Uracher- und Gütersteiner Wasserfall – Wandern entlang der Blauen Route

Kategorien Deutschland, Europa

Juni 2018

Uracher Wasserfall

Links von mir erstreckt sich eine Wiese, dahinter dunkler Wald. Immer wieder bleibe ich stehen und fotografiere irgendwelche Blumen und die Schmetterlinge, die von Blüte zur Blüte tanzen. Juni ist ein toller Monat, alles ist noch einen Tick üppiger, noch prachtvoller. Immer wieder kommen mir Menschen entgegen. Es ist die typische Ausgeh-Zeit: Samstag Nachmittag, fünfzehn Uhr.

Auf der rechten Seite fließt ein Bach, welcher ein erstaunlich reines, kristallklares Wasser mit sich führt. Kinder bleiben dicht am Wasser stehen und spielen mit Stöckchen herum, während goldene Reflexe der Sonne am felsig-festem Grund des Baches tanzen. Grüne Wurzelgeflechte schlängeln sich bis hin zum Wasser. Ich folge dem Bach seinem Fluss hinauf, immer den Markierungen nach, die den Uracher Wasserfall anzeigen.

Dann bleibe ich stehen. Inmitten der Bäume ist er bereits zu sehen, zieht sich aus der Ferne wie ein gerades, weißes Band. Doch um ihn zu erreichen, müssen noch ein paar Schritte getan werden.

Nach der Wanderung am Roten Moor im Frühling, die unwillentlich ein wenig ausgeartet ist, habe ich mich heute wieder ans Wandern getraut. Eigentlich habe ich diese Art Anstrengung sogar vermisst, einfach mal den Kopf ausschalten und einen Fuß vor den anderen setzen. Wobei der Kopf dabei, genauer gesagt, gar nicht mal auf Standby schaltet; es ist vielmehr so, dass der Gedankenfluss viel freier verläuft. Der Körper bekommt seine Bewegung und der Geist seinen Anreiz, immer mal wieder etwas neues auf dem Weg zu sehen. Kurz überlege ich, wieso ich so selten wandern gehe, doch die Antwort liegt auf der Hand. Ich bin zu faul.

Nein, das klingt jetzt sehr böse. Es ist nicht die Anstrengung, die ich scheue – ich hatte nur noch nie etwas dafür übrig, sinnbefreit in der Gegend herum zu stampfen, einfach nur, um mich zu bewegen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich nur noch selten ins Fitness Studio gehe. Wenn beides, mein Kopf und mein Geist, nicht mit neuen Reizen, mit einem neuen Ziel oder mit etwas, das ich noch nie gesehen habe, stimuliert werden, dann bleibe ich lieber auf der heimischen Couch und bin anderweitig kreativ. Oder ich fange an zu bügeln.

Die Route, die ich diesmal wählte, ist der sogenannte Wasserfallsteig oder auch: Blaue Route, da der Besucher stets der blauen Markierung folgt. Auch stelle ich fest, dass die Wege hier viel besser beschriftet sind als in der Rhön, da nicht nur ein kleiner blauer Punkt zu sehen ist, sondern auch ein Pfeil mit Richtungsangabe. An Kreuzungen und Weggabelungen und wenn andere Routen kreuzen, kann man genau sehen, wie weit es noch bis zur nächsten Teiletappe ist, wie lang die gesamte Route sein würde und wohin die alternativen Routen führen. Schau dir das ab, Rotes Moor!

Eine kleine, steinerne Treppe führt zum Wasserfall. Ganze Familien mit Kindern haben sich auf den Weg gemacht. Hier ist es kühler im Schatten der Bäume, die ihre Wurzeln wie ein modernes, verflochtenes Gebilde auf Wanderschaft schicken. Stufe für Stufe stampfe ich nach oben.

Der Uracher Wasserfall ist beeindruckend schön. Er ist mit seinen 37 Metern nicht besonders hoch, doch er ist etwas fürs Auge. Es hat fast etwas von einem künstlich angelegten, harmonischen Wasserspiel, wie sich die schmalen Wasserstrahlen über Steine und Moos gleichmäßig ihren Weg nach unten bahnen. Dünne Wasserstrahlen tropfen perlend wie ein Vorhang aus Girlanden herunter, nur um dann wieder den nächsten Stein, das nächste grüne Kissen aus Moos zu erreichen und wieder und wieder weiter geleitet zu werden, bis sie sich unten zu einem gleichmäßigen Strom verbinden. Ich setze mich auf einen unbequemen Stein und genieße den Anblick. Die feine Gicht sprüht mir ins Gesicht und auf meinen Armen bildet sich eine Gänsehaut. Es wird gleich ein paar Grad kühler; ich beginne, zu frieren.

Der weitere Weg führt aufwärts um den Wasserfall herum, bis ich mich oberhalb vom selbigen wiederfinde. Stufe für Stufe… na, ich hatte ja schon gelesen, dass die Blaue Route, mit knapp zehn Kilometern nicht allzu lang, über siebenhundert Höhenmeter Unterschied an sich haben würde.

„Übersteigen des Geländers kann tödlich sein!“ Große, deutlich sichtbare Tafeln sind an der Absperrung angebracht und ich muss mich wundern. WISSEN das die Menschen denn nicht? Sind Abgründe nicht an sich schon tödlich? MUSS man das denn extra noch hinschreiben?

Hier oben gibt es für den Wanderer, der eigentlich noch gar nicht so weit gewandert ist, eine kleine Hütte mit Getränken und einer kleinen Snackauswahl. Geräucherte Würste zum Beispiel, mit Brot und sauren Gurken. Vielleicht ist es besser, etwas im Magen zu haben, ehe ich weiter gehe.

Auch hier ist noch einiges los. Doch gleich ein Stück weiter bin ich fast alleine auf dem weißen Schotterweg. Die meisten Besucher sind umgekehrt und ab zu ihren Autos. Nur noch ein Pärchen ist langsam schlendernd hinter mir. Doch auch sie verliere ich irgendwann aus den Augen.

Das ist eben das schöne am Wandern: die meiste Zeit ist man allein. Die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern und in der Rinde der dickeren Bäume haben sich diverse Besucher über die Jahre verewigt. Beim Weitermarschieren fühle ich mich leicht und frei. Zwei Radfahrer bleiben an einer Weggabelung stehen und atmen schwer: die beiden sehen ziemlich erledigt aus. Ein Vater kommt mir mit seinen zwei Kindern entgegen und ich höre ein dünnes Stimmchen sagen: Aber diesmal nehmen wir die Abkürzung, JAA??“ Danach ist niemand mehr da, ich habe alle hinter mir gelassen und bin jetzt völlig alleine; kaum jemand entscheidet sich je für die lange Route.

Irgendwann, nachdem es ewig durch den Wald ging, komme ich an einer Straße an. Ich schaue nach rechts und sehe einen Ort vor mir: schaue nach links und sehe Dixi-Klos und einen Parkplatz. Obwohl ich gefühlt nicht lange gelaufen bin, bin ich wieder am Anfang meiner Route, am Parkplatz Maisental angekommen.

W-wää…?

 

Gütersteiner Wasserfall

Mir wird klar, dass die Route wohl doch nicht so durchdacht war wie ich zur Anfang dachte. Natürlich bin ich in der kurzen Zeit keine zehn Kilometer gelaufen und bin dementsprechend auch unzufrieden und noch voller Tatendrang. Wenn es am Ende keine völlige Erschöpfung gibt, dann war es auch kein Wandern…

Anscheinend beginnt der Wasserfallsteig nicht beim Uracher- sondern beim Gütersteiner Wasserfall, den ich sowieso heute noch sehen wollte. Also beginne ich die Route wieder in die entgegengesetzten Richtung, verlaufe mich aber ziemlich schnell gleich hinter dem Reitverein. Anscheinend gibt es neben den neueren blauen Routenweisern auch ältere Markierungen, und die zeigen nun verwirrenderweise in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Kurz überlege ich, ins Auto zu steigen und zu fahren – nicht aus Faulheit, sondern um nicht weiter herum zu irren – doch für die zweieinhalb Kilometer lohnt es sich nicht einmal, den schattigen Parkplatz zu verlassen und den Motor zu starten. Also laufe ich wieder los und nehme diesmal mein GPS zur Hilfe.

Weizenfelder rauschen golden im Wind und wiegen sich hin und her, es zirpt, es summt und alles sagt mir: es ist Sommer. Über mir auf dem Berg kann ich die Burgruine Hohenurach in der Sonne sehen und die weißen Kalksteinfelsen östlich von hier, die sich vom Grün der Bäume abheben, sehen an sich schon wie Feenschlößer aus. Der Weg durchquert mit Elektrozaun abgesperrte Weiden und vor einem großen Zelt wird gegrillt. Warum hat es sich so in unseren Gesellschaften eingebürgert: das gemeinschaftliche Essen? Warum nicht zum Beispiel das gemeinschaftliche Wandern?

Und dann geht es hinauf und in den Wald.

Inzwischen ist es Abend geworden und nun ist wirklich keine Menschenseele um mich herum. Je weiter ich komme, umso düsterer wird der umliegende Wald, da ich mich anscheinend auf der sonnenabgewandten Seite befinde. Rechts des Weges kann ich weit unter mir das Reitgestüt St Johann erkennen; sonnengeflutete Wiesen und grasende Pferde. Immer wieder dringt ein Wiehern und ein Schnauben zu mir hinauf. Eine Kirchenglocke ist zu hören. Es ist neunzehn Uhr. Kurz danach ertönen weitere Glocken. Klingt, als würden Kühe von den Weiden getrieben.

Laut GPS müsste sich der Wasserfall einen Kilometer vor mir befinden. Das Problem ist nur: Hier sieht nichts so wirklich nach Wasserfall aus und vor allem kann ich ihn auch nicht hören. Bis auf die Stille des Waldes – nichts.

Doch Moment mal – da, ein Wasserfall! Ein Rauschen dringt an meine Ohren und ich laufe zügig los wie ein altes, müdes Pferd, das plötzlich den Weg nach Hause erkennt. Meine Wasserflasche muss dringend aufgefüllt werden.

Am Gütersteiner Wasserfall ist keine Menschenseele. Auch kein Sonnenstrahl dringt mehr hierhin. Die Anlage ist sehr schön gemacht, mit kleineren Höhlen im Fels, oberhalb derer wie ein perlender Vorhang das Wasser an den Moosen hinunter tropft, dünnen Strahlen und einem kleinen Basen. Der Weg wird vom Wasser unterbrochen und über aufragende Steine gelangt man drüber. Auf der anderen Seite rinnt es in Strahlen hinab, die kunstvoll den Berg nach unten geleitet werden. Hier hat der Mensch einiges gemacht, doch fügt sich diese kleine Anlage perfekt in die Umgebung ein. Das Wasser im Basen hat eine leicht bläuliche Färbung, es ist kristallklar, sehr kalt und köstlich. Ich fühle dankbar meine Flasche auf.

Niemand hier, es ist still und düster und das einzige fremde Geräusch, das ich höre, stammt von einer Krähe, die über den Kiesweg geht. Und während es am Urbacher Wasserfall zuging wie auf der Kirmes, hat dies hier etwas von einem verzauberten Feenort. Die meisten Menschen sind nach Hause gefahren und schauen sich das Spiel Deutschland gegen Schweden an. Willst du also einen eigentlich bekannten Ort ganz für dich, so gehe abends hin, während der WM, wenn Deutschland spielt. Niemand wird dich stören.

Am Wasserfall entlang führt der Steig über eine Treppe hinunter. Die Stille und Einsamkeit wirft bei mir nicht zum ersten Mal die Frage auf, ob es hier auch Wölfe gibt. Der Gedanke ist gar nicht so abwegig, denn in Mecklenburg wurden bereits Wölfe gesichtet; warum also nicht auch in der Schwäbischen Alb?

Wider Erwarten höre ich unten Menschen. Es ist eine Familie, die jedoch gleich wieder umkehrt, nachdem sie den Wasserfall erblickt hat. Schade, ich hätte ihnen gerne gesagt, wie schön die Anlage weiter oben ist. Unterhalb des Wasserfalls mache ich ein paar Bilder, dann laufe ich über dieselbe, steile Treppe den Weg wieder hoch. Ich fange an zu rennen, fühle mich für einen kurzen Moment voller Energie. Mein Körper jedoch sieht das anders und ächzt unter der ungewohnten Anstrengung. Kasia, wo ist deine Couch?

Eine Joggerin kommt mir von oben entgegen. Kurz erschrecke ich, dann renne ich weiter.

Als ich diesen verwunschen-verfluchten Abschnitt des Waldes wieder verlasse und denselben Weg zurück gehe, wirkt es, als käme ich aus der Düsternis in eine völlig anderen Welt. Plötzlich ist die Sonne wieder da und dringt durch die Baumkronen; sie taucht alles in Abendlicht und malt auf dem Kiesweg ein Muster aus harmonischen, goldenen Streifen.

Als ich am Parkplatz ankomme, überrasche ich ein älteres Pärchen, das im warmen Licht dasitzt und knutschend Händchen hält.

Love is in the air…

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Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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