Asien, Jordanien

Jordanien, Tag 2 – Die Souks von Amman

Das palästinensische Camp

Als wir zurück nach Amman fahren, scheinen die Berge wie die Häuser, entstanden aus Muschelkalk, von innen heraus zu leuchten. Ein warmer Glanz ergießt sich über die Landschaft, das Licht des Abends ist wärmer und weicher. Kinder stehen am Straßenrand und halten den Daumen hoch, versuchen unermüdlich, vorbeifahrende Fahrzeuge anzuhalten. „Schulkinder.“ Erklärt Djamal*, als wir ihn darauf ansprechen. „Sie fahren jeden Tag zur Schule und zurück meist per Anhalter.“ Die Erklärung lässt uns staunend zurück ob so viel gegebenes Gottvertrauen. „Haben die keine Angst?“ Fragen wir unnötigerweise und Djamal* schüttelt den Kopf. „Nein.“ Wie zur Bestätigung fährt einer der ausgebeulten Toyota Pick-ups mit mehreren Kindern auf der Ladefläche an uns vorbei.

In Amman steuert Djamal* den Busbahnhof an, denn Mira ist nur ein kurzweiliger Gast. Und auch wenn wir uns beide gewünscht hätten, weiter zusammen zu reisen, so hatte ich schon den Trip mit Djamal* gebucht und Mira will an diesem Abend mit dem Bus weiter nach Wadi Musa. Wir bringen sie zum Bus und verabschieden uns.

„Weißt du, was wir jetzt machen?“ Fragt mich Djamal*, als wir wieder im Auto sitzen. Meine Begleiterin ist weg, nun gilt es, sich voll und ganz auf den Trip zu konzentrieren. Der Abend kommt in großen Schritten und draußen verliert sich das Licht; die Leuchtreklamen beginnen, sich bunt von der Umgebung abzuheben. Ich bin überrascht. Wir machen heute noch etwas?

Aber Djamal* Plan gefällt mir. „Ich werde dir ein großes, palästinensisches Camp hier in der Stadt zeigen.“ Sagt er. Alleine wäre es, wie er mir erklärt, zu unsicher für mich, mich dorthin zu begeben.

Doch kaum dass der Motor gestartet war, klingelt erneut Djamal* Handy. Unser Guide trägt sein Mobiltelefon immer bei sich und meistens sind es seine Söhne, die anrufen. Doch diesmal ist es Mira. Er wendet das Auto und wir bleiben wieder vor dem Busbahnhof stehen. So genau weiß ich nicht, was passiert ist, klar ist jedoch, dass Miras Bus trotz aller Versicherungen der dortigen Busfahrer anscheinend nicht fährt. Nach einer waghalsigen Überquerung der belebten Straße entdecken wir Mira auf der anderen Seite.

Dem herzlichen Abschied folgt nun eine herzliche Begrüßung. Scheinbar fahren die späteren Busse nicht so zuverlässig wie die am Vormittag, besser gesagt, wenn sie nicht ausreichend voll sind, fahren sie gar nicht. Und da Mira der einzige Gast in diesem Bus war, hatte man ihr ziemlich schnell klar gemacht, dass das an diesem Abend wohl nichts mehr wird mit der Fahrt nach Wadi Musa.

„Ich wollte gar nicht, dass sie so spät noch fährt.“ Sagte mir Djamal*, als wir noch alleine im Auto saßen. „Das ist zu gefährlich.“

Nun bleibt uns Mira erhalten und Djamal* steuert das Auto durch den dichten Verkehr der Stadt. Seit der Reise nach Sri Lanka bin ich mit allen Wassern gewaschen und zucke noch nicht einmal, als sich das Vehikel durch kleine Lücken zwängt. Der Verkehr in Amman ist auch nicht ganz so schlimm wie auf Sri Lanka – hier hat man wenigstens keine Kühe auf der Straße…

„Ist es hier?“ Frage ich erstaunt und er nickt. Das „Palästinenser-Camp“ ist eigentlich gar kein Camp, es ist scheinbar ein ganzes Stadtteil, in dem die Bevölkerung lebt, mit gemauerten Häusern, Geschäften, Souks und Wohngebieten, nicht anders als im Rest von Amman. Djamal* ermutigt uns, zwischen die vorderen Reihen der Geschäfte zu schauen, in die kleinen, engen Gassen, in denen Menschen hin und her laufen. Es ist geschäftig hier und jeder scheint auf der Straße zu sein. Nur verstohlen mache ich Bilder aus dem Auto heraus, im vollen Bewusstsein dessen, dass wir hier hindurch fahren wie durch eine Sehenswürdigkeit und den Alltag der Leute stalken. Doch ich bin auch neugierig. Eine gesunde – oder ungesunde – Neugier, die alles sehen will, was es zu sehen gibt, und die alles wissen will, was es zu wissen gibt.

Es gibt etwa zehn offizielle Palästinenser-Lager in Jordanien; das Land hatte immer wieder Flüchtlinge aus Gaza und dem Westjordanland aufgenommen. Jordanien bietet den Menschen die Staatsangehörigkeit an und viele Flüchtlinge, darunter auch Djamal*, haben inzwischen einen jordanischen Pass. Diese Regelung betrifft allerdings nicht die Menschen aus Gaza; diese bekommen vorläufige Papiere. Die Gaza-Flüchtlinge dürfen nicht überall angestellt werden und keine Immobilien besitzen. Insgesamt gibt es 2,3 Millionen palästinensische Geflüchtete im Land, in den Camps leben etwa 350000. Bis zu 60 Prozent der Jordanier haben palästinensische Wurzeln.

Seit dem Bürgerkrieg in Syrien explodieren hierzulande die Bevölkerungszahlen geradezu. Seit die Mittel für die UN-Hilfswerke zur Unterstützung palästinensischer Geflüchtete auf Anraten der USA gekürzt wurden, muss überall gespart werden, an Lehrern, Ärzten und der Müllabfuhr.

Das sog. Palästinensa-Camp ist vielmehr ein eigener Stadtteil von Amman
Für mich unterscheidet es sich nicht vom Rest der Stadt
Fotografiert wird immer nur durch das Autofenster

Wir halten erst später, an der Abu-Darwisch-Moschee, um 1961 auf einem der sieben Hügeln erbaut und von einem türkischen Gläubigen, Hasan Mustafa Sharkas, finanziert.

Wir steigen aus und gehen ein paar Schritte vor. An die neugierigen Blicke der Menschen habe ich mich schon gewöhnt. Die Derwisch-Moschee gehört zu den Sehenswürdigkeiten in Amman, charakteristisch gezeichnet durch die schwarz weiß gestreifte Fassade fällt sie gleich ins Auge. Es ist laut, hinter uns finden gerade Bauarbeiten statt. „Schau mal.“ Mira schubst mich an. Hinter uns stehen Bauarbeiter, wie Schablonen voll und ganz in eine Staubwolke gehüllt. Interessantes Motiv. „Manchmal muss man nur mal nach hinten sehen.“

Die Straßenarbeiter sind in eine Staubwolke gehüllt
Die Abu-Darwisch-Moschee in den Farben eines Schachbretts

Amman ist eine sehr alte Stadt, ursprünglich auf sieben Hügeln erbaut, doch inzwischen hat sich das Häusermeer auf über zwanzig  Hügeln ausgebreitet. Fast zwei Millionen Einwohner, viele unterschiedlicher ethnischer Herkunft, brauchen Platz. Jordanien ist wie eine grüne, friedliche Oase inmitten von Krisengebieten, liberal und in seiner Neutralität vielleicht mit der Schweiz vergleichbar. Zuletzt kamen rund 1,3 Millionen Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien. Die zusätzlichen Menschen verschärfen noch das Wasserproblem des Landes, das in den Sommermonaten nur rund 20 Liter Frischwasser pro Kopf zur Verfügung hat (die Vereinten Nationen haben 50 Liter als Grundrecht definiert). Auch die wirtschaftliche Situation Jordaniens verändert sich drastisch. Der Brotpreis hatte sich verdoppelt, auch der Benzinpreis und der Preis für Zigaretten hat sich erhöht, was wiederum die Menschen in Amman auf die Straße trieb. Und Jordaniens liberale Einstellung zu der Zwei-Staaten-Lösung in Israel brachte ehemalige Partner wie Saudi Arabien und die Emirate dazu, ihre Unterstützung zu verweigern.

Die meisten Jordanier wollen aus diesen Gründen keine weitere Zuwanderung mehr. Doch auch Sicherheitsbedenken sind mit ein Grund, denn allein schon der brenzligen Situation in Syrien trauen sich kaum noch Touristen ins Nachbarland, und das belastet die jordanische Wirtschaft zusätzlich.  In Juli 2018, als tausende Menschen aus Daraa flüchten, hält Jordanien diesmal seine Grenzen geschlossen.

Amman wurde auf sieben Hügeln erbaut, inzwischen breitet sich die Stadt auf über zwanzig Hügeln aus.

Von einem der Aussichtspunkte der Stadt (man begebe sich einfach in die höher gelegenen Areale) bestätigt sich mein Eindruck abermals: schön ist anders. Schön ist die Stadt nicht. Vielleicht, wenn am Abend die warme, gelbe Sonne über die Gebäude streift, die daraufhin beginnen zu leuchten und an Bauten in Italien erinnern, sind sie doch aus demselben Baumaterial, dem Muschelkalk entstanden. Wie Zwillinge, wie Klone sind sie an die Hügel geklebt, unterscheiden sich im Nichts voneinander. Nur drei oder vier einsame Wolkenkratzer des Business Viertels durchbrechen die Einförmigkeit – das ist Amman von oben.

Aus der grauen Eintönigkeit schauen nur wenige Wolkenkratzer empor.

Der Stau am Abend. Hier geht nichts mehr…

Wir gehen zurück zum Wagen, den Djamal* sorgenlos genau an einer Straßenmündung abgestellt hatte. Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass sich noch niemand darüber beschwert hat, denn obwohl genug Platz bleibt, um außen herum zu fahren, so wäre so eine Aktion in Deutschland undenkbar. Doch oft beobachte ich mich dabei, dass ich nach deutschen Maßstäben messe, dass es mir schwer fällt, das korrekte, deutsche Denken, welches sich scheinbar schon mit meiner DNS verbunden hatte, abzustellen.

 

Der Souk in Amman

Der Souk in Amman ist ein Erlebnis für sich, das ich jedem Reisenden, der sich gerade hier aufhält, unbedingt ans Herz legen möchte.

Djamal* lässt uns an einer belebten Kreuzung raus, inmitten der Läden und Stände, und fährt zurück ins Hostel; wir zwei tauchen dafür in das bunte Leben ein. Trotz anfänglicher Befürchtungen werden die Stände nicht etwa gen Abend langsam abgebaut, im Gegenteil ist nun mehr los als am folgenden Morgen, an dem wir noch einmal kurz den Souk passieren.

Obst- und Saftstände am Straßenrand, Schmuck- Parfüm und Bekleidungsgeschäfte in denen an Schaufensterpuppen traditionelle Trachten hängen, Kleider wunderschön, handbestickt und reich verzehrt. Beduinenmode, würde ich sagen, wenn ich mich weit aus dem Fenster lehnen möchte, doch tatsächlich habe ich keine Ahnung von der ethnischen Herkunft der wunderschönen Bekleidung, die hier hängt.

Mira fühlt sich gleich wie ein Fisch im Wasser in dem Trubel und buntem Gewirr, dass sie so sehr an Märkte in Indien erinnert. Aber: „Die Märkte in Indien waren sauberer.“ Erzählt sie mir und ich muss staunen. Klar ist es hier im Souk nicht wie geleckt, aber über die indischen Straßen und Gassen habe ich weitaus Schlimmeres gehört. Oder macht Südindien doch einen kleinen Unterschied?

„Magst du einen Zuckerrübensaft probieren?“ Fragt mich Mira und wir bleiben vor einem entsprechenden Stand stehen. Und auch wenn ich nicht weiß, was sich unter dieser Bezeichnung eigentlich verbirgt, sobald Kasia etwas ungewöhnliches zum Essen/Trinken entdeckt, ruft sie ganz klar als erste: Her damit. Ich stelle mir eine pappsüße Flüssigkeit vor, doch das Gegenteil ist der Fall. Hergestellt wird der Zuckerrübensaft aus Zuckerrohr, welches in einer mannesgroßen Presse bearbeitet wird. Was unten rauskommt, ist eine gelbliche Flüssigkeit, die uns in einen Pappbecher mit Strohhalm abgefüllt wird und die umgerechnet 50 Cent kostet. „Welcome to Jordan.“ Sagt der Verkäufer.

Der leckere Zuckerrübensaft – gar nicht soo süß wie gedacht…

Draußen auf der Straße halte ich den Strohalm an meinen Mund und registriere aus den Augenwinkeln, wie Mira erwartungsvoll mein Gesicht beobachtet.

„Oh mein Gott! Das ist ja köstlich!“ Mira lächelt zufrieden. Der Saft schmeckt fruchtig, grün, nicht zu süß, genau richtig und mit nichts zu vergleichen, das ich bis jetzt getrunken hätte. Meine Geschmacksknospen tanzen Tango. „Und dann würzen sie ihn manchmal mit einer Prise Ingwer und Kardamom.“ Sagt sie.

Mit den Bechern in der Hand stürzen wir uns in die Tiefen des Souk. Die engen Gassen zwischen den Häusern sind wie Tunnel, gefüllt mit Ständen mit Süßigkeiten, Gewürzen und buntem, frischen Obst. Es riecht nach einer Mischung aus Früchten, Parfüm. In kleinen Geschäften voller medizinisch aussehender Glasfläschen, die mit öligen, golden braunen Flüssigkeiten befüllt sind, kann man sich seinen bevorzugten Duft anmischen lassen. Das Angebot wird rege genutzt, jedoch sehe ich keine einzige Dame im Innern stehen; dafür aber ein paar Herren, die womöglich nach ihrem Lieblingsduft für ihre Angebetete – oder für sich selbst – Ausschau halten.

Hier stapeln sich unzählige Fläschen an duftenden Essenzen, das Parfümöl kann man sich je nach Geschmack ganz individuell anmischen lassen.

Dann wehen uns wiedersehr würzige Gerüche um die Nase, und ein paar Schritte weiter riecht es nach Fleisch, welches einfach so am Hacken vor sich hin hängt. Fleischstücke wie Hufe oder Hühnerbeine liegen in der Auslage. „Möchtest du probieren?“ Grinst sie. Doch ich erkläre ihr, dass wir in Polen eigene Tiere hatten, auch wurden größtenteils alle Teile des Tieres verwendet, so dass mich hier eigentlich nichts mehr überraschen kann.

Auch lebendige Tiere, in kleinen Käfigen, überraschen mich nicht wirklich, doch die bunt angefärbten, flauschigen Kücken, mit denen sich eine asiatische Touristin gerade ein Selfie macht, lassen mich dann doch kurz stutzen. Ein piepsendes rosa Kücken, genau das braucht die Welt…

Dann laufen wir wieder durch die bunte Obst- und Gemüseabteilung. Mira liebt Marktstände, das Bunte und den Wirrwarr. Immer mal wieder erklärt sie mir etwas und ich folge ihr wie in einem Traum durch die Gassen, Ecken und Windungen, im blinden Vertrauen darauf, dass sich mein weiblicher, deutscher Guide in schlafwandlerischer Sicherheit hier zurecht finden würde.

Wir wollen eine lila farbene Frucht probieren, von denen wir einige an den Obstständen sehen, doch der Preis von mehr als einem Dinar erscheint zu hoch angesetzt. So machen wir uns auf zum nächsten und übernächsten Händler, doch bei jedem wird es noch ein bisschen teurer, entweder es gibt tatsächlich keinen Verhandlungsspielraum oder es hat sich herumgesprochen, dass zwei Europäer kaufen wollen. „Die rufen sich die Preise schneller zu, als du gucken kannst.“

Nüsse und getrocknete Früchte – da bekommt man Appetit

Ein paar Meter weiter essen wir frische Datteln. Mit Datteln in ihrer unbearbeiteten Form kann ich mich nicht anfreunden, ich bevorzuge die getrocknete, in Zuckersirup eingelegte Version davon. Solche Situationen machen mir immer wieder Kopfschmerzen. Probieren heißt nicht gleich kaufen, doch wie wird der Mann reagieren, wenn wir uns bedanken und einfach weiter gehen? Doch der Mann reagiert gar nicht, er nimmt es hin. Alles gut.

Es gibt in Amman mehrere Märkte, unterteilt in Obst- und Gemüsemärkte, Schmuck, Apotheke… ein größerer Souk, den wir uns zuerst ansehen, ist scheinbar bekannter, denn hier sehen wir auch einige europäische Touristen, die wie wir mit ihren Kameras zwischen den Ständen unterwegs sind. Danach finden wir uns in einem kleineren der Märkte wieder, der völlig unberührt den Einheimischen vorbehalten ist. Eine Auflistung der Märkte und Souks findest Du hier: Top 10 Märkte und Souks in Amman.

Hier die farbenprächtigen Kleider

Hier sind wir die einzigen weißen Besucher, doch meine Befürchtungen hatten sich nicht bestätigt. So habe ich von Marokko gehört, dass die dortigen Händler sehr aufdringlich bis aggressiv agieren und einen am Ärmel in die Geschäfte ziehen. Hier – nichts von alledem. Niemand ist aufdringlich, laut wird die Ware auf arabisch angepriesen, doch keiner versucht, uns etwas aufzuschwatzen. Doch es ist lebhaft, sehr lebhaft, und nun kann ich verstehen, weshalb einige Besucher den Souk in Doha, Katar vergleichsweise dazu als sehr ruhig und geradezu steril beschrieben haben. Welch ein Unterschied zu hier.

Viele Menschen, uns sehen, rufen: Welcome to Jordan! Ein paar Jugendliche rufen uns aus einem Auto heraus zu: Welcome to Jordan! Und mit jedem weiteren dieser Ausrufe geht mein Herz mehr und mehr auf.

Wir verlassen den Souk und laufen die abendliche Straße entlang. Auch auf der Straße fühlen wir uns sicher, was nicht zuletzt daran liegt, dass uns die Menschen (vor allem Männer) mit respektvollem Abstand begegnen. Egal ob zwischen den Marktständen oder auf der Straße und egal, wie voll es ist, jeder achtet darauf, uns im Vorbeigehen genügend Freiraum zu lassen und uns nicht zu berühren oder anzustoßen, was ich als sehr angenehm empfinde.

Streetart an der Wand

Menschen beten in der Al-Hussein Moschee und auch sonst ist jede Menge los auf den abendlichen Straßen. Die Rufe des Muezzin vermischen sich mit Rufen der Händler. Pappkartons, am Bordstein abgestellt, dienen als provisorische Abfalleimer, doch ab und zu, eigentlich recht häufig, liegen Obstschalen und ähnliches einfach in den Ecken herum. „In Indien kehren sie die Straßen der Märkte ab und zu mal durch.“ Sagt Mira. „So viele Papierschnipsel gibt es da nicht.“

Manchmal stehen Trinkhähne am Bordstein, mit einem metallenen Trinkbecher darunter. Das Wasser ist kostenlos, doch das Verwenden eines solchen Bechers will erst einmal gelernt sein. „Du hältst dir den Becher nicht an die Lippen, sondern gießt das Wasser in deinen Mund, ohne den Becher zu berühren. Höher, höher… ja, jetzt hast du es raus.“ Belehrt mich Mira, die solche Vorrichtungen bereits aus Indien kennt. Die erste Portion Wasser landet auf meinem T-Shirt, doch die zweite sitzt. Jetzt bin ich endgültig für eine Indien-Reise geeicht. Wir gehen weiter und schmieden zusammen Reisepläne.

In den Tiefen Ammans soll es irgendwo auch einen Waffenmarkt geben. Wir gehen weiter, einfach nur geradeaus die Straße runter, und stoßen tatsächlich kurze Zeit später auf einen Eingang mit passender Beschriftung und Bebilderung. Gekreuzte Flinten oder etwas in der Art, auf jeden Fall eindeutig erkennbar, doch leider geschlossen. Wir kommen an einigen Waffengeschäften vorbei. „Ich glaube, hier können wir nicht einfach so rein.“ Na ja, können vielleicht schon, aber… „Lieber Waffenhändler, bitte einmal für die Kamera lächeln!“ 

Der Souk mit Mira ist ein Erlebnis für sich.

Abendliches Schlendern durch die Souks

Obst, wohin das Auge reicht.

Hier genießen Familien ihren entspannten Abend

An derselben belebten Kreuzung rufen wir Djamal* an, um uns wieder abholen zu lassen. Doch Djamal* hat noch zu tun und so laufen wir die zwei Kilometer bis zum Hostel – ich wollte sowieso mehr laufen. Auch außerhalb des Stadtzentrum fühlen wir uns sicher, manövrieren uns über stark befahrene Straßen und nicht mehr ganz so volle Fußgängerwege. Eine Gruppe Männer steht vor einem Geschäft und vertreibt sich die Zeit, doch als wir uns nähern, machen sie uns Platz.

Die liberale Seite Ammans ist nicht nur an den Kirchen erkennbar, die sich in unmittelbarer Nähe zu großen Moscheen befinden, sondern auch an den Alkohol-Stores, die wir vereinzelt antreffen. Erstaunt spähe ich nach drinnen und sehe neben Bier und Weinen auch all die harten Sachen wie Wodka, Whisky und Ouzo, und über einen Mangel an Kunden können sich die kleinen Fachgeschäfte offensichtlich auch nicht beklagen.

Ein paar Meter weiter kniet ein Mann mitten am Bordstein auf einem kleinen Teppich und betet.

Zurück im Hostel steige ich als erstes unter die Dusche. Djamal* scheint noch nicht da zu sein, doch als ich nach unten gehe, sehe ich einen weiteren Gast, frisch eingetroffen, eine junge Frau, die genauso unsicher und verloren aussieht wie ich am ersten Tag hier: Francine.

Sie sitzt mit Mira auf der Couch und die beiden unterhalten sich angeregt. Auch Francine bekam von Djamal* bereits eine Tour angeboten, weiß aber nicht so recht, was sie machen soll. Nun versucht Mira, sie zu überzeugen, dass sie Jordanien an und für sich auch ganz gut alleine bereisen kann. Auch Amman am Abend haben wir beide nicht als unsicher empfunden, doch Francine hatte da ganz andere Erfahrungen gemacht. „Ich war im Supermarket heute Mittag.“ Sagt sie. „Und alle Leute starrten mich an!“ Auch sei sie immer wieder angesprochen worden. Entsprechend verunsichert sitzt sie nun da und wartet auf Djamal* und Falid*, die sie am Abend mit in die Stadt nehmen wollten.

Fran weiß nicht so recht, ob sie die Tour machen soll. Zum Gespräch steht auch die Möglichkeit, dass sich die beiden, sie und Mira, zusammenschließen, denn Mira will am nächsten Tag sowieso weiter.

Was Mira auch sehnsüchtig will, das ist eine erfrischende Dusche, doch das geht nicht, solange Djamal* mit dem Auto unterwegs ist, in dem sich ihr Rucksack befindet. Auch hatte sie bis jetzt anscheinend keinen neuen Platz im Dorm zugewiesen bekommen und bezüglich der Buchung von Francine ergeben sich weitere Fragen, die geklärt werden wollen. So warten alle sehnsüchtig auf Djamal*, der einfach nicht auftauchen will.

Indessen vertreiben wir uns die Zeit damit, Miras Reisebilder anzusehen. Wo war die Frau denn überall schon gewesen! Oder besser: wo war sie nicht gewesen? Polen, Ungarn, Indien, Marokko… Ach, es waren noch so viele Orte mehr… Kein Wunder, hat sie sich doch als Ziel das Reisen an sich vorgenommen, und nun verfolgt sie dieses eine Ziel solange, wie lange das Geld reicht. Danach heißt es, einen neuen Job antreten, arbeiten und sparen. Für noch weitere Reisen. Wenn sie so weiter macht, wird sie irgendwann die ganze Welt gesehen haben.

Dann taucht Djamal* wieder auf; er und seine Söhne hatten einem Freund, der Probleme mit dem Auto hatte, Starthilfe gegeben. Djamals* Sohn Falid* nimmt Francine und mich mit in die Stadt; Mira indessen ist froh, endlich duschen zu können.

Wir finden uns hoch oben an der Zitadelle wieder, von wo wir auf die nächtliche Stadt hinab schauen können. Auch andere Jugendliche finden sich hier ein. Vor uns und unter uns erstrecken sich die Lichter und wir haben den perfekten Blick auf das römische Freilichttheater. Amman bei Nacht.

Das alte, römische Freilichttheater

Dann geht es weiter durch die nächtliche Stadt. Amman ist eine sehr junge Stadt, das Durchschnittsalter der jordanischen Bevölkerung liegt bei 23 Jahren (zum Vergleich in Deutschland: 47 Jahre). Und so sehe ich immer mehr Street Art Werke in den Außenbezirken der Stadt. Ganze Flächen, an denen wir vorbei fahren, sind gestaltet und gerne hätte ich angehalten und mir das aus der Nähe angeschaut.

Besonders viel Street Art Kunst sehe ich in der Nähe des Paris Circle, wo sich auch ein Skater Park in der Nähe befindet. Hier kaufen wir auch unser Essen ein. Falid* bestellt uns frisch gepresste Säfte, die wir uns nach Belieben zusammen setzen, dann gehen wir hinein und hin zu den großen, sich drehenden Fleischspießen. „Er ist der beste hier in der Stadt!“ Sagt Falid*, und der feiste Mann am Spieß nickt uns zu. Ich stehe da und fühle mich ein wenig fehl am Platze, nicht zuletzt deshalb, weil ich von allen Anwesenden mit mehr oder weniger heimlich-neugierigen Blicken bedacht werde. Zwei ältere Frauen lächeln mir wohlwollend zu.

Amman bei Nacht

Währenddessen beobachte ich, was da so schönes aus den Fleischspießen am entstehen ist, und es ist entgegen meinen Erwartungen kein Döner! Vielmehr etwas wie ein Mix aus Fleisch und Gemüse in etwas Fladenbrot, das in einer Box platziert wird, dazu Peperoni, Pommes und Oliven.

Wir essen oben auf Djamals* Dachterrasse. Während ich meines schon mal aufmache, ist Djamal* damit beschäftigt, Francine, wie mir zuvor, das selbstgebaute Vogelgehege zu zeigen. „Ich liebe kleine Vögel.“ Sagt er irgendwann mal zu mir. „Wenn mir einer besonders gut gefällt, dann lasse ich ihn in einem kleinen Käfig drin, bei mir im Wohnzimmer.“ Ich überlege unter Einsatz meiner rudimentären psychologischen Kenntnisse, was es wohl über jemanden aussagen könnte, wenn er etwas, das er liebt, in einen Käfig sperrt.

Das Essen ist lecker. Während sich Falid* Francines angenommen hatte und sich die beiden in einen anderen Teil der Terrasse entfernten, unterhalten wir uns. Wie auch gestern Abend, so fallen auch heute einige wenige Tropfen Nieselregen auf mein Gesicht. Nieselregen in Amman.

„Mein Sohn versucht, sie von unserem Trip zu überzeugen.“ Sagt Djamal*. „Es wird sicherer für sie sein, sie bekommt mehr zu sehen und vielleicht kann man sich auch manche Kosten teilen. Mal schauen.“ Aber du, sagt er zu mir, du musst damit einverstanden sein, dass sie mitkommt. Denn es ist dein Trip.

Ich bin einverstanden.

Es ist so verrückt, es fühlt sich verrückt an, wirklich hier zu sein. Fühlt sich nicht echt an. Es ist wie damals in Namibia – ich habe es erst kapiert, als ich diesen kleinen, blinkenden Punkt auf der Karte meines Smartphones gesehen habe, der sich tatsächlich auf dem afrikanischen Kontinent befand. Und auch jetzt fühlt es sich an, als wenn ich nur so durch die Szenerie rausche. Morgen führt uns die Tour in den Norden des Landes, bis hin zur syrischen Grenze. 

Ich werde es vermutlich erst glauben, wenn ich in ein paar Wochen die Bilder von all dem zu Hause zum ersten Mal betrachte. 

*Die Namen wurden geändert

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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