14 Mai 2022
Arrecife, die Hauptstadt der Insel. Hier geht es etwas geschäftiger zu. Nein, sie ist noch immer keine Metropole, doch im Vergleich zum restlichen Lanzaroter Leben richtiggehend… städtisch. Vergebens versuche ich, die viele Streetart zu fotografieren, während mein Stefan unverrichteter Dinge durch die Ortschaft kurvt, auf der Suche nach einem Parkplatz. Schließlich entdeckt er ein Schild und wir fahren hinein.
Das Tor zum Parkhaus ist offen. Ungehindert passieren wir die Etagen, stellen ab, laufen hinaus. Und wundern uns beiläufig, dass uns kein Ticketautomat ein Ticket spendierte. Aber, andere Länder, andere Sitten. Vielleicht gehen die Insulaner großzügig mit Parkfläche um.
Das tun sie schon. Nur in diesem Falle sind wir in ein privates Parkhaus geraten. Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden aufgrund welcher Hinweise dahinter kommt. Als wir versuchen, wieder hinaus zu gelangen, geht das Tor, das uns so großzügig reingelassen hat – welch Überraschung – nicht auf.
Also warten wir. Währenddessen laufe ich die Etagen auf und ab auf der Suche nach einem Menschen, der uns befreien könnte. Schließlich gebe ich es auf, setze mich auf eine erhöhte Position über der Straße und beobachte den Verkehr. Der Bauernmarkt, unser heutiges Ziel, rückt weiter in die Ferne. Langsam erwacht das Leben auf den Straßen, wir sind recht früh da. Gegenüber wird ein Fotoshooting gemacht.
Das im leeren Raum überlaute Geräusch von Frauenschuhen reißt mich aus meinen Gedanken. Ich folge dem Echo der Schritte und erwische einen Mann und eine Frau, die eben bei ihrem Auto angekommen sind. Auf englisch versuche ich ihnen die Situation zu schildern – sie kapieren schnell und befreien uns aus unserer misslichen Lage. Vielen Dank, freundliche Insulaner. Der Bauernmarkt ist wieder im Spiel.
Bauernmarkt in Arrecife
Der Markt findet jeden Samstag zwischen 9 und 14 Uhr statt. Ich überrede Stefan zum Mitkommen und lege ihm dar, dass es eine gute Idee sei. Schließlich kann man hier frisches Gemüse, Obst und sicherlich auch lecker Käse erstehen. Nicht, dass wir in der Finca keinen Käse mehr hätten, wir haben uns mehr als reichlich eingedeckt. Aber dennoch. Ein wenig Leute gucken, örtliches Leben schnuppern. Er ist dabei.
Nun kreisen wir abermals durch das Zentrum von Arrecife. Schließlich – schau da – ein „legales“ Parkhaus. Die Erkundung der Stadt kann beginnen. Aus irgend einer Ecke kommend tauchen wir in die Fußgängerzone ein, die sich nicht groß von anderen Passagen dieser Welt unterscheidet. Es ist schattig und ruhig, Menschen schlendern oder sitzen in Cafés, ein Mann spielt Gitarre. Und nirgendwo die Spur von einem Markt. Von irgendwoher dringt Festmusik an unsere Ohren. Wir biegen rechts ab und bewegen uns in Richtung Uferpromenade. Die abgelegten Boote mit in der Sonne abblätternder Farbe sind hier ein typisches Bild. Schneeweiße Hauswände, von denen sich der Putz bereits großflächig verabschiedet hat, hohe Mauern, weiße Häuser. Die Zeit scheint irgendwie still zu stehen.
Ein Künstler, ein hagerer, älterer Mann mit Cap und weißem Bart, ist damit beschäftigt, kleine und mittelgroße Boote mit Farbe zu bemalen. Wie hypnotisiert bewege ich mich auf ihn zu, es riecht nach Meer, nach Terpentin und die bunten Farbflecke leuchten in der Sonne. Seine Boote stellt der Mann aus ausgedienten Blechdosen und -kanistern her. Bemalt werden sie in allen möglichen Farben und Motiven, einige klassisch, andere fantasievoll. Der Mann ist beschäftigt; immer neue kleine Boote entstehen unter seinen Händen. Sind sie fertig, dann trocknen sie in der Sonne, an den knorrigen Stamm einer Palme gelehnt, und warten auf ihren Käufer.
Stefan kommt langsam herbei geschlendert. Wir erstehen einige nach frischer Farbe riechenden Andenken und betrachten die ans Ufer plätschernden Wellen. Doch ich will nicht ruhig sitzen, Arrecife macht mich neugierig, ich will der Musik folgen, ihren Ursprung suchen.
Diesen finden wir nicht, dafür aber den Bauernmarkt. Auf einem Platz im Schatten der Kirche San Ginés stehen die Verkäufer; die Stände verkaufen Sangria, frisches Obst, Gemüse, frisch gepresste Säfte, Backwaren, Käse. Dann noch Brot, süße Stückchen, Weinessig, Blumen… Es gibt praktisch alles, was das Feinschmeckerherz begehrt. Natürlich wandert Sangria in meinen Magen und Käse in unsere Taschen. Als ob wir nicht genügend davon hätten, lässt sich Stefan hingerissen über die verschiedenen Sorten beraten.
„Gehen wir, bevor ich Blumen kaufe.“ So Stefan, nachdem er sich umgeschaut hatte. Ganz viel Käse wandert in die Taschen.
Der Markt ist überschaubar, es sind vielleicht sechs Stände aufgebaut, wenn’s hochkommt. Die laut Internet versprochenen Folkloregruppen treten heute nicht auf. Und die Quelle der Musik, welche uns durchgehend begleitet, finden wir nicht heraus. So tun wir es den Leuten hier gleich und bleiben am Rande des Kirchplatzes an einem der Außenplätze sitzen, mit einem großen Bier und einer Schale Chips vor der Nase.
Castillo den San Gabriel
Doch die viele Sitzerei lasse ich nicht auf mir sitzen, denn wenn es nach mir ginge, dann wären wir schon längst fußläufig in jede Ecke dieser Stadt vorgedrungen. Mühsam raffen wir uns auf und schlendern die inzwischen belebte Fußgängerzone bis zur Uferpromenade entlang. „Nach links oder nach Rechts?“ Na ja, links waren wir schon. Nach rechts also, vorbei an Booten, kunstvollen Pavillons, Spielanlagen für Kinder und kleinen, blinkenden Handyhüllenshops.
Über die alte Brücke Puente de las Bolas ist das Castillo den San Gabriel erreichbar, eine Jahrhunderte alte Festung, die dem Schutz der Insel vor Piratenangriffen diente. Das Castillo selbst wurde auf einer kleinen Insel erbaut, direkt vor der Küste von Arrecife. Das Skurrile daran; die Puente de las Bolas ist nur eine von zwei parallel verlaufenden Brücken, über die der Besucher auf die Miniinsel gelangen kann. Eine davon ist für Fahrzeuge, die andere für Fußgänger gedacht, doch wie mir scheint, werden sie inzwischen beide ausschließlich von Fußgängern genutzt. Vor den Mauern der Burg sind zwei schwere Geschütze aufgestellt, davor posieren gut gelaunte Touristen. Am kleinen, eiergelbem Strand vor der Brücke baden Kinder.
Seit 1972 ist die Burg ein nationales Denkmal. In ihrem Inneren befindet sich ein ethnografisches Geschichtsmuseum. Die Steinfestung wurde im 16 Jahrhundert errichtet, nachdem ihr Vorgänger, eine Verteidigungsanlage aus Holz, von Piraten niedergebrannt wurde.
El Golfo
Stefan hat einen Geheimtipp parat: ein Fischrestaurant in El Golfo. Ja, ich weiß; fast der gesamte, kleine Ort, direkt am Lago Verde gelegen, besteht aus Fischrestaurants. Doch dieses hier soll herausragend sein. Es befindet sich direkt an der felsigen Küste, Wellen schlagen hoch und schäumend, kristallblau gegen Lavagestein. Hier kehren wir von diesem Zeitpunkt an immer wieder ein. Fisch mit Blick aufs Meer. Der Kellner empfiehlt das Gericht des Tages: Fischplatte gemischt. Sie ist fantastisch, trotz der vielen Gräten. Ein Glas Weißwein vervollkommnet den Genuss. Beim zweiten Besuch wird er uns bereits gut kennen und genau wissen, welches Gericht und welchen Wein wir mögen.

Eine Schmuckhändlerin hat ihren Stand nahe des Eingangs zum Restaurantbereich aufgebaut. Sie verkauft Schmuck, Perlen und Steinchen. Ich betrachte sie eine Weile. Das ganze Erlebnis, der Geschmack nach Salzigem und die Frische, die der Duft des Meeres mit sich bringt. Die Möwen, das Geräusch der Wellen, das stetige, meditative Auf und Ab. Du kaufst keine Kette, kein vom Künstler bemaltes Souvenir. Du kaufst den Strand und das Meer, ein Stück von der Insel, ein Stück von der Sonne. Du kaufst das Erlebnis, das du versuchst, mit nach Hause zu nehmen. Und du kaufst die Erinnerung, die dich immer dann überkommt, wenn du dein Souvenir betrachtest, es in der Hand wiegst, während deine Blicke in die Ferne gleiten, Dinge sehen, die sonst niemand sieht. Denn dann bist du wieder da, auf deiner Insel.
Nach dem Essen setzen wir uns auf die Steine am Strand. Während es meinem Stefan reicht, einfach nur da zu sitzen und den Möwen zuzusehen, entferne ich mich schon bald, denn wie immer packt mich der Entdeckergeist. Und der stetige Bewegungsmangel will ab und an mal unterbrochen werden. Ich gehe Stein für Stein nach rechts, immer die Küste entlang, an Restaurants und Häusern der Anwohner vorbei. Fischerboote, an den Strand gezogen, liegen trocken in der Sonne. Es macht Freude, so von Stein zu Stein zu hüpfen. Menschen sitzen im Schatten und schauen zu mir heraus.
Schon bald, ich weiß selbst nicht wann, lasse ich die letzten Häuser hinter mir. Das Dorf entfernt sich, wird ganz klein. Ein paar kleine, weiße Würfel inmitten der mächtigen, überwältigenden Landschaft. Vulkane, ob aktiv oder nicht, können uns durchaus das Gefühl geben, in einem Moment da, im nächsten schon wieder weg sein zu können…
Die schwarzen Steine sind groß und die Lücken dazwischen, die ich überspringe, auch nicht gerade winzig. Während ich mich seitlich das Gestein hinauf quäle, stelle ich bald fest, dass es da einen Wanderpfad gibt. Na das wäre ja zu einfach gewesen, oder? Berauscht vom Tosen des Meeres suche ich mir einen flachen Stein zum Sitzen. Hier schaue ich hinunter auf die Klippen und das marineblaue Wasser, das sich schaumig, mächtig tosend an ihnen bricht. Gefesselt vom Tosen des Meeres, vom lauten Geräusch der aufschlagenden Wellen sitze ich eine Weile da. Solche Orte nehmen mich gefangen, denn ich weiß noch, wie es war, als ich das Meer zum ersten Mal sah. Sie war keine übergroße Badewanne für kleine Kinder und „kleine“ Erwachsene, die nur mal spielen wollen. Es war grau. Es war kalt. Es schlug Wellen und es war windig. Es war lebendig.
So wie jetzt. Auch wenn ich einige Zeit da sitze, ist da immer der Gedanke, dass Stefan irgendwo unten im Dorf auf mich wartet. Also erhebe ich mich von meinem steinernen Thron. Den Rückweg absolviere ich über den ausgetretenen Pfad, zurück ins Dorf. Doch eigentlich führt der Pfad noch weiter, über die Felsen und Steine drüber, stets an der Küste entlang. Wie gern würde ich ihn folgen. Es ist ein Wanderpfad, wie ich später nachlese, über welchen die Küste des Timanfaya Nationalparks komplett abgelaufen werden kann. Das Schild steht am Dorfausgang. Die Wanderung endet bei Playa de Madera. Ich will diesen Weg wandern und verkünde das Stefan, sobald wir wieder im Auto sitzen.
Das jedoch erfordert einige Diskussionen, denn es setzt voraus, später an Playa de Madera abgeholt zu werden – und mein Liebster behauptet steif und fest, dass es keinen befahrbaren Weg dorthin gibt. Das wiederum halte ich für ein Gerücht; und so ergibt es sich, dass wir an diesem späten Nachmittag noch losfahren, hinein in den Bauch der Insel, um jenen geheimnisvollen Ort zu suchen, der sich da Playa de Madera nennt.
Playa de las Malves
Über den Nationalpark fahren wir zum „Endpunkt“ der Wanderroute, dem einzig nahem, der für Stefan erreichbar scheint: es ist der Strandabschnitt Playa de las Malves, circa einen Kilometer von Playa de Madera entfernt. Bereits hier überrede ich meinen Liebsten mit Engelszungen, sich auf einen unbefestigten Wegeabschnitt zu begeben. Das Auto ruckelt, hinter uns staubt es, doch ich weiß, dass bei vorsichtiger Fahrweise solche Fahrzeuge mehr als geeignet für derlei Strecken sind.
Nun, irgendwann habe ich Stefans Geduld jedoch ausgeschöpft, also halten wir in einer wie dafür geschaffenen Haltebucht. Das hier ist beileibe kein touristischer Ort. Diese Bucht, dieser Strand und überhaupt, dieser Abschnitt der Insel wird kaum in einem Reiseführer stehen. Zu naturbelassen, keine Infrastruktur wie Toiletten usw., und wohl auch nicht spektakulär genug. Gut so.
Gesäubert wird der Strand auch nicht. Doch das ist auch nicht notwendig. Einzig grüne Seealgen kontrastieren mit dem tiefblauen Wasser, mit schwarzem Sand. Die Steine am Strand haben die perfekte, ergonomisch rückenfreundliche Form; glatt poliert, als seien sie genau für die Maße unserer Hintern geschaffen worden, wie ein Sitz von Ikea. Wir nehmen Platz und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Ein schöner, unentdeckter, einsamer Ort. Etwas weiter weg sehen wir Insulaner, ganze Familien mit Kindern, im Schatten von Sonnenschirmen zwischen den Felsen versteckt. Es ist wohl selten, dass sich ein Tourist hierher verirrt. Fröhliche Hunde plantschen im Wasser, spielen am Strand. Ich muss raus aus den Schuhen, zumindest die Füße von den Wellen umspülen lassen. Zum Baden ist der Ort hier nur bedingt geeignet, der Wellengang ist stark. Meine Knöchel werden umspült von Schaum, und dann zieht mir der Sog die kleinen Kiessteinchen unter den Füßen weg. Wieder und wieder.
Der Rückweg über den Timanfaya ist inzwischen schon klassisch. Die Mondlandschaft führt uns nach Hause. Vor der Türe wartet diesmal die gelbe Katze auf uns. Sie hat die animalische, ungezähmte Ausstrahlung eines Löwen. Doch am Ende unterscheidet sie sich kaum von ihren Artgenossen: alle wollen sie gestreichelt werden. Als wir ankommen, läuft sie schnell weg, empfängt uns dann, faul auf der Liege ruhend, auf der Terrasse.
Was, ich? Ich habe niemals vor der Tür auf euch gewartet. Ich? Niee…mals…
Wenn ich so im nachhinein die Preise vom Fisch essen in El Golfo mit Senegal vergleiche, dann kann man schon weinen. Welten Unterschied.
Aber Lanzarote war irgendwie gechillter, oder? 😉
Ja schon, Senegal nur in Abschnitten wie in der Wüste, Silvester oder die letzte Woche. 🙂
Mal sehen, wie es im Süden so ist🤔😉
Wie gut, dass ihr aus dem privaten Parkhaus befreit wurdet. Sonst wäre euer Ausflug nach Arrecife doch etwas anders verlaufen als geplant 😁. Ich habe ja 14 Tage dort gewohnt. Mir hat es richtig gut gefallen dort! Wie du schon schreibst: städtisch, ohne Metropole zu sein. Der Typ mit den Blechbooten ist übrigens noch immer jeden Tag unermüdlich am Werkeln!
Deinen Bewegungsdrang kann ich gut nachvollziehen. So schön es ist, an tollen Orten wie zB. dem Küstenabschnitt, an dem ihr anschließend wart, einfach zu sitzen und zu schauen: der Körper ist ein Bewegungsapparat! Sonst hieße er ja Sitzapparat 😇. Ich hoffe, du hast die geplante Wanderung noch machen können, wo auch immer Stefan dich schlussendlich wieder aufgabeln konnte.
Die geplante Wanderung hatte ich nicht mehr absolviert, dafür habe ich ganze zwei Tage La Graciosa gewidmet. Der Künstler in Arrecife werkelt noch, das ist schön. Er sah so aus, als wäre das sein fester Platz😉
Parkhaus: ja, großes Glück. Sonst hätten wir eben das Auto auf Risiko stehen lassen müssen…😉
Vielen Dank für diese schönen Impressionen
Schön, das es dir gefällt😉