Kathmandu, Tag 1 – Wuselig, laut und stinkig

„Kathmandu ist sehr wuselig. Groß, laut, stinkig und so wuselig – so viele Eindrücke, dass ich nicht einmal mehr schreiben mag. Ich brauche Zeit.“

Das sind meine ersten Worte, in schiefer Schrift gekritzelt in mein Notizbuch.
Müde. Müde bin ich und erledigt. Kathmandu ist groß, stinkig und laut. Sie ist sehr spirituell – sowohl die Stadt als auch die Menschen, an jeder Ecke steht ein Baum mit hinduistischen Symbolen oder ein kleiner Schrein. An solchen Orten bleiben die Menschen kurz stehen, beten, tauchen ihre Fingerspitzen in Wasser, berühren ihre Stirn und gehen weiter – es dauer praktisch nur einen Augenblick.

Kathmandu empfängt mich

Solcher kleinen Schreine gibt es hier unzählige.

Ich habe mich gleich mal mit einem Motorrad vom Flughafen ins Hotel bringen lassen. War das so geplant? Mitnichten. Doch sobald angekommen und aus der Halle raus, schon werde ich von einem Schwarm Taxifahrer umkreist. Immer wieder verlässt einer mal den Schwarm und fragt mich: „Taxi? Madame, Taxi?“ Sobald ich abwinke, kommt der nächste Kandidat. Einer von ihnen versucht mich von der Meute wegzulotsen. „Welches Hostel? Avalon? Komm mit, komm mit…“ Ich komme natürlich nicht mit, da ich weiß, dass ich keinen Transport fürs Avalon Hostel nahe des Touristenviertels Thamel bestellt habe. Außerdem will ich handeln. Ich bin gerade erst in diesem Land angekommen, ich werde schwer zu knacken sein. Und der Plan ist sowieso, mit meinem schicken, neuen Backpack die sechs Kilometer vom Tribhuvan International Airport zu meiner Unterkunft zu Fuß zu gehen.

Dass dies in dieser Stadt ein mühseliges Unterfangen sein würde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich handle. Ich schaffe es, von siebenhundert N-Rupien (circa sechs Euro) auf knapp 300 runter zu gehen. Doch das reicht mir noch nicht, es muss noch besser gehen. Im Nachhinein etwas übertrieben, sicher, doch ich will an meinem allerersten Tag in diesem Land nicht als ein naives Touristenlamm dastehen.

Schließlich kriege ich eine Mitfahrgelegenheit für rund hundert Rupien – auf einem Motorrad. „Für ein Taxi ist der Preis zu wenig.“ Sagt einer der Fahrer. „Doch mein Bruder kann dich mitnehmen.“

Alle möglichen Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich weiß aus Berichten, dass kaum ein Beifahrer in Nepal einen Helm auf seinen Kopf sitzen hat. Ich weiß um den mörderischen Verkehr in Kathmandu. Ich weiß, dass es gefährlich ist. Und während ein Teil von mir noch denkt: oh nein, lass das, das kannst du doch nicht machen… – sitzt mein Körper schon längst auf dem Motorrad, mein Kopf schaut aufgedreht und freudestrahlend nach links und rechts und ich fahre hechelnd wie der sprichwörtliche Hund, der aus dem Autofenster guckt, durch den aufgewühlten Verkehr der Stadt.

Der Mann, der mich aufgelesen hat, nennt sich Jitu. „Mach dir keine Sorgen.“ Sagt er gleich zu Anfang. „Nepal ist ein schönes Land, du wirst dich wohl fühlen. Fühl dich hier wie zu Hause.“ Er heißt mich willkommen und hat diese verbindliche Art an sich, die einem sagt, dass alles gut wird – ich entspanne mich sofort.

Und natürlich habe ich keinen Helm an. Mein Haar wirbelt im Staub der Straßen umher, doch eines schein Jitu am Herzen zu liegen: „Hast du einen Mundschutz?“ „Ja.“ Antworte ich. „Irgendwo im Rucksack, ich finde ihn jetzt nicht. Wird schon gehen, oder ist die Luft so schlimm?“
„Na ja.“ Sagt er. „Für dich wird sie es sein.“ Er selbst trägt einen Schal.

Der Verkehr ist der Wahnsinn. Alles fährt kreuz und quer, so wie es jedem beliebt. Wobei, nein, so ganz stimmt das nicht, denn das Chaos hat System. Es wird sehr penibel aufeinander geachtet und das vorausschauende Fahren entwickelten die Verkehrsteilnehmer hier schon zur Perfektion. Die Abstände zwischen den einzelnen Fahrzeugen sind auf den Millimeter genau ausgerechnet, dem gleich auch die Geschwindigkeit und die Fahrtrichtung des anderen. Etwaige Überholmanöver werden durch ein doppeltes, kurzes Hupen angekündigt und es sollte sich besser niemand trauen, irgendwelche unvorhersehbaren Lenkbewegungen zu starten.

Doch zunächst sind wir an einer Kreuzung angelangt, wo der Verkehr von einem Polizisten geregelt wird, und müssen warten. Ich werde solche Szenen, wo die Polizei der Verkehr höchstpersönlich regelt, noch viel häufiger zu Gesicht bekommen.

Die Menschen scheinen mich anzulächeln, ein Mädchen auf dem Beifahrersitz neben mir strahlt mich immer wieder an. Willkommen in Nepal.

Und auch sie trägt keinen Helm. Überhaupt trägt keiner der Beifahrer einen Helm. Ich verdränge den Gedanken, dass ich bei einem Sturz und Schlag auf den Kopf sterben könnte und sage mir das, was ich mir in solchen Situationen noch öfters sagen werde: Nicht heute, nicht jetzt. Gleichzeitig merke ich, welch einen Wahnsinn es bedeutet hätte, zu Fuß durch diese chaotische Stadt zu gehen. Wobei auch dies möglich ist, wie ich noch sehr viel später feststellen werde.

Meine Lungen stören sich nicht – noch nicht – an den Staub, obwohl er überall in der Luft ist und sich an Haare, Haut und die Kleidung hängt. Alles, die gesamte Stadt ist mit einem grau-braunen Schleier überzogen, was ihr ein altes, zerschlissenes Aussehen verleiht. Doch ich bin zu aufgeregt, um mir Gedanken darüber zu machen. Wie gesagt, meine Ohren flattern im Fahrtwind wie bei dem hechelnden, sprichwörtlichen Hund.

Doch Jitu bringt mich nicht sofort in mein Hostel, denn er möchte mir noch sein Büro zeigen – Jitu ist nämlich Guide (es wird sich schon öfter herausstellen, dass Taxi- oder auch Mopedfahrer – gleichzeitig Guides sind; in diesem Land ist praktisch so ziemlich jeder ein Guide, doch das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht…). Wir halten in einem Innenhof, wo auch wieder eines dieser ungeheuer spannenden, kleinen hinduistischen Schreine steht, steigen vom Motorrad ab und gehen eine steile Treppe hoch. Hier begrüßen wir kurz Jitus Schwester, hier hat er seine Büroräume. An den Wänden hängen Diplome und Urkunden, Großaufnahmen von den verschiedenen Treks. Jitu fragt und notiert sich penibel genau meine Zeitpläne für diese zwei Wochen in Nepal. Am liebsten würde er mir sogleich für beide Wochen je Pläne mit verschiedenen möglichen Aktivitäten erstellen – alles bei seiner Agentur gebucht natürlich – und tatsächlich beginnt er schon, auf einem Blanco-Zettel einen gekritzelten Plan zu erstellen. Doch ich kenne diese Vorgehensweise bereits aus Jordanien an meinem ersten Tag dort.

Von der ersten bis zur letzten Woche – alles durchgetaktet. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich bin müde und verschwitz, erledigt und aufgedreht zugleich und die Stadt hat mir noch so viel zu bieten. Als ich für diesen toll ausgearbeiteten Plan nach dem Preis frage, lehnt sich Jitu zurück. „Dont worry about money.“ Sagt er. Natürlich nicht, ist ja nur mein Geld. Ich lehne zunächst ab, lasse mich aber doch noch zumindest zu einer Kathmandu-Stadttour für den Folgetag überreden. Dann trinke ich den Tee aus, den die Schwester mir gebracht hat und wir fahren weiter.

In meinem Hostel habe ich ein einfaches Privatzimmer mit Dusche und warmen Wasser. Warum ich das so explizit erwähne? Nun, Warmwasser ist nicht selbstverständlich in Nepal. Viele Menschen auf dem Land haben gar keinen Wasseranschluss und waschen ihre Kleidung und sich selbst in den Kanälen, die die Reisfelder mitversorgen. Das Zimmer hat einen Wahnsinnsausblick über die Stadt mit ihren bunten Häusern. Von hier oben sieht sie noch harmlos aus, die Stadt, die mich später noch in ihre Greifarme schließen und verschlingen wird. Ich packe aus, dusche und bin dann bereit, mich wieder, diesmal alleine, in das Gewusel zu stürzen.

Jitu habe ich weggeschickt. Am liebsten hätte er sich jetzt schon an meine Seite geheftet. „Schau dir Kathmandu mit einem Guide an, das ist besser für dich.“ Sagt er. „Ich kann mit dir kommen.“ Wie doch immer geschäftstüchtige Menschen fremder Länder plötzlich wissen, was alles besser für einen ist.

Ab und zu findet sich auch ein bisschen Streetart an den Wänden

Zu Fuß durch die Stadt

Es hatte begonnen zu schütten wie aus Eimern, noch ehe ich den Fuß aus dem Hostel stellen kann. Die Überbleibsel des Monsun-Regens, die nun auf die Stadt niederprasseln. Eine Weile schaue ich mir das an, hoffe, dass der Schauer vorüber geht, doch dann will ich nicht länger warten. Schirm in die Hand, los gehts. Ich laufe einfach los, in irgend eine Richtung. Na ja, eigentlich nicht ganz, denn ich will den Durbar Square erreichen. Doch davon bin ich weit entfernt, denn im Moment bin ich zu sehr damit beschäftigt, den schlammigen Pfützen auf der Straße auszuweichen, ebenso wie den braunen Wasserstrahlen, die seitlich aus den Kanälen fließen und in Rinnsalen von den Dächern kommen. Motorrad- und Rollerfahrer hatten sich längst in überlange Regenmäntel gehüllt und ich bin fasziniert ob der Wassermassen, die da vom Himmel kommen. Es muss schon ordentlich was los sein, damit es bei uns mal so regnet.

Eine Zeit lang stelle ich mich irgendwo unter, zusammen mit anderen Menschen, die mich verstohlen anblicken und stehe da, hoffe, dass der Regen weniger wird. Dann gehe ich weiter. Ich lächle die Menschen an und alle Menschen lächeln mich an. Das hier ist mein erster Eindruck von Nepal. Alle lächeln, wie schön. Nepal heißt mich willkommen.

Als ich mich ein weiteres Mal unterstelle, entdecke ich hinter mir in einer dieser kleinen Buden so eine Art Kantine. Na, eigentlich fällt mir zuallererst dieser sagenhaft guter Duft auf, der sich plötzlich um mich herum ausbreitet. Ich spähe eine Zeit lang unsicher durch das kleine Fenster auf das Treiben drinnen. Eine große Pfanne mit Momos, kleinen, gefüllten Teigtaschen dampft über dem Feuer vor sich hin und Einheimische essen fleißig aus gut gefüllten Tellern. Kein Ausländer weit und breit. Na, dann geh ich mal rein.

Es gibt Momos für jeden erschwinglich, für günstige 100 N-Rupien für zehn Stück. Ich nehme erstmal fünf. Zur Auswahl steht nur eine einzige Sorte; überhaupt ist diese eine Sorte Teigtäschen alles, was die Kantine führt. Dafür werden diese in großen Mengen hergestellt, um den Hunger der Meschen nach Feierabend zu stillen. Ich nehme meine Abholnummer entgegen und setze mich an einem der spärlichen freien Plätze. Es gibt einen Kassierer, der die Bestellungen entgegen nimmt, einen Koch, der sich um das Essen kümmert und einen Jungen, der Wasser und Soße auffüllt. Die Abholnummer ist eigentlich unnötig, denn das Essen kommt eine Minute später auf einem kleinen, silbernen Schälchen. Dann füllt der Soßenjunge die Soße auf. Ich beiße rein. Hm. Eine leichte Schärfe, sehr korianderlastig, sehr lecker. Plus die Soße. Sagenhaft. Wundert also wenig, dass es hier zur Feierabendzeit so voll ist.

Beim Essen werfen mir die Leute hin und wieder verstohlene Blicke zu, aber wenden sich dann sofort wieder ihrem Teller zu. Auch einige wenige Frauen sind da.

Ach ja, das Wasser. Auf jedem Tisch steht ein Metallkrug voll mit frischem Wasser, mit dem ich noch nicht so viel anzufangen weiß. Es gibt keine Becher oder ähnliches und ich habe bereits in Jordanien gesehen, dass die Menschen hier auf die Art trinken, dass sie sich das Wasser, ohne die Lippen zu berühren, von oben in den Mund gießen. Ich probiere es aus, verschütte ein wenig, gebe auf. Ich bin damit noch nicht so geschickt. Dafür schmecken die Momos lecker.

Dann gehe ich weiter, zu Fuß durch die chaotische Stadt. Immer mal wieder bleibe ich stehen und stelle mich irgendwo unter, als der Regen zu stark zum Weitergehen ist. Längst habe ich nasse Füße und durchweichte Schuhe. Wie machen das denn die Locals? Jeder, den ich sehe, trägt Plastik – Flip-Flops oder Sandalen. Wie praktisch, wenn es jeder Tag regnet.

Die Straße, die an mir vorbei führt, ist laut und verkehrsreich. Ich versuche, mich am Bürgersteig zu halten, der stellenweise so eng ist, dass die Entgegenkommenden und ich aneinander vorbei balancieren, teilweise ganz aufhört, so dass ich dann auf die Straße ausweichen muss. Über eine Brücke überquere ich den Bagmati-Fluss. Von den Müll- und Plastikbergen, die ihren Weg in den Fluss finden, habe ich bereits gelesen und doch bin ich auf diesen Anblick nicht vorbereitet. Der Fluss ist schlammig und braun und an den Seiten haben sich bunten Tüten und Plastikteile an den Ufern verhangen und bringen auf eine widerliche Weise ein wenig Farbe in das trostlose Spiel. Jede kleinste Erhebung wird zur bunten Insel voller Plastik. Ich zücke die Kamera, sehe aber Menschen, die mir entgegenkommen. Na, sie müssen nicht sehen, dass ich ihren Müll fotografiere.

Ich habe mich verlaufen, bin komplett falsch. Zum Durbar Square ist es eine ganz andere Richtung; das wird mir bewusst, als mich Leute fragen, ob ich zum Affentempel will, der sich weithin sichtbar, weiß auf einem Berg erhebt. Ich drehe um. An Stellen, wo die Busse halten, sind die Wasserlöcher im schlammigen Boden umso größer. Es ist laut, nass und voll – reines Chaos um mich herum, doch etwas Gutes hat der Regen ja doch – er wäscht all den Dreck und Staub aus der Luft heraus und ich kann freier atmen.

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