Wie ich in Alkmaar abgeschleppt wurde – und: Glück ist, wenn man trotzdem lacht

Kategorien Europa, Niederlande

Fast unbemerkt passiere ich die Grenze. Keine Kontrollen, nix, rein gar nix. Nichteinmal die sonst immer so omnipräsente Polizei. Ab sofort gilt Tempo hundertdreißig – und mit einem Male scheint es hier keiner mehr eilig zu haben. Keiner will mehr Erster sein. Wie entspannt.

Doch der erste Eindruck verpufft ziemlich schnell, denn die Niederländer fahren gerne dicht auf.

Windräder und flaches Land. Ich fahre an Weiden, Wiesen und viel flachem Land vorbei. Und, oh, guck mal; die kleinen Höfe und Dörfer, diese kleinen, putzigen Häuschen, ach wie süß! Und gefühlt jeder zweite fährt einen Camper spazieren, wie süüüß! Und ihre Sprache hört sich für meine Ohren so putzig an. Ja, so ist es manchmal – ab und zu finde ich all das ganz ulkig, all die Unterschiede, die es kennen zu lernen gilt und die ein mir unbekanntes, neues Land ausmachen. Doch deswegen bin ich ja hier, genau das ist der Grund für das Ganze. Kennenlernen, selber einmal da sein.

Natürlich weiß man, dass es all die anderen Länder um uns herum in dieser Welt gibt, das sagt uns das Fernsehen, die Nachrichten und unser Allgemeinwissen, doch erst, wenn man sie gesehen, erst wenn man sie betrachtet – wenn man sie bereist hat – erst dann begreift man tief im Inneren, dass sie wirklich existieren und dass sie wirklich anders sind, anders sprechen, andere Bräuche haben als wir. Dass sie anders… oder womöglich: dass wir anders sind?

Was mir in Städten auffällt, ist die moderne Architektur. Ich fahre an einem Gebäude (…Gebilde?) vorbei, das aussieht wie ein I-Pad.

Und ja, der Holländer drängelt gerne – und das finde ich dann doch nicht mehr so ulkig.

Rote Kondensstreifen zerschneiden völlig den Abendhimmel. Das Kreiselsystem in den Städten verstehe ich nicht. Die Kreisel selbst haben innen teils keine Spurmarkierung, obwohl sie mehrspurig sind. Ich bin ein wenig überfordert. So etwas hatte ich bereits in Rumänien, aber, ich meine… das war Rumänien, da ist eh jeder gefahren, wie er wollte. Ich bin inzwischen erschöpft und muss mich mit einem neuen System auseinandersetzen.

Oder die Autobahnen. Ich zähle die Spuren. Fünfspurig – fünf(!)spurig, und nur hundert km/h sind erlaubt. Oder eine vierspurige Autobahnstrecke, die sich plötzlich für mehrere Kilometer komplett in zwei mal zwei Spuren aufspaltet und beides parallel verläuft. Ich überprüfe irritiert die Beschilderungen, doch sie sind identisch. Keine der Spuren führt woanders hin.

In Richtung Amsterdam sehe ich die ersten Windmühlen. Inzwischen ist es dunkel geworden und die Temperaturanzeige klettert immer weiter nach unten. Ich fahre gemütlich mit hundert weiter. Bei Utrecht ist alles voller Nebel – so viel Nebel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Bei uns im Süden bleibt der Nebel eher der Herbstzeit vorenthalten. Da, auf der linken Seite, in der tiefen Dunkelheit, da muss die Nordsee sein! Zumindest sagt mein Navi das.

Und vor lauter neuen Eindrücken – plötzlich ist die Müdigkeit wie weggeblasen, ich bin komplett wach. Die Kontrolllampe an meinem Auto meldet sich mit einem „Ping!“ und eine Kaffeetasse erscheint. Müdigkeit erkannt! Bitte Pause einlegen! Geh weg, Anzeige, dich brauche ich nicht mehr!

Mein Kopf ist voller Worte, Worte, die von selbst entstehen. Worte, die raus müssen. Immer wieder kommen neue dazu und ich versuche, sie alle zu behalten. Manchmal, da fällt es mir schwer, über etwas zu schreiben, das ich schon kenne. Doch ein neuer Ort, und die Worte kommen von alleine, zersprengen meinen Kopf, wollen raus. So wie jetzt. Und ich werde erst Ruhe haben, wenn alles auf Papier ist.

Irgendwann spät am Abend komme ich in Alkmaar an. Parkplätze sind Mangelware, alles scheint mir unübersichtlich. Ich bin gestresst und die vielen Radfahrer, die wie die Hasen aus dem Gebüsch zu springen drohen, rauben mir den letzten Nerv. Ich versuche, eine Parkmöglichkeit nahe Kings Inn zu finden, merke aber schnell, dass das mitten in der Altstadt gar nicht so einfach ist…

Auf einem kleinen Platz ist noch etwas frei und ich lasse mein Auto hier stehen, froh darüber, mit Gepäck nicht so weit laufen zu müssen. Fast sechshundert gefahrene Kilometer liegen hinter mir, na, das ist doch ein Wort – ich bin müde. Die Parkplätze sind glücklicherweise am Abend kostenfrei, Parkscheine müssen Werktags nur bis 21 Uhr gezogen werden. Es ist zehn vor neun und andere Fahrer haben anscheinend auch kein Parkschein mehr gezogen. Nur am Rande registriere ich, wie schön die Altstadt eigentlich ist und dass sie hier noch immer so etwas wie Weihnachtsbeleuchtung hängen haben.

Das Kings Inn Hostel ist schnell gefunden; man lasse sich nicht irritieren und laufe einfach mit Gepäck todesmutig in einen vollen Raum hinein, der wie ein gut besuchtes Restaurant aussieht. Da, wo das Essen zubereitet wird, befindet sich auch die Rezeption. Der Mitarbeiter begrüßt mich in seinem ausgewählt besten Deutsch. „Gut, gut…“, sagen andere Anwesende und grinsen. Das Hostel ist bereits bezahlt, denn die Reservierung erfolgt nur nach Banküberweisung, und ich bekomme meine Zimmerkarte ausgehändigt.

Mein Zimmer ist klein, aber sehr süß und sauber, für zwanzig Euro die Nacht bekomme ich ein eigenes Bad, Flachbild und eine mobile, zusätzliche Heizung. Heute Abend wird nur noch geschlafen, Abenteuerin spielen kann Kasia morgen früh immer noch.

Am Morgen bin ich zwar um sieben wach, doch ehe ich mich aus dem Bett und dann aus dem Haus quäle, ist es halb zehn. Ich würde ja sagen: „Das Geschrei der Möwen hatte mich geweckt“, doch so war das nicht ganz, denn ohne Ohrstöpsel verlasse ich nicht das Haus. Nichtsdestotrotz schreien hier die Möwen, als hätte ihnen jemand das Gefieder gerupft.

Alkmaar sieht am Tage ein bisschen anders aus, es fehlt irgendwie das stimmungsvolle Licht der vielen Leuchtgirlanden, die immer nachts eingeschaltet werden. Auf dem kleinen Platz ist heute Markt – es gibt Blumen, es gibt Käse, es gibt alles. Wie schön! Begeistert laufe ich hin, fotografiere die schöne Szenerie, bunte Blumen in den Blumenkästen vor malerischen Giebelhäusern. Bis… Moment mal…

Oh Shit!

Bis mir bewusst wird, dass sich der Markt genau dort befindet, wo noch gestern mein Auto stand.

Welches jetzt nicht mehr da steht.

Hm.

Ich laufe zu dieser Stelle, meinem ehemaligen Parkplatz, stehe da noch ein bisschen unschlüssig herum, errege damit die Aufmerksamkeit eines Holländers auf seinem Fahrrad (was sonst!), der sich sein verstohlenes Grinsen kaum verkneifen kann und muss selbst lachen. Sie haben mich abgeschleppt, denke ich. Noch fühle ich keine innere Unruhe, das kommt erst später. Genauso gut kann ich jetzt auch über den schönen Markt schlendern, bringt ja alles nix.

Abgeschleppt in Holland. Der Klassiker.

Wieder im Hostel beginne ich, zu recherchieren und lese nach, dass für die kleinsten Ordnungswidrigkeiten, falsch parken usw. hierzulande horrende Strafen drohen. Ebenso für das Überschreiten der Höchstgeschwindigkeiten und sonstige Verstöße im Straßenverkehr. Der Bußgeldkatalog in den Niederlanden liest sich wie der Gehaltszettel eines Bundesligaspielers.

Doch nirgendwo finde ich eine Info dazu, was das Abschleppen kostet. Ich rechne damit, blankgespült nach Hause fahren zu müssen.

Ich komme nicht weiter, also bitte ich unten an der Küche/Rezeption um Hilfe. Das Mädel telefoniert eine Weile, schreibt mir dann eine Telefonnummer auf und gibt sie mir. „Der Mann hat dein Auto. Am besten rufst du ihn an.“

Wieder rauf aufs Zimmer. Hier entscheidet sich die Software meines Smartphones, mich zu boykottieren. SIM-Karte nicht konfiguriert, sagt mir das Ding. WTF??

Nun, ich habe jetzt ganz andere Sorgen als die Inkompetenz der blöden Software. Da sich die Dame unten sofort sicher war, es handele sich um mein Auto, ohne das Kennzeichen abgefragt zu haben, war die doofe Deutsche wohl die einzige, die sich hat abschleppen lassen. Ich google anhand der Nummer den Abschleppdienst. Zu meinem Glück befindet sich die angezeigte Adresse unweit der Alkmaarer Altstadt. Drei Kilometer, das wird in einer Stunde machbar sein. Ich wollte eh abnehmen.

Es ist bedeckt, doch trotzdem warm und so laufe ich munter los, vom immerwährenden Möwengeschrei begleitet. Doch nein, die schreien nicht – die lachen mich aus. Und auch ich muss lachen. Ausrasten belastet nur den Herzkreislauf und Weinen das Make-up. Außerdem wollte ich Nordholland eh zu Fuß erkunden.

Alkmaar ist ein sehr hübsches, kleines Städchen, das registriere ich wohl noch, obwohl ich ganz andere Sorgen im Kopf habe. Die hübschen Häuser, die Buntglasfenster an den Verandas, die kleinen, süßen Gassen. Ich verlasse das Zentrum.

Viele Klischees begegnen mir hier und ja, Holland ist bislang die einzige Gegend, die wirklich so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe: viel grünes, flaches Land, kleine, schmucke Häuschen, stellenweise genial schlichte, geradlinige, moderne Architektur. Und die Fahrräder. Und die Windmühlen. Und die Camper. Das viele Wasser. Und der Käse. Fast jedes meiner Aufnahmen hat die meisten der Klischees in sich vereint. Nur Tulpen sehe ich vorerst keine.

Die Häuschen sind genial, doch da sie mich abgeschleppt haben, bin ich heute etwas weiter davon entfernt, all das hier ulkig zu finden. In meinem Kopf bin ich woanders, ich bin bei meinem Auto, und obwohl ich versuche, möglichst entspannt zu bleiben (es kommt wie es kommen soll, sich Gedanken zu machen bringt nichts…), mache ich mir dennoch Sorgen. Noch ist der Ausgang völlig offen.

Und das hiesige Bürgersteig-System verstehe ich nicht so ganz. Die Bürgersteige enden plötzlich und abrupt, oder sie führen woanders hin, nur nicht in die gewünschte Richtung. Doch wen interessiert das, denn außer mir sehe ich außerhalb vom Stadtzentrum keinen, der zu Fuß unterwegs ist. Die Straßen werden von Auto- und Radfahrern dominiert, Fußgänger gibt es so gut wie keine.

Carpe diem! Ich versuche, den unfreiwilligen Ausflug als ein Ereignis zu sehen und mich darüber zu freuen, dass ich Alkmaar in all seinen Facetten zu sehen bekomme. Wie gesagt, ich versuche es. Gerade stehe ich am Wasser, betrachte die vielen kleinen, vertäuten Boote, die gelben, trockenen Gräser, die sich im Wind biegen und die zwei Windmühlen, die sich so schön fotogen hintereinander positioniert haben (Perspektive!) und komme nicht umhin, die Schönheit dieses Landes zu erkennen.

Für den Weg von nicht ganz einer Stunde brauche ich zwei. Oft muss ich umkehren, weil der Weg für Fußgänger endet oder es schlicht keinen gibt. Als ich an der angeschriebenen Adresse stehe, ist da nichts, gar nichts, „mein“ Abschleppdienst befindet sich nicht hier. Es gibt zwar eine Autowerkstatt, doch mehr auch nicht. Ich beschließe, mir jetzt mal Hilfe zu holen und laufe rein.

Der nette Mann vom Empfang telefoniert für mich mit besagtem Abschleppdienst. Der Betrieb ist umgezogen, erklärt er mir, er befinde sich schon seit einigen Jahren nicht mehr in dieser Gegend, sondern etwa zehn Minuten Fußmarsch vom Zentrum entfernt. Und ja, die haben meinen Wagen.

Ich spreche zwar kein Niederländisch, verstehe es aber einigermaßen und so stehe ich daneben und höre zu, wie der Mann von der Werkstadt dem Mann vom Abschleppdienst amüsiert erzählt, dass ich die Strecke zu Fuß gelaufen sei. „Es ist gut gegen den Bauchspeck.“ Sage ich zu ihm und er lacht.

Der Abschleppdienst will mich abholen. Ich setze mich hin und warte. Und tatsächlich, circa fünfzehn Minuten später ist der Abschleppwagen da. Der Mann, der mich abgeschleppt hatte, spricht perfektes Deutsch. Sein Unternehmen sei vor etwa 15 Jahren schon aus dieser Gegend weggezogen, erklärt er mir. Doch Google spuckt oft noch die alte Adresse aus.

Auch die Abschleppgebühr ist am Ende nicht so hoch wie ich erwartet habe: 248 Euro kostet der Spaß, und da ich in Mannheim Leute schon ab 300 Euro aufwärts habe zahlen sehen, fühlt sich das fast schon nach Schnäppchen an.

„In Amsterdam“, sagt er, „da sind die Abschlepper sehr aggressiv. Es kostet dort rund 400 Euro und mehr.“ Er fragt mich, warum ich die Polizei nicht angerufen hätte. Die kennen ihn und er holt seine „Kunden“ normalerweise immer in der Stadt ab. „Ich arbeite schon seit rund zwanzig Jahren hier.“ Sagt er. Auch alle Händler am Markt kennen mich sehr gut.“

Ich hätte also das machen müssen, wofür ich eigentlich zu stolz bin – einfach mal die Leute um Hilfe zu bitten.

Auf dem Rückweg parke ich am Rande der Stadt, wo eine Tageskarte günstige drei Euro etwas kostet. Gezahlt wird mit Karte und das Kennzeichen wird dabei registriert. Der Parkplatz ist groß und fast leer und befindet sich circa einen Kilometer von der Altstadt entfernt, was nicht weit ist für meine Begriffe. Doch nachdem ich den Parkschein platziere, mag ich mein Auto trotzdem nicht allein lassen. Ich habe, obwohl nun alles in Ordnung ist, trotzdem noch diese unbegründete Angst, dass etwas passieren könnte, sobald ich mein Fahrzeug auch nur kurz aus den Augen lasse. Ist das irgendwie schräg…?

Alkmaar ist ein wunderhübsches Plätzchen Erde. Ein bisschen wie Amsterdam, doch ruhiger, gemütlicher, schöner. Irgendwie heimelig. Am Wasser liegt ein altes Segelschiff vor Anker. Eine Gruppe Männer singt in Bierlaune im Boot daneben; die Jungs amüsieren sich und machen Faxen. Einer von ihnen beginnt, am Deck zu tanzen und provoziert es, von mir fotografiert zu werden. Der verrückte Holländer.

Jetzt habe ich Zeit und Muße, mir das Städchen genauer anzusehen. Alkmaar ist wunderschön. Kleine Backsteinhäuser, Cafes und enge Gassen. Es gibt hier Museen wie das Bier-Museum oder das Käse-Museum, ein Katzen-Cafe und den berühmten, wöchentlichen Käsemarkt, der Freitags stattfindet.

Der Wochenmarkt, der mich mein Fahrzeug gekostet hat, dauert immer noch an. Anscheinend ging er den ganzen Tag lang, doch langsam packen die Händler zusammen. Als ich weiter gehe, stelle ich fest, dass sich der Markt über die gesamte Altstadt erstreckt hatte. Ich erstehe anderthalb Kilo Käse. Auch ein Holland-Klassiker.

Händler bauen ihre Stände wieder ab und packen zusammen, überall stehen nur noch Gerüste herum. Jetzt fühlt es sich doch noch so an, als hätte ich etwas verpasst. Was solls, ich hab ja noch das anderthalb Kilo Käse. „Guten Tag!“ Ruft mir einer der Händler auf deutsch zu und grinst. Ich grinse zurück. Na ja, es gibt wohl nicht so viele andere Möglichkeiten, wo ich herkommen könnte.

Es ist Abend und die Cafes sind voll. Spontan entscheide ich mich für ein feines Plätzchen und für einen Latte. Meine Füße brauchen Ruhe, gelaufen bin ich für heute genug…

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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