Asien, Georgien

Tiflis, die Altstadt – bunt und vielfältig

September 2021

Am Folgetag sind wir wieder nur zu viert unterwegs. Diesmal ist es Tomek, der fehlt. Das Pflichtgefühl und der Job haben ihn an seinen Laptop gekettet, doch diesmal ist der Sohn des Hauses mit dabei. Wir machen im Hotel einen Kassensturz, was mir Gelegenheit gibt, mir die bunten, fremden Scheine genauer zu betrachten, die wie ein Fächer vor mir ausgebreitet liegen. Bezahlt wird hierzulande in Lari, wobei ein Euro in etwa 30 Lari entspricht. Unser gruppeneigenes Finanzsystem ist einfach. Größere, gemeinsame Beträge wie die Hotel- oder die Essensrechnung werden von einer Person beglichen und später, allerspätestens jedoch am Folgetag, durch fünf geteilt und untereinander verrechnet. Buch zu führen würde ein zu großes Durcheinander bedeuten.

Taximangel

Dass Tomek fehlt, hat Nachteile. Zunächst ist weit und breit kein Taxi zu sehen. Gestern hatten wir das Gefühl, dass Tomek mit seiner bloßen Anwesenheit die richtigen Menschen anzuziehen vermag. Bei der jovialen Art meines Onkels scheinen sich die Leute wiederum zurückzuziehen, als würden sie Sorge haben, überrannt zu werden. Wie dem auch sei, kein Taxi. „Vielleicht laufen wir ein Stückchen vor bis zur Hauptstraße.“ Sagt mein Onkel und läuft los.

An der Hauptstraße ist ein kleiner Markt aufgebaut. Ein quietschgelber, eckiger Bus fährt hier vermutlich seit Uhrzeiten vorbei. Gerne würde ich auf dem Markt mit seinen Kleidern und Stoffen stöbern gehen, aber wir habe noch was vor. So ist es eben mit Einzelschicksalen innerhalb der Gruppe, man überlegt sich zweimal, ob es wirklich, wirklich wichtig ist und sich ein Aufriss lohnt. In dem Falle – oh nö, muss nicht.

Taxis sind hier vorhanden. Der erste Taxifahrer, den mein Onkel auf russisch anspricht, fährt wortlos weiter. Beim zweiten Taxi erklärt mein Onkel vorsorglich, dass wir keine Russen seien. Nach einem kurzen Hin und Her fährt das Taxi ebenfalls weiter, ohne uns mitzunehmen. Wir sind irritiert. Tomek, wo bist du?

Das dritte nimmt uns endlich mit. Für einen unverschämt höheren Preis. Wie kann es sein, dass der Nachttarif gestern günstiger… ach egal. Des Onkels Zuversicht ist unerschütterlich, und im Endeffekt handelt es sich um Peanuts. „Wie lange sollen wir noch warten?“ Wir quetschen uns auf die Sitze.

Der Taxifahrer stürzt sich in den Verkehr. Die knappen Spurwechsel verursachen mir längst keine Schweißausbrüche mehr, schließlich habe ich schon zu viel gesehen, um noch Stoßgebete zum Himmel zu schicken. So ist es auf Reisen: in Ausland gewöhnst du dich an alles. In Ausland entwickelt der Mensch oft eine höhere Toleranz gegenüber alles und jedem, die jedoch schnell wieder in der Heimat verpufft (warum eigentlich?).

An der Lech Kaczynski Straße vorbei sind wir schon bald im Zentrum. Nahe des Flusses Mtkwari steigen wir aus, bedanken uns, bezahlen und versuchen, nicht unter die Räder auf der belebten Straßenecke zu kommen. Schnell auf den Bordstein hüpfen, im Schatten der großen, alten Bäume positionieren – der Ausflug kann losgehen.

Dass Tomek nicht dabei ist, hat aber auch Vorteile. Unser Tempo wird gemütlicher. Der zackige Militärmarsch ist einem entspannten Schlendern gewichen. Mein Onkel bleibt hier mal stehen, bleibt da mal stehen; wie fast alle älteren Leute braucht er erstmal ein wenig, bis er sein Handy richtig positioniert hat und das Foto ausgelöst werden kann. Hier ist eine interessante Stelle, da ist ein Café, dort sind Magnete. Mir gefällt dieses gemütliche Tempo, so kann ich mich auf die Details der Umgebung konzentrieren, die in der Nacht unsichtbar, jetzt zum Vorschein kommen.

Die Altstadt ist in Sonne getaucht, georgische und EU-Fahnen flattern im Wind, wie zum Zeichen, wohin der Kurs gehen soll.

 

Auf in die Altstadt

Wir nutzen die Gelegenheit, uns die Freiheitsbrücke mit ihrer filigranen Architektur nochmals am Tage anzusehen. Zudem sie uns unvermeidlich in die Altstadt führt. Und diese Seite der Stadt Tiflis hatten wir noch nicht gesehen, also tauchen wir ein. So früh am Morgen sind nur wenige Touristen unterwegs, die Stände mit Nippes und Granatäpfeln werden gerade erst aufgebaut. Die Cafés und Lokale sind noch leer und jemand fegt die Straße. Eine perfekte Zeit. Indessen konzentriere ich mich auf all die unentdeckten Ecken, die Streetart, von der es hier recht viel zu entdecken gibt; keine großen Murals, die sich über ganze Wände erstrecken, eher kleine, improvisierte Stücke mehr abseits im Verborgenen, doch nicht minder interessant. An einer Wand hängen zerfleddert Reste von Plakaten der letzten Wahl. Kunstdrucke bekannter, zeitgenössischer Artisten werden feilgeboten.

Hier gesondert zu erwähnen wäre Nico Pirosmani, geboren als Nikolos Pirosmanaschwili, ein Bauernsohn aus dem kaukasischen Kachetien. Er war zeitlebens arm und malte, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie so oft in solchen Fällen, erlangte auch dieser Künstler Ruhm nach seinem Tod. Hier in der Tifliser Altstadt kommt man an seinen Werken nicht vorbei. Doch auch andere Kunst, bunte, naive Malerei, ist zuhauf vorhanden.

Hunde dösen im Schatten unter Tischen und Bänken, spielen „toter Hund“. Die verspielte Architektur zeigt abwechselnd in Pastell bemalte, holzgeschnitzte Balkone und Balustraden, die hier untrennbar zu sein scheinen und die mich stark an die architektonischen Besonderheiten in Kathmandu erinnern, das ebenfalls mit Holz und feinen Arbeiten aufwarten kann.

 

Die Tiflis-Uhr

Ein schiefer Turm zieht sogleich unsere Blicke auf sich und meine Meute überlegt kurz, ob dieser infolge der Witterung eingesungen oder extra so gebaut wurde. Der Turm, der eine große Uhr beinhaltet, wirkt, als hätte sie ein Zauberer einem Märchen entnommen und inmitten der Altstadt abgesetzt. Sie passt nicht hierher – und doch passt sie perfekt.

Infos darüber finde ich wahlweise unter „Die Tiflis-Uhr“ oder „the tower of Tibilisi“. Wie ich vermutet hatte, handelt es sich um keine alte Struktur, zu verspielt ist der Stil, der sich an keine bekannte Stilrichtung anzulehnen scheint. Er soll an das Puppentheater des bekannten Puppenspielers Rezo Gabriadze erinnern und wurde erst 2011 fertiggestellt. Nur ein Stahlträger hält sie an Ort und Stelle und zu jeder Stunde öffnet sich der kleine Balkon der Uhr und ein kleines Engelchen schlägt die Glocke.

Weiter geht es durch schattige Gassen, wo die Sonne Lichtspiele auf das Pflaster wirft. Bäume spenden Schatten, und links und rechts der Straße hängen und liegen weinrot gemusterte Teppiche zum Verkauf bereit. Die Georgier haben’s mit ihren Teppichen. Es sind schöne, idyllische Wege zum Flanieren, ungeachtet der vielen Souvenirs, die links und rechts drapiert auf ihre Käufer warten. Meine Truppe deckt sich mit einem zusätzlichen Vorrat an Magneten ein und posiert abwechselnd neben der Bronzestatue eines kleinen Jungen (ist es so ein typisch polnisches Ding, neben allem, das nach Statue aussieht, posieren zu wollen?) und ich nutze die Zeit, um in einer schmalen Seitengasse voller Streetart zu entschwinden. So lange, bis sie mich holen kommen. Wenn ich mir das viele Posieren und Souvenireinkäufe gefallen lasse, dann bitte auch meine kleinen Ausflüge ins Unbekannte. Das nennt man Diplomatie.

 

Die Sioni-Kathedrale

Sakralbauten sind ein unabdingbarer Teil der georgischen Architektur und gehören zu jeder Besichtigung mit dazu. Außer man ist wie Tomek, der den Besuch von Kirchen in den meisten Fällen schlicht verweigert. Überhaupt bin ich geneigt dazu, bei meinen Landsleuten eine Art Polarität zu bemerken, wenn es um religiöse Fragen geht. Entweder man ist komplett dafür – oder komplett dagegen. Eine neutrale Herangehensweise begegnet mir nur selten. Es mag daran liegen, dass der Bezug zur Kirche ein tiefer ist. Er ist persönlicher Natur. So sind wir erzogen, daher vielleicht die Grenzwertigkeiten.

Die zwischen dem 6 und 7 Jahrhundert errichtete Sioni-Kathedrale in der Altstadt gilt in Georgien als eines der heiligsten religiösen Orte des orthodoxen Glaubens. Doch wer genauer hinschaut, wird stutzen, denn der Bau wirkt relativ neu. Und dieser Eindruck täuscht nicht. Während ihres Daseins wurde die Kathedrale so oft zerstört und wieder aufgebaut, dass nichts mehr vom ursprünglichen Bau erkennbar ist. Ihr jetziges Aussehen hat sie im Zeitraum vom 17 bis 19 Jahrhundert erhalten.

Wir holen hastig unsere Kopftücher heraus und binden sie um. Das heißt, die weiblichen Mitglieder unter uns. Die Männer mit ihren kurzen Hosen können nicht mehr viel an ihrem unbedachten Aussehen ändern und betreten auf gut Glück das Gotteshaus. Später erfahre ich, dass der Sohn der Familie aufgrund unpassender Bekleidung wieder hinauskomplementiert wird; an meinen Onkel als Respektsperson traut sich wohl keiner ran. Tja, das Vorrecht des Älteren…

Das Innere der Kathedrale ist mit Wand- und Deckenmalereien gestaltet. Die dominierenden Farben sind Gold und Blau. Das Licht fällt staubig durch die bogenförmigen, hohen Fenster in den rauchgeschwängerten Raum. Der Duft nach Weihrauch ist allgegenwärtig, denn das hier ist ein Gebetsort und kein Museum. Das merke ich alleine daran, wie die Menschen die heiligen Bildnisse berühren, ihre Hand dann kurz an ihre Stirn halten. Wie sie beten. Es kommen bei weitem nicht nur Touristen hierher. Im Grunde fühlt sich ein Tourist vielmehr als Eindringling.

Die anderen sind längst wieder draußen, doch ich bleibe noch ein wenig. Hier tut sich etwas und ich will die Stimmung auffangen. Es wird eine Messe abgehalten. Ein Priester im schwarzen Gewand schwenkt ein Weihrauchgefäß, Frauen treten eine nach der anderen herein, Schalen von Obst und Lebensmitteln in den Händen. Es sieht aus, als würde der Priester die Lebensmittel segnen. Ich bleibe solange ich kann und sehe zu, bis ich beginne, mich als unbeteiligter Zuschauer unbehaglich zu fühlen. Ich werde klar als Spanner identifiziert und räume irgendwann das Feld. Draußen wartet die Sonne und ein Stück Normalität, die man immerzu beim Betreten einer Kirche vor den Türen und hinter sich lässt. Und draußen warten die anderen auf mich, bereits mit den Hufen scharrend.

Quellen: atlasobscura.com

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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9 Kommentare

  1. Tja, wenn der Anführer fehlt, hat das seine guten und seine schlechten Seiten! Tiflis macht auch bei Tage einen total schönen Eindruck. Die Brückenarchitektur ist klasse, der Uhrenturm auch. Und der Street Art hätte ich mich an deiner Stelle auch intensiv gewidmet. Was macht deine Meute eigentlich mit den ganzen Magneten 😃?

    Was mir beim Lesen auch gerade wieder einfiel: Tiflis hat seit 1975 eine Städtepartnerschaft mit meiner Heimatstadt Saarbrücken.

    1. Uii, da wird die liebe Elke doch nicht etwa nach Tiflis fliegen wollen? Würde ich unbedingt machen, bevor es putinisiert wird… Die Magnete hängen wahlweise bei meinem Onkel und bei den Kindern an den Kühlschränken („Kinder“ leben alleine…). Es wurde allerdings nach der Rückkehr konstatiert, dass viel zu viele davon gekauft wurden…

      1. @Tiflis: ja, wenn, dann bald! @Magnete: welche Überraschung 😂.

    2. Magnete: ich habe nur zwei erworben, und die sind ganz witzig. Auf einem reitet ein Georgier auf einem Esel, einen Krug Wein auf den Lippen, auf dem anderen schläft er den Schlaf der Seligen, während die Mittagssonne hoch oben steht und der Hahn über seiner Schulter kräht. So schön selbstironisch 🙂

  2. Interessante Taxi-Story!

    1. Ja, nicht wahr? Ich weiß bis heute nicht, was die mit uns hatten…

      1. Gute Frage!

  3. Vielen Dank um uns mit zu nehmen auf Ihre Spaziergang. Den schiefer Turm is ganz toll und auch die Die Sioni-Kathedrale ist wunderschön.
    Viele Grüssen und geniessen Sie Ihren Urlaub.

    1. Die Kathedrale ist wirklich beeindruckend. Vielen Dank für die Urlaubswünsche, die Georgien-Beiträge sind von September 2021. Ich habe es nachträglich ergänzt.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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