September/Oktober 2024
Ein Kamel
„Da ist ein Kamel! Da war ein Kamel!“ Rufe ich begeistert, als Sonja wieder in die Kabine zurückkehrt. Sie schaut raus, doch jetzt ist nur eine leere Steppe zu sehen. Die Jungs der Reisegruppe, die inzwischen auch wach sind, halten mein Kamel für eine morgentliche Sinnestäuschung. Das bleibt so, bis uns irgendwann ganze Herden von den Dingern über die Straße laufen. Doch momentan erscheint selbst mir dieser surreale Anblick, der das erste ist, das an mir vorbei fliegt, als ich den Vorhang aufziehe, wie eine Fata Morgana. Wie auch der Rest der Szenerie, die sich vor dem Fenster bietet. Ein warmer, rötlicher Schein kündigt die Sonne hinter matten Bergen an. Alles ist in Sepia getaucht, als würde ein Schleier über der Wüste liegen, der ihr die Schärfe nimmt. Wir passieren Güterbahnhöfe, mit Schutt und Steinen beladene Waggons. Dann, irgendwo im Nirgendwo heißt es, Aussteigen. Endstation für uns, wir haben unseren Zielpunkt erreicht: die Stadt Turkmenbashi.
In einem Café nehmen wir unser Frühstück ein. Der Hunger zwickt und ich freue mich schon auf Essbares – und Kaffee. Seit meiner Ankunft schon hatte ich das flüssige, schwarze Gold nicht mehr im Magen und langsam machen sich hinter meiner Schädeldecke Kopfschmerzen breit. Am Vortag rettet mich Sonja mit einer Tablette, heute rettet mich – Kaffee. Doch Moment, was ist denn das? Ich falle, wie vermutlich viele vor mir, dem Irrtum anheim, dass wenn man Milchkaffee bestellt, dann auch Kaffee mit Milch kommt. Was vor mir steht, erinnert mehr an eine interessante Süßspeise. Egal, auch die geht runter. Jedes Molekül Koffein ist hilfreich. Den „richtigen“ Kaffee bestelle ich dann nach.
Es tut gut, was im Magen zu haben. Während wir essen, komme ich mit zwei Mitreisenden gegenüber ins Gespräch. Rene ist mit seinem Freund Bandi unterwegs – die beiden sind die lustige Truppe, an die ich mich zuvor gehängt hatte und die eigentlich ständig irgendwie auf der Suche nach Bier sind.
In Turkmenbashi besuchen wir den örtlichen Markt. Hier findet sich alles Mögliche und vom Aufbau her unterscheidet er sich nicht wesentlich von dem, was wir in Ashgabat gesehen haben. Weitaus interessanter finde ich den Fischmarkt. Hier folge ich einfach Maia. Spannend, den Alltag der Menschen zu beobachten. Alle möglichen Fischarten werden angeboten, zudem noch Raritäten wie Robbenöl in Fläschen. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mir so etwas zuzulegen – Omega 3 und so – verzichte dann aber. Worst Case, wenn das Fläschen im Gepäck zerbricht und mein Rucksack am Flughafen bereits von Weitem am Geruch erkennbar ist.

Meine Mitreisenden hatten sich irgendwo verteilt, doch ich folge weiter unserer Reiseleiterin. Wer, wenn nicht sie, kennt die besten Ecken. Außerhalb der Halle wird vieles unter freiem Himmel angeboten, was nicht verderblich ist: Kleidung, Kosmetik, Haushaltswaren. Nur zum Teil sind hier Stände aufgebaut; das meiste liegt einfach auf Decken auf dem Boden aus. Zwischen all den Einkaufenden sehe ich zwei Polizisten auf uns zukommen und muss an den in der Reisebeschreibung erwähnten, „omnipräsenten Polizeiapparat“ denken. „Maia, die Polizei ist in Anmarsch.“ Sage ich. Maia dreht sich um, wirft einen Blick hin und sagt: „Ja, und? Und weiter?“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Im weiteren Verlauf der Reise stelle ich schnell fest, dass sich der „omnipräsente Polizeiapparat“ nicht die Bohne für Touris wie uns interessiert. Die wissen, dass wir unter der Betreuung der staatlichen Tourismusagentur stehen. Auf uns wird aufgepasst und ja, meine Lieben… unsere Autos, mit denen wir später unterwegs sein werden, haben grüne Kennzeichen, die sie als staatliche Fahrzeuge ausweisen. Der Staatsapparat ist bereits da, und er hat uns in seiner Obhut.
Für ein Appel und ein Ei kaufe ich für Stefan warme Wollsocken, gleich mal zwei Paar. Wo sonst bekomme ich so etwas für so wenig Geld. Auch für mich will ich welche mitnehmen, diese schicken hier mit dem turkmenischen Muster, doch Maia nimmt sie mir wieder aus der Hand. Die seien nicht so gut, sagt sie. Hm, dann eben nicht, sie wird schon wissen, was sie sagt. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: eben jene Socken wird mir Maia zwei Tage später zu meinem Geburtstag schenken, nachdem sie sie heimlich gekauft hat.
Wir fahren weiter. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es in unserer Reisegruppe diese eine Fraktion gibt, die ständig Ausschau nach Hopfenerzeugnissen hält und praktisch immer Durst hat. Schon sehr bald wird unsere Maia so gründlich erzogen worden sein, dass einfach nur die Frage der Jungs, in den Raum geworfen („Maia, wo müssen wir anhalten?“) für ein Augenrollen sorgt. „Ja, ja, ich weiß.“ Sagt sie dann. „Da, wo es Bier gibt.“ So eine Reisetruppe hätte sie laut eigener Aussage noch nie gehabt. Doch immerhin seien wir nicht so schlimm wie die Russen, sagt sie. „Die trinken Wodka, sind laut und werfen die Gläser einfach auf den Boden.“ Solche Gruppen versuche sie immer, an andere Reiseleiter abzugeben. Wir hingegen scheinen noch harmlos zu sein.
An einem dieser seltenen, Alkohol führenden Heiligtümer halten wir an. Der Laden ist von oben bis unten mit kostbaren, berauschenden Tränken vollgestellt. Hier bekommen wir nicht nur Bier, sondern auch turkmenischen Wodka und Cognac, der sich als ziemlich schmackhaftes Gebräu herausstellt. Mit aufgestockten Vorräten und unter Maias kritischem Blick spazieren wir raus. Dem Lagerfeuergelage steht nun nichts mehr im Wege.
Turkmenbashi ist am Kaspischen Meer gelegen. Hier am Ufer nahe eines Erholungszentrum halten wir kurz an. Wir befinden sich im touristischen Ort Awaza, und das Resort, das wir sehen, ist Teil des Programms. Entlang der Küste sind Hotels und Erholungsanlagen entstanden, ein touristisches Projekt, das den Wellness- und Luxustourismus in die Region bringen soll. Der Stopp ist wohl auch dazu gedacht, einmal aufs Wasser zu blicken, bevor es weiter in die Wüste geht.
Dann gibt es für uns vorerst nur noch monotone Steppe zu sehen. Die Autokolonne bringt uns immer weiter weg von der Zivilisation. Doch wollten wir nicht genau das? Abenteuer – oder was ein Tourist darunter versteht? Die ersten Dromedare verursachen Wellen der Begeisterung. Die Tiere fliehen zügig auf die andere Straßenseite; so viel Ruhm ist ihnen nicht geheuer. Eine ganze Herde zieht an uns vorbei. Unsere Kolonne kommt zu stehen und ein jeder, der nicht bettlägerig ist, stürmt mit seiner Kamera nach draußen. Ein Kamel in der Wüste, wo gibt es denn sowas. Irgendwann, nach ein paar Stopps und jedes Mal exzessivem Fotorausch gewöhnen wir uns jedoch an den Anblick. Spannender finde ich indessen die mir völlig fremden, zart in rot, gelb und rosa blühenden Wüstenpflanzen, die ich entdecke, während ich hinter einer Bodenerhebung versteckt, meinen Hintern in die Landschaft hänge. Ja, Leute, die nächste Zeit wird nix mit Klohäuschen sein, aber ich erinnere: wir wollten ja raus aus der Zivilisation.
Vor einem Dorfladen, der gefühlt mitten in der Pampa vor uns erscheint, halten wir an. Ein paar sandfarbene Häuser umgeben den staubigen Platz, sonst gibt es hier nichts. Im Laden selbst wollen wir nichts kaufen, wir werden hier essen. Draußen vor dem Eingang steht eine Kanne aus Zinn, die mit klarem Wasser gefüllt ist und zum Händewaschen dient. Der Reihe nach lassen wir uns anschließend im Schneidersitz auf dem Boden nieder, vor uns die Lunchpakete, die Maia auf dem Markt in Turkmenbashi für uns zusammengestellt hat. Dazu gibt es zu trinken wahlweise Tee, Limo oder Kamelmilch. Letzteres ruft bei mir vorsichtige Neugier hervor. Das Zeug schmeckt sämig und leicht säuerlich und soll so gesund sein, dass es sogar Krebs heilen soll (oder war das Kamelurin, jenes Wundermittel, welches das vermochte? Ich weiß es nicht mehr). Da ich gerne gesund bin und bleibe, nehme ich mir eine Flasche Kamelmilch mit auf den Weg. Ansonsten führte der Laden alle möglichen Artikel des täglichen Gebrauchs, die die Bewohner der umliegenden Dörfer so benötigen. Besonders interessant finde ich die bunt gemusterten Stoffe, aus denen Kleider genäht werden und die Frauen ballenweise kaufen können. Die Muster reichen von traditionell bis modern, erklärt uns Maia. Gleiches betrifft die Schnitte. „Ich mag lieber traditionelle Kleidung.“ Fügt sie hinzu.
Vor dem Laden tigert ein Welpe umher. Mit vollem Magen geht es weiter zu unserem Ziel: dem Yangisuw-Canyon.

Dass Du deinen Morgen mit einem Kaffe beginnst freut mich – hatte schon befürchtet, dass Du deine Morgenroutine auch schon auf Bier umgestellt hast.. 😉
aber in den Schnapsladen wäre ich auch mal reingegangen – das Sortiment sieht vielversprechend aus..
Morgens Bier, nee, ich will ja morgens wach werden, nicht umgekehrt 😉 und vor allem will ich sowas wie einen Puls in meinem toten Körper spüren 😂
Ha, der eine Schwarz-Geldwechsler im letzten Beitrag kam mir doch bekannt vor! Dort habt ihr euch also kennengelernt, ist ja ungewöhnlich. Da habt ihr euch ja immerhin eine Zeit lang unauffällig beobachten können und wißt beide, auf was ihr euch eingelassen habt. Bin schon gespannt, wie es weitergeht in diesem Land…
Um ehrlich zu sein habe ich René da noch kaum beachtet 😂 aber ja, das Ungewöhnliche passt schon zu uns 😉