Buddhas Weg – Wandern im Odenwald

Kategorien Deutschland, Europa, Hessen

Wandern? Frage ich mich. Aber wo? Ausgerechnet der Odenwald, wo ich gefühlt bereits weiß, wie jeder einzelne Stein aufeinander liegt? „Kein Thema, ich bin offen.“ Sagt meine Freundin. „Es kann auch woanders hin gehen.“ Das macht mich noch ratloser, denn mich zieht es in der Regel sehr weit weg, meist hinter die Grenze, wo die Häuser anders aussehen und die Leute anders sprechen. Die rastlose Kasia.

Ich überlasse ihr freie Hand, um uns eine schöne Wanderstrecke auszusuchen. Und nun sind wir hier. 

Und tatsächlich – von „Buddhas Weg“, dem buddhistischen Kloster bei Wald Michelbach, habe ich noch nie etwas gehört. Entsprechend neugierig bin ich, als wir aus dem Auto steigen und durch das große, hölzerne Tor laufen; Anne kennt das Kloster schon.

Es ist noch früh am Morgen und eine leichte Kühle stiehlt sich zwischen die Sonnenstrahlen. Außer uns ist kaum noch jemand da und eine angenehme Stille liegt noch über dem Ort, was sich am Nachmittag noch gründlich ändern soll. Über den Treppen wehen bunte Fähnchen und uns fallen einige kleinere Steinpyramiden auf, die hier und da aus losen Steinen per Hand errichtet worden sind. Vielleicht kann uns drinnen jemand ihre Bedeutung erklären?

Wir bauen uns später selbst solche kleinen Steingebilde und noch während dieser Tätigkeit wird mir der Sinn dahinter klarer. Es ist eine Tätigkeit, bei der die Hände beschäftigt werden, insofern befreit es den Kopf. Es erfordert Geduld, die passenden Steine zu finden und sie so auszubalancieren, dass sie an Ort und Stelle bleiben. Und man muss sich beugen, um die passenden Steine zu finden und sie aufzustapeln, oder man geht in die Knie. Das gibt ein Gefühl für Demut. Ansonsten dienten diese Steinmännchen früher sowohl als Wegmarkierung in unzugänglichen Gegenden oder hatten eine religiöse Bedeutung: sie sollten gute Geister anziehen und böse Geister fernhalten. In asiatischem Raum sieht man sie oft mit bunten Fahnen geschmückt.

Das Kloster wurde 2010 gegründet. Heute bietet es viele Optionen für den Suchenden, von Yoga- und Meditation über Workshops bis hin zu Fastenaufenthalten und Schweigestunden und eine nahe gelegene naturheilkundliche Praxis bietet Behandlungen nach traditioneller chinesischer Medizin. Im anliegenden Zen-Garten, wo eine metergroße Buddha-Statue die Szenerie beherrscht, sehen wir Menschen umherstreifen, die sich sofort entfernen, sobald sie unserer ansichtig werden. Auf den Schildern auf ihrer Brust steht geschrieben: Edles Schweigen, was bedeutet, das diese Personen sich, um zu sich selbst zu finden, zu einer bestimmten Zeit des Schweigens verpflichtet haben und somit keine Antwort auf etwaige Fragen geben würden. Schweigen ist Gold und so…

Ich denke darüber nach. Oft, das spüre ich, würde es mir gut tun, einfach mal für mich selbst zu sein und nicht sprechen zu müssen. Sich nur auf sich und die eigenen Gedanken zu besinnen. Alles ausblenden; die Umgebung, die Social Media, die Nachrichten. Denn wer sich nicht mehr mit der Außenwelt und ihrem Kleinkram beschäftigt, kann besser, mit einigem Abstand für die Dinge, erkennen, wer er ist, was er möchte, welche Richtung er einschlagen sollte. Einige wenige Male ist mir das schon gelungen, diesen Abstand und den klaren Einblick zu erhalten und meistens war das im Urlaub, ganz weit weg von Zuhause. Dort, wo einem die Schlagzeilen nicht tagtäglich vermitteln, wie hoffnungslos alles ist. Wo Kämpfe an Nebenschauplätzen nicht den gesamten Blick trüben. Doch sobald ich wieder zu Hause war, war die Ruhe dahin. Und auch die Weitsicht.

Zunächst erkunden wir das Kloster. Hinter einer Scheibe liegt ein kleiner Teich, in dem Fische schwimmen. Hier und da brennt eine Kerze und in der Luft liegt dieser unbestimmter Duft nach Räucher-irgendwas und nach spiritueller Entrückung.

Im Shop lässt sich allerlei erstehen und manches davon finde ich sogar sinnvoll. Wie die recycelten, schwimmenden Teelichthalter in Form von Seerosen, die erst auf den zweiten Blick erkennen lassen, dass sie aus bereits abgebrannten Teelichtern gemacht worden sind. Oder die Perlenarmbänder aus Kunststoff, der aus den Meeren in und um Bali gefischt wurde und mit denen man durch den Erwerb die Fischer darin mitfinanziert, anstatt nach Fischen nach Plastik zu suchen. Wobei man nach Plastik im Meer nun wirklich nicht mehr suchen muss.

Im Shop gibt es Mantras zu erwerben, die in verschiedenen Lebenssituationen helfen sollen. Nun, ich bin kein Talisman-Mensch, doch es soll Menschen geben, denen so ein Mantra tatsächlich eine Stütze ist. So viel Vertrauen in die Menschheit, denken wir uns dann, als uns der junge Mönch für eine ganze Weile alleine durch den Shop streifen lässt und seinen Tätigkeiten nachgeht.

Im weitläufigen Zen-Garten hinter dem Kloster steht ein Wunschbaum. Abbilder von Göttern und allerlei Dinge verbergen sich in seinen Kronen. Die Menschen haben so vieles hinterlassen: Fotos, Münzen, Talismane, Windspiele, Schmuck, gesammelte Tannenzapfen und bunte Glassteine. All die Gaben hängen an den Ästen oder stecken zwischen den knorrigen Zweigen. Um den Baum herum streift ein Mann, der sich entfernt, als wir uns nähern. Auf seinem Schild steht: Edles Schweigen.

Nach der Erkundung des Gartens wandern wir los. Wir nehmen keine vorgeschriebene Strecke, sondern laufen planlos, mal schauen, was der Wald so für uns bereit hält. Es ist warm und zwischen den Ästen dringt die Sonne hindurch und malt hell leuchtende Flecken auf dem Waldboden. Wir reden. Das Laufen ist nur Mittel zum Zweck, doch im Grunde geht es um den Austausch und um einen klaren Kopf. Und obwohl wir uns schon seit etwa zwanzig Jahren kennen, erkennen wir nun mehr und mehr, wie ähnlich wir uns sind.

Der Wald hält vielerlei für uns bereit. Wie den Felsbruch etwa, der sich plötzlich wie im Nebel vor uns auftut. Das Licht hier ist diffus und verschleiert und die meterhoch aufragende graue Felswand, die uns den Weg versperrt, erscheint unwirklich. Und auch die Vögel zwitschern nicht; sie schreien. Sie stoßen Rufen aus, die mich an Papagaienarten in fernem Busch von Namibia erinnern. Fehlt nur noch das Nashorn, das um die Ecke biegt. Habe ich da etwa ein Knurren gehört? Es sollen bereits Wölfe im Odenwald gesichtet worden sein… „Das ist nur mein Bauch.“ Sagt Anne.

Oder den großen Ameisenbau, der an einem toten Baumstamm hochgezogen wurde und an dem die kleinen Insekten so eifrig wuseln, als würden sie mit den ersten Sonnenstrahlen Frühjahrsputz machen wollen.

Oder auch die Herde Rehe, die auf einer Anhöhe zu unserer Linken plötzlich vor uns auftaucht. Die Rehe können uns nicht riechen, da der Wind aus ihrer Richtung kommt und, obwohl wir uns unterhalten, bemerken sie uns erst sehr spät. Fünf oder sechs Tiere sind es an der Zahl; sie stehen mit gespitzten Ohren da und versuchen, zu lauschen und nach und nach, langsam und entspannt, verschwinden sie im Wald.

Alle Wege führen nach Rom, und deshalb finden wir irgendwann über Umwege auch die Stiefelhütte, einen Rastplatz für müde Wanderer und welche, die es gern wären, und bestellen uns eine kleine Stärkung. Die Stiefelhütte bietet selbstgemachte Holunder- Schlehen- Hagebutten- und diverse andere Weine.

Als wir die Hütte verlassen, hat sich im Wald einiges getan. Der entspannte, laue Vormittag wich dem geschäftigten Nachmittag und diverse Wandergruppen bevölkern die Wege. Da, wo wir noch eben den Wanderweg für uns alleine hatten, platzt nun der Zauber vom verwunschenen Wald.

Zurück im Kloster genießen wir Kaffee und Kuchen. Das Teehaus ist nun geöffnet, ein großer, mit dunklem Holz gestalteter Raum, in dessen Mitte große Koi Karpfen schwimmen. Es ist nicht wie ein Teich; vielmehr ist die Wasseröffnung so gestaltet, als sei der Raum um sie herum gebaut worden wie ein Steg, der auf Stelzen steht. Draußen auf der Terrasse tobt das Leben, reden und lachen die Leute und wir, bereits an Stille und Ruhe der Wanderung gewöhnt, ziehen uns ins kühle, schattige Innere zurück. „Das war wie ein Urlaub.“ Na ja, soweit würde ich nicht gehen. Kein Urlaub vielleicht – aber eine entspannte Auszeit.

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

2 Gedanken zu „Buddhas Weg – Wandern im Odenwald

  1. Hi Kasia,

    ich bin sehr überrascht, dass es so eine Art Kloster in Deutschland gibt und finde es super cool. Mal was ganz anderes. Wenn ich mal wieder in Deutschland zu Besuch bin, werde ich da auch Wandern gehen 🙂

    Die Bedeutung mit den Steinhaufen kannte ich zum Teil schon hier aus Marokko. Aber mehr als Wegmarkierung. Das die Hände dabei aber auch etwas zu tun haben und man den Kopf etwas frei bekommt, finde ich sehr interessant. Lieben Dank für die tolle Erläuterung!

    LG,

    Nadine

    1. Hi Nadine,

      Vielen Dank für dein Feedback! Ja, ich glaube, die Wegmarkierung ist wohl die ursprüngliche Aufgabe dieser „Kleinpyramiden“. Sehr häufig sehe ich so etwas in buddhistisch geprägten Gegenden. Inzwischen hat sich daraus eine Art „Sport“ entwickelt, so sieht man häufig an steinigen Küsten und Hängen ganz viele davon stehen, mein ehemaliger Chef nannte das „Steine balancieren“; es übt einen in Geduld und Konzentration. Blöd wird es natürlich dann, wenn eine sinnvolle Wegmarkierung um weitere touristische „ich-war-da“-Steinhäufchen ergänzt wird…
      Das Kloster an sich ist sehr interessant, auch wenn ich anfangs etwas skeptisch war. Ich meine: Buddhismus im Odenwald?? Aber die Anlage fügt sich so schön in die Landschaft und auch die Stimmung ist eine ganz beruhigende. Ich könnte mir vorstellen, mal eine Woche oder zwei dort „vor mich hin zu schweigen“… 🙂

      Liebe Grüße und einen schönen Samstag!
      Kasia

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