Afrika, Marokko

Goldene Dünen, verliebtes Kamel und ein Himmel voller Sterne

September 2025

Der Wüstenritt möge beginnen! Doch zunächst landen wir in einem Hotel nahe der Hauptstraße, unweit des größeren Ortes Merzouga. Wir sollen nicht hier verbleiben, nein – von hier aus wird unser Kamelritt über die Sanddünen gen Sonnenuntergang starten. Klingt romantisch, nicht wahr? Wartet mal ab, denn die von Rene aus Hamburg mitgebrachten Wolken machen dem Sonnenuntergang einen Strich durch die Rechnung. Sogar ein paar Regentropfen sind in der Sahara zu spüren. Wenn man denn erstmal mit Hamburgern reist… Aber ich greife vor. Schon wieder. Klopfe mir doch mal einer auf die tippenden Pfoten.

Nach einer langen Tour durch den Mittleren und Hohen Altas kommen wir in der Erg Chebbi, einem Teil der Sahara, an. Der Tag neigt sich dem Ende zu und so eilen wir fröhlich zur Bar des Hotels, in dem man uns zwischengeparkt hat, in der Hoffnung auf edles, kaltes Hopfen-Gerstengemisch. Doch nix da. Mit dem Begriff „Bier“ scheint der Barkeeper (verdient er in diesem Falle überhaupt diese Bezeichnung?) nichts anfangen zu können. Unverrichteter Dinge, doch lange nicht entmutigt, treten wir den Rückzug an.

Am Nebentisch erfassen meine Wüstenfuchsohren slawische Klänge. Hier haben sich ein paar polnische Jungs niedergelassen, und neue Hoffnung flammt in mir auf. Ich gehe auf sie zu, bereits, mich zu verbrüdern, und frage nach der Möglichkeit, hier irgendwo edlen Gerstensaft zu erstehen. Die Jungs werden hellhörig: „Wo gibt’s hier Bier?“ Ja, mein lieber, soweit war ich auch schon. Zu nix seid ihr zu gebrauchen, auf die Verbrüderung verzichte ich. Derweil kehrt Ibrahim zu uns zurück. Doch ehe es in die Wüste geht, schnappen wir ihn uns und hauen ihn an, uns – falls vorhanden – zur nächsten Bierstation zu bringen. Hier gehen doch ständig Touristen ein und aus, so etwas muss es doch geben. Ibrahim überlegt nicht mal eine Minute. Im Blitztempo sitzen wir wieder in seinem Wagen und sprinten Sand verspritzend davon. Knapp fünfhundert Meter vom Hotel – unsere Erlösung. „Casablanca“ vom feinsten. Casablanca ist die lokale Biermarke, nicht übel, wenn ihr mich fragt. Wir decken uns für heute Abend ein.

Doch unsere Goldkehlchen müssen auf das flüssige Gold warten, denn jetzt geht es aufs Kamel. Eigentlich sind wir spät dran für unseren geplanten Ritt und die anderen warten mehr oder weniger schon. Umso höher rechnen wir Ibrahim an, dass er diese Spritztour im letzten Moment für uns gemacht hat. Gepäck und Bier bleiben im Auto, uns wiederum fängt ein windiger Schalverkäufer ein. Für zwei Schals, die er uns in der Zwischenzeit bereits um den Kopf gewickelt hat, will er einen viel zu hohen Preis haben. Leider sind wir unter Druck und verhandeln nicht, wieder einmal. In diesem Fall bereue ich es im Nachhinein. Später sehen wir solche Schals zu Dutzenden an diversen Verkaufsständen hängen; ich schaue nicht nach, was die dort kosten, um mich nachträglich nicht zu ärgern. Lässt sich nicht mehr ändern. Jetzt haben wir beide einen Turban um den Kopf.

Auf geht’s, rauf aufs Kamel. Die anderen sitzen schon. Die Ungetüme wackeln ganz schön, wenn sie sich aufrichten; wie ein Schiff in Seenot, wie die Titanic bei der Kollision mit… ihr wisst schon. Doch so ein wackelndes Kamel kann mich nicht aus dem Sattel bringen; meine Sorge ist eher, ob das Vieh mich nicht beißt. Aber nein, es hat es auf Rene abgesehen. Liebestrunken schaut es meinem Freund tief in die Augen und startet Annäherungsversuche. Ich kann mich nicht mehr einkriegen vor lachen. Bei einem Kamelselfie versucht ihn das Vieh sogar anzuknabbern. „Er hat es wieder geschafft“, werde ich später bei entsprechendem Posting in den sozialen Netzwerken schreiben. „Die Wüsten dieser Welt sind gepflastert mit gebrochenen Kamelherzen.“ Rene und die Kamele, das ist eine Never-Ending-Story.

„Ich bin verlieeebt!“

Das alles geschieht natürlich vor dem Start, denn als es losgeht, bin ich das erste „Fahrzeug“ in der Kolonne. Vor mir ist nichts, nur die reine Wüste, die beiden Jungs, die barfüßig über den Sand wandern, die lange, glänzende, goldene und pfauenblaue Kleidung, die gar nicht schmutzig zu sein scheint. Hinter mir reitet mein Freund und was soll ich sagen, der Touri-Turban steht ihm. Aber vielleicht fällt das Licht nur im falschen Winkel. So wackeln wir dahin und ich schwanke zwischen dokumentierenden Bildern und dem Versuch, bei Steigung oder abfallendem Gelände nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. „Wüstenschiffe“ ist eine passende Bezeichnung für diese Tiere, die gemütlich von einer Seite zur anderen schwanken. „Linke Arschbacke… rechte Arschbacke. Linke Arschbacke… rechte Arschbacke.“ Rezitiere ich in Gedanken, während ich versuche, mein Gewicht entsprechend der Bewegung des Tieres zu verteilen. Gebäude verschwinden weit hinter uns, ebenso wie die Straße. Letzte Sonnenstrahlen versuchen verzweifelt, sich durch die immer dichter werdende Wolkendecke durchzukämpfen.

Auf einer hohen Düne kommt die Kolonne zum Stehen. Wir produzieren ein paar Erinnerungsbilder und steigen dann ab. Hier, auf dem Dünenkamm, setzen wir uns der Reihe nach hin mit dem Gesicht in Richtung Westen, denn was die Guides hier mit uns vorhaben, ist die Aussicht auf einen epischen Sonnenuntergang ohnegleichen. Doch da haben sie die Rechnung ohne den Hamburger gemacht. Wie eine dicht gewebte Decke hängen inzwischen die Wolkenfelder über uns. Von einer Sonne oder gar irgendwelchen Untergängen (in die man da reiten könnte, doch das ist ne andere Geschichte…) ist so gar nichts zu sehen. Ich schaue meine Hamburger von der Seite an, der ein unschuldiges Gesicht macht. Die ersten, feinen Nieseltropfen fallen mir auf die Nase. Norddeutsches Wetter eben. Ich schaue das Kamel an. Das Kamel schaut verschossen Rene an. Dann wendet es den langwimprigen Blick zu mir und ich meine, reine Boshaftigkeit zu erkennen. Hey, das kann ja mal heiter werden. Vorsicht, welche wie dich habe ich schon mal gegessen, denke ich mir.

Eine Zeit lang sitzen wir da. Die polnischen Mädels neben uns versuchen sich an Posieren mit Kamelen – romantisches Wüstenfeeling, eingefangen auf Speicherchip. „Geh näher ran!“ Sagt die eine zur anderen. Doch die traut sich nicht. Als ob sie ahnen würde, dass die Viecher gerne mal zuknabbern. Ob ich sie warnen soll?

Da es nichts mehr zu erwarten und nichts mehr zu holen gibt, satteln wir wieder auf. Die gemütlichen Tiere drehen einen großen Bogen und schaukeln uns in den Abend und in die Nacht hinein. In einem Camp, das wir nicht kennen, werden wir abgesetzt. Doch hier sollen wir nicht bleiben. Während die Campbetreiber dabei sind, den Besuchern ihre Zimmer zuzuweisen, machen wir uns bemerkbar. Es dauert eine Weile, bis unser Anliegen registriert wird. „Ihr gehört nicht hierher? Wirklich nicht?“ Verwunderung. Dann: Setzt euch und wartet. Wir tun wie geheißen. Mein Freund hat die Ruhe weg, ich hingegen werde hibbelig. Eine ganze Weile sitzen wir da. Der Vorplatz leert sich, jeder bekommt sein Zelt zugewiesen. Zwei Besucher diskutieren mit den Betreibern, es geht um eine Fehlbuchung. Ich habe meine Zweifel, ob das heute noch was wird, wenn wir einfach nur nichts tun. Ibrahim ist mit unserem Gepäck fortgefahren, und mit ihm auch unser Bier. Gut, dieses hätten sie hier auch gehabt. Doch mir ist plötzlich nicht danach. Inzwischen ist es stockdunkel, herzförmige Illuminationen beleuchten stimmungsvoll das Camp. Kleine Leuchten markieren die Wege. Eigentlich ganz nett. Ja, eigentlich.

Eigentlich ganz nett

Dann werden Telefonate getätigt. Nach einer Weile hören wir ein Auto heranbrausen. Ein Fahrer, den wir nicht kennen, sammelt die beiden gestrandeten Touris ein. In seinem Auto liegen unsere Sachen und – oh! – unser Bier. Der Abend ist gerettet. Eine Spritztour durch die nächtliche Wüste, schon kommen wir da an, wo wir ankommen sollten. Bekommen unser Zelt. Haben nicht einmal das Abendessen verpasst, das erst jetzt serviert wird. „Nach dem Essen treffen wir uns alle in hinterem Bereich.“ Sagt ein Campmitarbeiter. „Zum Musizieren.“ Ach, da bin ich aber gespannt. Und während wir dasitzen und unsere ersten Flaschen Casablanca öffnen, sehen wir die polnischen Jungs, die wir am Abend im Hotel getroffen hatten. „Ah, habt ihr doch noch was bekommen?“  Neidisch spähen sie zu uns rüber. Tut uns leid, wir würden ja gerne teilen, aber unser Vorrat ist nur für zwei Personen sowie einen Abend ausgelegt…

Nach dem Essen verlagern wir uns auf die bequemen Bänke, die zu drei Seiten hin zu einem kleinen Platz gruppiert sind. Der Wind weht den feinen Sand aus den Dünen heran. Ein Lagerfeuer fehlt, denke ich mir – doch es sieht nicht danach aus, als würde hier noch eines angezündet werden. Auf der vierten Seite des Platzes, dort, wo das Camp endet und die Dünen beginnen, wurden mehrere große Trommeln aufgestellt. Langsam versammeln sich auch die anderen Gäste. Ich merke schnell, die Reisegesellschaft hier ist fest in polnischer Hand. Zunächst lassen die Musiker das eine oder andere Stück erklingen. Nach zwei- bis drei Liedern lassen sie ab von ihren Instrumenten und zeigen auf uns: „Auf geht’s, jetzt seid ihr dran.“ Es dauert einen Moment, doch dann trauen sich meine Landsleute. Zu meiner Begeisterung stimmen sie „Lipka zielona“ an. Dies, eigentlich ein traditionelles polnisches Folklorelied, läuft momentan auf Insta rauf und runter. Generell erlebt die polnische Folkloretradition unter jungen Landsleuten eine Renaissance. Neue Gruppen entstehen, die die alten Titel aufnehmen und auf ihre Weise interpretieren. Der heutige, junge Pole schaut nicht nach Westen, der heutige Pole ist sich seiner Wurzeln bewusst. So kommt es, dass ich den Text lauthals mitsinge. Nein, ich bin so sehr dabei, dass es dazu nicht einmal eine Aufnahme gibt. Doch manchmal braucht es das nicht.

Das Ganze wird nicht zu einer Party, wie ich sie mir erhoffe. Vielleicht fehlt den Leuten das Bier. Nach diesem einen Lied erheben sich die Leute nach und nach und kehren zurück zu ihren Zelten. Nur wir bleiben noch da, selbst als das Licht ausgeschaltet wird und wir fast vollkommen im Dunkeln sitzen. Trinken unser Bier zu Ende und schauen zu den Sternen. Nichts geht über einen Sternenhimmel in der Wüste. Gar nichts.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

4 Kommentare

  1. Großartig! Trotz Wetterkapriolen (oh, dieser schlimme Hamburger!) und Organisationschaos, das euch im falschen Camp hat landen lassen. Die Wüste, verliebte Kamele und genügend Bier reißen es letztendlich raus, oder?

    1. Es war grundsätzlich eine tolle Tour. Und sehr witzig dazu. Für den Regen habe ich mich übrigens gerächt: es hat seit Jahren das erste Mal richtig geschneit in Hamburg. Die Eiskönigin aus dem Süden war da…😅

  2. So schön deine Dünen, Kamele und der Himmel voller Sterne
    Liebe Grüße Andrea

    1. Danke, liebe Andrea. Besonders die verliebten Kamele sind ein Blickfang 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.