Afrika, Senegal

Heilige Stadt Touba – Das Mekka von Senegal

In Kaolac, dem Zentrum der Erdnussindustrie, kommen wir nach langen im Auto verbrachten Stunden. Kaolac ist kein sonderlich inspirierender Ort; wie immer tummeln sich Händler im Stadtzentrum, dichter Verkehr schiebt sich durch die Straßen. Als wir die lebhaften Straßen hinter uns lassen und in Seitenwege einbiegen, werden die dort ansässigen Souvenirverkäufer schlagartig wach. Aufmerksam beobachten sie unser aufkommendes Fahrzeug.

Unsere Hotelanlage ist direkt am Wasser gelegen. Kleine Bungalows, umrankt von Blumen, zwischen denen Königsfalter schweben. Eine träge, schwarze Katze schleicht den Weg entlang, und Fischgeruch liegt in der Luft – aber nur, wenn es windstill ist. An der Bar spricht man englisch, Kartenzahlung ist möglich.

Entspannt sitze ich vor unserem Bungalow. Eine deutsche Reisegruppe ist gerade angekommen und verteilt sich zwischen den übrig gebliebenen Häuschen. Man erkennt euch. Frauen tragen ihre Haare in der Regel kurz. Wanderschuhe, Funktionskleidung. Die Männer – ein ernster, hochkonzentrierter, manchmal verbissener Gesichtsausdruck. Ja, man erkennt euch. Es gibt auch Ausnahmen, wie diese gesprächige Dame mit lang wehendem Haar und in leichter, sommerlicher Kleidung, die ein Lächeln auf ihren Lippen hat und mit der ich ein paar Sätze wechsle. Wie ich erfahre, handelt es sich um eine Reisegruppe eines bekannten, in Sachsen ansässigen Tourenanbieters. Lange ist es den Reisenden nicht vergönnt, in der Anlage zu bleiben, denn der nächste Programmpunkt steht an: der Besuch des größten Marktes in Kaolac und Umkreis. Bereits kurze Zeit später sind die Leute nicht mehr da.

Stefan und ich können darüber nur müde lächeln. Für uns ist ein freier Nachmittag angesagt. Und diesen brauchen wir auch; ab und zu aufzuatmen tut auf jeder Reise gut. Außerdem weiß jeder, dass es auf einem Markt am frühen Morgen interessant ist. Doch da reist die Gruppe bereits ab; am frühen Morgen werden sie in Gambia sein. Wir indessen machen es uns auf der überdachten Terrasse am Swimmingpool bequem. Ein Stück weiter am Swimming Pool entspannten Jugendliche, die den Eindruck vermitteln, als gehörten sie zur senegalesischen Upper Class. Ein Flagbier in der einen und mein Notizbuch in der anderen Hand lasse ich den heutigen Tag Revue passieren.

 

Wir verlassen St. Louis

Am heutigen Morgen erwartet uns ein früher Start in den Tag. Bereits um 7:30 ist Abfahrt. „Ausnahmsweise“, versichert Mamadou. Ich muss schmunzeln, denn es ist bereits das zweite oder dritte „ausnahmsweise“, aber sei es drum.

Anders, als die Tage zuvor, starrt uns heute Morgen ein bedeckter Himmel entgegen. Vereinzelt fallen Regentropfen auf die Autoscheibe, nicht imstande, auch nur ansatzweise die Staubschicht der letzten Tage zu tangieren. Schwarze, ungesunde Rauchschwaden wehen uns entgegen, Abgase der Fahrzeuge vor uns dringen zu uns ins Auto. Es macht keinen Sinn, die Fenster zu schließen. Im Gegenteil, es ist besser, sie weit offen zu lassen und sich auf die Welt da draußen mitsamt seiner stinkigen Luft einzulassen.

Mamadou entpuppt sich im Laufe der Reise als Kaffeejunkie. Auch jetzt, kurz nachdem wir losgefahren sind, ist ein Halt an der Tanke angesagt. Ein zweiter Kaffee muss her. Ohne Kaffee kann es keinen schönen Morgen geben, das ist auch meine Maxime.

Trauben von kleinen Jungs kleben an den Autoscheiben und betteln um Geld. Sie kauen an Stöckchen herum. Es handelt sich hierbei um Miswak-Zweige, die aus dem Holz des Zahnbürstenbaumes (Salvadora Persica) stammen. Dieses spezielle Holz dient der Zahnreinigung und der Mundhygiene, wie wir erfahren. Es besitzt sogar einen Fluoridgehalt von 8-22 ppm und ist im arabischen und nordafrikanischen Raum verbreitet. Mamadou vertreibt die besonders hartnäckigen Kinder mit ein paar Rufen. Was würden wir wohl ohne ihn machen.

Auf unserer langen Fahrt, die lediglich von weiteren Kaffee- und Getränkerückgaben unterbrochen wird, sehen wir so einiges. Esel, die über die Straßen oder entlang der Straßen laufen. Manche sputen sich, um auf die andere Seite zu gelangen, andere wieder bleiben stoisch stehen und wackeln mit ihren Eselsohren. „Fahr doch um mich herum,“ signalisiert dieses Wackeln dem Fahrer. Momentan ist nicht viel los in der Landwirtschaft, es gibt wenig zu transportieren, die arbeitsbefreiten Tiere laufen frei herum, doch – wie Mamadou erzählt – sie kommen abends immer nach Hause.

Wir sehen Ziegen, die über die Straßen laufen. Die Ziegen überqueren schnell die Straße, als wüssten sie, dass kaum jemand für sie bremsen würde. Na gut, das würden wir zwar schon. Aber erzählt es nicht den Ziegen. Dann einen toten Esel, einer von jenen, die es nicht geschafft haben. Die „fahr um mich herum“-Strategie funktioniert eben nicht immer.

Geier. Sie sitzen auf dürren Bäumen verteilt und warten. Worauf denn bitte? Auf natürliche Todesfälle? Ein toter Geier, auch wieder einer jener, die es nicht geschafft haben. Mamadou drückt mir die gesammelten, leuchtend blauen Federn eines heimischen Vogels in die Hand. Ob dieser es geschafft hat?

Dorf wechselt mit Savanne, dann wieder  mit Dorf. Die senegalesische Landschaft haut einen nicht von den Socken. Aber ertragreich muss sie sein; entlang der Straße ziehen sich Verkaufsstände, die ausschließlich Wassermelonen anbieten. Wassermelonen stapeln sich unter riesigen Baobab Bäumen, die Händler scheinen schier darin zu versinken. Dazwischen, wie verschämt, kleinere Pyramiden aus buntem Obst. Dann – Savanne. Eine Schnur Perlhühner flüchtet ins Dickicht.

Wir sind zügig unterwegs. Andere Fahrzeuge, Eselskarren, Mopeds-, werden mit knappem Abstand überholt. Insassen der Buschtaxis ziehen ihre Knie an. Menschen mit Kegelförmigen bzw. Glockenförmigen Strohhütten sind bei der Feldarbeit, manchmal sehe ich diese speziellen Strohhütte bei Händlern auf Märkten. Sie scheinen für diesen Teil des Landes üblich zu sein.

Überhaupt, die Buschtaxis. Einige davon sind heute unterwegs, denn die Menschen strömen aus allen Himmelsrichtungen zur großen Moschee nach Touba, denn es ist Freitag. Eigentlich ist der Einsatz der unsicheren Buschtaxis längst verboten, doch hier in dieser Gegend werden beide Augen seitens der Kontrolleure zugemacht. Und Polizeikontrollen gibt es durchaus. Doch die kleinen Busse mit Gepäckträger, an denen die Menschen vollgestopft im Innern, auf dem Dach und an den Seiten abenteuerlich kleben bis hin zu Überlastung, werden einfach nicht gesehen. Menschen hängen an Ladeflächen, Hecks und Autodächern. Je näher wir Touba kommen, umso mehr Passagiere verteilen sich auf ein Fahrzeug.

 

Heilige Stadt Touba

Die Moschee in Touba ist nach Casablanca die zweitgrößte in Nordafrika. Sie gehört der Brüderschaft der Muriden und wurde von ihnen erbaut. Ein paar Worte möchte ich zu der Gemeinschaft der Muriden in Senegal verlieren. Sie wurde im späten 19 Jahrhundert von Cheikh Amadou Bamba gegründet und wuchs zu einer der einflussreichsten religiösen Gruppen des Landes heran. Die Stadt Touba ist sozusagen ihre religiöse Hauptstadt.

Um den Gründer Cheikh Amadou Bamba ranken sich viele Mythen. Schon zu Lebzeiten wurde Amadou Bamba als Heiliger und „Diener des Propheten“ verehrt. So konnte er angeblich mit Tieren sprechen und auf Wasser gehen. Durch seinen friedlichen Kampf gegen den Kolonialismus wurde er weit über die Staatsgrenzen bekannt.

Angeblich gehören allein in Senegal rund dreißig Prozent der muslimischen Bevölkerung der Gemeinschaft an, die Diaspora nicht eingerechnet. Durch harte Arbeit, die ein Grundpfeiler des Zusammenlebens ist, haben sich die Muriden Einfluss in und außerhalb von Senegal erstritten, vor allem in Handel und Transportwesen. Die Millionenstadt Touba (hier sollen rund zwei Millionen Menschen leben) kommt ohne Industrie aus, da überall Handel betrieben wird. Doch auch in der Politik haben sie eine große Bedeutung. So erzählt uns Mamadou nicht ohne einen gewissen Stolz, dass jeder neu gewählte Präsident seine Aufwartung in Touba macht.

Mit der Migrationsbewegung auf der Suche nach Arbeit ist auch der Muridismus ausgewandert. Seine Anhänger schließen sich in alle Welt zusammen. Es entstehen helfende Gemeinschaften, die sich gegenseitig dabei unterstützen, im Ausland Fuß zu fassen. Ist jemand neu in jenem Land, sucht er zunächst nach Gleichgesinnten. Es werden Probleme besprochen und Geld gesammelt für diejenigen, die es noch nicht geschafft haben, Fuß zu fassen. Auf diese Weise wächst die Anhängerschaft in der Welt.

Im Land selbst fällt der Muridengemeinschaft noch eine weitere, wichtige Aufgabe zu. Da sie zugleich mächtig und einflussreich sind, aber auch eine sanfte, tolerante Form des Islam praktizieren, fungieren sie als Puffer gegen radikale islamische Strömungen, die vor allem junge Menschen zu erreichen versuchen. Ohne die Muriden entstünde ein Hohlraum, den die Fanatiker schnell zu füllen versucht wären.

Wer mehr wissen möchte zu der Gemeinschaft der Muriden, dem kann ich diesen informativen Beitrag des Dlf ans Herz legen.

Jetzt ist, wie schon erwähnt, Freitag. Alles zieht es nach Tabouk. Wie kommt es, frage ich mich – wenn die Menschen in ganzem Land ihre Arbeit niederlegen und sich auf weite Reise machen, wie wirkt sich das auf die allgemeine Wirtschaftsleistung aus? Es fehlen dann Arbeiter… praktisch überall. Doch da denke ich wohl zu deutsch, denn Senegalesen sind vorwiegend Händler. Und auch unterwegs lässt sich was verkaufen. Zudem lassen die vielen Besucher Geld in der Region, von dem die Bewohner profitieren. Noch im Auto gibt Mamadou uns ein paar ausgedruckte Seiten mit Informationen zum Marabut von Touba in die Hand.

Immer mehr Buschtaxis und mit Menschenleibern vollgeladene Autos überholen uns – oder wir sie. Auf dem gesamten Gelände von Touba ist das Rauchen sowie der Genuss von Alkohol verboten, ein jeder, der in der Stadt lebt, hält sich daran. So kommt es, dass Stefan seine letzte Zigarette vor den Toren (na gut, kurz dahinter) von Touba rauchen muss.

In der heiligen Stadt selbst herrscht ein Tohuwabohu. Menschen sind in festliche Kleidung gekleidet, bunte Stoffe, rauschende Kaftans. Einige Männer haben ihre Kopfbedeckung nach Tuareg-Art gebunden. Was mich zu der Erkenntnis gelangen lässt, dass auch aus dem umliegenden Ausland Gläubige in die heilige Stadt Touba kommen – es kann gar nicht anders sein. Die Straßen sind voller Händler und bunt gekleideter Gestalten. Auch diese Glockenhüte, die mir auf dem Weg hierher auffielen, sehe ich an ein paar Ecken, sowohl an Frauen als auch an Männern. Sie sind vermutlich für die Feldarbeit gedacht, aber das ist Spekulation.

Vor der Moschee nehmen wir nicht unsere Beine, aber zumindest unsere Schuhe in die Hand. Leichtfüßig schlüpfe ich aus meinen Ballerinas, während sich die Männer mit ihrem geschnürten Schuhwerk abmühen. So vorbereitet und mit einem schicken Tuch auf meinem Kopf werden wir sofort von einem Mitarbeiter der Moschee in Empfang genommen, der anscheinend unter anderem für die Touristenarbeit zuständig ist. Während wir die Marmorstufen hinauf auf das Gelände geleitet werden, warten Mamadou und Ibrahim draußen. Mit uns zusammen ist eine französische Familie, und so werden wir beim Herumführen durch die Außenbezirke der großen Moschee geduldig sowohl in der englischen als auch in der französischen Sprache informiert.

Ehe wir die Gebetsräume betreten, wandern wir durch einen offenen, luftigen Säulengang. Hier in diesem Raum können die Gläubigen sowohl entlang schlendern als auch auf dem kühlen, italienischen Marmor sitzen und meditieren. Die Fresken an der Decke, erklärt uns der freundliche Mann, sind nach marokkanischer Art gestaltet und die Teppiche aus der Türkei. Auf meiner Nachfrage hin, ob das denn Spenden seien, lacht er kurz und antwortet entschieden: „Nein. Keine Spenden. Das haben wir alles selbst gekauft.“ Menschen beten im Schatten der Säulengänge. Eine Gruppe Männer singt selbstvergessen religiöse Lieder. Sie sehen und nehmen uns wahr, unterbrechen dabei für keinen Moment den Gesang. „Macht ruhig ein Foto.“ Sagt unser Guide.

Männer beim Singen, Moschee in Touba, Senegal
Gebetsraum Frauen

Die Gebetsräume sind nach Geschlechtern getrennt, ansonsten können sich Männer und Frauen auf dem Gelände wie auch innerhalb der Moschee gleichberechtigt bewegen. Wir sind eingeladen, die Gebetsräume zu besuchen. Dafür splitten wir uns und die Männer werden zu einem anderen Gang geführt. Ich halte mich an die Französin und folge ihr. Der Frauenraum ist reich mit Gold und Kristallleuchtern verziert. Frauen beten auf dem Teppich sitzend, ein stilles, in sich gekehrtes Kommen und Gehen. Wir bleiben nicht lange drin, denn wir wollen die Ruhe der Menschen nicht stören. Noch ein Foto, schon sind wir draußen. Zum ersten Mal stört mich das nicht abschaltbare, vernehmliche Klicken meiner Kamera (für den chinesischen Markt produziert; das Klick-Geräusch lässt sich nicht abschalten und soll verhindern, dass Frauen unter die Röcke fotografiert wird. Danke, ihr Perversen, die ihr mir das eingebrockt habt.).

Draußen treffe ich wieder mit Stefan zusammen. Ich fühle mich hier wohl, an diesem Ort. Die Menschen sind freundlich, andere Besucher begrüßen uns, wir werden wohlwollend aufgenommen. Hier ist für mich von der seltsamen Grundhaltung in St. Louis oder Dakar nichts mehr spürbar.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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4 Kommentare

  1. stefantaege sagt:

    Im Gegensatz zu christlichen Kirchen mit ihren (manchmal) überladenen Protz wirken Moscheen richtig wohltuend. Eine Verschönerung die nur aus geometrischen Mustern besteht aus den schönsten Gesteinen und Farben.

    1. Und trotzdem waren sie unglaublich farbenfroh, die Moscheen. Vor allem, wenn das Licht die Buntglasfenster durchflutete.

  2. Die überladenen Fahrzeuge, die prächtig herausgeputzten Frauen, die wunderschöne Moschee – dieser Tag wäre wohl auch ganz nach meinem Geschmack gewesen!

    1. Touba war gut für Sozialstudien. Einmal mehr sind wir mittendrin gelandet 🙂

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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