Asien, Türkei

Eyüp, das konservative Istanbul

November 2021

Wind bläst durch das offene Fenster und trägt den Zigarrenrauch davon, hinaus in die Nacht. Mit ihm entweichen auch meine Gedanken und mein Kopf wird frei. Leere Straßen. Eine einsame Katze schleicht im Schatten der geschlossenen Imbissbuden. Ein einsamer Mann schleicht entlang der Straße. Zwei Jungs mit Wasserflaschen. Jemand mit einem großen, schweren Anhänger, den er zu Fuß hinter sich zieht. Vereinzelt huschen die Menschen davon, jeder sieht zu, dass er ins Warme, in den Schutz der eigenen vier Wände gelangt. Polizeistreifen drehen ihre Runden an diesem frühen Morgen um halb vier.

Eine der Streifen bleibt mitten auf der Straße stehen. Warnblinker gehen an. Der Uniformierte steigt aus. Nimmt seine Maske ab. Marschiert zielstrebigen Schrittes in unser Hotel. Würde er nur einen Blick nach oben riskieren, so sähe er mich hier am Fenster sitzen. Jetzt ist es soweit, denke ich mir. Jetzt kommen sie, um mich zu holen.

Aber was habe ich denn getan?

Eine Weile vergeht. Dann kehrt der Polizist wieder in seinen Wagen zurück und fährt davon. Wahrscheinlich kehrt er morgen wieder zurück, wenn ich ausgeschlafen habe. Wie rücksichtsvoll von ihm.

Aus dem „chronologischen Berichten“ wird es wohl nichts. Bis spät saßen Fee und ich noch da und machten unsere Budgetplanung. Glücklicherweise hat die Süße genügend Bargeld dabei, denn wie sich herausstellt, ist die Türkei eines der kostspieligsten Länder weltweit, wenn es darum geht, Geld abzuheben (so zumindest die Ansicht meiner Freundin). Und der Einsatz der Kreditkarte ist (auch die Ansicht meiner Freundin) mit vielen Risiken verbunden. Betrug, falsche Abhebungssummen… „Ich habe schon viel gesehen.“ Sagt sie.

Überhaupt hat meine Fee alles, was unseren Trip betrifft, minutiös geplant. Selbst die Strecken von A nach B und die etwaig anfallenden Taxikosten hatte sie sich notiert. Information ist alles. Was uns allerdings nicht davor schützte, zweimal übers Ohr gehauen zu werden. Beruhigend zu wissen, dass das sogar einer Türkin passieren kann…

Da auch heute so viel geschehen ist, wir so viel erlebten, dass die Erfahrungen und Eindrücke in meinem Geiste flattern wie eingesperrte Vögel, werde ich chronologisch fortfahren.

 

Rückblende

Basar an der Eyüp Sultan Moschee

„Es gibt hier keinen Alkohol, aber die meisten Betrunkenen. Keine Puffs, aber die meisten Nutten. Und keine Drogen, aber die meisten, die stoned sind…“

So werden uns Tage später zwei türkische Polizisten diesen Stadtteil beschreiben. Eyüp, ein besonders konservativer Teil von Istanbul, in den wir uns gerade begeben. Es wurde nach Ayyub al-Ansari, einem der Fahnenträger Mohammeds, benannt, der bei den Kämpfen um Konstantinopel fiel. 1453 soll hier seine unverweste Leiche gefunden worden sein. An dieser Stelle wurde eine Moschee errichtet: die Eyüp Sultan Camii. Sie ist eines der wichtigsten Walfahrtstätten des Islam; so wird das Viertel auch als das spiritueller Zentrum der Stadt betrachtet. Hier pilgern viele hin, um die Moschee und den nahe gelegenen Friedhof zu besuchen. Entsprechend haben auch die Märkte ihr Angebot auf den Bedarf der Gläubigen ausgerichtet. Es gibt Rituelles zu kaufen, Kopftücher, Gewänder, Gebetsketten, spezielle Duftwässerchen. Doch Fee will mir hier noch andere Dinge zeigen.

Der Kleinbus lässt uns an einer belebten Kreuzung raus. In einer halsbrecherischen, jedoch hierzulande standardmäßigen Aktion überqueren wir die Straße. Vor uns eröffnet sich eine Basarmeile voll mit Ständen, Geschäften, kleinen Seitengassen. Es wird alles, wirklich alles verkauft, was das Herz begehrt – zu, wie ich überrascht feststelle, ausgewiesenen Festpreisen. Der berühmte Spruch: „feilschen wie auf einem türkischen Basar“ scheint hier längst keine Gültigkeit mehr zu haben. Bei einem Handtaschenstand bleibt Fee begeistert stehen und erzählt mir enthusiastisch, was sie wann für wieviel eingekauft hatte („Sehr günstig! In Deutschland hätte ich… und hier habe ich…).

Der Basar ist voll und, die mahnenden Worte von Fees Familie im Hinterkopf, gebe ich mir besondere Mühe, meine Geldkatze möglichst unsichtbar zu tragen. Doch im Grunde – und das muss man jetzt wirklich so klar sagen – kaufen wir nicht wirklich ein. Wir fressen uns durch die gesamte Meile. Und zu schauen und zu probieren gibt es hier so vieles. Nüsse, Gebäck, Gewürze, geröstete Kichererbsen und anderes Zeug, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Immer wieder tippe ich Fee auf die Schulter und lasse mir Dinge erklären, die mich interessieren. Was ist das? Was macht man damit? Wie schmeckt das? Riesengroße Käsestücke lagern in den Auslageflächen oder hängen über dem Kopf der Verkäufer. Große Honigwaben, die noch die eine oder andere Biene anziehen, selbst um diese Jahreszeit noch. Lebensmittel, die mich neugierig machen.

Flaschen mit einer gelben, milchigen Flüssigkeit wecken mein Interesse. Es handelt sich dabei um Boza, etwas, das als eine Art… hm… Nachtisch? Oder Drink für zwischendurch mit Zimt und Toppings wie gerösteten Kichererbsen serviert wird. Woraus ist das, will ich wissen. Anscheinend wird das Getränk aus einer Art Gries gekocht. Ist das Pudding? Hm, nein, auch nicht wirklich. Als „säuerlich und leicht prickelnd auf der Zunge“ wird es von vielen beschrieben. Ich probiere und selbst dann kann ich nicht wirklich sagen, wonach es schmeckt, aber es ist lecker, sehr lecker. Mit einem vollen Becher in der Hand gehen wir weiter.

Kaum ist der Becher leer, lockt schon der nächste Snack. „Das will ich!“ Rufe ich begeistert, und der Verkäufer lächelt auch noch so einladend. Diesmal ist der „Snack“ ein richtiger Nachtisch; die untere Schicht bildet Mastix-Eis (wir erinnern uns: Kaugummi der Römer…) und obendrauf kommt heißer Grießbrei. Da diese Sorte türkisches Eis auf die Zugabe von Ei verzichtet, ist es härter als normal. Das Mastix verhindert das sofortige Schmelzen der Eisschicht. Einfach köstlich, das Zeug.

Mit einer Hand mein Eis festhaltend versuche ich mit der anderen, all die Eindrücke um mich herum, all das bunte Treiben fotografisch festzuhalten. Der Basar ist keineswegs auf Touristen ausgerichtet, auch wenn hier vereinzelt welche zu sehen sind. Nein, es sind die Pilger und die Einheimischen, die hier unterwegs sind.

In einem mobilen Straßenstand verkauft ein alter Mann Vogelfutter für Tauben. Es ist nicht nur nicht verboten, die Tiere zu füttern; im Gegenteil gibt es hier eigens für die Taubenfütterung eingerichtetes Gehege. Und das Angebot wird gerne angenommen, wie die versammelte Menschentraube beweist.

Kostenlose Kaffeebecher to go werden im Rahmen einer Werbeaktion ausgeschenkt. Die Einkaufsmeile mündet in einem offenen Platz; das Wasser des Wasserbrunnens plätschert in den goldenen Strahlen der Abendsonne. Welch schöner Anblick.

Gleich neben der Moschee wird das Angebot der Märkte differenzierter. Hier richtet sich alles an Pilger und Gläubige, denn auch mit dem Glauben lässt sich gutes Geld verdienen. Heiliges (und wohl heilendes) Wasser aus Mekka, Gebetsteppiche, Tücher in allen Farben. Muslimische Gebetskränze. Bunte Halbedelsteine für einen Appel und einen Ei. Bonbons. Duftende Seifen aus Rosenöl, Eselsmilch und anderen Ingredienzien. Es gibt ganze Serien aus Rosenölprodukten. Duftwässerchen aus Mekka. Eine Gruppe Frauen versucht, uns zum gemeinsamen Freiluftbeten zu bewegen.

Und erst die vielen Katzen. Istanbul ist bekannt für seine Bataillonen von freilaufenden, obdachlosen Katzen und sie sind überall. Stolzieren durch die Straßen, sitzen auf Parkbänken, wühlen in leeren Kartons nach Essensresten. Eine Katzenmutter stillt ihre Babys; ein guter Mensch hat für sie aus einem Pappkarton ein schützendes Refugium geschaffen. Katzen in Istanbul. Ein Kapitel für sich.

Vor der Moschee erstreckt sich ein muslimischer Friedhof. Es ist der große Eyüp Friedhof, und wir sind uns anfangs nicht sicher, ob wir uns dort aufhalten dürfen. „Das sind Gräber von heiligen.“ Sagt Fee. „Wir dürfen da nicht einfach spazieren.“ Doch ich sehe andere Spaziergänger dort entlang schlendern. Warum also nicht?

Na, zum Beispiel, weil die Verkostung weiter geht. Boza wird auch als heiße Variante verkauft und ich muss mir einen Becher holen (für den Vergleichswert, versteht sich). „Du musst doch nicht gleich alles kaufen, nur weil dich jemand probieren lässt?“ Wundert sich meine Freundin. Doch, ich muss – irgendwie fühle ich mich verpflichtet. Das wird sie mir sicher im Laufe dieser Tage aberziehen.

Sind wir nach dem späten Frühstück bereits gesättigt hier angekommen, so kann ich jetzt endgültig kein Essen mehr sehen. Es lockt so vieles, wie die häufig am Straßenrand anzutreffenden mobilen Stände mit gerösteten Maiskolben zum Beispiel. Doch fürs Erste quittiere ich meinen Dienst als Verkosterin.

Es ist inzwischen Abend über dem Basar und die Stände leuchten uns in allen Farben entgegen und wir verlieren uns in einem Süßigkeitenladen. Bunte, köstliche Welten. Süßes aus der Türkei, Arabien, Gewürze, Tee, Baklava. Es gibt sogar Tschurtschchela, die natürlichen „Snickers“ aus Georgien, die aus Traubensaft, Nüssen und Stärke hergestellt werden.

Vor dem Süßigkeitengeschäft wird Fee von einem Reporterteam aufgegriffen. Thema ist anscheinend die anhaltende Inflation in der Türkei. Der Lira verliert praktisch im Minutentakt an Wert. Für uns ist das gut – für uns Touristen. Doch die türkische Inflation tippt mir gleich danach auf die Schulter; zwei alte Frauen sprechen mich an. Sie sind augenscheinlich obdachlos – oder sehr, sehr arm. Da ich sie nicht verstehen kann, delegiere ich an Fee. Sie stürmt los. Kurz darauf kehrt sie zu den beiden zurück, für jede eine Flasche Wasser in der Hand. „Sie haben mich nach Wasser gefragt.“ Sagt sie. Hier hilft man einander.

Inzwischen ist es dunkel über der Stadt. Anstatt wieder den Bus zu nehmen, laufen wir die Strecke zurück zum Hotel. Ich fühle mich voller Energie und köstlicher, leerer Kalorien und die Bewegung tut gut. Die dunkle Straße führt steil hinauf und endlich habe ich wieder Gelegenheit, meinem Körper etwas wohlverdienter Anstrengung zu gönnen. Auch hier macht mich meine Freundin auf die Besonderheiten in ihrem Land aufmerksam. Wie auf die vielen, leeren Plastikkanister, die aufgereiht entlang der leeren Straße stehen. „Anstatt zu schleppen, lassen sich die Leute ihr Wasser nach Hause liefern.“ Die leeren Kanister werden gegen volle getauscht und mitgenommen.

Es ist die Zeit der Istanbuler Katzen, die aus allen Winkeln kommen und die Straßen erobern. Sie sitzen im Toreingängen, auf Autodächern, durchwühlen miauend die Mülleimer, huschen um die Ecke, verschwinden in der Dunkelheit. Die wahren Könige der Nacht. Hier muss man immer unter sein Auto schauen, bevor man losfährt. Einige Anwohner füttern die Katzen. Andere behandeln sie mit Gleichgültigkeit. Von manchen werden sie gequält. Doch sie setzen sich durch und vermehren sich; die Essensreste aus Restaurants und von Straßenständen bieten ihnen eine solide Grundlage.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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10 Kommentare

  1. Da hast du uns ja wahrlich einen ganzen Sack voller Eindrücke geliefert. Der Basar scheint ein sehr intensives und tolles Erlebnis gewesen zu sein. Hat es sich – im Nachhinein betrachtet – denn wirklich herausgestellt, dass man in Istanbul generell besser bar als mit Kreditkarte zahlt?

    1. Also, ich hatte in den Folgetagen auch mit der Visa bezahlt und keine negativen Erfahrungen dabei gemacht, allerdings wachte meine Freundin währenddessen über mich wie ein Wachhund 😉 da konnte nix passieren…
      Ich sag mal so. Wenn mich meine Freundin diesbezüglich gewarnt hat, dann vertraue ich darauf…

      1. Wie gut dass du in so guter Obhut warst 😁. Ich lasse dann einfach Stefan mit seiner Apple Watch zahlen. Da nützt potentiellen Datenklauern ein lässiges Über die Schulter-Schielen recht wenig.

        1. Ja, meine Freundin hat aufgepasst wie ein Wachhund 😉

  2. Toll, dass du einen local hero als Begleitung hattest. Ich war einmal in Istanbul, zufällig während des Opferfestes. Alles war zu und leer. Sehr skurril.

    1. says:

      Und hinter verschlossenen Türen hörte man die panischen Stimmen der Opfertiere? Ich kann verstehen, dass dich das geängstigt hat… 😉 Aber so gesehen erklärt sich damit das Meckern der Schafe, welche ich mitten in der Stadt gehört habe… Hm…

      Lg Kasia

  3. Vielen Dank für diese Eindrucken mit uns zu teilen Kasia.

    1. Dankeschön, ich freue mich, dass die Eindrücke so viel Anklang finden.

      1. Fee says:

        Wir fliegen bestimmt wieder in die Türkei, es war sehr schön mit dir mein Schatz.

        1. says:

          Dankeschön. Das Kompliment kann ich nur zurückgeben.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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