Notre Dame – Ein kleiner Zauber inmitten der Angst

Kategorien Europa, Frankreich, Paris

Paris, August 2016

Der Gesang, ich weiß nicht, was er mit mir macht. Ich bin unendlich traurig. Bei den Worten „Friede sei mit Euch. Überbringt Euch das Zeichen des Friedens…“ , da ist es vorbei. Die schwarze Familie, die neben mir saß, gibt mir nacheinander die Hand, jeder einzelne von ihnen.

„Mach eine Bootstour über die Seine!“ 

Tja, Vanessa, daraus wird wohl nichts… Der Rollo plumpst krachend vor meiner Nase herunter, nachdem mir das Mädel im Karten-Verkaufshäuschen mit Handzeichen zu verstehen gegeben hatte, dass für heute Schluss ist. Ich schaue auf die Uhr an meinem Handgelenk: Es ist erst halb drei am Nachmittag. Was für eine Arbeitsmoral…

Inzwischen hatte ich es geschafft, der Metro einigermaßen Herr zu werden und stieg an der St. Paul-St. Lorenz-Kirche aus. Das war schon mal das langersehnte Zentrum von Paris (noch nicht ganz, aber laut Plan war es nicht mehr weit…). Eiffelturm irgendwo? Ich drehe den Kopf in alle Richtungen. Fehlanzeige. Hohe Häuserreihen mit wunderschönen Fassaden, ein buntes Karussell – hm.

Zur Fuß lief ich zurück zur Bastille, da ich von der Metro aus das wunderschöne Panorama an der Seine gesehen hatte. Dort angekommen sah ich mich nach einem Ausflugsboot um. Da ist eins – und es tuckert gerade ab. Scheibenkleister.

Also schlappe ich zum Häuschen, wo ich Tickets vermute – so schwer wird es mir sicherlich nicht fallen, hier am sonnigen, grasbewachsenem Ufer auf das nächste Boot zu warten. Doch das Mädchen am Verkaufsschalter macht mir einen Strich durch die Rechnung – ein bisschen belämmert stehe ich noch unschlüssig davor, während sie im Inneren sicher schon ihre Feierabendschablone abholt.* Ach, was soll’s! Dann soll es heute wohl nicht sein.

Am Ufer liegen Menschen im Gras; ein bisschen erinnert mich das hier an die Mannheimer Rheinterrassen. Ich strecke mich im Gras in der warmen Nachmittagssonne aus, und alsbald fallen mir die Augen zu. Ich könnte aber auch fast immer schlafen! Das Wasser glitzert, kleine Boote schaukeln angebunden hin und her. Eine große Trauerweide zerteilt den Sonnenschein am Boden in ein filigranes, lebendiges Mosaik. Ab und an schwimmen kleine, braune Enten den Fluss entlang. Alle meine Entchen… ich schlafe ein.

Dann, irgendwann, mache ich ein Auge auf. Wie spät? Die Sonne scheint noch. Gut. Neben mir hatte sich ein Pärchen im Gras niedergelassen. Und Moment mal… ja, richtig, ich muss ja nirgends hin! Fröhlich schlafe ich wieder ein.

Die Haltestelle Bastille ist ganz interessant anzuschauen: Die Wände sind mit farbigen Szenen des berühmten „Kampfes um die Bastille“ verziert. Französische Geschichte – hautnah. Das – und das schöne Ufer der Seine mitsamt Panorama waren mit ein Grund, hierher zu laufen.

Als es kühler wird, stehe ich auf; ich bin schließlich nicht hier, um den Tag zu verschlafen. Das Pärchen neben mir ist verschwunden. Langsam schlendere ich weiter die Innenstadt entlang.

*Feierabendschablone: Unser Filialleiter hatte sich zum ersten April des Jahres 2015 einen Scherz mit der Fahrerin unserer Apotheke erlaubt, die für die Auslieferung der Medikamente zuständig war. Er gab ihr auf dem Weg zu einem Mannheimer Pflegedienst die Anweisung mit auf den Weg, dort nach der „Feierabendschablone“ zu fragen; die solle unbedingt wieder mitgebracht werden. Die arme rief später an: „Herr Pflock… (Name geändert) die wissen hier nichts von einer Feierabendschablone…“

Nun stehe ich da und bewunderte die Notre Dame. Das ist toll. Das Bauwerk, welches man sonst nur im Fernsehen zu sehen bekommt. Ein grandioses Gefühl.

Das Gebiet um die Kathedrale herum ist großräumig abgesperrt und überall stehen bis auf die Zähne bewaffnete Soldaten. Obwohl fast alle noch sehr jung, scheinen sie dennoch genau zu wissen, dass sie der Bevölkerung Sicherheit geben sollen – obwohl sie selbst sehr angespannt wirken, sicher auch Angst haben. Sie rechnen mit allem. Und sie sind noch so jung.

„Die Menschen hier haben Angst..“ Sagte mir Alexis, der Drummer, nachdem ich mit ihm ins Gespräch kam. „Doch sie wollen sich von ihrer Angst nicht einschränken lassen.“

Wenn man an den Absperrungen vorbei in den inneren Bereich möchte, war eine Taschenkontrolle fällig. Es fand gerade ein Gottesdienst statt – eine Prozession trat durch den Kirchhof in die Kathedrale hinein – und die wurde bestens geschützt. Eine Reihe Priester marschierte erhaben vor sich hin und verschwand im Inneren. „Aber wie eine Sekte sehen die schon irgendwie aus.“ Höre ich eine deutsche Stimme neben mir sagen.

Ob man inzwischen schon in die Kirche kann?

Die Notre Dame ist schwierig zu beschreiben. Inzwischen bin ich drin. Sie ist weder hell noch düster, sie ist feierlich. Kronleuchter, schillernde Buntglasfenster, Orgelmusik… die Atmosphäre ist schwer zu greifen, und doch fühlt man sich hier sicher. Eine erhabene, kaum zu fassende Stimmung, ich habe so etwas noch in keiner Kirche erlebt. Und eine wunderbare Akustik. Die Kirchenlieder werden von allen mitgesungen, es ist ein Chor. Erhaben, schön. Man kann diese wunderschönen facettenreichen Fenster kaum so einfangen, wie sie wirklich sind, denn sie leuchten…

Der Gesang, ich weiß nicht, was er mit mir macht. Ich bin unendlich traurig. Bei den Worten „Friede sei mit Euch. Überbringt Euch das Zeichen des Friedens…“ , da ist es vorbei. Die schwarze Familie, die neben mir saß, gibt mir nacheinander die Hand, jeder einzelne von ihnen. Ich hätte jetzt so gerne jemanden neben mir. Ich hätte so gerne meine Mutter hier gehabt.

Als ich wieder in den vorderen Bereich der Kirche gehe, scheint die Sonne schräg hinein durch die geöffneten Kirchentore. Das Licht wärmt, doch ich friere dennoch. Draußen stehen Krankenwagen mit Sirene. Wo zum Teufel kommen die denn her? Ist etwas passiert? Zeit für mich zu gehen. Meine Zeit in Paris ist für dieses Mal vorbei. Ich habe nicht alles gesehen – nicht mal ansatzweise – doch es zieht mich Heim.

…man kann diese wunderschönen Buntglasfenster kaum so einfangen wie sie wirklich sind, denn sie leuchten…

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