Die Farm in den Tirasbergen – Thorsten und Linn

Kategorien Afrika, Namibia

Die Namtib Farm, 12 September 2017

Ich mache mich auf, das Gelände der Farm zu erkunden. Die niedrigen Bungalows umgeben einen Innenhof; Köcherbäume und ein kleiner Teich bilden das Herz der Anlage. Die Farm liegt eingebettet zwischen zwei gewaltigen Bergen, die rötlich im Licht der Abendsonne leuchten.

Im Westen, von wo wir gekommen sind, liegt offenes Land vor uns, doch im Osten, Süden und Norden umschließen uns die Berge. Der Haufen großer Steinkolosse, den wir auf dem Weg hierher gesehen haben, ist begehbar, es sind Treppenstufen angebaut worden. Ein Stück weiter weg liegen runde Gesteinsbrocken in der Landschaft verstreut, ganz so, als hätten Riesen damit Murmeln gespielt.

Ich klettere die Steingruppe die enge Treppe hinauf und lasse, oben angekommen, den Blick umher schweifen. Ab und zu bellt ein Hund, ein anatolischer Schäferhund namens Amir, dumpf vor sich hin, doch ansonsten höre ich nur das Rauschen des Windes, das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten. Ein Vogel gibt seltsame Laute von sich, immer wieder dieselbe Tonabfolge, Laute, die man so wahrscheinlich nur in Afrika hört. Die Pferde, bei meinem Anblick neugierig geworden, kommen näher. Auf der Nordseite des Geländes liegen die Bungalows der Angestellten.

Am späten Abend sitzen wir noch oben auf der Terrasse, die auf einem Fels errichtet wurde und einen Rundumblick über die Farm ermöglicht, und schauen hinunter auf die grau werdende Landschaft. Stefan hat ein Bier neben sich stehen, ein namibisches Tafel Lager, in Windhoek nach dem Deutschen Reinheitsgebot gebraut. Das will man sehen im wilden Afrika, das Deutsche Reinheitsgebot!

Wir – Stefan, ich und zwei weitere Pärchen – sitzen da. Es wird kühler, doch noch ist es angenehm – wir bekommen den schönsten, afrikanischen Sonnenuntergang geboten. Die Landschaft erscheint fahl, wie gedämpft, denn wenn hier die Sonne am Versinken ist, bekommt die Welt von ihren Strahlen nichts mehr mit. Die runde Scheibe zeichnet sich scharf von dem verblassenden Himmel ab. Manchmal hebt der eine oder andere seine Kamera ans Auge, doch es setzt sich die allgemeine Erkenntnis durch, dass sich die Farben einfach nicht einfangen lassen wollen, dieses drastische, kalte, dramatische Rot.

Am Abend sitzen wir noch im flackernden Schein der Öllampe vor unserem Bungalow. Die Öllampen sind an jedem Tisch aufgestellt worden, denn die Beleuchtung ist auf ein Minimum reduziert – zum einen, da der Strom selbst erzeugt wird und zum anderen, damit man später den Sternenhimmel über der Wüste sehen kann.

Das Abendessen nehmen wir mit der Familie ein. Es ist rührend, wie sorgfältig das junge Ehepaar alles arrangiert hat, um uns willkommen zu heißen. Wir sitzen alle zusammen an der gedeckten Tafel im Schein unzähliger Kerzen, die Linn noch kurz vor unserem Auftauchen alle entzündet hatte. Das dunkle Holz im Raum wirkt warm im Kerzenlicht, die Gesichter der Anwesenden scheinen von innen zu leuchten. Das glänzende Besteck auf dem Tisch und die gerollten Servietten in ihren Haltern warten auf ihren Einsatz.

Zu essen gibt es ein Oryx-Lendensteak und einen Auflauf aus zartem Springbockfleisch, und währenddessen erzählt uns das Paar von ihrem Leben auf der Farm. Auch der einen oder anderen neugierigen Frage der Besucher müssen sich die beiden stellen.

Linn ist in Windhoek geboren und aufgewachsen ihre Eltern kommen ursprünglich aus Berlin. Thorstens Eltern stammen aus Ladenburg bei Mannheim, er selbst ist mit ihnen als Kind nach Namibia gekommen, damals, als sie die Farm gekauft und ausgebaut haben. Er ging in eine Schule in Namibia, die auf deutschsprachige Schüler ausgerichtet war.

„Es gibt 12 ethnische Gruppen in Namibia.“ Erzählt uns Thorsten. „Inzwischen ist das Schulungssystem hier sehr liberal geworden, es gibt muttersprachliche Schulen für jede ethnische Gruppierung. Natürlich aufgeteilt nach den Gebieten, in denen die ethnischen Gruppen leben. In den Schulen werden neben englisch und afrikaans auch die jeweiligen Muttersprachen unterrichtet.“ Die ethnische Aufteilung sei aber keineswegs verpflichtend, jeder kann sich seine Schule selbst aussuchen und es kommt häufig vor, dass Kinder verschiedener Bevölkerungsgruppen zusammen eine Schule besuchen. „Es hat sich viel geändert in den letzten Jahren. „Sagt er. „jedes Kind hat das Recht auf seine Sprache und seine Kultur.“

„Dann lebt Namibia praktisch das Ideal der kulturellen Vielfalt und Offenheit.“ Sagt eine Zuhörerin. „Deutschland hängt auf diesem Gebiet weit hinterher.“

Wir unterhalten uns weiter über Bildung und welche Bedeutung sie für den Menschen heute hat.

„Wie kommen denn die Kinder zur Schule bei den weiten Entfernungen hier?“ Fragt jemand, woraufhin Thorsten lächelt.

„Wir haben clevere Kinder hier.“ Sagt er. In Namibia herrscht Schulpflicht, also müssen die Kinder in die Schule, und auch für die weiten Entfernungen hat man eine Lösung gefunden. Die Kinder wohnen während der Schulzeit nahe ihrer Schulen und kommen in den Ferien nach Hause. Doch nicht alle Eltern wollen das.

„Den Himbavolk ist beispielsweise die Bildung ihrer Kinder ein Dorn im Auge. Denn die Kinder laufen ihnen davon. Sie bleiben in den Städten, in denen es Arbeit gibt. Die Himba sind Hirten. Doch ein Himbakind, das einmal ein Smartphone in der Hand hatte, das einmal Cola getrunken hatte, das kommt nicht mehr zurück. Dann ist es vorbei mit Ziegen hüten.“ Sagt Thorsten. „Die Welt verändert sich. Wir müssen uns damit abfinden – und das ist nicht wertend gemeint, es ist einfach so – dass Kulturen wie die der Himba, so wie sie jetzt existieren, in den nächsten Jahren aussterben werden. Denn wofür ist Bildung wichtig? Um zu arbeiten, Geld zu verdienen, ein Teil des Systems zu sein, es am Leben zu erhalten. Etwas anderes lässt unser System nicht zu.“

Hier melden sich auch gegenteilige Meinungen zu Wort. Bildung sei wichtig für einen selbst, dafür, eine Vorstellung von der Welt und ihrer Vielfalt zu bekommen. Um mehr Möglichkeiten im Leben zu haben als das, was man vom Elternhaus her kennt.

Interessant an dieser Stelle ist der Aspekt der sozialen Intelligenz. Die meisten vertreten die Meinung, dass Bildung den Kindern hilft, soziale Kompetenz zu entwickeln, die Toleranz fördert anderen Lebensarten und Kulturen gegenüber. In einigen islamischen Ländern ist die Bildung gar ein Instrument, das eingesetzt wird, um extremistischen Tendenzen entgegen zu wirken.

Doch hieße das im Umkehrschluss, indigene Völker hätten wenig bis keine soziale Kompetenz? Kann man diese Kulturen absprechen, die es schon so in der Form seit Hunderten von Jahren gibt? Bekommen die Kinder denn nicht ein Miteinander von ihren Eltern und der Gemeinschaft vermittelt, auch ohne schulische Bildung? Und lässt das enge Zusammenleben in einer kleinen Gemeinschaft gar eine andere Möglichkeit zu als die einer hohen sozialen Kompetenz, die für den Zusammenhalt notwendig ist? Bei diesem Thema bin ich geteilter Meinung. Und ja – Thorsten hat Recht: Ein Leben wie vor ein paar hundert Jahren ist in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, wird von einem System wie dem unseren, das sich auf der ganzen Welt etabliert hatte, nicht toleriert.

Lena und Thorsten sprechen auch über die Versorgung hier in der Wüste. Das sogenannte Jagdwild, dazu gehören auch die Oryx und der Springbock auf unserem Teller, das sich auf dem Territorium der eigenen Farm aufhält, darf für den eigenen Bedarf gejagt und geschossen werden. Thorsten schießt die Tiere selbst, unter Verwendung eines Schalldämpfers und nach Möglichkeit einem einzigen, gezielten Schuss. Einige Farmen ließen sich von Hobbyjägern viel Geld dafür bezahlen, damit diese auf dem Farmgelände jagen dürfen, erfahren wir. Es hätte sich in Namibia ein richtiggehender Jagdtourismus entwickelt.

Wir sind eine schöne, homogene Gruppe, die an diesem Abend hier am Tisch sitzt. Acht Pärchen, allesamt Deutsche, die meisten aus dem Süden. Doch das sei Zufall, meinen die beiden, denn sie machten keine spezielle Werbung dafür, dass hier deutsch gesprochen wird.

Und so unterhalten wir uns bis in den späten Abend hinein. Das Kerzenlicht spiegelt sich in den Gesichtern unserer Gastgeber, die am Kopfende der Tafel sitzen, und unwillkürlich fühle ich mich an alte Filme wie „Vom Winde verweht“ erinnert. Die Angestellten sehen wir an diesen Abend nicht, sie bleiben im Hintergrund; Thorsten und Linn tragen das Essen auf. Die Angestellten wohnen auf der Farm und fahren in ihrer Urlaubszeit nach Hause, erklärt Thorsten auf die Nachfrage eines Gastes hin und zerstreut damit meine Bedenken, ob denn die Menschen, die hier wohnen und arbeiten, denn so etwas wie Urlaub hätten.

Viele wilde Tiere durchqueren die Namtib-Farm oder haben hier ihr Jagdrevier wie die bereits erwähnten Oryx, Spring- und Steinböcke, aber auch der Gepard und der Leopard. Auch kleinere und größere Schlangen bis hin zur Schwarzen Mamba sind hier anzutreffen wie auch Hyänen, Schakale und die unvermeidlichen Paviane.

Als wir uns nach dem Abendessen zum Schlafengehen verabschieden, erschlägt uns draußen beinahe der leuchtende Sternenhimmel. Es ist pechschwarze Nacht und wir sind irgendwo am Rande der Welt, tief in den ältesten Bergen der Welt. Keine Lichtquellen weit und breit, der Himmel leuchtet und funkelt mit einer solchen Klarheit, als hätte ihn jemand mit kleinen und großen Diamanten beschlagen. Die Milchstraße ist als ein helles, nebelhaftes Band zu sehen und die Sternbilder sind mir auf dieser Hälfte der Erdkugel völlig fremd. Wir setzen uns auf die Steine, die die Pflanzenwelt in der Mitte des Innenhofs umranden, und legen die Köpfe in den Nacken.

Wir bleiben solange, bis Stefan müde wird und reingehen möchte. Doch obwohl auch ich müde bin, habe ich das Gefühl, sobald ich diesen Platz hier und diesen Himmel über mir zurücklasse, verflüchtigt sich der Augenblick und ich verpasse etwas. So lange wie möglich möchte ich in diesen großartigen Diamantenhimmel schauen…

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Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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