Europa, Spanien

Barcelona – Gaudi-Park

Barcelona, Juni 2016

Am Gaudi Park steigen wir aus. „Am“ ist sehr nett umschmeichelt, denn von der Haltestelle aus war es noch ein langer, steiler Anstieg. Wir laufen los, immer dem Touristenstrom hinterher, der stetig und ungebrochen in Richtung Park tröpfelt. Immer mal wieder  sitzen wir auf einer Bank unter Bäumen, um zu verschnaufen (ja, auch ich :-)). Ansonsten mischen wir uns weiter unter die Menschen und folgen ihnen. Doch das wäre gar nicht mal nötig, denn der Gaudi-Park ist bestens ausgeschildert.

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Oben angekommen sind als erstes Toiletten das erklärte Ziel; erst dann können wir uns entspannt auf die Schönheit der Parkanlage einlassen.

Wir kommen an einem Platz an, wo ein Künstler, umringt von lachenden, glücklichen Kindern, riesige Seifenblasen in die Luft steigen lässt.
Die Kinder versuchen begeistert, die Seifenblasen mit ihren kleinen Händen einzufangen, und er schafft immer wieder neue, vergängliche Gebilde, die wie Perlmutt in der Sonne glänzen; wie Träume, die in die warme Luft aufstiegen, höher und höher, nur um dann jäh zu zerplatzen. Ich hätte ewig dabei zusehen können.

Der Park ist in Ebenen aufgeteilt. Man kommt über gepflasterte Wege und über Treppen, mal steil, mal weniger steil, stetig nach oben. Girlanden bunter Blumen; blau, gelb, violett, blühen und überlagern Mauern und Wände. Verschlungene Pfade führen uns zu kleinen Oasen unter Arkadenbögen, wo Künstler Instrumentalmusik spielen und/oder katalanische Lieder singen. Selbst nach den Urlaub, zurück in Mannheim angekommen, träume ich des nachts immer noch von dieser Musik.

Unter den Arkadenbögen haben sich Zuschauer um die Musiker versammelt. Manche sitzen auf den steinernden Bänken, andere stehen da, an die kühlenden Felswände gelehnt; viele schneiden den Auftritt mit ihren Handys mit. Immer wieder klimpern Münzen, von Zuschauern in die aufgestellte Schachtel hinein geworfen.
Ein Sänger, groß und sehnig, tanzt katalanische Tänze und singt dazu die Lieder, sein langer Zopf wirbelt herum und das kantige, braungebrannte Gesicht ist in sich gekehrt in höchster Konzentration. Die Tanzeinlage beendet er mit einem rhythmischen Klacken seiner Absätze und die Kastagnetten in seinen Händen geben den Rhythmus vor. Zackig wirbelt er noch einmal herum, bevor er dann nach beendetem Tanz atem- und regungslos dasteht. Erst da lässt langsam seine Körperspannung nach und die Konzentration in seinem Gesicht weicht einem erleichterten Lächeln. Die Menge applaudiert und wieder fliegen Münzen in die Sammelschachtel hinein.

Über den Arkaden führen Wege entlang, immer höher und höher; so stellen die Bögen gleichzeitig Brücken dar, mit Pflanzen überwuchert und aus sandfarbenem Gestein gefertigt. Riesige Aloe-Pflanzen sind hier und dort zu sehen, mit mächtigen, fleischigen Blättern, in die Besucher ihre Namen und Initialen eingeritzt hatten. Vögel singen in den Bäumen ihre Lieder und die Luft ist erfüllt vom Duft der Akazien, den der Wind mit sich bringt.

Der Park ist in Ebenen aufgeteilt, die man über sich schlängelnde Treppen und Wege nacheinander erreichen kann. Eine Ebene weiter oben bietet sich ein wunderbarer Blick über Barcelona. Der gepflasterte Weg ist hier sehr breit und verläuft direkt über den Arkaden, unter den die Künstler stehen. Hier oben streicht ein leichter Wind entlang und die Musik ist nicht mehr zu hören.

Links und rechts wurde ein Geländer aus Stahl nachträglich angebracht, gleich dahinter zieht sich eine niedrige, dicke Sandsteinmauer, hinter der es auf beiden Seiten steil nach unten geht. Die Hänge sind mit Efeu, Aloe und Blumen überwuchert, was ich clever finde: Gras würde hier im tiefen Schatten nicht wachsen,  doch Efeu wächst unter allen Bedingungen und begrünt so die Anlage.

Links von uns – der Ausblick auf die Stadt; rechts von uns – zwei Frauen, die über die Brüstung geklettert sind und nun beide ausgestreckt im Gras… äähm… im Efeu liegen (ist das denn bequem?) und schlafen.

Auch wir klettern unter dem Geländer hindurch und setzen uns auf die niedrige, breite Mauer, was wesentlich bequemer ist als nur angelehnt dazustehen. Menschen kommen, fotografieren und gehen wieder. Familien machen gegenseitig Bilder voneinander, im Hintergrund der Blick auf die Stadt. Eine junge Japanerin steht sehr lange da mit einem Selvie-Stick in der Hand und positioniert es mal nach links, mal nach rechts, für das perfekte Foto.

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„Wollen wir weiterlaufen?“ Frage ich irgendwann, nachdem wir ausgiebig dagesessen und den Ausblick bewundert haben.

„Na ja, hier geht es nur noch weiter nach oben.“

„Gibt es da oben noch etwas zu sehen?“ Will ich wissen; irgendwie fühle ich Aufbruchstimmung aufkommen.

„Ich glaube, nicht…“  Wir beschließen, wieder hinunter zu steigen und uns langsam auf den Weg zur Bushaltestelle zu begeben. Unglaublich, wie schnell man ist, wenn der Weg abwärts führt! So weit sind wir eigentlich gar nicht aufgestiegen, denke ich.

Diesmal wählen wir im Bus die obere Etage, doch die Plätze dort sind hart umkämpft. An dieser Haltestelle stehen diesmal keine Mitarbeiter, die für Ordnung sorgen und so lassen die Wartenden, als der Bus endlich anrollt, jeglichen Anstand fahren. Sie schieben sich an uns vorbei, drängen nach vorne, quetschen sich vor; von allen Seiten pirschen sie heran. Es ist egal, wer zuerst da war und wer nicht. „Was für Arschlöcher… Kulturloses Pack!“ Schimpft Stefan, als eine rothaarige Frau flink unter seinem Ellbogen hindurch die Tür vor uns erreicht.

Oben glauben wir schon, wir hätten kein Glück gehabt. Doch da! Zwei Plätze, ganz hinten im Bus, sind noch frei und warten auf uns. Ich haste hin. Die sind unser! Das Schöne daran ist, dass die Plätze schattig sind, während die Menschen  vor uns in der prallen Sonne braten. Das hast du nun davon, rothaariges Biest!

Der Wind wirbelt unsere Haare  durcheinander und wir werden auf unseren Sitzen hin und her geworfen: Der Busfahrer steuert den Bus so rabiat, als würde er dem Feierabend entgegenfahren (ich werfe einen Blick auf die Uhr… ja, das ist nicht ganz ausgeschlossen). Die Straßen, Bürgersteige und Parks sind übersät mit gelben Akazienblüten und die Luft ist erfüllt von ihrem süßen Duft, den der Wind stoßweise zu uns herüber trägt.

Wir kommen am Stadion von FC Barcelona vorbei. Sofort zucken alle Kameras in die Höhe. „Speed“ steht auf einem Plakat, auf dem ein Spieler abgelichtet ist; entschlossen steht er da, die Hände in die Hüften gestemmt.

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Barcelona, Carrer de Blai: „…Esst Paella!“

In „unserem“ Viertel angekommen waren wir beide erledigt. Ich weiß nicht, wie viele Stockwerke wir am heutigen Tag schon bewältigt hatten.  Wir waren müde und hatten Hunger, und unweit vom Hostel, in dem wir residierten, befand sich Barcelonas berühmte Tapasstraße, die Carrer de Blai.

Stefan hatte sich bereits im Vorfeld über den Ruf der Tapasbars dort informiert und alle Internetbewertungen sorgfältig durchgelesen. „Die meisten Lokale werden von Deutschen sehr gut bewertet.“ Erklärte er mir jetzt. Ich zuckte mit den Schultern. Was sollte mir das sagen? Dass dort Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat angeboten wird? Und man die Möglichkeit hat, sich seinen Sitz mit einem Handtuch zu reservieren? Wie man sieht: der Hunger und die Müdigkeit machten mich humorlos.

Wir liefen die Carrer de Blai hinauf. Das „hinauf“ hatte schon seine Richtigkeit, denn die Straße zog sich stetig aufwärts. Es war voll. Es schien, als hätten sich alle Besucher Barcelonas kollektiv hier versammelt, um ihren Abend ausklingen zu lassen – so wie wir. Denn obwohl wir mit Adleraugen nach einem freien Tisch schielten, fand sich nichts dergleichen. Und das, obwohl wir mit jedem gelaufenen Meter jegliche Ansprüche an die Lokalität soweit es ging hinunter schraubten und uns mit irgend einem Tisch zufrieden gegeben hätten – alle waren sie belegt. Mehr als einmal rannten wir fast schon zu einem potentiell freien Sitzplatz, nur um zu sehen, wie jemand, der näher dran stand als wir, sich plötzlich ganz leger umdrehte und in den Stuhl fallen ließ. Das eine Mal hatte ich den Tisch schon erreicht, da kam auch gleich der Kellner von der Seite heran und rückte mit strafendem Blick demonstrativ das „reserved“-Schild auf der Tischdecke zurecht, welches ich vorher übersehen habe.

Reservieren, was für ein Zauberwort. Wir waren, verdammt nochmal, den ganzen Tag in Barcelona unterwegs; kann man sich denn am Ende eines anstrengenden Tages nicht einfach spontan irgendwo niederlassen, die müden Beine ausstrecken und den Abend bei einem guten Essen und einem Glas Wein ausklingen lassen? War das denn zu viel verlangt?

Ja, war es.

Wir folgten der Straße bis zu ihren Ende, vorbei an zufriedenen, sitzenden Menschen mit Tapas oder anderen Leckerbissen auf ihren Tellern. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich nicht bald etwas in den Magen bekäme, selbiger anfängt, sich selbst zu verdauen. Dann, als keine Restaurants und Bars mehr zu sehen waren, kehrten wir um und liefen die Straße wieder hinunter.

Irgendwann standen wir wieder am Ausgangspunkt, den ein nicht sehr großer, mit Bäumen bepflanzter Platz bildete. Wir ließen uns auf eine Bank fallen (zumindest die war frei) und zogen Bilanz.

„Lass uns nach Hause gehen.“ Sagte ich zu Stefan. Es wurde schon dunkel. Ich hatte keine Lust mehr, ich wollte keine Tapas – ich wollte gar nichts mehr. „Wir können uns die Pizza aufbacken, die wir noch im Kühlschrank haben.“ Im Gegensatz zu den Wurstwaren war die Pizza genießbar.

„Warte bitte noch.“ Stefan studierte wieder Google Maps. „Es soll hier noch ein Restaurant geben, allerdings zwei Straßen weiter; wir müssten nochmal ein Stück die Tapasstraße hochlaufen dann nach rechts abbiegen und da wäre es.“ Ich schaute skeptisch. „Wir versuchen das jetzt einfach mal“ sagte Stefan, „Und wenn das nicht klappt, gehen wir nach Hause.“

Während ich noch überlegte, sah ich einen Obdachlosen, der sich schwankend in unserer Richtung bewegte. Ich überlegte, was er wohl von uns wollen könnte. Kleingeld? Ja, bestimmt möchte er Kleingeld haben.

Der Mann, vor unserer Bank angekommen, bat uns jedoch um eine Zigarette. Er sah etwas angeheitert, ansonsten aber freundlich aus. „Wir haben keine Zigaretten.“ Erkläre ich ihm. „Nur Tabak.“

„Tobakko, si, si!“ Sein Gesicht strahlte. Stefan holte zögernd sein Päckchen aus der Tasche, hielt es aber weiterhin krampfhaft mit beiden Händen fest.

„Schatz.“ Sagte ich. „Der Mann hat gesagt, Tabak wäre okay.“ Der Mann schaute erwartungsvoll, doch Stefan war immer noch nicht bereit, sein Tabak aus der Hand zu geben.

„Nu gib ihm schon den Tabak!“ Ich nahm ihm das Päckchen aus der Hand und gab es dem Obdachlosem. Der nahm es entgegen, öffnete es, holte sich eine Handvoll aus der Tüte und gab sie strahlend wiede zurück. „Danke, danke!“ Sagte er immer wieder, während er sich zu seiner Begleiterin entfernte, die mit ihm zusammen an der Ecke an die Wand gelehnt saß. Ich winkte ihm noch nach.

„Hast du etwa gedacht, du würdest dein Päckchen nie wieder sehen?“ Fragte ich Stefan schmunzelnd, während wir weiter gingen. Der druckste um eine Antwort herum.

Um zu dem von Stefan entdeckten Restaurant zu kommen mussten wir uns wieder in die unliebsame Tapasstraße begeben. Ich schielte neidvoll zu all den glücklichen, sitzenden Gästen herüber. Da entdeckte ich genau vor uns einen freien Tisch.

„Sag mal, siehst du, was ich sehe?“ Ich stupste Stefan an. „Der wird bestimmt besetzt sein…“ Sagte Stefan zögernd. Wir näherten uns dem Tisch und rechneten damit, jeden Moment vom Kellner verjagt zu werden oder Gäste zu entdecken, die schon länger gewartet hatten als wir und jetzt ebenfalls darauf zusteuerten.

Aber es passierte nichts dergleichen. Der Kellner kam freundlich schauend auf uns zu.

„Kann man sich hier hinsetzen?“ Fragte ich. „Si, si!“ Er schob lächelnd die Stühle für uns zurück. Unser Glück kaum fassend nahmen wir am Tisch der Tapasbar Platz. Unser Restaurant, in das wir eigentlich wollten, war im selbigen Moment vergessen.

Die Speisekarte versprach bunte, kulinarische Erlebnisse. Tapas, wo sind die Tapas? Ach, da sind sie… oh… ach so, man muss sie sich individuell zusammenstellen…? „…und so fertig gemischte Platten haben die hier nicht?“ hm…okay. Für das Aussuchen und Zusammenstellen hatte ich jetzt keinen Nerv. Ich wollte mein Essen – jetzt. Paella… kreiste Vanessas Stimme in meinem Kopf herum. Bestellt Paella…

Also bestellten wir zwei gemischte Pfännchen, mit Muscheln, Meeresfrüchten und Hähnchenfleisch. Als das Essen kam und wir davon probierten, wurde uns beiden schnell klar, dass das, was dem gutmütigen Restaurantbesucher in Deutschland so als spanisches Essen vorgeschoben wird, mit dieser Köstlichkeit hier nicht das geringste zu tun hat. Das hier war saftig, würzig, lecker… ein Erlebnis. Und wir bereits nach kurzer Zeit pappensatt.

Völlig erledigt schleppten wir uns an diesem Abend die Treppen zu unserem Zimmer hoch. Ich hatte zwar das schemenhafte Vorhaben, nach der Paella noch zur Font Magica zu laufen (diese befand sich nicht weit von uns entfernt), doch nach dem beendeten Mahl landete die Font Magica auf der Liste der unerledigten und aufgeschobenen Dinge.

…sehr schnell wurde uns klar, dass das, was uns in Deutschland als Paella vorgesetzt wird, mit richtiger spanischer Küche nicht das geringste zu tun hat… Das hier war würzig, saftig, lecker… und wir bald pappensatt.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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