwägungen waren der Grund dafür, dass die Eibe gewählt wurde. Sie ist auch ein Symbol des ewigen Lebens.

Der Friedhof ist klein und überschaubar. Wie Soldaten in Habachtstellung flankieren Reihen von gleichförmigen, keltischen Kreuzen den Weg. Gelbes, nasses Laub bedeckt den Boden. Hier ruhen Studenten, Schwestern und die Angestellten der Universität. Viele von ihnen starben an Tuberkulose. Das letzte Begräbnis fand 2009 statt.

Hier liegen auch die Studenten begraben, die sich im 19 Jahrhundert im Room 2 unter mysteriösen Umständen das Leben nahmen. Selbstmord war zu jener Zeit eine Schande und hatte eine Exmatrikulation zufolge, weshalb die jungen Leute etwas abseits in ungeweihter Erde bestattet werden mussten. Doch die ganze Geschichte wird sich später noch in allen Details entfalten…

 

Der verborgene Garten

Die Feuchtigkeit dringt überallhin, ein Schirm ist da nur bedingt von Nutzen. Und so kommt es, dass ich schon nach kurzer Zeit komplett durchweicht bin.

„Komm“, sagt Fran – „ich zeige dir jetzt einen besonderen Ort.“ Wir befinden uns im hinteren Bereich des Universitätskomplexes, laufen vorbei an einem Obstgarten. Verzwirbelt sind die knorrigen Äste der alten Apfelbäume, grün angelaufen wuchern sie umher wie Hexenarme, so als wüssten sie nicht, in welche Richtung sie wachsen sollen. Wir gehen weiter. Hier gibt es an jeder Ecke etwas faszinierendes, das einen dazu bringt, kurz stehen zu bleiben.

Die kleine Pforte in der Mauer ist kaum auf den ersten Blick zu sehen. Glatt wäre ich an ihr vorbei gelaufen, hätte mich Fran nicht hinein gelenkt. Schwupps, und wir sind drin. Umgeben von einer hohen Mauer ist der Garten von den Geräuschen der Straße draußen abgeschottet, kaum jemand verirrt sich hierher. Man muss diesen Ort schon gezielt suchen, um ihn zu finden und so kommt es, dass Fran fast immer alleine hier ist und den Garten fast schon als ihren persönlichen Rückzugsort betrachtet. Die Blumen sind verwelkt trockene Stängel zu sehen, doch auch das herbstliche Antlitz hat etwas anziehendes. Jetzt dominieren warme Farben, gelöschtes Rot des Laubes und vergilbtes Grün der Buchsbäume.

Im Sommer, erzählt mir Fran, steht dieser Garten in voller Blüte und zu jeder Jahreszeit wechselt er sein Gesicht. „Ich komme immer hierher, wenn ich abschalten und alleine sein will.“ Sagt sie.

Eine Eule aus Bronze, Symbol der Weisheit, späht mir zwischen dem Laub hervor. Ein Baumstamm entwächst einem Zauberbuch. „Und der große Baum dort hinten hat das Gesicht einer alten Frau.“

Wir nähern uns dem dicken, umfangreichen Baumstamm. Fran scheint leicht enttäuscht zu sein. „Normalerweise, an sonnigen Tagen, wenn das Licht im richtigen Winkel fällt, ist der ganze Stamm wie ein Gesicht.“ Sagt sie. „Jetzt kann man es nicht sehen, vielleicht, weil es regnet. Aber glaub mir, ich war schon oft hier und bin immer wieder erstaunt, wie deutlich es zutage tritt, ganz so, als würde die alte Frau mich anschauen.“ Sie klettert auf die knorrigen Wurzeln. „Hier sind die Augen, da die Nase.“ Ich glaube ihr, doch die alte Frau im Baum will sich mir nicht zeigen.

 

Room 2

Wir passieren eine Öffnung in der grauen Mauer. Hier hat das College nichts malerisches mehr an sich, hier befindet sich der Priestertrakt. Ja, die Geschichte kenne sie, sagt Fran auf meine Nachfrage hin. Sie führt mich vor ein schmuckloses Gebäude mit kleinen, rechteckigen Fenstern, die uns entgegen schauen. Dort oben, sagt sie und zeigt in den grauen Himmel, auf eines der Fenster. „Welches denn?“ Will ich wissen.

„Das hier! Das da in der Mitte, siehst du? Dort, wo gleich am Fenster etwas steht. Sie haben Möbelstücke vor das Fenster geschoben, damit von dieser Stelle niemand mehr springen kann…“ Das Fenster ist kein Fenster mehr. Und der Raum nun leer.

Auf diese Geschichte bin ich durch Zufall gestoßen – eigentlich wollte ich nur etwas mehr über den Ort erfahren, in dem meine Freundin lebt. Doch schon eine meiner ersten Suchanfragen über Maynooth spuckte die Story vom Geisterzimmer aus…

Seit über hundertfünfzig Jahren wird dieser spezielle Raum in einem Seitentrakt der Universität mit Spuk, Geistern, Dämonen und Selbstmord in Verbindung gebracht. Genauer gesagt, ab dem Zeitpunkt, als sich Studierende genau hier das Leben nahmen. Immer wieder in diesem einem Zimmer – verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele der Räume hier die gleichen Prädispositionen für einen Suizid gehabt hätten.

Nun, Geistergeschichten sind in Irland nichts Ungewöhnliches, man erzählt sie sich abends im warmen Haus beim Abendessen, sie werden von Großmutter an die Enkel weiter gegeben – fast jede Familie hat so eine Familienlegende parat. Die alten, mächtigen Burgen, die großzügigen Kathedralen und der oftmals wolkenbehangene Himmel – das Land scheint geradezu prädestiniert für aller Art Aberglaube zu sein.

Das St. Patricks College, oft nur noch als die Maynooth Universität bekannt, hat auch eine solche Legende. Hier werden seit über 200 Jahren Studierende für das Priesteramt ausgebildet. Und manchmal sind selbst Priesteranwärter vor der flüsternden Stimme des Teufels nicht sicher.

Das Priesterseminar und die Universität teilen sich heute einen Campus, doch 1834, als das Rhetorikhaus gebaut wurde, diente es als Wohnräume für Priester in Ausbildung. Der Raum mit der Nummer 2, heute nur noch als Ghostroom bekannt, liegt in der obersten Etage. Der erste Student, Seaon O’Grady, nahm sich hier Anfang der 1840er Jahre das Leben. In Anbetracht des zugestellten Fensters hätte ich an einen Sprung in die Tiefe gedacht, doch es passierte anders. Der junge Mann schnitt sich mit einem Rasiermesser die Kehle durch. Er wurde in seiner Blutlache liegend aufgefunden. Auch heute noch glaubt man, das dunkle Blut der Toten im Holzboden zu sehen…

Für den Rest des Jahres stand das Zimmer leer, bis man Anfang eines neuen Semesters einen weiteren, jungen Priesteranwärter einquartiert hatte. Dieser wurde kurze Zeit später ebenfalls tot aufgefunden, mit aufgeschnittenem Hals und einem Rasiermesser in der Hand.

Den dritten Studenten, der den Raum bewohnte, fand man unten im Hof. Er sprang aus dem Fenster, überlebte den Sprung jedoch schwer verletzt. So konnte er von dem dämonischen Gesicht im Spiegel erzählen, das ihn angrinste und von der Macht, die ihn zu kontrollieren schien und ihn zwang, nach dem Rasiermesser zu greifen. Der Student kämpfe dagegen an und warf sich schließlich aus dem Fenster, um den Bann zu durchbrechen.

Er starb kurz darauf an seinen Verletzungen.

Einer der Priester wollte dem Spuk auf den Grund gehen. Er verbrachte eine Nacht im Zimmer Nr 2. Als er es am nächsten Morgen verließ, war sein Haar über Nacht ergraut. Er sprach kein Wort darüber, was er in dieser Nacht gesehen oder erlebt hatte.

Von der Legende gibt es verschiedene Versionen – so berichtet eine andere Version von insgesamt vier Toten, wobei der erste von ihnen aus dem Fenster gestürzt sein soll. Die weiteren verbluteten, als sie sich mit dem Rasiermesser am Hals verletzten. Doch wie denn auch sei: da Selbstmord in der damaligen Zeit für jeden Christen, und speziell für einen Priesteranwärter eine große Schande bedeutet hätte, lag der Gedanke nahe, dass der Teufel hier seine Finger im Spiel gehabt haben muss. Indem er die jungen Studierenden dazu brachte, sich selbst das Leben zu nehmen, verspottete er all das, was den Männern Gottes heilig war. Lange Zeit versuchte die Universität, diese Geschichte zu vertuschen.

In späteren Zeiten berichteten Forscher des Paranormalen, die den Raum auf übersinnliche Erscheinungen hin untersuchten, von einer böswilligen Macht und einer unterschwelligen Angst, die sie in diesem Zimmer spürten. Andere Besucher erzählten von einem vierbeinigen Wesen, das ihnen erschien. Auch von kalten Flecken und schattenhaften Gestalten, von Störungen bei elektronischen Geräten und unerklärlichen Panikattacken war die Rede. Und bis zum heutigen Tag ist es Besuchern von Room 2 strengstens verboten, beim Betreten des Zimmers Spiegel mit sich zu führen.

Heute wohnt kein Student mehr im Raum Nr 2. Hier ist ein Oratorium eingerichtet worden und ein Altar steht am einzigen Fenster des Raumes und verdeckt dieses. Es ist der Altar des Heiligen Josef, des Schutzpatronen des friedvollen Todes. Die beiden Studenten, die sich das Leben nahmen, wurden auf dem Universitätsfriedhof in nicht geweihter Erde begraben.

Ich frage Fran, ob der Raum besichtigt werden kann. „Ich glaube nicht.“ Sie schüttelt den Kopf. Immer noch starren wir hinauf, vorbei am sich windendem, blutrotem Efeu. „Aber komm – vielleicht können wir auf anderem Wege hinein kommen.“

Diesmal ist mir ihr Aktionismus ganz willkommen und so setzen wir uns in Bewegung, um so unauffällig wie möglich die verschiedenen Türen zu testen, die hinein ins Gebäude führen. Doch jede einzelne von ihnen ist verschlossen. Ich schaue mich nervös um, doch der Campus ist verlassen. Der Regen und die nass glänzenden Wege tun ihr übriges. Es ist ein Geisterort.

Meine Recherchen ergeben später, dass es im Rahmen einer geführten Guide Tour möglich ist, den Geisterraum zu besuchen. Nähere Infos gibt es hier. Und wer die ganze Geschichte noch einmal hören möchte, für den habe ich ein auf Soundcloud ein Podcast gefunden, das die Legende vom Geisterraum erzählt. Viel Spaß damit…

 

Das Haus am See

Wir sind wieder in der Stadt. Der Regen hat nicht aufgehört, wobei – kann man dies wirklich Regen nennen? Diesen feuchten Nebel, diese vielen kleinen Tröpfchen, die sich um einen sammeln, stärker und schwächer werden, am Schirm vorbei schwirren und die warme Haut abkühlen. Ein nebliger Hof bildet sich im Lichtkegel der Straßenlaternen und jedes vorbeifahrende Auto macht den Regenvorhang sichtbar, der sich, sobald die Scheinwerfer erloschen, wieder in trübe Suppe verwandelt. In  meinen Schuhen breitet sich ein klammes, nasskaltes Gefühl aus – bereits bei meiner Ankunft bin ich in eine der vielen, braunen Pfützen getreten.

Wir überlegen, was wir nun machen könnten – mir wäre es am liebsten, irgendwo in einen Pub einzukehren, doch zu lange könnten wir auch dort nicht bleiben, denn…
„Shane kocht gerade für uns.“ Sagt Fran nach einem kurzen Blick auf ihr Handy. „Außerdem will ich dir noch etwas zeigen.“

Wir laufen weiter, verlassen den Ort. Was schnell passiert ist, denn Maynooth ist ein Dorf, bestehend aus nur wenigen Häusern. Über eine Schnellstraße geht es eine lange, nasse Allee entlang, vorbei an einer grünen, sanft hügeligen Landschaft. Die Tatsache, dass diese Felder für den Golfsport angelegt wurden, tut der Schönheit dieser Gegend keinen Abbruch und Fran erzählt mir, wie sie im Sommer immer gerne hierher kommt, um zu entspannen und die Gedanken fliegen zu lassen. „Manchmal steht man nur im Weg rum, wenn die anderen spielen.“ Einmal hatte sich, um niemanden zu stören, einfach unter einen Baum gesetzt, doch plötzlich begannen die Spieler, ihr zu winken und Handzeichen zu geben. „Ich hatte das zuerst gar nicht bemerkt.“ Lacht sie und ich kann mir lebhaft die tiefenentspannte Fran vorstellen, die an ihrem Baum lehnt, grinst und zurück winkt. Sie saß vor einem der Golflöcher.

Langsam legt sich das Zwielicht des Abends über den Golfplatz. Wir folgen dem Weg, er führt uns über eine steinerne Brücke hin zu einem malerischen See, an dem eine einsame, kleine Hütte steht. Zwei Schwäne stehen am Ufer und betreiben Gefiederpflege, während sich knorrige, nackte Bäume mit ihren verworrenen Ästen im bleigrauem Wasser spiegeln. Alles steht still und es ist kaum jemand zu sehen, nur der sehr feine Regen benetzt unaufhörlich das Land. Mehrmals bleibe ich mit meinem Schuh im durchnässten Boden stecken, es plantscht fröhlich, als wir den durchweichten Rasen überqueren. Fran will weiter spazieren, doch mir reicht es, denn es wird kälter. Vorsichtig frage ich an, wie weit wohl Shane mit dem Abendessen ist. Auch wenn ich diesen stillen, zauberhaften Ort wunderschön finde; der Gedanke an eine warme Wohnung und wieder trockene Füße ist einfach zu verlockend.

Doch das eine kann ich jetzt schon sagen: das kleine, stimmungsvolle Maynooth ist der bisherige Höhepunkt meines Besuches. Dieser Ort hier hat alles, was man sich an melancholischer, morbider Romantik wünscht: sanfte Hügel, eine geheimnisvolle, alte Universität, eine Geistergeschichte und gemütliche Pubs, in denen diese Geschichte bei einem (oder mehreren Guiness) weiter gegeben werden kann. Eine kleine Hütte, einen stillen Teich und Schwäne, alte, knorrige Bäume und trüben Herbst. Die passende Kulisse für Bücher wie Mord auf dem Golfplatz von Agatha Christie oder Filme wie Der Tote im Teich (österreichischer Film, 2015). Depressive Selbstbesessenheit, ein schaurig schöner Abend. Inspirierend. Solltest du zu dieser Jahreszeit in Irland sein, nimm dir einen Krimi zum lesen mit…

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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