Paris am Abend – Mister Senegal

Paris, August 2016

Nach der Messe schlendere ich wieder über die Notre-Dame-Brücke in Richtung Metro. Doch als ich auf der Brücke bin, schlägt mich der wundervolle Sonnenuntergang in seinen Bann. Ich weiß, ich müsste schon längst los und ich weiß, dass es schon spät ist; sonst bekäme ich womöglich gar kein Hotelzimmer mehr. Doch wider besseren Wissens tragen mich meine Füße statt geradeaus – die Brücke über die schmale Treppe herunter. 

Der Zugang zur Promenade ist gesichert – Taschenkontrolle, ausgeführt von einem bewaffneten Soldaten. Doch das, was ich das hinter ihm sehe, finde ich gerade sehr interessant: entlang des Ufers wurden Liegen aufgestellt, ganz viele Sitzgelegenheiten und kleine Tische zum Niederlassen einladend. Zuerst glaube ich, das gehöre zu irgend einem Club oder so. Aber nein, die Liegen sind tatsächlich für alle da. Ohne weiteres frei zugänglich, und sie werden auch rege genutzt. Die Menschen liegen ausgestreckt da oder veranstalten mit mitgebrachtem Proviant richtiggehende Picknicks. Hier und da sind Eisbuden anzutreffen.

Eis. Eine tolle Idee.

Eine Zeitlang schleiche ich noch um die Liegen herum, doch dann hole ich mir eine Portion Eis und belege die nächste freie Sitzgelegenheit. Ein Euro zwanzig für eine Mikro-Kugel in der Waffel – wow!

Ein Stück weiter vor mir hatte sich eine Gruppe Freunde niedergelassen, die gemeinsam picknicken. Sie haben Essen und sogar Wein dabei, packen alles aus, lachen und reden.

Mein Eis war mit einem Haps gegessen. Eine freie Liege: nix wie hin! Und so lag ich wieder einmal die nächste Zeit da und schaute mir den roten Himmel an.

Doch zu sehr wollte sich die Gemütlichkeit nicht einstellen, ich musste noch ein Hotel finden, da war ja was. Also stand ich widerwillig auf und gab meine Liege frei, die sogleich von den Menschen neben mir in Beschlag genommen wurde, die sie sofort besitzergreifend an sich zogen.

Die nächste Zeit wanderte ich durch das nachterleuchtete Paris und bedauerte es, sich zwischen all den feiernden Menschen nicht einfach fallen lassen zu können. Doch die Befürchtung, auf der Straße schlafen zu müssen, saß zu tief. So hart war ich dann doch nicht im Nehmen, um so etwas zu tun.

Neidisch auf all die Menschen an den Restauranttischen schielend scannte ich mit den Augen die nächtliche Umgebung ab nach irgend etwas, das wie ein Hotel aussah.

Und nach mehreren Runden hatte ich dann tatsächlich Glück – ein leuchtendes Schild an der Wand empfing mich. Schnell lenkte ich meine Schritte in die Richtung.

„Hallo!“ Ertönte es neben mir just im selben Augenblick.

Ich war nicht mehr alleine.


Mister Senegal

116 Euro, doch wohl eher für die Lage, denn das Zimmer ist so winzig! Aber süß, süß ohne Ende, mit geblümten Decken und geblümten Tapeten, sogar die Heizkörper haben eine geblümte Prägung! Ich freue mich so auf den morgigen Tag, die Traurigkeit ist vergangen.

Das Hotel habe ich nach einem Hin- und Herwandern  zwischen gut gelaunten, feiernden Menschen irgendwie gefunden. Wie ich schon erwähnte, die Franzosen feiern gerne, alle Lokale und Bars waren voll, und auch jetzt dringt das Lachen, die Gespräche, die Fröhlichkeit und das Leben durch das Fenster zu mir herauf. Und das stört mich nicht im geringsten.

..auch jetzt dringt das Lachen, die Gespräche, die Fröhlichkeit und das Leben durch das Fenster zu mir herauf.

Leider konnte ich die Geselligkeit unten in der Stadt nicht mit genießen, da ich immerzu nach dem segensreichen Schriftzug Hotel Ausschau haltend bereits Angst hatte, dass ich auf der Straße oder noch schlimmer, irgendwo am Bahnhof schlafen müsste. Mein Auto stand viele Metro- und Busstationen weit weg in einem Vorort von Paris. (Ich muss unbedingt nochmal herkommen. Ich würde so viele Dinge anders machen. Zum Beispiel das Auto ganz woanders, sehr viel näher am Geschehen parken…)

Als ich den Schriftzug „Hotel“ leuchtend am Feierhimmel sah, sprach mich fast gleichzeitig ein netter junger Mann an. Er sei aus Senegal und er und seine Familie machen hier Urlaub, und überhaupt habe er eine sehr große Familie (an dieser Stelle eine allumfassende Handbewegung), und woher ich denn komme? Auch zum Urlaub machen hier? Alleine? Ach ja, no problem. Ach so, ich sein auf der Suche nach einem Hotel? Kein Problem, er bezahlt mir gerne das Hotel. Nein? Ach, schade, aber, auch no problem. Hier ist seine Telefonnummer (ein Zettel wird herausgekramt, die Nummer aufgeschrieben). Hier, bitte, wenn ich möchte, würde er mir gerne Paris zeigen. Wie ist denn meine Telefonnummer? Nein? Ja, richtig, ich hätte ja jetzt seine.

„Genau.“ Sagte ich. „Und das ist great.“ Nun stehe ich vor dem Hoteleingang; Zeit, den Kameraden irgendwie zu verabschieden. So, hat mich gefreut, au revoir! Nein, keine Umarmung und nein, keine Küsschen… Nein, auch nicht ein bisschen Umarmung…

Ich lief ins Hotel und in den ersten Stock. Da erst befand sich der Empfang. Als ich endlich an der Rezeption stand und eincheckte, sah ich hinter dem Portier durch die große Glasscheibe den Senegaler, wie er mich, im Schatten eines Baumes stehend, mit hochgehobenem Kopf beobachtete. Daraufhin, als ich schon bezahlt hatte und meine Zimmerkarte entgegennahm, schaute ich den Portier verschwörerisch an und sagte: „Sollte jemand nach meiner Zimmernummer fragen – irgendjemand – geben sie die auf keinen Fall weiter!“ Der Mann nickte ganz langsam. Vermutlich dachte er, dass ich auf der Flucht vor jemandem sei… 🙂

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