Deutschland, Europa

Hunsrück im Nebel – Mörsdorf und Kastellaun

Kastellaun

Winter an der Mosel. Da gibt es Lichter, Wein, unterirdische Weihnachtsmärkte wie den in Traben-Trarbach, und noch mehr Wein. Dazwischen Nebel, der diffus und grau die Weinberge hinauf kriecht. Ein Rest entflammtes, goldenes Laub. Der Herbst kommt so schnell. Und er geht so schnell. Bis man sich die kalten Monate über einmal mehr nach etwas Wärme sehnt.

Meine Zeit verbringe ich damit, von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt zu pilgern. Dazwischen gibt es immer mal Ziele, die sich im Nebel am schönsten machen. Wie den kleinen Ort Kastellaun im Hunsrück, der für seine Burgruine bekannt ist, die sich schon von weitem sichtbar über der Stadt erhebt. Spät komme ich im Hotel an. Es war die einzige, verfügbare (und annehmbare) Schlafensmöglichkeit. Die Badische Amtskellerley ist nur vier Gehminuten von der Burg entfernt, und schon lange habe ich vor, jene Burg zu besuchen.

Zunächst mal drehe ich nach meiner Ankunft eine Runde durch die dunkle Stadt. Illuminierte Fenster und dazwischen goldenes Laub. Still liegt der Ort vor mir, es sind kaum Menschen zu sehen. Welch Kälte dort draußen, kleine Wölkchen vor meinem Gesicht. Welch Gemütlichkeit, sobald man einen dieser hellen Räume hinter beleuchteten Fenstern betritt. Ganz Kastellaun trägt Girlanden aus Lichterketten, ganz Kastellaun leuchtet. Und dann das viele Fachwerk. Das perfekte Märchen.

Der Morgen dann ist weit weniger Märchenhaft. Was schlicht am fehlenden Licht liegt. Dafür hat sich der Nebel ausgebreitet und bedeckt die Welt. Nur langsam zieht er sich zurück, während ich mich einmal mehr nicht dazu zwingen konnte, rechtzeitig aufzuwachen.

Frühstück gibt es im separaten Gebäude. Es ist ein aufbereitetes Fachwerkhaus, das Innere gemütlich und weihnachtlich dekoriert. Freie, massive Holzbalken nutzen als Ablage für Deko und Nützliches. Ich bin der einzige Gast und so bekomme ich einen vollen Brötchenkorb und so viel Belag, wie ich (nicht) essen kann. Als die Dame wieder kurz da ist, nutze ich die Gelegenheit, um sie anzusprechen. „Ihr habt aber einen fantastischen Kaffee.“ Sage ich. Details fallen mir schon immer auf. Und ein guter Kaffee am Morgen ist das A und O eines gelungenen Starts – und verhindert Zwischenfälle. „Ja.“ Sagt die Dame. „Da legen wir großen Wert drauf.“ Sie erzählt, wie die Mitarbeiter eines Tages damit beschäftigt waren, sich durch die diversen Kaffeesorten durchzuprobieren. Erzählt mir dann, wie das Fachwerkhaus irgendwann niemandem mehr nütze war und als Ablageraum diente. Wie schade, denke ich. Dabei würde ich so gerne eines Tages in einem Fachwerkhaus wohnen.

Das Frühstück ist fantastisch, der Plausch nett; gestärkt gehe ich hinauf zur Burg. Wo ich an diesem grauen Morgen freilich die einzige Besucherin bin. Wer quält sich an einem kalten Sonntag in der Früh schon aus dem Bett.

Burg Kastellaun

Um zur Burg hinauf zu gelangen, kommt man unweigerlich an einer Kirche vorbei. Alle Burgen haben irgendwo eine Kirche oder Kapelle ganz in ihrer Nähe, schließlich wollen die Adeligen ja auch getauft, verheiratet und nach ihrem Fortscheiden in allen Ehren bestattet werden. Wie normale Menschen auch, nur eben für sich. Und was bietet sich da besser an als eine Hauskirche an der Burg.

Die Höhenburg von Kastellaun liegt auf schwindelerregenden 434 Metern und ist mit der ehemaligen Stadtmauer verbunden. Sie war nach ihrer Errichtung im 13 Jahrhundert im Besitz der Grafen von Sponheim. Nach dem Tode des letzten von Sponheim wurde die Burg nur mehr verwaltet. Langer Rede kurzer Sinn, die Verwalter kamen und gingen; einer der Grafen, der nach Vertreibung in der Burg Zuflucht suchte, stürzte auf einer Treppe zur Tode. Im Dreißigjährigen Krieg sahen die alten Gemäuer noch mehr Besatzer kommen und gehen; da wären da die Hessen, die Franzosen, Spanier, Schweden und Lothringer, bis sie schließlich 1689 gesprengt wurde. Ein los, das viele der mittelalterlichen Festungen traf, nachdem ihre Bedeutung schwand: entweder wurden sie zerstört oder verwahrlosten. Heute gehört sie der Stadt Kastellaun und wurde weitestgehend saniert. Die nicht gesprengten Teile der Burg können besucht werden, es gibt Gastronomie, mittelalterliche Rittermale und ein Dokumentationszentrum.

Ich wende mich ab und der Stadt Kastellaun zu. Von hier oben winkt ein Ausblick auf die Dächer und nur langsam frisst sich die gelbe Sonne durch die Wolken.

 

Hängeseilbrücke Geierlay

Der kalte Wind begleitet mich bis nach Mörsdorf. Diesmal stelle ich mein Auto näher an der Brücke ab, weil ich eine der ersten vor Ort sein will. Normalerweise ist die Attraktion an den Wochenenden überlaufen, doch an einem Sonntagmorgen spekuliere ich auf ein wenig Fotofreiheit. Der gesamte Ort ist inzwischen auf das touristische Aufkommen ausgerichtet, so gibt es kaum bis gar keine freie Parkplätze für Auswärtige; für die wurden eigens große Parkflächen am Ortsrand eingerichtet.

Als ich an der Brücke ankomme, bin ich bei weitem nicht die erste. Kein Wunder, denn es ist bereits nach elf. Zwei Grazien führen eine Fotosession miteinander durch, und es ist nicht absehbar, wann diese endet. Nun, man muss mit den Statisten arbeiten, die man hat.

Die Geierlay Brücke zu betreten ist für Ungeübte ein ungewohntes Abenteuer. „Wackelt es?“ Hatte mich eine Freundin im Nachhinein gefragt. Ja, es wackelt. Und das ganz schön. Doch mir macht es nichts aus. So laufe ich von einem Ende der Brücke zum anderen, ohne mich festzuhalten, und treibe damit ängstlichere Besucher in den Wahnsinn. Die höchste Stelle hat hundert Meter über dem Boden. Ich schaue runter auf die goldenen Baumspitzen, die aus dem größtenteils schon kahlem Wald ragen. Der kleine Bach schlängelt sich unter meinen Füßen.

Diesen Ort hier wollte ich schon lange mal besuchen, doch aufgeschobene Pläne wurden von der Pandemie jäh durchkreuzt. Bis 2017 rühmte sich die Hängeseilbrücke Geierlay mit ihren 360 Metern die längste Hängeseilbrücke Deutschlands zu sein, bis sie von der Titan RT abgelöst wurde. Sie überquert das Mörsdorfer Bachtal zwischen Mörsdorf und Sosberg. Die Hängeseilbrücke selbst wiegt 600 Tonnen. Ich weiß nicht, ob die Geierlay ernsthaft als verbindendes Element genutzt wird, um von A nach B zu kommen; als Attraktion dafür umso mehr. Ihr Name stammt von einem Felshang in der Nähe, auf dem Greifvögel leben sollen.

Über zwei Wanderrundwege ist die Hängeseilbrücke Geierlay erreichbar; die kleine und die große Geierlayschleife. Die große Schleife ist fünf, die kleine rund 3,6 Kilometer lang. Es gibt keine mit dem Auto befahrbaren Zuwege, so muss sich der Besucher auf einen kleinen Marsch einstellen. Für mich ist es immer noch am schönsten, den Besuch mit einer Wanderung zu verbinden. So wie an jenem Wochenende im Herbst…

 

Weihnachtsmarkt in den Gödenrother Gärten

Die besten und interessantesten Tipps für das Reisen bekommt man… auf Reisen, davon bin ich noch immer fest überzeugt. Wie oft erhielt ich zusätzliche Infos, wenn ich unterwegs war, oder fand Orte, die ich über eine lange Recherche so vielleicht nicht gefunden hätte. Nichts geht über ein Gespräch mit Menschen, und hier in diesem Fall erweist sich meine gesellige Wirtin in Kastellaun als wahre Fundgrube. Sie gibt mir den Tipp mit den Gödenrother Gärten. Der Weihnachtsmarkt dort ist zwar klein, aber, wie sie sagt, gemütlich und sehenswert, „wenn man mal etwas anderes möchte“.

Vielleicht sollte ich ein paar Worte dazu verlieren, was die Gödenrother Gärten eigentlich sind. Es handelt sich dabei um ein Naturprojekt der PerNaturam GmbH, die sich eigentlich mit dem Vertrieb von Tierfuttermitteln und Bodendünger befasst. Mit Veranstaltungen, die das Gärtnern näher bringen sollen, sorgt der Hortus, ein Lehr- und Schaugarten, das ganze Jahr über für ausreichend Themen und Action. Der Lehrgarten behandelt vorwiegend heimische Pflanzenarten.

Und hier im Schaugarten findet jetzt in Dezember ein kleiner Weihnachtsmarkt statt. Es ist noch früh, als ich ankomme, doch die Stände sind bereits offen und ein paar Besucher schon da. Kinder toben auf den aufgeschütteten, grasbewachsenen Hügeln herum, unten befinden sich Kuchen- und Glühweinstände. Rauchende Feuer züngeln in Metallgefäßen und spenden ein wenig Wärme – wenn man es auf sich nehmen möchte, sich einräuchern zu lassen. Es ist kalt an diesem Vormittag.

In der Mitte der Anlage befindet sich ein kleiner Teich. Mich interessieren die Küchenstände, wo ich alle mir bekannten Regeln („keinen Kuchen!“) für ein Stück Apfelkuchen über Bord werfe. Damit stelle ich mich an einen der Weinfasstische und schaue mich unauffällig um. Bei den Besuchern scheint es sich um eine eingeschworene Gemeinde zu handeln, hier kennt man sich. Ob Mitarbeiter des Gartencenters oder Anwohner der anliegenden Häuser, der Weihnachtsmarkt ist zu klein und unbekannt, um hier große Besucheraufkommen zu erwarten. Einen Vorteil hat der Geheimtippfaktor ja: der Glühwein ist fantastisch. Nicht wie an stark frequentierten Weihnachtsmärkten, wo dem Besucher eine billige Plörre ausgeschenkt wird. Hier kommt Wein von der Mosel zum Einsatz, so gut, dass ich die Mitarbeiterin erweichen kann, mir gleich mal zwei Flaschen zu verkaufen.

An den Buden gibt es Weihnachtsartikel und in dem Pflanzenbeeten sind kleine Krippen und Figuren versteckt. Nun fange ich an, mich für den Garten selbst zu interessieren. Viele der Pflanzen sind nur noch an ihrem Gerippe erkennbar, wie der inzwischen braune Beifuß (der Winter ist echt nicht seine Zeit…). Nur die Schöne Frau (Belladonna) glupscht mit ihrem glänzenden, schwarzen Auge frisch in der Gegend herum.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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13 Kommentare

  1. stefantaege sagt:

    Die Gärten sind in der Blüh- bzw. Pflanzzeit bestimmt eine Reise wert.

    1. Sie sind interessant, wenn man sich für das Thema Garten begeistert, eventuell würde ich da aber im Frühjahr oder Sommer nochmal hin.

  2. Hi Kasia,
    bei der Brücke würde mir das Herz bis zum Hals pochen – ich hätte da doch etwas mit Höhenangst zu kämpfen. Damit und mit allen möglichen Dejavus aus Abenteuerfilmen mit Indiana Jones. Wieso müssen Hängebrücken in Filmen immer in die Tiefe stürzen? Und die Leute die da drauf sind, plumpsen gleich mit – meistens in ein Rudel hungriger Krokofanten.. Hast Du mal geguckt? Waren da unten mordlüsterne Bestien am warten, dass ein vorwitziger Tourist sich zu weit über die Brüstung lehnt?..
    Aber die Idee ausgesuchte und bekannte Ausflugsziele in der Woche und dann auch noch bei eher mäßigem Wetter zu besuchen ist eine gute Taktik. So mache ich das hier in meiner Umgebung auch. Es ist viel entspannter wenn man nicht von den ganzen Menschenmassen mitgerissen wird um an irgendeiner Sehenswürdigkeit entlang geschleust zu werden.

    1. Keine Sorge, die Brücke ist hundertprozentig absturzsicher… außer man lehnt sich natürlich zu weit über die Brüstung auf der Suche nach Monstern, die einen fressen würden 😉 Ich versuche, es mit hochfrequentierten Zielen generell so zu halten, dass ich sie unter der Woche anfahre. Manchmal klappt es, manchmal eben nicht…

  3. Dieser Ausflug hätte mir wohl auch gefallen. Kastellaun mit seinen Lichterketten, die die Gebäude wie verzierte Lebkuchenhäuschen aussehen lassen, die berühmte Geierley-Brücke (steht auch schon länger auf meiner Liste) und last but not least der kleine, nur Eingeweihten bekannte Weihnachtsmarkt. Für so ein Stück Apfelkuchen, aber auch ohne, hätte ich mich auch liebend gerne vom Feuer einräuchern lassen. Das liebe ich ja!

    1. Der Weihnachtsmarkt war wirklich klein und intim. Extra deswegen wäre ich nicht hin gefahren, aber wenn man schon mal da ist, ist es eine schöne Option. Wie, du warst noch nie an der Geierley Brücke? Ist sie nicht bei euch in der Nähe? 🙂

      1. Doch! Fast 😁! Von Saarbrücken aus sind es rund 140 Kilometer. Aber du weißt ja, wie das ist mit den Attraktionen, an denen man relativ nah dran ist 😁.

        1. Oh ja, im Prinzip kenn ich das Dilemma 🙂

  4. Danke, dass wir uns wieder auf den Weg machen durften, Kasia und die Hängeseilbrücke Geierlay sind wirklich ein Hingucker in dieser Geschichte.

    1. Gerne, ich verreise ja deshalb, um etwas zu erzählen zu haben 😉 Die Brücke ist einen Besuch wert, allerdings eher nicht am Wochenende, da es dort sonst sehr voll sein kann 🙂

  5. Eine Gegend, die mir auch noch unbekannt ist. Ein toller Beitrag vom Hunsrück in der Adventszeit
    LG Andrea

    1. Liebe Andrea, vielen Dank. Deutschland ist so spannend und wenn ich denke, ich habe schon das meiste gesehen, entdecke ich wieder eine neue Seite. Einen schönen ersten Advent wünsche ich dir.

      1. Einen schönen ersten Advent wünsche ich dir auch, 🌲 🌲 🌲 🌲

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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