September 2025
Die Aufstehzeit war schlecht getimed. Zumindest für mich. Kurz vor knapp kann ich nicht. Und so versetzt mich der „Panzer“, Renes unermüdlicher Weckklingelton, bereits in einen Alarmmodus. Was ist los, wer greift an? Niemand. Es ist einfach nur Zeit. Benommen begebe ich mich in die Vertikale. Und da unser Bad über hauchzarte, fast pergamentartige Türen zum Klo verfügt, schicke ich meinen Freund für ein wenig Privatsphäre erstmal aus dem Zelt.
Was sich als Fehler erweist. Denn ich bekomme die Zelttür nicht geöffnet. Zur Erklärung: das „Zelt“ ist mehr sowas wie ein Häuschen. Mehr oder weniger mit einem Mini-Riegel abschließbar. Zur frühen Stunde sind wir, also die Campbewohner, zum Sonnenaufgang auf der nächstgelegenen Düne verabredet. Stimmungsvoll und romantisch soll es sein. Und die Uhr tickt. Und die Scheißtüre klemmt. Ich trete und stemme mich dagegen. Bis irgendwann ein alarmierter Rene von außen öffnet und ein verwundertes Gesicht macht. Ich stecke den Kopf raus und schaue in weitere verwunderte Gesichter. Ach, glotzt doch nicht so.

Dann raffe ich die Röcke in die Hand und renne los. Mein Freund ist bereits oben auf der Düne, wie auch der Großteil der anderen. Wie hat er sich denn so schnell da hoch diffundiert? Frage ich mich erstaunt, während ich erstmal die Schuhe ausziehe, um im Sand voranzukommen. Oben angekommen bin ich ein wenig außer Atem. Puls auf hundertachtzig. Mein Hirn kämpft noch mit der Tür. Und mit dem Panzer. Verdammte Sonne, muss die denn so früh auf sein? Und wo ist mein verdammter Kaffee? Kurz gesagt, ihr könnt es euch denken. Auf die Schnelle abschalten geht nicht. Schon gar nicht Stimmung schaffen. Ich bin einfach kein Morgenmensch. Habe ich auch noch Stress – und sei es, dass keiner, wirklich keiner dran schuld ist – dann bin ich dazu bereit, dem nächsten, der sich in meine Nähe wagt, unchristliches anzutun. Nein, meinem Freund tue ich nichts unchristliches an. Ich schweige mich einfach nur aus. Was manchmal gut ist. Wir separieren uns von den anderen und klettern auf eine nebenan gelegene Düne. Momentan mag ich keine Menschen, außer dem neben mir. Die Sonne tut indessen, was sie sonst so tut, sie steigt hoch und überzieht die Wüste mit warmen Schein.
Später starte ich einen weiteren Versuch. Alleine, die anderen sind schon gegangen, suche ich nach diesem einen, ruhigen Augenblick. Neben mir taucht ein Marokkaner auf, der hierher gekommen ist, um allen Anschein nach zu beten. Nix da mit allein sein. Ach, verflixt und zugenäht. Dann, im Frühstücksraum, komme ich endlich an Kaffee. Kaffee! Elixier der müden Götter, wo warst du, als ich dich brauchte?
Per Kamel geht es zurück in die Zivilisation, unser Gepäck bekommt indessen eine Autofahrt spendiert. Wir schaukeln vor sich hin und die Laune steigt. Endlich bin ich soweit, um ein paar dumme Sprüche zu reißen und bringe sowohl meinen Partner als auch zwei Touristen vor uns ein ums andere Mal zum Lachen. Ich brauche nicht zu fragen, ob die uns verstehen können; vermutlich wundern sie sich einfach nur, wie zwei Menschen am nicht ganz so frühen Morgen nur so viel Quatsch erzählen können. So schaukelt es sich gleich angenehmer durch die Wüste. Die Schatten unserer Karawane zeichnen sich scharf und dunkel im orangenen Sand ab. Sobald es dünenabwärts geht, heißt es festhalten – das lebende Vehikel unter mir beginnt, sich gefährlich nach vorne zu neigen. An das sonstige Geschaukel habe ich mich längst gewöhnt. Begeistert denke ich an unseren kommendes Jahr anstehenden Algerienurlaub. Hier stehen gleich mehrere Tage auf dem Kamelrücken an. Ich bin gespannt, welche Kamelherzen Rene diesmal zu erobern vermag. Diese laut gestellte Frage sorgt für weitere Lacher. „So ein Kamel macht sich sicher gut in Hamburg im Garten vor deinem Fenster.“
Eines haben wir noch vor, bevor die Reise weiter geht. Die Kamele ziehen ihre Wege und wir informieren Ibrahim, den Fahrer, über unsere Pläne. Kurze Zeit später schießen wir über die Dünen. Rene gibt Gas und ich halte mich hinten laut quietschend an ihm fest, sobald es eine steile Düne hinunter geht. Daraufhin lacht er und nimmt noch mehr Anlauf. Das Fahrzeug unter uns brummt und mein Freund ist in seinem Element. Ich kreische vergnügt und in meinem Bauch kämpfen Bataillonen von Schmetterlingen um den ersten Flatterplatz.

Einen Tag vorher: „Du, Schatz, da fahren welche Quad, wollen wir auch?“ Der Mann ist bis jetzt nur einmal gefahren, was kein Hindernis für ihn ist. Einfach drauf und machen. „Die Dinger sind so leicht in der Handhabung, dass jeder Touri sie fahren kann.“ Anders als ich, bei der die leise Befürchtung mitschwingt, sich mit so Teilen irgendwo im Sand zu vergraben. „Klar, können wir machen.“ Sage ich trotzdem. Warum eigentlich? Gesagt, getan. Wir mieten uns ein Gefährt für zwei Personen, schließlich will ich mir das Ganze erstmal aus der Nähe anschauen. „Fahr du mal, Schatz.“ Antworte ich auf die Frage, ob ich denn nicht auch will. Nö, dabei sein ist alles. Und das gefällt mir sogar besser. Der Junge von der Quadvermietung fährt voran und schaut immer mal wieder nach uns, stellt jedoch schnell fest, dass wir mehr als nur gut mit dem Teil auskommen. Dann hält er den Daumen nach oben. Und ich schaue meinen Freund angeschmiegt mit sternenförmigen Augen an. Einfach nur machen. Der sucht sich neue Wege, steile Abhänge, auch auf die Gefahr hin, sich irgendwo festzufahren. Was tatsächlich einmal passiert. Egal. Wir reiten lachend (er) und kreischend (ich) über die Dünen. So euphorisch habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Auf einem hohen Dünenkamm werden wir ausgesetzt, neben uns ein weiteres Fahrzeug. Mir schwankt Schlimmes, denn einer der Jungs hat ein großes Surfbrett unter dem Arm. „Wir werden die Düne runter surfen.“ Sagt Rene und freut sich sichtlich. Ich versuche, mir nicht anzumerken, dass ich nicht begeistert bin, gleich Sand zu fressen. Natürlich geht mein Freund als erster. Er kommt fast heile runter, ein kleiner Sturz ist am Schluss mit dabei. Dann bin ich dran. Vom Quadvermieter gibt es eine kurze Einleitung. Man merkt, dass ihm die Arbeit mit Touristen Spaß macht. Ich stelle mich auf das Brett, neige mich an der Kante nach vorne, verlagere mein Gewicht. Und fühle Pudding da, wo eben meine Beine waren. Es geht nach unten und das Brett nimmt Geschwindigkeit auf. Noch mehr Pudding – ich dachte immer, Beine bestünden auch aus Knochen? Doch ich kann mich (durch Gebete??) auf dem Ding halten. Allzu weit geht es nicht runter. Neben uns zwei weitere Reisende, auch sie schaffen das Ganze locker. Unten werden wir vom Quad mitgenommen, der mit uns eine extra halsbrecherische Runde dreht (Kreisch-Alarm!), um uns wieder oben abzusetzen. Wir dürfen nochmal. Ich sag mal so: würde ich das den ganzen Tag machen, würde ich auf dem Surfbrett ganze Wüstenstaaten erobern.
Glücklich fahren wir wieder zurück. Ich bin restlos begeistert, die Schmetterlinge flattern immer noch. Einfach machen. Vielleicht kann ich mir von dieser Art, die Dinge anzugehen, etwas abschauen. Ich würde es mir wünschen.

Trotz schwierigem Start (ja, wo ist der Kaffee, wenn man ihn so dringend braucht?!?) ein toller Tag in der Wüste. Sehr schön!
Kaffee, das Elixier der müden Götter 😉 Ich bin generell kein Schnellstarter, inzwischen berücksichtigen wir das beide auf unseren Reisen 🙂
Ja, man muss den Tagesablauf an biologische Befindlichkeiten anpassen😁.
Das stimmt, der Körper lässt sich da nicht „umerziehen“ 😉
Wenn man nur die Fotos sieht, bekommt man den Eindruck, du seist ein begeisterter Morgenmensch. 😉
Ich kann mir ein verkniffenes Lächeln abringen 😉