Europa, Polen

Czerwinsk an der Weichsel

Goldene Wandverzierungen, Ikonen und Verschnörkeltes, ein prachtvoll geschmückter Altar, getaucht in Kerzenlicht. Die Weihnachtsbeleuchtung tut ihr Übriges, und so bleiben wir zunächst sprachlos stehen. Stefan zieht andächtig seine Mütze vom Kopf.

Wir entdeckten heute eine wunderbare romanische Kirche aus dem 11 Jhd., mehr oder weniger durch Zufall, denn im Grunde fuhren wir zunächst etwas planlos, dafür aber mit einer aufgeladenen Kamera (toi toi toi) durch die Gegend.

Wir erkunden also die nähere Umgebung. Gut, also… Stefan erkundet die nähere Umgebung, ich sitze nebendran. Wie schon gesagt, es ist Polen, das meiste hier kenne ich ja schon. Nebenbei kommuniziere ich per Sms mit meiner Freundin Jola. Wir sehen uns alle Jubeljahre einmal, wenn ich im Lande bin, was selten genug der Fall ist. Für morgen haben wir ein Treffen geplant, ihr Mann ist den ganzen Tag außer Haus, also haben wir viel Zeit für uns.

Mein Schatz kommentiert die Gegend. Wie die Häuser aussehen, wie der Zustand der Straßen ist, der Verkehr… Klar, es ist für ihn alles neu und spannend hier. Ich gähne in meinen Schal.

Dann, irgendwann, zeigt sich die Sonne. Hätten wir heute doch den Lazienki-Park besuchen sollen?

Heute morgen zeigte ich Stefan das Haus meiner Großeltern in Milecin, dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Bei der Gelegenheit kam auch meine Mutter mit, sie wollte ein paar ihrer Sachen von dort holen.

Es war befremdlich für mich, dort zu sein. Wir kamen nur in den Hof hinein, das Haus selbst war verschlossen. Die Fenster waren dunkel, kein Hund, der bellend herumsprang. Viele der Obstbäume wurden gefällt und durch Thujen ersetzt. Der Rasen im Innenhof war voller Maulwurfshügel. Mich fröstelte. Es kamen keine Erinnerungen hoch. Der Ort hatte sich zu sehr verändert, er strahlte keine Wärme mehr aus. Es hatte sich alles verändert, die Vergangenheit war tot.

Czerwinsk an der Weichsel – so heißt der Ort, der die bereits erwähnte, wunderbare Basilika beherbergt. Schon von außen beeindruckend, bietet sie innen ein atemberaubendes Bild.
Farbenfrohe Decken und Waldmalereien – in Dunkel getaucht- kommen im Blitzlicht der Kameras zum Vorschein.Das Innere der Kirche ist opulent, in barocken Stil ausgestattet. Goldene Wandverzierungen, Ikonen und Verschnörkeltes, ein prachtvoll geschmückter Altar, getaucht in Kerzenlicht. Die Weihnachtsbeleuchtung tut ihr Übriges, und so bleiben wir zunächst sprachlos stehen. Stefan zieht andächtig seine Mütze vom Kopf.

Ein kurzer Moment der besinnlichen Stille, dann beginnt das Fotografieren. Altar, Kirchenschiff, Deckengemälde, alles wird aufgenommen, alles muss drauf, wir wollten, wenn es irgendwie ging, so viel wie möglich von diesem Ort hier einfangen. Hast du das Licht drauf bekommen, Schatz? Und die bemalte Decke? Mit Blitz… ja, mit Blitz ist es besser. Oh ja, ich hab alles… aber nein, schau mal, dieses und jenes Detail noch…

Hm… ich hätte auch gerne ein Bild von mir hier an diesem Ort… ich setze mich mal da vorne hin, vielleicht fotografiert mich Stefan ja… Oh ja, er hebt schon seine Kamera. Jetzt ja ganz unbeteiligt schauen, nur nicht so wirken, als hätte ich bloß darauf gewartet… zack, im Kasten. Jetzt einmal aufstehen, nach vorne laufen… Schatz, machst du noch ein Bild von mir? Danke!

Als wir hinaustreten, hatte es schon wieder aufgehört zu regnen. Dafür setzte die Dämmerung ein. Sechszehn Uhr. Winter. Wir fuhren zurück, noch immer tief beeindruckt. Dunkelheit, Nieselregen. Ein Straßenschild leuchtet kurz im Licht der Scheinwerfer auf.

„Vorsicht, Hund auf der Straße.“ Hund auf der Straße?

Doch wir sind zufrieden. Allein für diese Kirche hatte es sich schon gelohnt.

Morgen früh steht der Marktbesuch auf dem Plan. Danach – Freundin wiedersehen. Haben uns ewig nicht mehr gesehen.

Den Nachmittag verbrachten wir bei Jola.

Schnatter, schnatter…

Ist mein Schatz denn noch wach hier neben mir auf der Couch? Er versteht ja kein Wort von dem, was wir hier reden… Aber nein, geduldig schaut er sich den Sonnenuntergang an. Also weiter, schnatter schnatter… Ja, klar möchte ich Tee. Ja, ich sitze auch ganz bequem. Nein, wirklich keinen Hunger. Schatz, du? Nein, er auch nicht. Jola, jetzt setz dich endlich mal hin und erzähl weiter, wir sind wirklich bestens versorgt. Ja, es ist auch noch genug Kuchen da. 🙂

Später dann, auf dem Weg zum Auto, sehen wir nach oben in einen eiskalten, klaren Sternenhimmel. Stefan erklärt mir Sternbilder. Beim Sprechen steigen heiße Dampfwolken in die Luft. Irgendwo in weiter Ferne bellen Hunde. Wo bei uns in Mannheim kann man denn noch so einen Sternenhimmel sehen, so klar und deutlich wie hier?

Frostig, kalt, wunderschön… mögen die Eisblumen an den Autoscheiben niemals schmelzen.

Den Rest des Abends nutzte ich, um die Kleiderschränke meiner Mutter zu plündern. Sie besitzt viele schöne Teile, die ihr nicht mehr passen. Oder besser: besaß 😉
Nun habe ich… ein Platzproblem im Schrank. Ich sehe es schon kommen. Morgen schaue ich die Sachen nochmal durch. Werde ich wirklich alles anziehen?

Die goldene Uhr meiner Oma glitzert an meinem Handgelenk. Ein Geschenk zur ersten Kommunion. Wunderschön, ein kostbares Erinnerungsstück.

Morgen heißt das, ganz früh aufstehen, den Lazienkipark besuchen. Ich ziehe die Russenmütze mit den Ohrenschützern auf. Es soll bitterkalt werden. Ich hoffe dennoch auf strahlenden Sonnenschein, so wie heute.

Einkaufsliste Markt: 16 €

(Kuchen, Pralinen, Äpfel, Handschuhe, Honig, die Brötchen vom Bäcker…) So günstig komme ich in Deutschland nie davon. Und wenn, dann höchstens mit absoluter Konsum-Abstinenz 😉

Das war: Polen, Dezember 2015

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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