Europa, Polen

Warschau – Der Kulturpalast

Ein bedeckter Himmel am Morgen. Klasse.

Aber die Wetterprognose besserte sich, sobald wir Warschau erreichten. Bereits als wir aus dem Auto stiegen, erwartete uns schon ein strahlender Himmel.

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Nach ein paar obligatorischen Fotografien besuchten wir den Kulturpalast. Der Zugang zur Aussichtsplattform war mit fünf Euro Eintritt verhältnismäßig günstig, und die Aussicht war großartig. Sonnenstrahlen über der Stadt. Ganz Warschau war getaucht in ein diffuses, dunstiges Winterlicht. Ein Foto, noch eins. Und noch eins, weil es so schön war.

Brr, kalt. Nach und nach werden unsere Finger immer steifer. Im Panorama-Cafe gibt es Abhilfe in Form von Glühwein. Wir wärmen unsere tiefgefrorenen Glieder wieder auf.

Es liegen keine Karten aus, doch die Bedienung ist sehr freundlich und zuvorkommend. Wir lassen uns dann mal überraschen, was der Spaß hier kostet. Aber dass sie Glühwein haben, finde ich doch schon klasse.

Eine einzige Toilettenkabine für’s gesamte Stockwerk. Also stehe ich an, nur um mir die Nase zu putzen. Ich glaub’s nicht.

„Schatz, war da nicht diese Siedlung hier irgendwo in der Nähe, in der die Bauarbeiter wohnten, die den Kulturpalast mit erbaut haben? Erinnerst du dich an die Reportage?“

Ja, er erinnert sich. Das ist da, wo sie jetzt so alternativ leben sollen. Stefan zückt sein Handy und googelt. Siedlung „Przyjazn“ heißt sie. Siedlung „Freundschaft“ übersetzt. Was für ein schöner Name. „Soll hier irgendwo ganz in der Nähe sein.“

Mir fällt verstärkt auf, wie höflich meine Landsleute sind. So bemängelswert der Service (…welcher Service? 🙂 ) auch mancherorts sein mag („unsere“ Bäckerin legte uns diesmal gar nicht erst eine Tüte hin, die hat wohl auch dazu gelernt 😉 ), umso höflicher sind die Menschen auf der Straße. Beim Anstehen wird nicht gedrängelt, jeder scheint zu wissen, wo sein Platz ist. Als wir auf die Aufzüge zur Aussichtsplattform warten, bemerken wir, dass niemand versucht, sich mit Gewalt in den eh schon vollen Aufzug hinein zu quetschen, wie ich hierzulande leider so oft schon beobachten konnte. Jeder wartet geduldig, bis es soweit ist und er an der Reihe ist. Oder man trifft auf eine wartende Menschenmenge und möchte vorbei? Durchdrängeln nicht nötig, die Menschen teilen sich wie Moses das Meer und bilden eine Gasse. Alles kein Problem. Diese Höflichkeit vermisse ich manchmal bei uns zu Hause.

Auf dem Weg nach unten drängelte dann doch noch jemand an uns vorbei in den wartenden Aufzug. Es waren deutschsprachige Jugendliche.

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So, Stefan hat nun fertig gegoogelt und kennt jetzt alle Fakten zur Entstehungsgeschichte des Kulturpalastes, sowie alles Wissenswerte, was es darüber zu wissen gibt. Darüberhinaus recherchierte er die „Goldenen Terrassen“, ein riesiges, sehr edles Einkaufszentrum nahe dem Kulturpalast, gleich mit. Ich denke mir gerade, dass mir dieselbe Zeit gerade eben dazu gereicht hatte, um meinen Glühwein zu trinken, und bin, wie immer, tief beeindruckt von seiner tiefgreifenden, unbändigen Neugierde.

Nach dem Besuch des Kulturpalastes (vollst.: „Palast für Kultur und Bildung“, ein großes Kino und ein Museum für Technik beherbergt es auch noch) zeigte ich Stefan unser „Downtown“, eine weiterzweigte, unterirdische Einkaufsmeile, die einen großen Bereich unterhalb des Stadtzentrums einnimmt und u.a. mit dem Metro und dem warschauer Hbf verbunden ist. Sie besteht aus ganz vielen kleinen Shops und Imbissbuden, die in einem System aus unterirdischen Gängen zu verschiedenen Ausgangspunkten der Stadt führen.

Danach taten wir uns noch die „Goldenen Terrassen“ an, Warschaus Gotteshaus des Konsums. Es handelt sich dabei um eine riesige Shoppingmeile, überdacht und über mehrere Etagen verteilt, mit einer transparenten Glaskoppel überdeckt. Innen wirkt alles sehr hell und lichtdurchflutet, und von außen betrachtet fließt die Glaskoppel in sanften Wellen bis nach unten. Architektonisch sehr beeindruckend und innen eine Welt für sich. Ein Luxusgeschäft folgt dem anderen und aus den Lautsprechern berieselte Musik die Kundschaft. Die Räume sind erfüllt von Düften und Farben, und Werbetafeln schreien dem Betrachter bunte Werbeslogans ins Gesicht. Eine dicke Menschenmasse schiebt einen unweigerlich immer weiter nach vorne. Ganz oben, unter der Glaskoppel, findet der Besucher Cafes und Essensgelegenheiten aller Art, vom Restaurant bis hin zur Burgerbude ist alles dabei.

Lange hält man den Geräuschpegel und die bunte Betriebsamkeit allerdings nicht aus, und so waren wir froh, wieder draußen an der klaren, kalten Luft zu sein.

„Es war ein schöner Tag.“

…sagt Stefan, als wir kurze Zeit später am Hbf bei Starbucks sitzen und unseren Cappuccino trinken. „Ein sehr angenehmes Land. Wenn ich überlege, was so ein Cappuccino bei uns in Deutschland kostet…“ Ich bin angenehm berührt, und ja, auch ein bisschen stolz, dass er meine Heimat als ein „sehr angenehmes Land“ bezeichnet.

„Ja.“ ich lache. „Das Auto ist weder geklaut noch beschädigt, keiner hat uns ausgeraubt, die Menschen sind nett und freundlich, sogar das Wechselgeld hat bis jetzt immer gestimmt. Selbst der Währungsumtausch in der Wechselstube war hier viel günstiger als in Deutschland bei der Reisebank. Tja… “

Ach, und die Getränke im Panorama-Cafe des Kulturpalastes stellten sich zum Schluss entgegen unserer Befürchtungen als doch nicht übermäßig teuer heraus. Mit Trinkgeld waren es ganze dreißig Zloty, das sind so an die sieben Euro fünfzig.

 

Pssst, Kasia…!

Sobald wir am Küchentisch sitzen, spielt sich immer folgendes ab: Mein Opa mustert Stefan fragend von der Seite, wie der an seiner Wurstschnitte kaut. Irgendwann wendet er sich mir zu und fragt (unauffällig, wie er glaubt): „Pssst, Kasia… Sag mal…“

Auf dem Markt

Das Wetter heute morgen: wunderschön und strahlend, mit minus zwei Grad, aber auch knackig kalt. Der Frost treibt uns das Blut in die Wangen, als wir über den örtlichen Markt schlendern. Ein Kilo Äpfel – zwei Zloty, umgerechnet 50 Cent. Lederhandschuhe – 25 Zloty. Traumhafte Preise. Nachdem Stefan einen neuen Geldbeutel ergattert (für`n Appel und ein Ei, möcht ich dazu erwähnen), heißt es für uns wieder einmal; Geld wechseln. Im Kantor am Schalter – derselbe Mann wie gestern, mit seinem emotionslosen, unbewegten Gesicht, welches jegliche Gefühlsregung vermissen lässt.

Danach machen wir einen spontanen Abstecher zur örtlichen Bäckerei. Wir kaufen uns querbeet durch das gesamte Sortiment und lassen uns alles einpacken, was nach süßen Stückchen und befüllten Brötchen aussieht. Magst du noch etwas haben, Schatz?

Die lustlose Verkäuferin legt die Brötchen auf die Theke und die Plastiktüte daneben. Wie jetzt, selbst einpacken? Die Bäckerei könnte eine Unternehmensberatung in Sachen Service gut brauchen. Aber hm… es schmeckt unglaublich lecker. Da verzeiht man ja fast schon den rauen Umgangston.

Am Abend sind wir mit meiner Freundin Jola bei ihr zu Hause verabredet. Obwohl sie Vormittags gut zu tun hat (die beiden wollen über Silvester wegfahren, Vorbereitungsstress also), schafft sie es, den Abend für uns freizuschaufeln.

Wir sitzen im Wohnzimmer, trinken Tee und versuchen, uns zu unterhalten. Ich sage; versuchen, denn der Kleine Robert hält seine Mama auf Trab. Mama dies, Mama das, Mama, hast du schon gesehen…

Jolas kleiner Sohn ist drei Jahre alt. Ein kleveres Kerlchen, sehr aufgeweckt und munter. Ihr scheint die Ablenkung nichts auszumachen, sie hat das wunderbare Talent, ihre Aufmerksamkeit nach Bedarf einzuteilen. Ganz im Gegenteil scheint sie die Liebe und Aufmerksamkeit des Kleinen sehr zu genießen. Sie ist glücklich in ihrer Rolle als Mama – das sieht und spürt man; geduldig beantwortet sie ihm seine Fragen, und setzt im nächsten Moment die eben unterbrochene Unterhaltung mit uns fort. Ich empfinde Bewunderung für sie, für ihre liebevolle Art; unnötig zu erwähnen, dass ich das so niemals gekonnt hätte. Sie muss mit der Zeit die bemerkenswerte Eigenschaft entwickelt haben, die Geräuschkulisse auszublenden.

Meine Freundin verschwindet in der Küche. Stefan hat sich dieses Mal etwas zum Lesen mitgenommen und ist dementsprechend vertieft. Das heißt; ich, quasi allein mit dem Kind. Eine Herausforderung… 😉 wer mich kennt, weiß, dass ich mit Kindern absolut nicht umgehen kann. Der Kleine zeigt mir Bilder aus seinem Automodel-Buch und nennt mir den Namen der Automarken. Ich lobe, und irgendwie kriegen wir die Zeit schon rum, bis Jola zurück aus der Küche kommt, einen Pizzateller in der Hand balancierend. Der kleine Robert gackert immer noch vergnügt vor sich hin. Wir sitzen da und erzählen. Vesuchen, zwei Jahre des getrennt sein in ein Gespräch zu packen. Alles, was wir sagen wollen, alles, was wir uns gegenseitig fragen möchten. Und trotzdem verbleiben wir am Ende mit einem unerfüllten Gefühl;, der unbestimmten Ahnung, etwas Wichtiges vergessen, etwas nicht gesagt zu haben. Haben wir alle Themen angesprochen, die uns am Herzen liegen? Ich weiß es nicht. Als wir uns am späten Abend verabschieden, erscheint mir all das als viel zu wenig, als viel zu kurz.

Abends daheim:

Meine Mama hat Kuchen gebacken. Meinen Lieblings-Apfelkuchen, nach einem Rezept von meiner Oma. Opa freut sich, dass wir wieder da sind.
Sobald wir am Küchentisch sitzen, spielt sich immer folgendes ab: Mein Opa mustert Stefan fragend von der Seite, wie der an seiner Wurstschnitte kaut. Irgendwann wendet er sich mir zu und fragt (unauffällig, wie er glaubt): „Pssst, Kasia…“
„Ja, Opa?“
„Sag mal…“ er zeigt mit dem Kopf auf meinen Freund. „Er spricht kein Polnisch, oder?“
„Nein, Opa.“ Sage ich dann. Mein Opa schüttelt den Kopf.
„Kein Wort?“
„Nein, Opa.“ Erkläre ich geduldig. „Kein Wort.“ Mein Opa schaut uns noch kurz an und fährt dann mit seinem Frühstück fort.
Doch dann wieder, am Morgen darauf: „Psst, Kasia… Der Stefan, der spricht aber kein Polnisch, oder?“

Abends, wenn wir alle zusammen da sitzen, singt mein Opa Lieder aus seiner Jugend. Dann sagt meine Mutter immer: „Komm, Kasia, zeichne das auf…“ Doch ich will den Moment nicht zerstreuen, will nicht mein Handy herauskramen. Nur zuhören.

Mein Opa baut zusehends ab. Irgenwie habe ich kein gutes Gefühl. Obwohl er so eigentlich noch recht fit ist. Doch ein Menschenleben ist endlich. Vielleicht hätte ich öfter herkommen sollen. Irgendwann haben wir nicht mehr so viel Zeit, wie wir immer geglaubt hatten, zu haben…

Das war: Polen, Dezember 2015

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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